Das SRF Wässerchen, das uns zurechtweist
Dieser SRF-Beitrag ist ein Interview mit der ETH-Hydrologin Manuela Brunner über ein tatsächlich wenig beachtetes Phänomen: Flusshitzewellen, also ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen über mehrere Tage. Das Thema ist real und relevant, die Fachfrau qualifiziert, und einige der Antworten differenzieren erfreulich. Doch das Gespräch trägt die typische Signatur des unkritischen Expertengesprächs: Die Befragte verkündet, der Sender protokolliert, und an keiner Stelle wird eine Aussage hinterfragt. Sehen wir genau hin.
Zum SRF-Beitrag «Hydrologin: ‹Flusshitzewellen werden häufiger und schwerer›», 05.06.2026
Was der Beitrag gut macht
Zunächst der Verdienst. Das Thema ist berechtigt und tatsächlich unterbelichtet: Dass die Erwärmung nicht nur die Luft, sondern auch die Gewässer betrifft und dort Ökosysteme wie Infrastruktur beeinflusst, ist ein realer Sachverhalt, den zu beleuchten sinnvoll ist. Die Befragte ist fachlich ausgewiesen, und das Format gibt ihr Raum, ein komplexes Phänomen verständlich zu erklären.
Und erfreulicherweise differenziert die Expertin an mehreren Stellen selbst — was der Beitrag immerhin stehen lässt. Die wichtigste dieser Differenzierungen: «nur rund jede zweite Hitzewelle in der Luft» führe auch zu einer Flusshitzewelle, entscheidend seien weitere Faktoren wie tiefer Wasserstand oder fehlendes Schmelzwasser. Das ist eine ehrliche Relativierung des simplen «heiss = heisser Fluss»-Bildes. Auch die nüchterne Definition (Schwellenwert über fünf bis sieben Tage) und die konkreten biologischen Schwellen (für die Bachforelle ab 20 Grad Stress, ab 25 Grad tödlich) sind brauchbare, präzise Information. So weit ist das ein solides Erklärstück.
Das Gespräch ohne Widerstand
Die strukturelle Schwäche ist die vollständige Abwesenheit kritischer Nachfragen. Die Interviewerin liefert ausschliesslich Stichworte, auf welche die Expertin ungebremst antworten kann. Es gibt keine einzige Frage, die eine Aussage prüft, einordnet oder eine Gegenposition einbringt. Das Format ist reine Verkündigung: Fachfrau sagt, Sender notiert.
Das wird besonders bei den apodiktischen Sätzen zum Problem, die der Beitrag sogar als Zwischentitel heraushebt. «Flusshitzewellen werden definitiv häufiger und schwerer.» Das «definitiv» ist die Sprache der Gewissheit, nicht der Wissenschaft — und es steht in einem bemerkenswerten Spannungsverhältnis zur Tatsache, dass der Beitrag selbst von «ersten Resultaten einer Studie» und einem laufenden «Nationalfonds-Projekt» spricht. Wenn die Studie erst erste Resultate liefert, woher kommt dann das «definitiv»? Eine kritische Nachfrage hätte hier angesetzt: Wie robust ist die Datenbasis? Über welchen Zeitraum? Mit welcher Unsicherheit? Stattdessen wird die stärkste Behauptung typografisch noch verstärkt.
Die Zahl, die niemand hinterfragt
Konkret wird das an der zentralen Zahl. «In den letzten 40 Jahren hat die mittlere Wassertemperatur in Schweizer Gewässern bereits um zwei Grad zugenommen … rund 0,5 Grad pro Jahrzehnt.» Das wird als feststehende Tatsache präsentiert und nicht weiter beleuchtet. Dabei wären die naheliegenden Fragen: Welche Gewässer — alle, eine Auswahl, die grossen Mittellandflüsse? Wie misst man eine «mittlere Wassertemperatur» über ein ganzes Land? Und vor allem: Wie viel dieser Erwärmung geht auf das Klima zurück und wie viel auf andere, hausgemachte Faktoren?
Denn hier liegt eine echte Auslassung. Die Aare bei Beznau ist nicht irgendein Fluss — sie kühlt mehrere Kraftwerke. Die Erwärmung von Flüssen hat neben dem Klima eine zweite, gut dokumentierte Ursache: die thermische Verschmutzung durch eingeleitetes Kühlwasser aus Kraftwerken, Industrie und Kläranlagen. Der Beitrag erwähnt das AKW Beznau ausschliesslich als Opfer der Erwärmung (es musste drosseln) — nie als möglichen Mitverursacher der Flusserwärmung. Auch der Verlust naturnaher, beschatteter Uferzonen durch Verbauung und Begradigung über Jahrzehnte ist ein menschengemachter Faktor, der nichts mit dem CO₂-Klima zu tun hat. Bezeichnenderweise nennt die Expertin am Schluss die Beschattung als «effektivste Massnahme» — also genau das Gegenmittel zu einem Problem, das wesentlich durch lokale Uferzerstörung mitverursacht wurde. Der Beitrag rahmt das Ganze aber durchweg als Klimafolge, ohne diese mehrschichtige Ursächlichkeit zu trennen. Wie viel ist Klima, wie viel ist lokale Gewässerverbauung und Wärmeeinleitung? Diese Unterscheidung wäre journalistisch zentral — und sie fehlt.
Der Regen als «Tropfen auf den heissen Stein»
Aufschlussreich ist auch der kurze Wortwechsel über den Regen. Auf die naheliegende Frage, ob der Regen die Lage nicht entspanne, kommt die fast reflexhafte Abwehr: «Nicht wirklich. Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein.» Das ist die typische Bewegung des Alarm-Narrativs: Jede entlastende Entwicklung wird sofort kleingeredet, damit die Dringlichkeit erhalten bleibt. Sachlich mag die Aussage zutreffen — eine Woche Regen behebt eine längere Trockenheit nicht. Aber die rhetorische Sofort-Entwertung jeder guten Nachricht ist ein Muster, das ein kritischer Interviewer wenigstens hätte spiegeln können: Unter welchen Bedingungen würde sich die Lage denn entspannen? Wie viel Regen bräuchte es? Stattdessen bleibt die Botschaft monoton: Es ist schlimm und wird schlimmer, egal was passiert.
Der Fremdkörper, zum Xten Mal
Und wieder, wie in den vorangegangenen Beiträgen, sitzt mitten im Interview — zwischen der AKW-Beznau-Antwort und der Frage nach den Gegenmassnahmen — der themenfremde Werbeblock: «Wählen Sie SRF als Ihre bevorzugte Quelle bei Google.» Dass dieser Block mittlerweile in praktisch jedem Beitrag dieser Serie auftaucht, bestätigt: Er wird automatisiert eingestreut, ohne Rücksicht darauf, dass er hier den Lesefluss eines Fachgesprächs mitten im Satzzusammenhang zerschneidet.
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