Das Schweigen zwischen den Zahlen
Zum SRF-Beitrag «Comparis-Prognose: Anstieg der Krankenkassenprämien flacht ab», 12. Mai 2026
Was berichtet wird
Comparis hat die Prämienentwicklung für 2027 prognostiziert. Der Anstieg soll bei 3.7 Prozent liegen. Das wäre weniger als 2026 (4.4 Prozent), und deutlich weniger als 2023 (6.6 Prozent), 2024 (8.7 Prozent) und 2025 (6 Prozent). Comparis-Experte Felix Schneuwly spricht von einer Bewegung «in Richtung Kostenwahrheit». Die Spitäler hätten ihre Defizite reduziert, die Verlagerung von stationär zu ambulant wirke kostendämpfend, die Pflegeinitiative werde kostentreibend wirken. Spitex-Kosten stiegen um 13 Prozent, psychotherapeutische Leistungen durch Psychologen um 9.8 Prozent. Das Wachstum der Gesamtgesundheitskosten liegt bei 3.5 bis 3.7 Prozent pro Jahr.
Die Sprache der Beruhigung
Die Überschrift sagt: «Anstieg der Krankenkassenprämien flacht ab.» Das ist eine bemerkenswerte sprachliche Operation. Die Prämien steigen weiter. Sie steigen nur weniger stark als in den Vorjahren. Diese Tatsache wird als positive Entwicklung präsentiert.
Rechnet man die Werte zusammen, ergibt sich ein anderes Bild. Von 2023 bis 2027 sind die Prämien kumuliert um über 30 Prozent gestiegen. Eine Person, die 2022 monatlich 400 Franken bezahlte, zahlt 2027 rund 525 Franken — bei gleichem Versicherungsmodell, gleicher Franchise, gleicher Region. Das sind 1'500 Franken Mehrbelastung pro Jahr. Bei einer vierköpfigen Familie multipliziert sich das schnell zu Beträgen, die ein Monatseinkommen ausmachen.
Diese kumulative Rechnung kommt im Beitrag nicht vor. Stattdessen heisst es «Bewegung in Richtung Kostenwahrheit» — eine Formulierung, die suggeriert, das, was kommt, sei richtig, fair, notwendig. Die «Wahrheit» der Kosten wird zur Tugend stilisiert. Wer mehr zahlt, kommt der Wahrheit näher. Es ist eine Sprache, die ihre eigene Funktion verschleiert: Sie macht aus einer Verteuerung eine moralische Verbesserung.
Wer spricht?
Der Experte ist Felix Schneuwly. Er arbeitet für Comparis. Comparis ist ein Vergleichsdienst, der Krankenkassenwechsel vermittelt — und an diesen Wechseln verdient. Comparis erhält Provisionen, wenn Versicherte über die Plattform die Kasse wechseln. Hohe Prämienunterschiede zwischen Kassen sind das Geschäftsmodell. Eine «Bewegung in Richtung Kostenwahrheit» ist aus Sicht eines Vergleichsdienstes nicht zwingend negativ — sie hält das Wechselgeschäft am Laufen.
Diese Interessenlage wird im Beitrag nicht offengelegt. Schneuwly tritt als neutraler Experte auf. Er ist es nicht. Er ist Sprecher eines Unternehmens, dessen Geschäft direkt mit der Prämienentwicklung verbunden ist. In einer seriösen Berichterstattung würde diese Verbindung kenntlich gemacht. SRF macht sie nicht kenntlich.
Das ist nicht ungewöhnlich. Schweizer Medien zitieren Comparis-Experten seit Jahren in Krankenkassenfragen, als wären sie unabhängige Analysten. Tatsächlich sind sie Verkäufer einer Dienstleistung, die genau dann besonders gefragt ist, wenn die Prämien steigen. Comparis lebt nicht vom stabilen Prämienniveau. Comparis lebt von der Verunsicherung der Versicherten.
Die unsichtbare Verbindung
Hier wird die Querverbindung zum vorhergehenden SRF-Beitrag interessant. Der EFK-Bericht zu den Gesundheitskosten in den Bundesasylzentren erschien am selben Tag wie diese Comparis-Prognose. Beide Beiträge wurden auf SRF nebeneinander publiziert. Beide handeln vom selben Gegenstand: Gesundheitskosten in der Schweiz.
Im ersten Beitrag erfährt der Leser, dass der Bund mehrere Hunderttausend Franken bei der Krankenversicherung von Asylsuchenden hätte sparen können. Die Pro-Kopf-Gesundheitskosten dieser Gruppe liegen im Bereich der durchschnittlichen Schweizer Versicherten — finanziert vollständig durch die öffentliche Hand.
Im zweiten Beitrag erfährt der Leser, dass seine eigene Prämie 2027 um weitere 3.7 Prozent steigt. Nach kumuliert über 30 Prozent in fünf Jahren.
Die Verbindung zwischen diesen beiden Berichten wird in keinem von beiden gezogen. Sie liegt aber auf der Hand. Das schweizerische Gesundheitssystem wird über zwei Kanäle finanziert: über Prämien (die jeder Versicherte zahlt) und über Steuern (für jene, die keine Prämien zahlen können oder müssen). Die Belastung der Prämienzahler steigt seit Jahren. Die Belastung der Steuerzahler steigt parallel. Beide Belastungen treffen denselben Mittelstand. Der Familienvater, der eine 30-prozentige Prämienerhöhung über fünf Jahre verkraften muss, finanziert über seine Steuern zusätzlich die Vollversicherung von Personen, die keine Beiträge leisten.
Diese Doppelbelastung wird in der Schweizer Berichterstattung nicht systematisch dargestellt. Sie wird über zwei getrennte Erzählstränge berichtet: Prämienerhöhung in einem Beitrag, Asylkosten in einem anderen. Wer beide Beiträge liest, kann die Verbindung selber herstellen. Die meisten Leser lesen nur einen.
Die Sprache des Schicksals
Bemerkenswert ist die Wortwahl: «Bewegung in Richtung Kostenwahrheit». Das ist nicht die Sprache der Analyse, sondern die Sprache der Naturgewalt. Die Kosten haben eine «Wahrheit», die sie unausweichlich erreichen müssen. Politische Entscheidungen, regulatorische Eingriffe, Strukturreformen — sie kommen in dieser Sprache nicht vor. Das System bewegt sich. Niemand bewegt es.
Diese Sprache hat eine politische Funktion. Sie entpolitisiert die Kosten. Wenn Prämien steigen, ist das eine Bewegung «in Richtung Wahrheit» — nicht das Ergebnis von Entscheidungen, die anders hätten ausfallen können. Die Spitäler «reduzieren ihre Defizite», die «Verlagerung von stationär zu ambulant» wirkt, die Pflegeinitiative «wirkt kostentreibend». Es geschieht alles. Niemand handelt.
Dabei wären die handelnden Akteure benennbar: das Parlament, das die Pflegeinitiative umsetzt (oder nicht umsetzt); die Kantone, die Spitalplanung betreiben; die Krankenkassen, die ihre Reservepolitik gestalten; die Pharmaindustrie, die Preise setzt; die Tarifpartner, die Tarife verhandeln. Jeder dieser Akteure trifft Entscheidungen, die in die Prämie einfliessen. SRF nennt keinen.
Die Spitex und die Psychotherapie
Zwei Kostenpunkte werden genannt: Spitex-Organisationen plus 13 Prozent, psychotherapeutische Leistungen plus 9.8 Prozent. Diese Zahlen werden ohne Erklärung präsentiert. Warum steigen die Spitex-Kosten? Warum die Psychotherapie?
Beide Antworten wären interessant. Die Spitex-Kosten steigen, weil die Bevölkerung altert und mehr Pflege zu Hause benötigt — eine direkte Folge der demografischen Entwicklung. Die Psychotherapiekosten steigen, weil seit 2022 Psychologinnen und Psychologen direkt über die Grundversicherung abrechnen dürfen, statt nur als delegierte Hilfskräfte von Psychiatern. Das war eine politische Entscheidung, die zu der genannten Kostensteigerung führte.
Diese Hintergründe werden nicht erklärt. Die Zahlen werden präsentiert, als wären sie Wetterbeobachtungen. Es regnet, die Kosten steigen, die Spitex wächst, die Psychotherapie auch. Was dahintersteht, kommt nicht vor.
Was nicht gefragt wird
Die Fragen, die ein engagierter Journalismus stellen würde, fehlen alle. Wie hoch sind die Reserven der Krankenkassen 2026? Welche Kassen verfügen über überschüssige Reserven, die zur Prämiensenkung verwendet werden könnten? Warum werden Reserven gehalten, statt zurückerstattet zu werden? Welche Auswirkungen hat das stetige Prämienwachstum auf die verfügbaren Einkommen der Mittelschicht? Wie viele Prozent der Bevölkerung erhalten heute Prämienverbilligungen — und wie hoch sind die kumulativen Kosten dieser Subvention? Welche Strukturreformen wären politisch möglich, werden aber nicht umgesetzt? Welche Rolle spielt die Pharmaindustrie? Welche Rolle die Kantone als Spitalbetreiber, die zugleich die Tarife mitverhandeln?
Keine dieser Fragen wird gestellt. SRF zitiert Comparis, Comparis zitiert seinen Experten, der Experte spricht von «Kostenwahrheit». Der Kreislauf ist geschlossen. Aus einer Strukturfrage wird eine Nachricht. Aus einer Nachricht wird eine Beruhigung.
Die Botschaft
Die Botschaft dieses Beitrags ist klar: Es wird teurer, aber es wird weniger teurer als vorher. Sei froh. Diese Botschaft funktioniert nur, wenn der Vergleichsmassstab die Vorjahre sind — nicht die kumulative Entwicklung, nicht die Belastung der Haushaltsbudgets, nicht die Frage, ob es überhaupt richtig ist, dass die Prämien Jahr für Jahr steigen.
Die Botschaft funktioniert auch nur, wenn der Vergleichsmassstab nicht andere Bereiche sind. Wenn ein Bauunternehmer seine Preise jährlich um 4 Prozent erhöhte und sagte, das sei «Bewegung in Richtung Kostenwahrheit», würde man fragen, warum die Kosten so stark steigen. Im Gesundheitswesen wird nicht gefragt. Es wird berichtet, prognostiziert, kommentiert — und akzeptiert.
Die Comparis-Prognose ist eine perfekte Gewohnheitsbildung. Jedes Jahr im Herbst kommt die Hiobsbotschaft. Jedes Frühjahr kommt die Vorab-Prognose für das nächste Jahr. Die Bevölkerung gewöhnt sich an die Erhöhung, bevor sie kommt. Die Empörung verteilt sich auf zwölf Monate. Bis zur Abrechnung im November ist die Zahl bereits zur Normalität geworden.
Der Befund
Der Beitrag ist kurz, oberflächlich und folgenlos. Er erfüllt die Funktion, eine Comparis-Pressemitteilung zu transportieren, ohne sie zu prüfen, ohne sie einzuordnen, ohne die Interessenlage des Absenders offenzulegen. Er stellt keine Fragen, sondern liefert Antworten — die Antworten, die der Absender geliefert hat.
In Kombination mit dem ersten SRF-Beitrag des Tages — dem EFK-Bericht zu den Asylgesundheitskosten — ergibt sich ein Bild, das die Berichterstattung der vergangenen Wochen vervollständigt. SRF hat in den letzten Tagen berichtet über: einen Bären in Altadena (irrelevant), ein Videospiel über Trump (Surrogat statt Substanz), die Asylgesundheitskosten (Buchhaltungsfehler statt Strukturfrage) und nun die Prämienerhöhung 2027 («Kostenwahrheit» statt Belastungsanalyse). Was diese Berichterstattung verbindet, ist die Vermeidung der Verbindungen. Jeder Beitrag bleibt für sich. Die strukturellen Linien werden nicht gezogen.
Der Schweizer Mittelstand zahlt mehr Prämien. Der Schweizer Steuerzahler zahlt mehr Asyl- und Gesundheitskosten der öffentlichen Hand. Die Krankenkassen verdienen mehr. Die Spitäler «reduzieren ihre Defizite». Die Vergleichsdienste vermitteln mehr Wechsel. Comparis spricht von «Kostenwahrheit». SRF zitiert. Der Kreis schliesst sich.
Wer dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Gebühren bezahlt, finanziert eine Institution, die ihm helfen sollte, sein eigenes Land zu verstehen. Was er bekommt, ist eine Berichterstattung, die ihm beibringt, die Erhöhungen seiner Prämien als «Bewegung in Richtung Kostenwahrheit» zu akzeptieren. Das ist nicht Information. Das ist Resignationspädagogik.
Die Prämien werden 2027 weiter steigen. Sie werden 2028 weiter steigen. Sie werden 2029 weiter steigen. SRF wird über jede Erhöhung berichten. Die Fragen, warum sie steigen, wer profitiert, wer entscheidet, wer eigentlich verantwortlich ist — diese Fragen werden in keinem dieser Beiträge gestellt werden. Das ist nicht versehen. Das ist Programm.
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