Das Porträt als Werbung
Zum 10vor10-Beitrag «Unternehmerin Yaël Meier zwischen Vorbild und Reizfigur», 7. Mai 2026
SRF rahmt den Beitrag als kritische Auseinandersetzung. Die Schlagzeile spricht von «Vorbild und Reizfigur», die Untertitel-Frage lautet: «Warum?» Das Format suggeriert: Hier wird eine polarisierende Person befragt, eingeordnet, kontextualisiert. Was tatsächlich gesendet wird, ist ein viereinhalb-minütiges Werbeporträt, in dem die Protagonistin selbst die Deutungshoheit über ihre Geschichte behält.
Die Struktur ist durchgehend einseitig. Meier sagt, ihre «pure Existenz polarisiere». Der Beitrag übernimmt diese Selbstdeutung. Meier sagt, das reiche Elternhaus lasse sie nicht gelten, sie sei nur insofern privilegiert, als sie in der Schweiz geboren sei. Der Beitrag übernimmt diese Selbstdeutung. Meier sagt, sie wolle Rollenbilder aufbrechen. Der Beitrag übernimmt diese Selbstdeutung. An keiner Stelle taucht eine externe Stimme auf, die Meiers Selbstbeschreibung überprüfen, einordnen oder relativieren könnte. Keine Wirtschaftsjournalistin, keine Sozialwissenschaftlerin, keine kritische Stimme aus der Branche. Die «Kritik» im Titel «Kapital, Kinder und Kritik» bleibt ein rhetorisches Element ohne Substanz.
Was nicht erwähnt wird: Yaël Meiers Vater ist Unternehmer mit erheblichem Vermögen und Reichweite. Die familiäre Ausgangslage einer Tochter, die mit 14 eine Filmhauptrolle «ergattert» und mit 17 beim Blick als Journalistin anfängt, ist nicht zufällig. Solche Türen öffnen sich nicht durch nettes Klingeln. Der Beitrag erwähnt die Vorwürfe vom «reichen Elternhaus», zitiert Meiers Dementi, und schliesst die Akte. Eine journalistische Recherche zu den faktischen Ausgangsbedingungen findet nicht statt.
Die Sprache des Beitrags ist die Sprache der Bewunderung. «Fährt auf der Überholspur.» «Stillt nebenbei ihren dritten Sohn.» «Die Ruhe in Person.» «Glückskind und Macherin.» Das sind Formulierungen aus einem Gefälligkeitsporträt, nicht aus einem journalistischen Format mit kritischem Anspruch. Wenn die Journalistin schreibt, Meier scheine «alles problemlos unter einen Hut zu kriegen», dann reproduziert sie genau jene Selbstinszenierung, die im Beitragstitel als «Reizfigur»-Aspekt angekündigt wurde. Aus der angekündigten Spannung wird eine Auflösung in Richtung Heldinnen-Erzählung.
Die kommerzielle Dimension bleibt unbeleuchtet. ZEAM ist eine Beratungsagentur, die ihren Wert wesentlich aus Meiers Reichweite schöpft. Die 180'000 LinkedIn-Follower sind kein Beiwerk, sondern Produkt und Asset zugleich. Wer Meier ein wohlwollendes Porträt widmet, erhöht den Wert dieses Assets — und damit den Marktwert der Agentur, deren Kunden BAG, Automarken und Detailhändler sind. Diese Verschränkung von medialer Präsenz und kommerziellem Modell ist der eigentliche Geschäftskern. Sie wird im Beitrag nicht thematisiert.
Was das Format als «Polarisierung» darstellt, ist tatsächlich eine erfolgreiche Marketing-Operation. Wer wiederholt sagt, seine pure Existenz polarisiere, polarisiert nicht — er positioniert. Der Beitrag bemerkt diese Operation nicht; er führt sie aus. Am Ende bleibt eine Sendung, die ihre Protagonistin als «Vorbild» rahmt, die kritische Frage als rhetorische Kulisse mitführt und das Ergebnis liefert, das Meiers Kommunikationsabteilung selbst nicht besser hätte produzieren können. SRF berichtet nicht über eine Unternehmerin. SRF wird, für viereinhalb Minuten, Teil ihrer Reichweite.
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