Das Monopol auf die Fälschung
SRF wehrt sich gegen Deepfake-Videos, die die Marke des Senders missbrauchen. Zu Recht. Aber die Empörung über KI-generierte Fälschungen verschleiert das eigentliche Problem: SRF selbst produziert systematisch einseitige Berichterstattung, die die Wirklichkeit verzerrt — nur mit höherem Budget und staatlicher Autorität. Gegen Deepfakes gibt es Strafanzeigen. Gegen SRF-Bias gibt es den Ombudsmann. Der eine ist Fälschung ohne Mandat. Der andere ist Fälschung mit Mandat.
Zum 20min Artikel «Ausschreitungen»: Deepfake-Videos mischen Abstimmungskampf auf», 26. Mai 2026
Zwei Arten von Fake
Ein Deepfake-Video zeigt eine KI-generierte SRF-Moderatorin, die über Ausschreitungen berichtet, die nie stattfanden. SRF reagiert: «Fake-Content ärgert uns und wird nicht toleriert.» Strafanzeige gegen Unbekannt. Löschbegehren an TikTok. Kontakt zu Social-Media-Plattformen.
Jetzt das Gegenstück: SRF berichtet einseitig über eine Abstimmungsvorlage. Zitiert nur Befürworter. Verschweigt Gegenargumente. Rahmt das Thema so, dass eine Seite die vernünftige ist und die andere die extreme. Kein Deepfake. Keine KI. Aber das Ergebnis ist dasselbe: Die Zuschauer bekommen eine verzerrte Wirklichkeit.
Der Unterschied: Der Deepfake ist illegal. Die einseitige Berichterstattung ist legitim — sie kommt von einem öffentlich-rechtlichen Sender mit staatlichem Auftrag und Zwangsfinanzierung.
Die Asymmetrie der Rechenschaft
Gegen Deepfake-Erstatter kann SRF Strafanzeige einreichen. Gegen SRF kann man eine Beschwerde einreichen — bei der UBI, der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen. Die UBI prüft. Die UBI rügt manchmal. Die UBI verlangt manchmal eine Richtigstellung.
Und dann? Dann ändert sich nichts. Die Struktur bleibt. Die Perspektive bleibt. Die Auswahl der Quellen bleibt. Die Rahmung bleibt.
SRF sagt über Deepfakes: «Wir nutzen alle Möglichkeiten, um solche Inhalte so schnell wie möglich entfernen zu lassen.» Bei Beschwerden über die eigene Berichterstattung heisst es: Wir haben den Auftrag, vielfältig zu berichten. Wir haben verschiedene Formate. Wir haben den Ombudsmann.
Das eine ist ein Abwehrkampf. Das andere ist ein Abwehrmechanismus.
Die Gefahr für die Demokratie
Die SP nennt Deepfakes eine «grosse Gefahr für die Demokratie». Das ist nicht falsch. Gefälschte Videos, die als echte Berichte daherkommen, untergraben das Vertrauen in Informationen.
Aber was ist mit der Gefahr für die Demokratie, wenn ein zwangsfinanzierter Sender systematisch eine Perspektive bevorzugt? Wenn 335 Franken pro Haushalt für Berichterstattung bezahlt werden, die nicht neutral ist? Wenn die Bürger keine Alternative haben — ausser zu bezahlen?
Die SP fordert ein Verbot von Deepfake-Videos. Aber sie fordert keine Reform der SRG. Sie kritisiert die Fälschung von unten. Aber sie kritisiert nicht die Verzerrung von oben.
Der Experte, der das Falsche erklärt
Daniel Vogler von der Universität Zürich sagt: Schweizer könnten Deepfakes kaum zuverlässig von echten Videos unterscheiden. Das ist plausibel.
Aber die wichtigere Frage lautet: Können Schweizer einseitige Berichterstattung von neutraler unterscheiden? Können sie erkennen, wenn SRF Quellen selektiert, Rahmungen wählt, Perspektiven bevorzugt?
Die Antwort lautet: Schwerer als bei Deepfakes. Denn bei Deepfakes gibt es Anomalien — pixelige Gesichter, seltsame Beleuchtung, ungewöhnliche Formulierungen. Bei einseitiger Berichterstattung gibt es keine Anomalien. Alles sieht professionell aus. Alles klingt plausibel. Alles trägt das Logo eines Senders, der für Neutralität steht.
Die professionelle Verzerrung ist gefährlicher als die amateurhafte Fälschung. Weil sie schwerer zu erkennen ist. Weil sie institutionell geschützt ist. Weil sie mit 1,5 Milliarden Franken pro Jahr finanziert wird.
Die SVP-Antwort
Die SVP geht auf die Frage nach Deepfakes nicht ein. Sie lenkt ab: «Offensichtlich wollen die Gegner lieber über irgendwelche Tiktok-Videos diskutieren als über die realen Probleme.»
Das ist eine Ausweichmanöver. Aber es enthält einen Kern: Die Debatte über Deepfakes lenkt von der Debatte über die reale Berichterstattung ab. Über die Art, wie über Zuwanderung berichtet wird. Über die Quellen, die zitiert werden. Über die Perspektiven, die fehlen.
Die SVP nutzt die Ablenkung, um selbst nicht Stellung beziehen zu müssen. SRF nutzt die Empörung über Deepfakes, um nicht über die eigene Berichterstattung sprechen zu müssen.
SRF ist empört über Deepfakes. Zu Recht. Niemand soll die Marke des Senders missbrauchen, um Falschinformationen zu verbreiten. Aber die Empörung hat einen blinden Fleck: SRF selbst verbreitet keine Fälschungen im Sinne von erfundenen Fakten. SRF verbreitet etwas Wirksameres: eine selektive Wirklichkeit, die durch Quellenwahl, Rahmung und Perspektive entsteht. Gegen Deepfakes gibt es Strafanzeigen, Löschbegehren, Sensibilisierungskampagnen. Gegen einseitige Berichterstattung gibt es Beschwerden, die selten (nie) zu Änderungen führen. Das eine wird als «Gefahr für die Demokratie» bezeichnet. Das andere wird als Auftragserfüllung deklariert. Der Unterschied ist nicht die Qualität der Verzerrung. Der Unterschied ist die Quelle.
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