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Das Modell, das die Tugend ersetzte
Medienkritik
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Das Modell, das die Tugend ersetzte

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
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SRF erklärt in einer fünfteiligen Sommerserie das Perma-Modell für Resilienz und rahmt es als psychologische Erkenntnis. Fünf Säulen, fünf Folgen, eine Psychotherapeutin mit Tipps. Der Beitrag verschweigt, dass das Modell umstritten ist. Er verschweigt die Kritik an Seligmans positiver Psychologie. Er verschweigt die Evidenzfrage. Und er verschweigt die Bedeutungsverschiebung, die das Wort «Resilienz» selbst durchlaufen hat — von der Tugend der Standhaftigkeit zur Metapher aus der Materialforschung. Der erste Satz des Beitrags nennt diese Herkunft — und begreift nicht, was er verrät.

Zum SRF-Beitrag «Perma-Modell: Mit fünf Schritten zu mehr Resilienz», Radio SRF 1 Ratgeber, 23.08.2026


Was der Beitrag leistet: Er erklärt das Modell verständlich, mit konkreten Beispielen. Er warnt vor dem Missverständnis «einfach positiv denken». Und er wählt eine Praktikerin, die das Modell therapeutisch einsetzt. Als Ratgeber ist das gut gemacht.

Die Verräterische Herkunft

Der erste Satz des Beitrags lautet: «Der Begriff ‹Resilienz› kommt eigentlich aus der Materialforschung und bezeichnet die Widerstandsfähigkeit eines bestimmten Materials.» Der Satz stimmt — und sagt mehr, als der Beitrag begreift. Resilienz stammt vom lateinischen resilire: zurückspringen. In der Mechanik bezeichnete es die Fähigkeit eines Materials, Stress zu absorbieren, sich zu verformen und in die ursprüngliche Form zurückzukehren. Die Psychologie übernahm das Wort in den 1950er bis 1970er Jahren, um Kinder zu beschreiben, die aus chaotischen Umgebungen «zurückspringen». In den 1990ern explodierte der Begriff — in Pädagogik, Management, Therapie.

Was bei dieser Übernahme verschwand, war das Wort, das die menschliche Entsprechung zuvor bezeichnete: Fortitude. Die Kardinaltugend, die Aristoteles und Thomas von Aquin zu den vier Grundtugenden zählten. Fortitude bedeutet: die willentliche, moralische Standhaftigkeit, Angst, Schmerz oder Unrecht über lange Zeit zu ertragen — und ihm zu widerstehen. Nicht Zurückspringen. Widerstehen. Der Unterschied ist nicht etymologisch. Er ist philosophisch: Fortitude ist aktiv — sie hält Boden, sie verändert oder bekämpft eine ungerechte Situation, auch zu hohem Preis. Resilienz ist passiv — sie absorbiert, verformt sich, kehrt zurück. Fortitude fragt nach der Ursache. Resilienz fragt nach der Wiederherstellung. Der Beitrag nennt die Herkunft aus der Materialforschung — und behandelt sie als Kuriosität statt als Befund.

Das Reframing, das die Ursache unsichtbar macht

Das Perma-Modell lehrt Reframing. Die Therapeutin erzählt es selbst: Ihre Wohnung wurde gekündigt, sie war wütend — heute ist es «ein Traum in Erfüllung». Eine Familienwohnung mit Garten, in einem grossartigen sozialen Umfeld. Das Beispiel ist zufällig perfekt. Denn es zeigt genau die Grenze des Modells. Vielleicht war die Kündigung ein Glücksfall. Vielleicht war sie aber auch der Ausdruck eines Wohnungsmarkts, in dem Familien gekündigt werden, weil Vermieter höhere Mieten wollen. Das Reframing macht die zweite Lesart unsichtbar. Es lehrt den Betroffenen, das Ergebnis zu geniessen — statt die Ursache zu benennen.

Das ist die philosophische Kritik an der Resilienz, die der Beitrag nicht kennt: Resilienz verlagert die Last auf das Individuum. Sei zäher. Deute um. Kehre zurück zur Basislinie. Die Frage, ob die Basislinie gerecht war, ob die Ursache des Leids behoben werden sollte, ob das System geändert werden muss — kommt nicht vor. Fortitude hätte gefragt: Warum wurde gekündigt? Wer profitiert? Was ist unfair? Resilienz fragt: Wie deute ich es um, damit es erträglich wird? Der Beitrag verkauft die zweite Frage als Wohlbefinden. Die erste Frage wäre Politik gewesen.

Die Rückkehr, die Verwandlung ausschliesst

Resilienz verlangt — der Materialmetapher treu — die Rückkehr zur ursprünglichen Form. Das Material verformt sich und springt zurück. Der Mensch, der resilient ist, kehrt zurück: zur Produktivität, zur Gesundheit, zur Funktion. Was das Modell nicht vorsieht: dass ein Mensch durch eine Krise dauerhaft verändert wird — und dass diese Veränderung richtig sein kann. Fortitude akzeptiert: Manches verändert dich permanent. Manches soll dich verändern. Wer aus einer Ungerechtigkeit nicht zurückkehrt, sondern herausgeht — verändert, zorniger, klüger —, ist nach dem Resilienz-Massstab gescheitert. Nach dem Fortitude-Massstab ist er gewachsen. Der Beitrag endet mit dem Satz: «Man darf auch mal scheitern.» Er meint es tröstlich. Er beschreibt unbewusst das Dilemma: Das Modell kennt nur Erfolg oder Scheitern — keine Verwandlung.

Die Evidenz, die niemand nennt

Der Beitrag behauptet: «Resilienz durch diese fünf Perma-Säulen, das funktioniert laut der Psychologin.» Die Aussage stammt von der Anwenderin. Was fehlt, ist die Evidenz: Gibt es Studien, die belegen, dass Perma-Training Resilienz messbar erhöht? Wie gross sind die Effekte? Gegen welche Kontrolle? Die positive Psychologie hat eine gemischte Forschungslage — einige Studien zeigen Effekte, andere nicht, viele sind methodisch schwach. Ein Ratgeber, der «funktioniert» schreibt und keine Studie nennt, verkauft eine Hypothese als Befund.

Die Quelle, die ihre eigene Methode prüft

Die Quelle des Beitrags ist Sandra Figlioli-Hofstetter, Psychotherapeutin. Sie arbeitet mit dem Modell — es ist ihr Berufsinstrument. Wenn Perma funktioniert, hat sie ein valides Werkzeug. Wenn nicht, hat sie ein Problem. Der Beitrag zitiert sie als Expertin, ohne das Interesse zu markieren. Kein Wissenschaftler, der das Modell kritisch prüfte. Kein Psychologe aus einer anderen Schule. Kein Patient, dem es nicht half. Eine Quelle, eine Richtung, kein Widerspruch. Der letzte Satz — «Man darf auch mal scheitern» — immunisiert das Modell zusätzlich: Wenn Perma wirkt, ist es das Modell. Wenn nicht, war Scheitern erlaubt. Ein Modell, das Erfolg und Misserfolg erklären kann, ist unfalsifizierbar.


Das Muster ist die Tugend als Technik. Die Verschiebung von Fortitude zu Resilienz ist keine Sprachmode — sie ist eine Weltanschauung. Fortitude verankert Stärke im Charakter: Ich stehe, weil ich etwas für richtig halte, auch wenn es kostet, auch wenn niemand applaudiert, auch wenn die Belohnung auf sich warten lässt. Resilienz verankert Stärke im System: Ich springe zurück, weil der Prozess funktioniert. Die eine ist moralisch, die andere funktional. Die eine widersteht, die andere adaptiert. Die eine fragt nach dem Grund, die andere nach der Wiederherstellung.

Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der fünf Folgen über Resilienz produziert und das Wort «Fortitude» (Standhaftigkeit) nicht einmal erwähnt, vollzieht diese Verschiebung nach — ohne sie zu bemerken. Er lehrt die Anpassung und nennt sie Stärke. Er lehrt das Zurückspringen und nennt es Widerstand. Und er wählt als Beispiel eine Wohnungskündigung — und rahmt sie als Glücksfall, statt als das, was sie in den meisten Fällen ist: eine Entscheidung eines Vermieters, die eine Familie traf.

So funktioniert dieser Beitrag: Er nennt im ersten Satz die Herkunft des Wortes aus der Materialforschung — und begreift nicht, dass diese Herkunft die Kritik enthält. Das Modell ersetzt eine Tugend durch eine Metapher aus der Mechanik. Die Evidenz fehlt. Die Quelle ist die Anwenderin. Das Reframing macht Ursachen unsichtbar. Die Rückkehr zur Basislinie schliesst Verwandlung aus. Und die Serie — fünf Folgen, fünf Säulen, eine Quelle — tarnt als Wissenschaft, was Therapiewerbung ist. Wer den Beitrag hört, weiss, wie man zurückspringt. Wie man steht — wenn es etwas kostet —, bekommt er nicht gesagt. Das Wort dafür existierte. Der Beitrag hat es vergessen.

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