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Das Mikrofon ohne Gegenfrage
Medienkritik
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Das Mikrofon ohne Gegenfrage

SRF/SRGEU/Aussenpolitik
schwerwiegend
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*Zur SRF-Berichterstattung *«Man glaubt uns palästinensischen Journalisten nicht» von Susanne Brunner, Echo der Zeit, 2. Mai 2026

Die Konstruktion

Fünfeinhalb Minuten Sendezeit. Eine SRF-Korrespondentin trifft in Kairo die ehemalige Al-Jazeera-Reporterin Youmna El Sayed. Die Erzählung: heldische palästinensische Journalistin gegen misstrauischen westlichen Journalismus. Der SRF-Beitrag positioniert sich dazwischen — als Vermittler der Wahrheit.

Diese Konstruktion hat einen Effekt, der über die Geschichte hinausgeht: Sie immunisiert die palästinensische Berichterstattung gegen Kritik. Wer Fragen zur Verifikation stellt, ist nicht mehr Skeptiker — er ist Teil des westlichen Misstrauensapparats, den der Beitrag pathologisiert. Das ist das eigentliche Argument. Und es verdient Analyse.

Die nicht thematisierte Quelle: Al Jazeera

Im Beitrag wird mehrfach erwähnt, dass El Sayed für Al Jazeera English gearbeitet hat. Was nicht erwähnt wird: Al Jazeera ist ein katarischer Staatssender. Katar ist gleichzeitig der wichtigste politische Gastgeber der Hamas-Führung — Ismail Haniyeh und seine Nachfolger residierten in Doha, beschützt und finanziert. Das bedeutet nicht, dass jeder Al-Jazeera-Journalist propagandistisch arbeitet. Es bedeutet, dass die institutionelle Verortung Teil der Beurteilung sein muss.

Israel hat Al Jazeera verboten und dessen Büros geschlossen, mit der Begründung, der Sender sei verlängerter Arm der Hamas. Mehrere Al-Jazeera-Mitarbeiter im Gazastreifen wurden im Laufe des Krieges als Hamas-Mitglieder identifiziert — in dokumentierten Fällen mit Beweismaterial aus erbeuteten Hamas-Personalakten. Im Beitrag erscheint Al Jazeera als normaler Sender. Die strukturellen Gründe für das Misstrauen werden weggelassen.

Die Sprache als politische Setzung

Im Beitrag taucht ein Wort auf, das in einer journalistischen Reportage normalerweise nicht ohne Einordnung auftaucht: «Genozid». Es ist ein Zitat von El Sayed, aber wie es platziert wird, übernimmt die Reportage die Begrifflichkeit. Keine einordnende Bemerkung, keine Distanzierung.

Die Frage, ob das israelische Vorgehen als Genozid zu qualifizieren ist, ist Gegenstand einer der schärfsten juristischen Auseinandersetzungen der Gegenwart. «Genozid» ist juristisch ein definierter Begriff: das systematische Vorhaben, eine Gruppe als solche zu vernichten. Wer ihn verwendet, behauptet ein spezifisches Vorhaben — eine Behauptung, die international hochgradig umstritten ist und vom Internationalen Gerichtshof bisher nicht festgestellt wurde. Den Begriff ohne Kontextualisierung zu übernehmen, ist eine politische Setzung, keine neutrale Berichterstattung.

Die statistische Behauptung ohne Quelle

«Opfer, laut internationalen Organisationen zu 80 Prozent Zivilpersonen.» Welche Organisation? Welche Methodik? Welcher Zeitraum?

Die Opferzahlen sind hochgradig umstritten. Das Hamas-kontrollierte Gesundheitsministerium veröffentlicht fortlaufend Zahlen, die nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten unterscheiden. Israelische Quellen weisen Kämpferquoten bis zu 50 Prozent aus. Unabhängige Analysten wie der Demograph Abraham Wyner haben statistische Anomalien in den Hamas-Zahlen identifiziert.

Die «80 Prozent» sind nicht objektive Tatsache, sondern eine spezifische Schätzung aus einem politisch verorteten Diskussionsstrang. Sie als unbestrittenes Faktum zu präsentieren, mit anonymer Berufung auf «internationale Organisationen», ist die Übernahme einer Position als Tatsache.

Die Verkehrung des 7. Oktober

Der 7. Oktober wird in einem Halbsatz abgehandelt: «der Angriff auf Israel». Keine 1200 Toten. Keine 250 Geiseln. Keine Vergewaltigungen. Kein Nova-Festival.

Dann folgt unmittelbar: «Was auf der palästinensischen Seite passierte, war in vielen westlichen Medien damals kein Thema.» In den ersten Stunden nach einem Massaker dieser Grössenordnung war es journalistisch normal, dass die Berichterstattung sich auf das Massaker konzentrierte. In den folgenden Wochen und Monaten haben westliche Medien dann ausführlich über die israelische Antwort berichtet — oft mit deutlich kritischem Ton gegenüber Israel.

Der Beitrag stellt es so dar, als hätten westliche Medien das palästinensische Leid nicht gesehen. Tatsächlich berichten sie seit zwei Jahren intensiv darüber — oft mit Schlagseite, die israelische Quellen kritisieren. Die Geschichte vom verschwiegenen Gaza-Leid ist eine Konstruktion, die der medialen Realität nicht entspricht.

Die fehlende Stimme: Israel

Im Beitrag kommen zu Wort: El Sayed und Brunner. Das ist es. In einem Beitrag, der explizit das Verhältnis zwischen palästinensischen und westlichen Journalisten thematisiert, kommt keine israelische Stimme vor. Kein Regierungssprecher, kein Journalist, kein Medienforscher.

Die israelische Position auf die Vorwürfe — die Identifikation mehrerer Al-Jazeera-Mitarbeiter als Hamas-Mitglieder, die Unzuverlässigkeit der Hamas-Statistiken, die Konzentration auf militärische Ziele — wird nicht gehört. Wenn der Beitrag die These aufstellt, dass den palästinensischen Journalisten zu Unrecht nicht geglaubt wird, müsste er die Gründe für die Skepsis benennen und widerlegen. Stattdessen wird die Skepsis als pathologisches «Misstrauen» abgetan, ohne je benannt zu werden.

Die getöteten Journalisten ohne Einordnung

«Mehr als 200 Journalistinnen und andere Medienschaffende wurden getötet.» Die Zahl verdient Beachtung — und Einordnung, die fehlt.

Was zählt als «Journalist» in einem Konflikt, in dem mehrere Hamas-Mitglieder gleichzeitig für Medienorganisationen arbeiten? Mehrere der Gezählten waren nach israelischen Angaben aktive Hamas-Kämpfer. Die Quote ist proportional hoch — spiegelt aber auch, dass im Gazastreifen extrem viele Medienschaffende auf engstem Raum arbeiten und die israelische Armee in dichten urbanen Räumen operiert. Vergleiche mit Syrien, Irak oder Tschetschenien zeigen ähnliche Quoten. Diese Differenzierungen kommen nicht vor. Die Zahl 200 steht als unbestrittenes Indiz für israelische Medienfeindlichkeit.

Das innerpalästinensische Mediensystem

Eine Frage, die kaum auftaucht: Wie funktioniert die Pressefreiheit unter Hamas-Herrschaft? Seit 2007 hat es im Gazastreifen keine Pressefreiheit im westlichen Sinne gegeben. Journalisten, die kritisch über die Hamas berichteten, wurden eingeschüchtert, verhaftet, in mehreren Fällen getötet. Reporter ohne Grenzen führen Gaza durchgehend als hochgradig restriktives Umfeld.

Das hat Konsequenzen. Berichte über Hamas-Korruption, Misshandlung politischer Gegner, militärische Nutzung ziviler Infrastruktur, Zwangsrekrutierung Jugendlicher sind kaum entstanden — nicht weil sie nicht stattgefunden hätten, sondern weil ihre Berichterstattung mit persönlichen Risiken verbunden gewesen wäre. Das ist die strukturelle Erklärung dafür, warum westliche Medien gegenüber Berichten aus Gaza Vorsicht walten lassen. Es ist keine ethnische Voreingenommenheit, sondern eine institutionelle Notwendigkeit.

El Sayed beklagt das Misstrauen. Sie thematisiert nicht die strukturellen Gründe. Der SRF-Beitrag tut es auch nicht.

Die rhetorische Schlussfrage

«Wie steht es mit eurer Neutralität, wenn ihr über die Ukraine berichtet?»

Die Frage hat etwas Berechtigtes — die westliche Ukraine-Berichterstattung ist tatsächlich oft parteiisch. Aber sie hat auch einen Trugschluss: Aus parteiischer Berichterstattung in einem Konflikt folgt nicht, dass sie in einem anderen parteiisch sein muss. Die richtige Antwort wäre mehr Neutralität in beiden Konflikten — nicht eine andere Form der Parteinahme.

El Sayed nutzt die Inkonsistenz, um eine zweite Inkonsistenz einzufordern, die ihre Position begünstigt. Der Beitrag lässt die Frage als Pointe stehen, mit der suggestiven Botschaft: Die palästinensische Sicht hat Anspruch auf parteiische Unterstützung wie die ukrainische. Das ist politische Setzung, kein journalistisches Argument.

Der Befund

Der Beitrag ist eine metajournalistische Verteidigung einer politischen Position. Er nutzt eine reale individuelle Geschichte, um eine strukturelle Aussage zu transportieren: dass die palästinensische Berichterstattung pauschal vertrauenswürdig ist und Skepsis pauschal illegitim.

Was er gut macht: Er bringt eine persönliche Stimme. Er zeigt Leiden. Er erinnert daran, dass auch Journalisten Opfer von Konflikten werden.

Was er schlecht macht: Er thematisiert nicht den institutionellen Rahmen von Al Jazeera. Er übernimmt «Genozid» ohne Einordnung. Er präsentiert umstrittene Statistiken als Tatsachen. Er gibt Israel keine Stimme. Er behandelt das Misstrauen als pathologisch, ohne die strukturellen Gründe zu erklären. Er behandelt den 7. Oktober als Halbsatz, listet aber das ganze Spektrum palästinensischen Leidens.

Das ist die Methode. Eine echte Geschichte wird zur Trägerin einer strukturellen Botschaft. Das individuelle Leiden wird real — und gleichzeitig zur rhetorischen Waffe gegen die Skepsis, die im Konflikt notwendig wäre. Wer Skepsis aufgibt, wer Verifikation aufgibt, wer Konfrontation der Quellen aufgibt — der ist kein Journalist mehr. Er ist Sprachrohr.

Susanne Brunner ist in diesem Beitrag Sprachrohr. Sie liefert Mikrofon, Sendezeit, Markenresonanz. Was sie nicht liefert: kritische Distanz, Einordnung, Konfrontation, Verifikation. Sie ist nicht «vorwiegend registrierender Natur», wie es Celio 1940 für den Rundfunk verlangte. Sie ist parteiisch — und tut so, als sei die Parteilichkeit selbstevident gerechtfertigt.

Die Frage, die der Beitrag dem Hörer in den Mund legt: Warum sollten wir El Sayed nicht glauben? Die Frage, die er nicht stellt: Warum sollten wir ihr ohne Verifikation glauben? Beide sind legitim. Eine seriöse Berichterstattung würde beide stellen. Diese stellt nur die erste.

Wenn das die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders ist, ist die Klage der Journalistin vom Misstrauen ungerechtfertigt. Es gibt kein Misstrauen — es gibt nur die hingegebene Übernahme jeder Erzählung, die zur bevorzugten Position passt. Das ist nicht Journalismus, der palästinensischen Stimmen Gerechtigkeit verschafft. Das ist Journalismus, der seine eigene Aufgabe aufgegeben hat — und damit auch die Glaubwürdigkeit verspielt, die er für die wirklich schwierigen Geschichten einmal gebraucht hätte.

Am Ende leiden alle. Die Journalistin, deren Geschichte instrumentalisiert wurde. Die israelischen Opfer, deren Stimmen fehlen. Die palästinensischen Opfer, deren Leid in eine politische Konstruktion eingebettet wird, statt für sich selbst zu stehen. Und das Publikum, das nicht informiert, sondern positioniert wird.

Fünfeinhalb Minuten Sendezeit. Eine Stimme. Keine Gegenstimme. Kein Kontext. Kein Zweifel. Das ist nicht das Echo der Zeit. Es ist das Echo einer Redaktion, die ihre Position längst entschieden hat — und jeden Beitrag findet, der sie bestätigt.

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