Das Märchen vom Märchen
Wie SRF Corine Mauch zum Abschied eine weiche Bühne bietet, die ökonomische Logik des Wohnungsmarkts als «Märchen» stehen lässt, den städtischen Machtanspruch nicht hinterfragt und nicht fragt, warum Zürich nach 17 Jahren linker Wohnpolitik unbezahlbarer ist als je zuvor
Zum SRF-Beitrag «Corine Mauch über Macht, Mieten und Märchen», 19. Mai 2026
Es ist ein Abschiedsgespräch. Nach 17 Jahren tritt Corine Mauch ab. Die erste Stadtpräsidentin Zürichs. SP-Politikerin. Symbolfigur der rot-grünen Stadtpolitik. SRF gibt ihr zum Abschied Raum für Bilanz, Selbstdeutung und ein paar persönliche Sätze.
Das ist legitim. Wer 17 Jahre die grösste Stadt der Schweiz geführt hat, darf erklären, was er hinterlässt.
Aber genau dort beginnt das Problem. Denn SRF lässt erklären. Es fragt, aber es bohrt nicht. Es lässt Mauch ihre Deutung setzen: Zürich sei erfolgreich, die Städte würden in Bern zu wenig gehört, mehr Bauen senke die Mieten nicht automatisch, und wer anderes behaupte, erzähle ein Märchen.
Das ist der Satz, der hängen bleibt: «Dass man mit mehr Bauen automatisch die Mieten senkt, ist ein Märchen.»
Nein. Das Märchen ist nicht, dass Angebot und Nachfrage auch auf dem Wohnungsmarkt gelten. Das Märchen ist, dass man die Wohnungsnot politisch verwalten kann, ohne die Knappheit zu verschärfen.
Der Wohnungsmarkt, der angeblich keiner ist
SRF fragt immerhin nach: «In fast allen Märkten steigen Preise bei Knappheit. Warum soll ausgerechnet der Wohnungsmarkt dieser Logik nicht folgen?»
Das ist die richtige Frage. Und Mauchs Antwort ist ausweichend: Der Platz in Zürich sei begrenzt. Einfach wild draufloszubauen löse das Problem nicht. Es entstünden nur noch mehr teure Wohnungen.
Das klingt vernünftig. Ist es aber nicht.
Niemand fordert, «wild draufloszubauen». Das ist ein Strohmann. Die Frage ist nicht, ob man Zürich planlos zubetonieren soll. Die Frage ist, ob zusätzliche Wohnungen den Preisdruck senken. Und die Antwort lautet: Ja. Nicht magisch. Nicht über Nacht. Nicht überall gleich. Aber grundsätzlich ja.
Wenn in einer Stadt viele Menschen wohnen wollen und zu wenige Wohnungen vorhanden sind, steigen die Preise. Wenn mehr Wohnungen entstehen, sinkt der Druck. Auch dann, wenn die neuen Wohnungen teuer sind. Denn wer in eine teure neue Wohnung zieht, besetzt keine alte. Wer in eine neue Genossenschaftswohnung zieht, gibt anderswo Wohnraum frei. Wer in Zürich keine Wohnung findet, drückt in Winterthur, Dietikon, Uster oder Baden auf den Markt.
Wohnraum ist kein isoliertes Moralobjekt. Er ist ein Markt. Und auch teure Wohnungen erhöhen das Angebot. Wer das bestreitet, bestreitet nicht eine rechte Ideologie, sondern einen einfachen Zusammenhang.
Mauch sagt: Der Platz ist begrenzt. Das stimmt. Aber genau deshalb muss man verdichten, aufstocken, höher bauen, schneller bewilligen, Einsprachen begrenzen, Nutzungskonflikte entscheiden. Platzknappheit ist kein Argument gegen Bauen. Sie ist das Argument für besseres Bauen.
SRF lässt Mauch den ökonomischen Zusammenhang relativieren, ohne nachzuhaken: Wenn mehr Bauen angeblich nicht hilft – warum fordert die Stadt dann selbst mehr gemeinnützige Wohnungen? Wenn zusätzliche Wohnungen die Mieten nicht beeinflussen – warum ist Wohnungsbau überhaupt Teil der Lösung?
Die 2000 Wohnungen, die nach Erfolg klingen sollen
Mauch sagt: «Allein in den letzten zehn Jahren haben wir als Stadt über zweitausend gemeinnützige Wohnungen geschaffen.»
Das klingt nach Leistung. Ist aber bei genauerem Hinsehen eher eine Bankrotterklärung.
Zürich hat über 440’000 Einwohner. Der Grossraum wächst. Die Nachfrage explodiert. Die Leerstandsquote ist minimal. Die Mieten steigen. Und die Stadt verweist auf 2000 kommunale Wohnungen in zehn Jahren.
Das sind 200 Wohnungen pro Jahr.
Für eine Stadt wie Zürich ist das nicht viel. Es ist politisch verwaltete Knappheit. Es ist ein Tropfen auf eine glühende Platte – und wird als sozialpolitischer Erfolg verkauft.
Dazu kommt: Gemeinnützige Wohnungen lösen das Knappheitsproblem nicht. Sie verteilen es anders. Wer eine solche Wohnung bekommt, hat Glück. Wer keine bekommt, zahlt weiter Marktpreise. Die Warteschlange wird länger, die Kriterien werden politischer, die Verteilung wird bürokratischer.
Das ist keine Entspannung des Wohnungsmarkts. Das ist Rationierung.
Und Rationierung erzeugt immer dasselbe Problem: Nicht der Preis entscheidet, sondern Zugang. Kontakte. Kriterien. Wartelisten. Glück. Politische Prioritäten.
SRF fragt nicht: Wie viele Menschen wollten in diesen zehn Jahren nach Zürich ziehen? Wie viele Wohnungen wären nötig gewesen, um den Markt wirklich zu entspannen? Wie viele Projekte wurden durch Einsprachen, Auflagen, Denkmalschutz, Quartierwiderstand oder politische Vorgaben verzögert? Wie viele Wohnungen wurden nicht gebaut, weil Zürich sich lieber moralisch korrekt knapp hält?
Die teuren Wohnungen, die angeblich nichts nützen
Mauch sagt, mehr Bauen führe nur zu «noch mehr teuren Wohnungen».
Auch das ist bequem. Denn es macht den Neubau verdächtig. Neue Wohnungen sind teuer, also bringen sie nichts. Also lieber nicht bauen. Oder nur gemeinnützig. Oder nur staatlich gelenkt. Oder nur nach politischer Moral.
Aber das ist falsch.
Neue Wohnungen sind oft teuer, weil Neubau teuer ist. Land ist teuer. Vorschriften sind teuer. Energieauflagen sind teuer. Bewilligungsverfahren sind teuer. Verzögerungen sind teuer. Einsprachen sind teuer. Auflagen sind teuer. Zürich macht das Bauen teuer – und wundert sich dann, dass teure Wohnungen entstehen.
Wenn ein Markt künstlich verknappt und regulatorisch verteuert wird, entstehen keine billigen Wohnungen. Dann entstehen Luxuswohnungen, weil nur diese die Kosten tragen können. Danach zeigt die Politik auf die Luxuswohnungen und sagt: Seht ihr, Bauen hilft nicht.
Das ist ein perfekter Kreislauf der Selbstrechtfertigung.
Erst macht man das Bauen schwer. Dann wird nur noch teuer gebaut. Dann behauptet man, Bauen bringe nichts, weil nur teuer gebaut werde. Dann fordert man mehr staatliche Steuerung. Und die Knappheit bleibt.
SRF fragt nicht, ob Zürich selbst Teil des Problems ist. Es fragt nicht, ob die Stadt mit ihren Vorgaben, Verfahren und politischen Präferenzen genau jene Knappheit produziert, die sie anschliessend sozialpolitisch bekämpft.
Die Stadt als Opfer von Bern
Mauch kritisiert, Städte würden in Bundesbern zu wenig berücksichtigt. «85 Prozent der Wirtschaftsleistung werden in städtischen Gebieten erarbeitet.» Wenn man in Bern über die Schweiz rede, gehe es um «Kühe und Berge», nicht um die urbane Schweiz.
Das ist die zweite grosse Selbstdeutung: Die Stadt erwirtschaftet, das Land romantisiert. Die Stadt ist Realität, das Land Folklore. Die Stadt ist Zukunft, der Rest ist Postkarte.
Auch das lässt SRF stehen.
Aber die Schweiz ist kein Unternehmen, in dem politische Macht nach Bruttowertschöpfung verteilt wird. Sie ist ein Bundesstaat. Föderalismus bedeutet gerade, dass nicht Zürich, Basel, Genf und Lausanne allein bestimmen, nur weil dort viele Firmen, Universitäten und Verwaltungen sitzen.
Die städtische Wirtschaftsleistung entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie hängt an nationalen Infrastrukturen, Rechtsstaat, Sicherheit, Energieversorgung, Pendlern, Agglomerationen, ländlichen Räumen, Wasser, Landschaft, Nahrungsmitteln und politischer Stabilität. Zürich lebt nicht nur von Zürich. Zürich lebt auch davon, dass Menschen von ausserhalb kommen, dort arbeiten, dort Dienstleistungen erbringen, dort Steuern zahlen oder eben nicht dort wohnen können, weil sie sich die Stadt nicht leisten können.
Wenn Mauch sagt, Bern rede über Kühe und Berge, dann ist das nicht Analyse. Das ist urbane Arroganz. Die Stadt erklärt sich selbst zur Zukunft und den Rest des Landes zur Kulisse.
SRF fragt nicht: Ist es wirklich ein Demokratiedefizit, wenn Städte nicht alles bekommen, was sie wollen? Oder ist es genau der Sinn der Schweiz, dass auch Regionen mit weniger Wirtschaftsleistung politisch Gewicht haben?
Die Stadt als Labor
Mauch sagt: «Städte sind die Orte, an denen sich die Herausforderungen der Zukunft zuerst zeigen und wo neue Lösungen gefunden werden.»
Das ist ein beliebter Satz. Er klingt offen, modern, progressiv. Städte als Labore der Zukunft. Städte als Avantgarde. Städte als Orte, an denen ausprobiert wird, was später alle übernehmen.
Aber ein Labor braucht Versuchspersonen. Und in der Stadt sind das die Einwohner.
Laubbläser-Verbot. Gratis-Badis. Verkehrsexperimente. Parkplatzabbau. Tempo-30-Politik. Wohnquoten. Klimaprojekte. Symbolpolitik. Alles wird als Zukunft verkauft. Wer lacht, hat die Zukunft nicht verstanden. Wer widerspricht, ist rückständig.
Dabei ist vieles davon kein Beweis urbaner Innovationskraft, sondern Ausdruck einer Politik, die sich mit symbolischen Eingriffen beschäftigt, während die grossen Probleme ungelöst bleiben: Mieten, Verkehr, Sicherheit, Drogen, Integration, Verwaltungskosten, Bürokratie.
SRF nennt die belächelten Beispiele, lässt Mauch aber ausweichen. Sie sagt, solche Ideen kämen aus der Bevölkerung und Zürich habe nicht umsonst eine hohe Lebensqualität.
Aber Zürich hat nicht wegen Gratis-Badis und Laubbläser-Debatten eine hohe Lebensqualität. Zürich hat eine hohe Lebensqualität wegen Wohlstand, Sicherheit, Infrastruktur, Arbeitsplätzen, Lage, See, internationaler Wirtschaft, Universitäten, privatem Kapital und jahrzehntelanger Stabilität. Nicht wegen jeder rot-grünen Idee, die sich als Zukunft tarnt.
Die Bilanz, die nicht gezogen wird
Nach 17 Jahren Mauch müsste die Bilanz hart sein.
Sind die Mieten tiefer? Nein. Ist Wohnen einfacher geworden? Nein. Ist die Stadt weniger überfüllt? Nein. Ist der Verkehr entspannter? Nein. Ist die Bürokratie kleiner? Nein. Ist Zürich sozial durchmischter? Fraglich. Ist die Stadt für Normalverdiener zugänglicher geworden? Eher nicht.
Und trotzdem klingt das Gespräch, als gehe eine erfolgreiche Stadtmutter, deren Hauptproblem darin bestand, dass Bern die Städte nicht genug verstand.
Das ist zu bequem.
Eine Stadtpräsidentin nach 17 Jahren muss sich nicht nur an Absichten messen lassen, sondern an Ergebnissen. Wer 17 Jahre regiert, kann nicht mehr sagen, das Problem sei alt. Dann ist das alte Problem auch das eigene Problem.
Mauch sagt, Wohnungsnot begleite Zürich seit Jahrzehnten. Das stimmt. Aber sie war 17 Jahre Stadtpräsidentin. Wenn ein Problem seit Jahrzehnten besteht und nach 17 Jahren eigener Führung noch schlimmer wirkt, dann reicht es nicht zu sagen: Das Problem gab es schon vorher.
SRF fragt nicht: Was ist Ihre Verantwortung? Was hat Ihre Politik verschärft? Wo sind Sie gescheitert? Welche Annahmen waren falsch? Welche Entscheidungen würden Sie heute anders treffen?
Das wären Abschiedsfragen gewesen. Stattdessen gibt es Rückblick, Einordnung, Selbstbild.
Die Frage, die SRF nicht stellt
Die Frage lautet nicht: War Corine Mauch eine wichtige Stadtpräsidentin?
Das war sie. 17 Jahre an der Spitze Zürichs sind politisch bedeutend.
Die Frage lautet: Was ist ihre Bilanz?
Wenn Wohnen unbezahlbar bleibt, kann man nicht einfach sagen, mehr Bauen sei ein Märchen. Wenn die Stadt 2000 Wohnungen in zehn Jahren schafft, kann man das nicht als grossen Erfolg verkaufen. Wenn Zürich immer teurer wird, muss man fragen, ob die Politik die Knappheit bekämpft oder verwaltet.
Die Frage lautet: Gilt Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt oder nicht? Wenn ja, warum relativiert Mauch den Zusammenhang? Wenn nein, warum baut die Stadt überhaupt?
Die Frage lautet: Ist gemeinnütziger Wohnungsbau eine Lösung oder eine Lotterie? Hilft er dem Markt – oder nur den Glücklichen, die eine subventionierte Wohnung erhalten?
Die Frage lautet: Ist die Klage über Bern berechtigt – oder ist sie Ausdruck eines urbanen Machtanspruchs, der den Föderalismus als Störung empfindet?
Die Frage lautet: Sind Städte wirklich die Labore der Zukunft – oder Orte, an denen eine politisch homogene Mehrheit ihre Experimente anderen als Fortschritt verkauft?
SRF stellt diese Fragen kaum. Es lässt Mauch ihre Deutung setzen. Es lässt den Satz vom «Märchen» stehen. Es lässt den Anspruch der Städte stehen. Es lässt die Bilanz weich ausfallen.
Das ist kein hartes Abschiedsinterview. Das ist ein höflicher Abgang auf öffentlich-rechtlichem Teppich.
SRF verabschiedet Corine Mauch nach 17 Jahren als Zürcher Stadtpräsidentin. Es lässt sie sagen, mehr Bauen senke die Mieten nicht automatisch – ohne den ökonomischen Kern dieser Aussage ernsthaft zu prüfen. Es lässt sie 2000 gemeinnützige Wohnungen als Leistung präsentieren – ohne die Dimension der Zürcher Wohnungsnot dagegenzustellen. Es lässt sie über die mangelnde Berücksichtigung der Städte in Bern klagen – ohne den föderalistischen Gegenpunkt zu machen. Es lässt sie Zürich als Labor der Zukunft beschreiben – ohne zu fragen, ob viele dieser Experimente nicht Symbolpolitik sind. Das Ergebnis ist kein Bilanzgespräch. Es ist ein Abschiedsgespräch, in dem die entscheidende Frage fehlt: Wenn Zürich nach 17 Jahren Mauch reicher, dichter und teurer ist als je zuvor – was genau war dann der Erfolg?
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