9min
Das Grosse Experiment
Medienkritik
9 Minuten

Das Grosse Experiment

AbstimmungenMigrationEU/Aussenpolitik
mittel
Teilen

Zum NZZ-Artikel «10-Millionen-Initiative: Die Schweiz dürfte bis 2050 noch um 35 000 Personen pro Jahr wachsen — und danach gar nicht mehr», 11. Mai 2026

Was berichtet wird

Fabian Schäfer arbeitet im Wirtschaftsteil der NZZ ein Datenset zur 10-Millionen-Initiative auf. Der Artikel rekonstruiert das bisherige Bevölkerungswachstum (2000 bis 2025: von 7,2 auf 9,1 Millionen Einwohner, vier Fünftel davon durch Zuwanderung), präsentiert die drei Szenarien des Bundesamts für Statistik (BfS) bis 2055 und zeigt, in welcher Geschwindigkeit der von der Initiative gesetzte Grenzwert erreicht würde — im Referenzszenario 2041, im hohen Szenario bereits 2033, im tiefen gar nie.

Der Beitrag bringt mehrere belegbare Befunde: Die Asylzuwanderung macht 8 bis 14 Prozent der dauerhaften Zuwanderung aus. Die Bevölkerungsdichte der Schweizer Wirtschaftsräume liegt im europäischen Mittelfeld. Mit der Initiative wäre ein durchschnittliches Wachstum von rund 35'000 Personen pro Jahr noch zulässig. Acht Kantone wären ohne Migration bereits in den letzten zehn Jahren geschrumpft. Bei vollständigem Migrationsstopp würde sich der Altersquotient bis 2050 verdoppeln, von 33 auf 64.

Der Artikel schliesst mit der Feststellung, dass die Initiative auch nach 2050 keine Überschreitung der 10-Millionen-Grenze erlaubt — ausser bei einem Geburtenüberschuss, der laut allen Szenarien nicht zu erwarten ist.

Der erste Satz

Der Beitrag beginnt mit einem Satz, der die ganze Analyse rahmt: «Die SVP plant ein grosses Experiment.» Dieser Satz enthält zwei Manipulationen, die sich in den scheinbar neutralen Datenkörper einlagern und ihn von innen heraus färben.

Erstens: Die SVP plant nichts allein. Eine Initiative, die in Umfragen Zustimmungswerte um die 47 Prozent erreicht, ist keine Parteiidee, sondern eine breit getragene gesellschaftliche Position. Die Initianten haben über 100'000 Unterschriften gesammelt — das ist die formelle Hürde, die die Direkte Demokratie für jede Volksinitiative vorsieht. Die Zustimmungsbereitschaft in der Bevölkerung weist darauf hin, dass die Frage längst über die SVP-Stammwählerschaft hinausgewachsen ist. Schäfer reduziert sie auf eine Parteienoperation. Das ist die erste Verkürzung.

Zweitens, und gravierender: «Experiment» ist das falsche Wort. Das eigentliche Experiment liegt hinter uns, nicht vor uns. Die Schweiz hat in den letzten 25 Jahren ein migrationspolitisches Experiment durchlaufen, das in seinem Ausmass von keinem zuständigen Bundesamt korrekt prognostiziert wurde. Schäfer dokumentiert es selbst — versteckt in einem Halbsatz: «Die Szenarien von 2000 und 2005 haben den Anstieg der Zuwanderung unterschätzt.» Dieser Satz ist konzedierend, fast beiläufig. Tatsächlich ist er der Schlüssel zur ganzen Geschichte.

Das tatsächliche Experiment

Die BfS-Prognosen lagen über Jahre hinweg um den Faktor fünf bis zehn neben den realen Werten. Wo 10'000 oder 15'000 zusätzliche Einwohner pro Jahr erwartet wurden, kamen 60'000, 70'000, 80'000. Diese Diskrepanz wurde nicht korrigiert, nicht ernsthaft thematisiert, nicht zum politischen Lerngegenstand gemacht. Die Personenfreizügigkeit wurde 2002 eingeführt mit Annahmen, die innert weniger Jahre widerlegt waren — und die politische Antwort darauf war, an den Annahmen festzuhalten und die Realität als Anomalie zu behandeln.

2014 nahm das Schweizer Stimmvolk die Masseneinwanderungsinitiative an. Ein direkter, verfassungsändernder Auftrag an Bundesrat und Parlament, die Zuwanderung selbständig zu steuern. Was darauf folgte, ist Geschichte: zwölf Jahre Verzögerung, juristische Pirouetten, ein «Inländervorrang light», der die ursprüngliche Verfassungsbestimmung in ihrer Substanz ignorierte. Die Bevölkerung hatte abgestimmt. Die Politik hat den Auftrag nicht umgesetzt. Die Zuwanderung lief unverändert weiter.

Diese Vorgeschichte fehlt in Schäfers Artikel komplett. Sie wäre journalistisch zwingend gewesen. Denn die 10-Millionen-Initiative ist keine willkürliche Idee, die plötzlich aus dem politischen Nichts auftaucht. Sie ist die Konsequenz aus 25 Jahren falscher Prognosen und 12 Jahren nicht umgesetzter Volksabstimmungen. Wer das nicht erwähnt, schreibt die Geschichte aus der Mitte heraus und lässt den Anfang weg.

Wessen Experiment?

Die rhetorische Operation des ersten Satzes besteht darin, das Experimentelle den Initianten zuzuschreiben. Etwas Neues, etwas Riskantes, etwas Unerprobtes plane die SVP. «Was ihre Initiative vorsieht, hat noch kein Staat der Welt ausprobiert.» Das stimmt formal: Die Verankerung einer Bevölkerungsobergrenze in der Verfassung ist historisch ungewöhnlich. Es stimmt nicht in der Sache.

Die Frage, ob ein Land sein Bevölkerungswachstum steuern soll, ist keine experimentelle. Praktisch jedes Land der Welt steuert seine Migration auf irgendeine Art. Die meisten OECD-Staaten haben Mechanismen, die bestimmte Migrationsformen begrenzen, andere fördern, andere ganz unterbinden. Die Schweiz hat sich mit der Personenfreizügigkeit dieser Steuerungsmöglichkeit für einen erheblichen Teil der Zuwanderung entledigt. Das ist die Anomalie — nicht die Steuerung.

Wer die Bevölkerungsobergrenze als «Experiment» bezeichnet, schiebt die Beweislast den Initianten zu. Tatsächlich liegt die Beweislast bei den Verteidigern des Status quo. Sie müssten erklären, warum 25 Jahre Wachstum über alle Prognosen hinweg, ohne politische Steuerung und gegen einen expliziten Volksentscheid von 2014, kein Experiment gewesen sein sollen. Sie tun es nicht. Sie nennen die Reaktion auf das Experiment ein Experiment.

Was Schäfer richtig macht

Die hier formulierte Kritik richtet sich gegen das Framing des Einstiegs, nicht gegen die Datensubstanz. Schäfer arbeitet danach sorgfältig. Er macht die Methodik des BfS transparent. Er korrigiert die populistische Verkürzung «Migration ist Asylproblem» mit klaren Zahlen. Er zeigt, dass die Schweizer Bevölkerungsdichte im europäischen Mittelfeld liegt. Er nennt die acht Kantone, die ohne Migration bereits geschrumpft wären. Er rechnet vor, was die Initiative quantitativ erlauben würde.

Das ist substanzieller Datenjournalismus, der sich von der propagandistischen Linie der vorausgegangenen NZZ-Beiträge (Lill über Japan, Häner-Müller über Schweizer Glück, Triaca über die Demo in Luzern) wohltuend abhebt. Schäfer arbeitet mit Material, nicht mit Drohbildern. Er versorgt die Leserin mit Werkzeug, nicht mit Konklusionen.

Aber genau deshalb fällt der erste Satz so unangenehm auf. Er ist nicht der Stil des restlichen Artikels. Er ist eine politische Markierung, die dem Text vorausgeschickt wird, bevor die Daten zu sprechen beginnen. Wer den Artikel mit diesem Satz im Kopf liest, liest die Daten anders, als wer sie ohne diesen Satz lesen würde. Das «Experiment» bleibt im Hinterkopf und färbt jede Zahl.

Die Auslassungen

Neben der historischen Vorgeschichte fehlen weitere Dimensionen, die das Bild komplettieren würden.

Die Wohnkostenentwicklung kommt nicht vor. In einem Beitrag, der das Bevölkerungswachstum dokumentiert, wäre der Zusammenhang zwischen Wachstum und Bodenpreisen, Mieten und Wohnungsverfügbarkeit relevant. Die Mietpreise in den grossen Schweizer Agglomerationen sind in den letzten zwanzig Jahren erheblich gestiegen. Welche Rolle spielt das Wachstum dabei? Welche Rolle die Geldpolitik?

Auch die Infrastrukturfrage wird nicht behandelt. Schweizer Verkehrsinfrastruktur, Schulen, Spitäler, Energieversorgung müssen das Wachstum tragen. Schäfer erwähnt den «Dichtestress» und beantwortet ihn räumlich (Einwohner pro Quadratkilometer), aber nicht infrastrukturell.

Die Lohnentwicklung im Niedriglohnsegment fehlt ebenfalls. Die Personenfreizügigkeit hat unterschiedliche Effekte je nach Qualifikationssegment. Im Hochqualifizierten-Bereich erweitert sie das Angebot, im Niedriglohn-Bereich erzeugt sie Druck. Diese Differenzierung ist in der Forschung gut dokumentiert.

Und schliesslich: die Frage, ob das Wachstum auf längere Sicht überhaupt finanziell tragfähig ist. Schäfer berechnet, was bei vollständigem Migrationsstopp passieren würde — der Altersquotient verdoppelt sich von 33 auf 64. Diese Zahl steht im Text als implizite Warnung. Sie wird nicht gespiegelt durch die Frage, was beim unveränderten Wachstum geschieht — etwa mit dem Bodenpreis, mit der Wohnkostenbelastung der jüngeren Generation, mit der Tragfähigkeit der Sozialwerke, wenn die Zugewanderten ihrerseits altern.

Die Schwierigkeit der Neutralität

Schäfer versucht, neutral zu sein. Er bemüht sich, beide Seiten der Debatte mit Material zu versorgen. Das ist ehrenwert und in der gegenwärtigen NZZ-Linie selten. Es geht ihm an einer Stelle schief — beim Einstiegssatz —, aber im Rest des Artikels gelingt es ihm weitgehend.

Doch die Frage stellt sich, ob bei dieser Sachlage echte Neutralität überhaupt möglich ist. Eine Initiative, die als Reaktion auf 25 Jahre Fehlprognosen und 12 Jahre nicht umgesetzter Volksabstimmungen formuliert wurde, kann man nicht beschreiben, ohne diese Vorgeschichte zu nennen. Wer sie weglässt, beschreibt nicht neutral, sondern aus der Perspektive derjenigen, die von der Vorgeschichte nicht reden möchten. Wer sie aufnimmt, wird zwangsläufig kritisch gegenüber der Politik, die diese Vorgeschichte produziert hat.

Die Neutralität, die Schäfer anstrebt, ist die Neutralität gegenüber den heutigen Positionen. Die Asymmetrie, die er nicht überwindet, ist die Asymmetrie der historischen Verantwortung. Die Befürworter der Initiative argumentieren mit einer Realität, die ihre Gegner geschaffen haben — durch zu niedrige Prognosen, durch Nichtumsetzung von Volksaufträgen, durch politische Trägheit gegenüber einer Entwicklung, die jedes Jahr deutlicher sichtbar wurde. Wer diese Asymmetrie nicht benennt, behandelt die beiden Seiten der Debatte, als wären sie symmetrisch. Sie sind es nicht.

Der Befund

Schäfers Beitrag ist eine bemerkenswerte Ausnahme in der NZZ-Berichterstattung zur 10-Millionen-Initiative. Wo andere Stücke mit Drohbildern, Konstrukten und Etiketten arbeiten, arbeitet er mit Daten. Das verdient Anerkennung. Es verdient aber auch eine Präzisierung: Die Datenarbeit ist substanziell, der historische Rahmen, in den sie eingebettet wird, ist es nicht.

«Die SVP plant ein grosses Experiment» — dieser Satz schreibt die letzten 25 Jahre aus der Geschichte heraus. Er behandelt die Reaktion auf das tatsächliche Experiment so, als wäre sie selbst das Experiment. Er reduziert eine breite gesellschaftliche Bewegung — 47 Prozent in den Umfragen, deutlich mehr als jede Partei für sich reklamieren könnte — auf eine Parteienoperation. Er stellt die Initianten in die Pflicht, ihre Vorschläge zu rechtfertigen, ohne diejenigen in die Pflicht zu stellen, die die zu korrigierende Realität geschaffen haben.

Das eigentliche Experiment war nicht die Initiative. Das eigentliche Experiment war: Annahmen über die Migration treffen, die sich als grob falsch erweisen, und dann zwanzig Jahre lang an diesen Annahmen festhalten. Eine Volksabstimmung 2014 abhalten, deren Resultat den klaren Auftrag zur Steuerung gibt, und diesen Auftrag zwölf Jahre lang nicht umsetzen. Eine Bevölkerungsentwicklung über alle Prognosen hinaus laufen lassen, ohne politische Konsequenz, ohne institutionelle Lehre, ohne Rechenschaft.

Diese 25 Jahre sind das Experiment, dessen Resultat die Schweizer Stimmberechtigten am 14. Juni beurteilen. Wer den Beitrag schreibt, ohne diese Vorgeschichte zu nennen, schreibt das Schlusskapitel eines Buches, dessen vorausgehende Kapitel er verschweigt. Schäfers Daten sind gut. Sein Rahmen ist es nicht. Und am Ende ist es immer der Rahmen, der bestimmt, was die Daten bedeuten.

Liebe NZZ, das hier wäre fast gut gewesen. Der erste Satz hat es kassiert.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.