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Das Gefühl, das die Tat ersetzt
Medienkritik
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Das Gefühl, das die Tat ersetzt

SRF/SRGGesellschaftSicherheitspolitik
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SRF analysiert die Schüsse von Aarau und rahmt sie als Erschütterung des Sicherheitsgefühls. Zwei Kriminologinnen und zwei ZHAW-Dozentinnen erklären das «Kriminalitätsfurcht-Paradox»: Das Gefühl und die Statistik haben nichts miteinander zu tun. Die Schweiz sei «extrem sicher». Was der Beitrag verschweigt: die Tat selbst. Wer der Täter ist — der verlinkte Artikel meldet: ein 43-jähriger Schweizer, festgenommen —, was das Motiv war, wie die Waffe aufs Gelände kam: nichts davon kommt vor. Stattdessen Psychologie des Gefühls, Trauerrosen und die Botschaft: Die Angst ist irrational, die Schweiz ist sicher. Ein Beitrag über eine Gewalttat, der die Gewalttat durch Gefühlskunde ersetzt — und die einzige Frage, die zählt, nicht stellt: Warum?

Zum SRF-Beitrag «Gewalttat strapaziert Vertrauen in öffentliche Sicherheit», Echo der Zeit, 1.09.2026


Was der Beitrag leistet: Er erklärt ein reales psychologisches Phänomen korrekt — das Auseinanderfallen von subjektivem Sicherheitsgefühl und objektiver Kriminalitätsstatistik. Er zitiert vier Fachfrauen mit Namen und Funktion. Und er warnt vor den realen Folgen übermässiger Angst: soziale Isolation, Vermeidungsverhalten. Das ist saubere Wissenschaftskommunikation — über das Gefühl.

Die Tat, die keine Details hat

Eine junge Frau wurde getötet. Fünf Menschen verletzt. Ein Täter — laut verlinktem Artikel ein 43-jähriger Schweizer, festgenommen. Das ist der Stand. Der Beitrag über die Folgen der Tat nennt keine dieser Informationen — ausser der toten Frau, in der Legende unter den Trauerrosen. Wer war sie? Die frühere Berichterstattung nannte eine 22-Jährige. Wer war der Täter? Ein 43-Jähriger — 21 Jahre älter als sein Opfer. Was verband sie? Was war das Motiv? Beziehungstat? Zufallstat? Gezielte Tat? Der Beitrag über die Erschütterung des Sicherheitsgefühls verschweigt alles, was die Tat zur Tat macht. Die Frage, ob eine Analyse der Folgen einer Tat möglich ist, ohne die Tat zu kennen, beantwortet sich selbst. Ein 43-Jähriger, der auf einer Rave-Party einer 22-Jährigen auflauert und schiesst, ist kein Statistikereignis, das das Sicherheitsgefühl irrational erschüttert. Es ist ein konkreter Vorgang mit konkretem Täter, konkretem Opfer und konkretem Grund. Wer die Folgen analysiert und die Ursache ausklammert, behandelt eine Gewalttat wie ein Zugunglück — ein Naturereignis, das niemand verursachte.

Das Paradox, das keines ist

Die Kriminologin sagt: Das Sicherheitsgefühl und die tatsächliche Sicherheit «haben nichts miteinander zu tun». Das Kriminalitätsfurcht-Paradox. Die These: Wer sich fürchtet, irrt sich statistisch. Was der Beitrag verschweigt: Das Paradox funktioniert nur, wenn die Statistik stimmt — und wenn die Furcht sich auf das richtige Objekt richtet. Die Statistik sagt: Die Schweiz ist sicher — im Durchschnitt. Der Durchschnitt umfasst alle Delikte, alle Orte, alle Zeiten. Eine Rave-Party um drei Uhr nachts, 2'500 Personen, Alkohol, Drogen, Dunkelheit — der Durchschnitt sagt über diesen Ort zu dieser Zeit wenig. Die Frage, ob eine Furcht irrational ist, die sich auf spezifische Situationen bezieht, die statistisch anders aussehen als der Durchschnitt, wird nicht gestellt. Die Frage, ob ein Land, das «extrem sicher» ist, im Durchschnitt, gleichzeitig Orte haben kann, die es nicht sind, wird nicht gestellt. Das Paradox ist ein Durchschnittsbegriff — auf spezifische Situationen angewandt, wird er zur Behauptung: Deine Angst ist irrational. Vielleicht ist sie es. Vielleicht ist sie präzise.

Die Sicherheit, die als Beschwörung dient

Die Kriminologin sagt: Die Schweiz sei «extrem sicher». Die KKJPD sagt: Der öffentliche Raum sei «im internationalen Vergleich sehr sicher». Zwei Autoritäten, dieselbe Botschaft. Was der Beitrag nicht liefert: die Zahlen, die die Botschaft stützen. Wie sicher ist die Schweiz? Wie viele Schusswaffendelikte pro Jahr? Wie viele Tote? Wie entwickelt sich die Zahl — steigend, fallend, stabil? Die Frage, ob eine Berichterstattung, die Sicherheit behauptet, ohne Zahlen zu nennen, informiert oder beschwichtigt, wird nicht gestellt. Die Frage, ob eine Statistik, die Durchschnittssicherheit misst, die Sicherheit an spezifischen Orten zu spezifischen Zeiten abbildet, wird nicht gestellt. «Extrem sicher» ist ein Adjektiv — keine Zahl. Ein Beitrag, der die Irrationalität der Furcht diagnostiziert und die Rationalität der Sicherheit behauptet, ohne eine einzige Zahl, hat die Beweislast vertauscht: Die Furcht muss sich rechtfertigen, die Sicherheit nicht.

Die Lösung, die keine ist

Die Kriminologin sagt: Mehr Polizeipräsenz wirke beruhigend, verändere die Sicherheit aber nicht grundlegend. «Viel wichtiger ist der Zusammenhalt, dass wir aufeinander achten.» Die KKJPD sagt: Polizeidichte garantiere keine hundertprozentige Sicherheit. Die Botschaft: Mehr Polizei hilft nicht — Zusammenhalt hilft. Was der Beitrag nicht prüft: ob das stimmt. Wäre Polizeipräsenz auf der Party verhindert worden, was geschah? Die Frage ist nicht hypothetisch — der Täter brachte eine Waffe auf eine Veranstaltung mit 2'500 Menschen. Wie? Gab es Kontrollen? Gab es Sicherheitspersonal? Die Frage, ob eine Tat, die durch Kontrollen verhindert hätte werden können, durch Zusammenhalt verhindert worden wäre, wird nicht gestellt. Die Frage, ob eine Empfehlung, die auf Zusammenhalt setzt, nachdem eine Waffe eine Menschenmenge traf, eine Antwort oder eine Vermeidung ist, wird nicht gestellt. Der Beitrag über eine Gewalttat endet mit der Empfehlung, aufeinander zu achten — nicht damit, wie man verhindert, dass jemand eine Waffe auf eine Party bringt.

Die Opfer, die als Kulisse dienen

Die tote Frau kommt in einer Bildlegende vor — unter Trauerrosen. Die fünf Verletzten kommen gar nicht vor. Die Angehörigen kommen nicht vor. Die Augenzeugen kommen nicht vor. Was vorkommt: die Befindlichkeit der Unbeteiligten — erhöhte Angst, Stressreaktionen, vermindertes Sicherheitsgefühl bei Menschen, «die nicht unmittelbar betroffen waren». Der Beitrag analysiert das Leid der Zuschauer — nicht das Leid der Betroffenen. Die Frage, ob ein Beitrag über die Folgen einer Gewalttat, der die Betroffenen auf Bildlegenden reduziert und die Unbeteiligten zum Hauptthema macht, die Prioritäten richtig setzt, wird nicht gestellt. Eine tote 22-Jährige. Fünf Verletzte. Und das Thema ist das Gefühl der Menschen, die nicht dort waren.


Das Muster ist die Psychologisierung der Gewalt. Eine konkrete Tat — Täter, Opfer, Waffe, Motiv — wird ersetzt durch ein abstraktes Phänomen: das Sicherheitsgefühl. Die Analyse des Gefühls ersetzt die Analyse der Tat. Die Expertinnen für Gefühle ersetzen die Ermittler für Fakten. Die Empfehlung für Zusammenhalt ersetzt die Frage nach der Verhinderung. Was bleibt, ist eine Gesellschaft, die über ihr Befinden spricht — statt über die Frau, die starb, und den Mann, der schoss. Die Psychologisierung ist keine Analyse der Folgen. Sie ist die Vermeidung der Ursache.

So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet die Folgen einer Gewalttat und verschweigt die Gewalttat. Der Täter — ein 43-jähriger Schweizer, festgenommen — steht im verlinkten Artikel, nicht im Text. Das Motiv, die Waffe, der Weg aufs Gelände: nichts. Das Kriminalitätsfurcht-Paradox wird als Diagnose der irrationalen Angst präsentiert — ohne die Zahlen, die prüfen würden, ob die Angst irrational ist. Die Sicherheit wird beschworen — «extrem sicher» — ohne Statistik. Die Lösung heisst Zusammenhalt — nicht Kontrolle. Und die Opfer sind Bildlegenden. Wer den Beitrag hört, weiss, dass die Menschen verunsichert sind und dass die Schweiz sicher ist. Wer wissen will, wer die Frau war, wer der Täter ist, warum er schoss, wie die Waffe aufs Gelände kam und ob die Tat verhinderbar gewesen wäre, muss die verlinkten Artikel lesen — wo die Antworten stehen, die dieser Beitrag durch Gefühlskunde ersetzt hat. Das ist keine Kriminalberichterstattung, das ist Trauerpsychologie ohne Tat — über eine Frau, die starb, und einen Beitrag, der über alles spricht ausser über den Grund.

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