9min
Das Barometer: Eine Lobbystudie
Medienkritik
3 Minuten

Das Barometer: Eine Lobbystudie

SRF/SRGWirtschaftGesellschaft
schwerwiegend
Teilen

Der SRF-Beitrag zum «Mietbarometer» des Mieterinnen- und Mieterverbands illustriert ein bekanntes Problem des politischen Journalismus: Interessengetriebene Erhebungen werden rasch als neutrale Bestandsaufnahme behandelt, obwohl sie in Wirklichkeit Teil einer politischen Argumentationskette sind.

Die im Beitrag genannte Zahl ist eindrücklich: Fast 40 Prozent der Mieterinnen und Mieter gäben mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus. Dass viele Haushalte unter erheblichem Druck stehen, ist plausibel und als Thema zweifellos berichtenswert. Gerade deshalb wäre journalistische Sorgfalt bei der Einordnung besonders wichtig gewesen.

Das «Mietbarometer» wurde von Sotomo im Auftrag des Schweizer Mieterinnen- und Mieterverbandes erstellt. Laut Bericht haben 35'000 Personen teilgenommen. Diese Zahl klingt zunächst nach besonderer Belastbarkeit. Für die Aussagekraft einer Umfrage ist aber nicht nur ihre Grösse entscheidend, sondern vor allem die Art, wie die Teilnehmenden rekrutiert wurden. Wenn es sich nicht um eine repräsentative Stichprobe handelt, sondern um eine selbstselektierte Teilnahme oder um eine Erhebung im Umfeld einer Interessenorganisation, dann ist das eine wesentliche methodische Einschränkung. Eine grosse Zahl von Antworten ersetzt keine Repräsentativität.

Genau diese Unterscheidung blieb im SRF-Beitrag weitgehend im Hintergrund. Das Publikum erfährt die Teilnehmerzahl, aber nicht in derselben Klarheit, was sie methodisch bedeutet — und was eben nicht. Damit entsteht leicht der Eindruck, hier werde eine allgemeingültige Vermessung der Lage aller Mieter präsentiert, obwohl es sich zumindest auch um Material aus einem klar interessengeleiteten Kontext handelt.

Hinzu kommt die Auswahl der Stimmen. Michael Töngi wird als Vizepräsident des Mieterinnen- und Mieterverbands vorgestellt. Das ist korrekt, aber unvollständig. Töngi ist zugleich grüner Nationalrat und damit politischer Akteur in genau jenem Feld, über das berichtet wird. Diese zusätzliche Rolle hätte erwähnt werden sollen, nicht um seine Aussagen zu diskreditieren, sondern um ihre politische Einordnung zu erleichtern. Die zweite zitierte Stimme stammt ebenfalls direkt aus dem Mieterverband. Damit kommen in dem Beitrag ausschliesslich Vertreter jener Organisation zu Wort, die die Erhebung in Auftrag gegeben hat und aus ihren Resultaten konkrete politische Forderungen ableitet.

Das führt nicht automatisch zu falscher Berichterstattung. Es führt aber zu einer Schlagseite, wenn wesentliche Gegenperspektiven fehlen. Ein Beitrag über steigende Mieten muss nicht zwangsläufig jede denkbare Ursache behandeln. Doch wenn aus den präsentierten Zahlen unmittelbar die Forderung nach mehr staatlicher Regulierung folgt, dann wäre es naheliegend gewesen, zumindest konkurrierende Erklärungen oder Einwände zu erwähnen: die Rolle von Zuwanderung, von Bauvorschriften und Einsprachen, von Geldpolitik, von fehlendem Angebot oder von Zielkonflikten weiterer Regulierung.

Gerade bei sozialpolitisch aufgeladenen Themen ist die journalistische Aufgabe nicht nur, Betroffenheit sichtbar zu machen, sondern auch die Struktur der Interessen offenzulegen. Im vorliegenden Fall verschwimmt diese Grenze. Eine Interessenorganisation beauftragt eine Erhebung, interpretiert deren Resultate politisch und erhält dafür in einem Nachrichtenbeitrag praktisch den gesamten Deutungsraum. Was fehlt, ist nicht Mitgefühl mit Mietern, sondern Distanz zum Material.

Die Schwäche des Beitrags liegt deshalb weniger in dem, was er sagt, als in dem, was er nicht sichtbar macht: die methodischen Grenzen der Umfrage, die politischen Rollen der Quellen und den Unterschied zwischen einer dokumentierten Problemlage und einem daraus abgeleiteten Regulierungsprogramm. Genau diese Unterscheidungen wären bei einem öffentlich-rechtlichen Medium besonders wichtig.


Quellen: SRF, «Viele Mietende zahlen mehr als 30 Prozent vom Einkommen für Miete», 31. März 2026; Sotomo/Mieterinnen- und Mieterverband, Mietbarometer 2026; Parlamentsdienste: Michael Töngi, Nationalrat Grüne, LU.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.