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Chancengleichheit:  «Hausgemacht»?
Medienkritik
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Chancengleichheit: «Hausgemacht»?

SRF/SRGGesellschaftDemokratie
schwerwiegend
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Zum SRF-Beitrag «Bericht zur Chancengleichheit: ‹Gravierendes Resultat›», 13. Mai 2026

91 Prozent der privilegierten Jugendlichen haben die nötigen Kompetenzen in Mathematik und Lesen. Von den benachteiligten Jugendlichen sind es nur 46 Prozent. Die Lücke dazwischen ist gross. Das ist das Resultat einer Unicef-Studie, das SRF als «gravierend» bezeichnet. Katharina Maag Merki, Professorin an der Universität Zürich, erklärt die Ursache: das selektive Schulsystem. Die Schweiz teile Kinder nach der sechsten Klasse auf. Das sei «entscheidend mitverantwortlich» für die Ungleichheit. Und sie sagt den zentralen Satz des Interviews: «Dass es Unterschiede zwischen Familien gibt, ist ein natürlicher Befund. Aber wie sich diese Unterschiede auf den Bildungserfolg auswirken, das ist hausgemacht.»

Dieser Satz klingt überzeugend. Er ist auch ideologisch aufgeladen. Und er verschweigt die wichtigste Variable der gesamten Debatte.

Was «benachteiligt» heisst

Die Studie unterscheidet zwischen «privilegierten» und «benachteiligten» Jugendlichen. Was heisst das? Im Kontext der Unicef-Studie bedeutet es: sozioökonomisch benachteiligt. Weniger Einkommen. Weniger Bildung der Eltern. Weniger kulturelles Kapital im Haushalt.

Was es in der Schweiz aber auch heisst: Migrationshintergrund. Die Korrelation zwischen sozioökonomischer Benachteiligung und Migrationshintergrund ist in der Schweiz hoch. Familien mit Migrationshintergrund haben im Durchschnitt niedrigere Einkommen, niedrigere Bildungsabschlüsse und häufig Sprachbarrieren. Das ist kein Vorurteil. Das ist eine statistische Realität, die das Bundesamt für Statistik jährlich bestätigt.

SRF erwähnt den Migrationshintergrund nicht. Nicht im Beitragstext. Nicht in der Box. Nicht in den Fragen der Interviewerin. Das Wort «Migration» kommt in keinem der zitierten Sätze vor. Stattdessen wird von «benachteiligten Jugendlichen» gesprochen, als sei Benachteiligung ein soziales Schicksal, das vom Schulsystem produziert wird.

Das ist eine Reduktion. Sie ermöglicht eine einfache Erzählung: Das System ist schuld. Die Selektion ist schuld. Wenn wir die Selektion abschaffen, wird es besser. Die Erzählung ist attraktiv, weil sie eine klare Ursache und eine klare Lösung benennt. Sie ist aber unvollständig, weil sie die Variable ausblendet, die den Unterschied zwischen der Schweiz und den Vergleichsländern massgeblich erklärt.

Der Vergleich mit anderen Ländern

Maag Merki verweist auf «andere Länder, in denen erst viel später selektioniert wird». Das ist das Standardargument der Gegner des dreiteiligen Sekundarschulsystems. Skandinavische Länder, die erst nach der 9. Klasse aufteilen, haben geringere Leistungsunterschiede zwischen sozioökonomischen Gruppen. Das stimmt.

Was nicht erwähnt wird: Diese Länder haben eine andere demografische Zusammensetzung. Finnland, das oft als Vorbild zitiert wird, hat einen Ausländeranteil von rund 8 Prozent. Die Schweiz hat einen Ausländeranteil von über 25 Prozent — und einen deutlich höheren Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund, die die Staatsbürgerschaft erworben haben. Die Vergleichbarkeit ist begrenzt. Ein System, das in einem homogenen Land funktioniert, funktioniert nicht automatisch in einem heterogenen Land.

Das heisst nicht, dass die frühe Selektion gut ist. Es heisst aber, dass die Abschaffung der Selektion nicht automatisch die gleichen Ergebnisse bringt wie in Skandinavien. Die Variable «Heterogenität der Schülerschaft» wird systematisch ausgeblendet, weil sie nicht in das Narrativ passt, dass das System schuld ist.

Das Argument der frühen Selektion

Maag Merki sagt: «Wir machen da viele Fehler, weil diese Einteilung nicht funktioniert.» Das ist eine starke Behauptung. Sie wird im Interview nicht hinterfragt. Was heisst «nicht funktioniert»? Die Schweiz hat eines der besten Bildungssysteme der Welt. Die PISA-Ergebnisse sind im internationalen Vergleich gut. Die Berufsbildung, die auf der frühen Selektion aufbaut, ist weltweit anerkannt.

Was nicht funktioniert, ist die Chancengleichheit. Aber Chancengleichheit ist nicht dasselbe wie Ergebnisgleichheit. Die Frage lautet: Haben benachteiligte Kinder die gleichen Chancen, ihr Potenzial zu entfalten? Oder lautet sie: Erreichen benachteiligte Kinder die gleichen Ergebnisse wie privilegierte Kinder? Das sind unterschiedliche Fragen. Die erste fragt nach der Fairness des Systems. Die zweite fragt nach der Gleichheit der Ergebnisse. Maag Merki scheint die zweite Frage zu stellen, ohne sie explizit zu machen.

Die frühe Selektion hat Vorteile, die im Interview nicht erwähnt werden. Sie ermöglicht eine Förderung nach Leistung. Sie verhindert, dass leistungsstarke Schüler in leistungsschwachen Klassen unterfordert sind. Sie ermöglicht eine Differenzierung der Didaktik und des Tempos. Das sind keine nebensächlichen Vorteile. Sie sind zentral für die Qualität der Förderung — auch für die Förderung derjenigen, die weniger mitbringen.

Die unausgesprochene Variable

Der wichtigste Satz des Interviews lautet: «Dass es Unterschiede zwischen Familien gibt, ist ein natürlicher Befund. Aber wie sich diese Unterschiede auf den Bildungserfolg auswirken, das ist hausgemacht.» Dieser Satz trennt die Natur von der Kultur. Die Natur liefert die Unterschiede. Die Kultur — das Schulsystem — macht daraus Ungleichheit.

Das ist eine ideologische Unterscheidung. Sie setzt voraus, dass die Schule die Unterschiede der Familien korrigieren kann und soll. Sie setzt voraus, dass die Schule der Ort ist, an dem die Gesellschaftsordnung verändert wird. Sie setzt voraus, dass das Ziel der Schule nicht die Förderung nach Potenzial ist, sondern die Herstellung von Gleichheit.

Das ist eine legitime politische Position. Es ist aber keine wissenschaftliche Aussage. Es ist eine Wertentscheidung. Die Wertentscheidung lautet: Gleichheit ist wichtiger als Leistungsdifferenzierung. Soziale Gerechtigkeit ist wichtiger als individuelle Förderung. Das System soll die Gesellschaft verändern, nicht die Gesellschaft im System abbilden.

Maag Merki vertritt diese Position. Das ist ihr Recht. SRF gibt ihr die Bühne, ohne die Position als das zu benennen, was sie ist: eine politische. Die Interviewerin fragt nicht: Ist das Ziel der Schule die Chancengleichheit oder die Leistungsförderung? Sie fragt nicht: Was ist der Preis der Abschaffung der Selektion — für die leistungsstarken Schüler, für die Lehrpersonen, für die Qualität des Unterrichts? Sie fragt nicht: Gibt es Belege dafür, dass die Abschaffung der Selektion die Ergebnisse der Benachteiligten verbessert, ohne die Ergebnisse der Privilegierten zu verschlechtern?

Diese Fragen werden nicht gestellt. Die Sendung ist keine Diskussion. Sie ist eine Bestätigung.

Was «hausgemacht» wirklich heisst

Wenn die Unterschiede zwischen Familien «natürlich» sind, die Auswirkungen auf den Bildungserfolg aber «hausgemacht», dann lautet die logische Frage: Was genau ist hausgemacht? Die Antwort der Professorin lautet: das selektive System. Die Selektion nach der sechsten Klasse verstärke die Unterschiede, weil sie benachteiligte Kinder auf niedrigere Schienen verteile.

Das ist ein möglicher Kausalzusammenhang. Er ist aber nicht der einzige. Ein anderer lautet: Die Unterschiede werden nicht durch die Selektion verstärkt, sondern durch die Voraussetzungen, die die Kinder in die Schule mitbringen. Sprachkompetenz. Kulturelles Kapital. Elterliche Unterstützung. Motivation. Diese Voraussetzungen sind nicht «hausgemacht» im Sinne des Schulsystems. Sie sind hausgemacht im Sinne der Familien — und bei Familien mit Migrationshintergrund oft hausgemacht im Sinne der Migrationsgeschichte.

Wer diesen Kausalzusammenhang erwägt, kommt zu anderen Schlussfolgerungen. Nicht die Selektion ist das primäre Problem, sondern die Voraussetzungen. Nicht die Abschaffung der Selektion ist die Lösung, sondern die Verbesserung der Voraussetzungen. Das heisst: frühe Sprachförderung. Integration der Eltern. Stärkung der Vorschule. Das sind Massnahmen, die vor der Selektion ansetzen, nicht bei ihr.

Maag Merki erwähnt die Frühförderung. Sie sagt: «Wir brauchen ein besseres System in der Frühförderung.» Das ist ein Satz am Rande. Der Schwerpunkt liegt auf der Selektion. Das ist bemerkenswert. Wenn die Voraussetzungen das Problem sind, warum dann die Selektion als Hauptschuldige benennen? Weil die Abschaffung der Selektion ein politisches Projekt ist. Die Verbesserung der Frühförderung ist ein administratives Projekt. Politische Projekte sind attraktiver. Sie versprechen Systemwandel statt Verwaltung.

Die Frage, die nicht gestellt wird

Die wichtigste Frage lautet: Was passiert, wenn die Selektion abgeschafft wird und die Ergebnisse sich nicht verbessern? Diese Frage wird nicht gestellt. Sie ist aber die entscheidende. Wenn die Ursache der Ungleichheit nicht die Selektion ist, sondern die Voraussetzungen, dann wird die Abschaffung der Selektion die Ungleichheit nicht beseitigen. Sie wird sie nur unsichtbarer machen. In einer leistungsgemischten Klasse sind die Unterschiede nicht mehr sichtbar, weil es keine getrennten Schienen gibt. Sie existieren aber weiter — innerhalb der Klasse. Die einen verstehen den Stoff sofort. Die anderen brauchen Nachhilfe. Die einen haben Eltern, die helfen. Die anderen haben Eltern, die es nicht können.

Die Abschaffung der Selektion löst das Problem der Sichtbarkeit. Sie löst nicht das Problem der Ungleichheit. Sie macht es nur schwerer messbar. Das ist ein Unterschied, der im Interview nicht thematisiert wird.

Der Befund

Der Beitrag ist ein Beispiel dafür, wie SRF eine politische Position als wissenschaftliche Erkenntnis präsentiert. Die Professorin vertritt eine legitime, aber umstrittene Position in der Bildungspolitik. Die Interviewerin hinterfragt diese Position nicht. Die Variable Migrationshintergrund wird nicht erwähnt. Die Grenzen des internationalen Vergleichs werden nicht thematisiert. Die möglichen Nachteile der Abschaffung der Selektion werden nicht erörtert.

Übrig bleibt eine Sendung, die den Eindruck erweckt, die Wissenschaft habe gesprochen: Die Selektion ist schuld. Die Abschaffung ist die Lösung. Alles andere ist «hausgemacht».

Die Realität ist komplexer. Die Schweiz hat ein Bildungssystem, das insgesamt gut funktioniert, aber bei der Chancengleichheit Schwächen hat. Diese Schwächen haben multiple Ursachen: die frühe Selektion, die soziale Herkunft, den Migrationshintergrund, die Sprachbarrieren, die kulturellen Unterschiede. Wer nur eine Ursache benennt und die anderen verschweigt, betreibt keine Wissenschaft. Er betreibt Politik. Im Namen der Wissenschaft.

«Hausgemacht» ist das richtige Wort. Nur nicht im Sinne der Professorin. Die Ausblendung des Migrationshintergrunds ist hausgemacht. Die Reduktion auf eine Ursache ist hausgemacht. Die Präsentation einer politischen Position als wissenschaftliche Erkenntnis ist hausgemacht. Das alles ist hausgemacht — von einer Medienkultur, die lieber einfache Antworten gibt als komplexe Fragen stellt.

Originalbeitrag auf X →

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