9min
Ausgelagerte Aufklärung
Medienkritik
7 Minuten

Ausgelagerte Aufklärung

SRF/SRGAbstimmungenDemokratie
schwerwiegend
Teilen

*Teil 2: Zur SRF-Berichterstattung «So viel Geld fliesst in die Abstimmungskampagnen», 7. Mai 2026 *

@9min_news * Teil I: *«Zahlen ohne Frage»

Die unscheinbare Quellenangabe

Am Ende des SRF-Artikels steht eine Methodenbox. In dieser Methodenbox steht ein Satz, der die ganze Geschichte verändert: «Zur Analyse wurden durch das WAV-Recherchekollektiv aufbereitete Daten verwendet.» Die Visualisierungen, die Netzwerkdarstellungen, die ganze analytische Architektur des Berichts — alles stammt aus dem Open-Source-Webtool «das Geld + die Politik», das vom WAV-Recherchekollektiv betrieben wird.

WAV ist nicht SRF. WAV ist, in der Selbstbeschreibung der eigenen Website, «ein zwölfköpfiges Recherchekollektiv aus Zürich». Es bezeichnet sich seit 2021 als «Recherchepartner für Journalist:innen und Redaktionen, die Zivilgesellschaft und den Non-Profit-Sektor». Seine Recherchen, so die Eigendarstellung, «hinterfragen kritisch und öffnen die Türen der Sitzungszimmer und Board-Rooms».

Das ist nicht neutrale Datenaufbereitung. Das ist eine politische Mission. Wer die Türen von Sitzungszimmern und Board-Rooms öffnen will, hat eine bestimmte Vorstellung davon, was hinter diesen Türen vor sich geht — und welche Seite der demokratischen Auseinandersetzung der Aufklärung bedarf. Diese Vorstellung ist nicht versteckt. Sie steht auf der Startseite.

Das Grössenverhältnis

Die SRG verfügt 2026 über ein Jahresbudget von rund 1,5 Milliarden Franken. Sie beschäftigt rund 6'500 Mitarbeitende. SRF Data, die Datenjournalismus-Abteilung, hat ein Team, das im Vergleich zu redaktionellen Newsrooms klein ist, aber im Vergleich zu jeder anderen Schweizer Medieninstitution ressourcenstark.

Diese Institution liefert zur teuersten Abstimmung seit Beginn der Offenlegungspflicht keine eigene Analyse. Sie greift auf das Tool eines zwölfköpfigen Kollektivs zurück, das sich explizit als Recherchepartner der «Zivilgesellschaft und des Non-Profit-Sektors» positioniert.

Diese Konstellation hat Konsequenzen, die in der Berichterstattung nicht thematisiert werden. SRF erscheint als neutraler Berichterstatter über transparente Daten. Tatsächlich übernimmt SRF die Datenarchitektur einer Organisation, die selbst Akteur in dem Feld ist, über das berichtet wird.

Die Auswahlfrage

Die WAV-Datenbank stellt nicht alle Informationen gleichwertig dar. Wie jede Datenaufbereitung trifft sie Auswahlentscheidungen: welche Akteure werden hervorgehoben, welche Verbindungen werden visualisiert, welche Gewichtungen werden vorgenommen, welche Interpretationen werden in die Kategorien eingebaut.

Im SRF-Artikel erscheint Economiesuisse mit 4,7 Millionen als grösster Posten der Nein-Seite. Das ist eine Information. Es ist auch eine Aggregation: Economiesuisse fasst Mittel von Mitgliederfirmen zusammen, deren einzelne Beiträge nicht offengelegt werden müssen, weil der Verband als juristische Person den Schwellenwert einhält. Welche Konzerne, welche Branchen, welche wirtschaftlichen Interessen tatsächlich hinter diesen 4,7 Millionen stehen, bleibt im Dunkeln. Die Transparenz endet beim Verband.

Die «Stiftung für bürgerliche Politik» auf der Ja-Seite mit 1,1 Millionen funktioniert nach demselben Muster. Auch hier endet die Transparenz bei der juristischen Person.

Die Position «Unbekannt an SP» mit 1,6 Millionen Franken Kleinspenden bezeichnet eine andere Kategorie: Spenden unter der Namensnennungsschwelle von 15'000 Franken, die in der Summe einen Millionenbetrag ergeben. Wer hier konkret was gespendet hat, bleibt unbekannt — strukturell, weil das Gesetz die Offenlegung erst ab 15'000 Franken verlangt.

Diese drei Anonymisierungsschichten — Verbandsaggregation, Stiftungskonstruktion, Kleinspendenschwelle — funktionieren formal symmetrisch, wirken aber asymmetrisch. Sie verstecken auf der Wirtschaftsseite die Identität der zahlenden Konzerne und auf der Linkseite die Identität der zahlenden Einzelpersonen oder Strukturen. Eine kritische Berichterstattung würde diese Asymmetrie thematisieren. Die WAV-basierte Berichterstattung tut es nicht.

Die ideologische Schwerkraft

Eine Organisation, die «Transparenz schafft, damit Verantwortliche an ihren Taten gemessen werden», hat ein bestimmtes Bild davon, wer die Verantwortlichen sind und woran sie zu messen sind. Im Schweizer politischen Spektrum sind die typischen Adressaten solcher Aufklärungsmissionen: Konzerne, Wirtschaftsverbände, bürgerliche Parteien, vermögende Privatpersonen mit politischen Ambitionen.

WAV operiert nicht aus dem Nichts. Das Kollektiv ist Teil eines Ökosystems aus NGOs, Stiftungen, kritischen Online-Medien, das in den letzten Jahren eine bestimmte Form des «Watchdog-Journalismus» etabliert hat. Diese Form ist nicht falsch. Sie ist auch nicht neutral. Sie betrachtet Wirtschaftsmacht als das primäre Aufklärungsobjekt und politische Macht der Linken oder der Zivilgesellschaft als legitime Gegenkraft, deren Ressourcen weniger erklärungsbedürftig sind.

Konkret: Wenn die SVP 2,7 Millionen Franken in eine Initiative steckt, ist das in der WAV-Logik ein politischer Vorgang, der Sichtbarkeit erfordert. Wenn die Gewerkschaft Unia 452'000 Franken in die Gegenkampagne steckt, ist das in derselben Logik ein zivilgesellschaftlicher Vorgang, der weniger erklärungsbedürftig ist. Die Sprache des SRF-Artikels reflektiert diese Hierarchie: Die Ja-Seite stamme «mehrheitlich aus dem SVP-Umfeld» — eine kritisch-distanzierte Markierung. Die Nein-Seite bilde «eine breite Allianz aus Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden und linken bis bürgerlichen Parteien» — eine staatstragende Markierung der Pluralität.

Die delegierten Definitionen

SRF übernimmt von WAV nicht nur die Daten, sondern die Sortierung, die Visualisierung, die Hierarchisierung. Wer in der grafischen Darstellung gross erscheint, ist gross. Wer klein erscheint, ist klein. Wer als «Person» kategorisiert wird (Philippe Gaydoul mit 250'000 Franken), erscheint anders als wer als «Komitee» oder «Berufsverband» kategorisiert wird, auch wenn die wirtschaftlichen Realitäten ähnlich sind.

Diese Kategorisierungen sind nicht neutral. Sie sind Entscheidungen einer kleinen Redaktion in Zürich, die ihre eigenen politischen Schwerpunkte hat. Eine Person mit 250'000 Franken erscheint als personalisierte Spende — ein Konzern, der über Economiesuisse das Zwanzigfache spendet, erscheint als Verbandsbeitrag. Die individuelle Spende wird sichtbarer, die organisierte Spende verschwimmt im Verband.

Wer diese Wahl getroffen hat? Nicht SRF. WAV. Wer die Verantwortung trägt? Formal SRF, weil SRF publiziert. Faktisch ein Recherchekollektiv, das sich seinen eigenen Auftrag gibt.

Die strukturelle Frage

Hier ist nicht das Problem, dass eine kritische zivilgesellschaftliche Organisation Daten aufbereitet. Das ist legitim. Das Problem ist die Konstellation: Ein öffentlich-rechtlicher Sender mit Milliardenbudget, der dem Anspruch auf Ausgewogenheit verpflichtet ist, übernimmt die Datenarchitektur einer Organisation, die explizit eine politische Mission verfolgt, ohne diese Mission zu thematisieren.

Die Konsequenz ist eine doppelte Vereinnahmung. WAV gewinnt durch SRF an Reichweite und Legitimität — die Daten erscheinen mit dem Gütesiegel des Schweizer Fernsehens, nicht mit dem eines kleinen Aktivisten-Kollektivs. SRF gewinnt durch WAV den Datenjournalismus, den die eigene Redaktion offenbar nicht leisten kann oder will, und kann die ideologische Färbung als externes Produkt verbuchen.

Die Leserin sieht weder das eine noch das andere. Sie sieht einen sauberen Datenartikel mit transparenter Methodenbox und denkt, sie habe eine objektive Übersicht. Tatsächlich hat sie die Weltsicht eines zwölfköpfigen Kollektivs gelesen, gefiltert durch eine Redaktion, die diese Weltsicht teilt.

Der Befund

SRF berichtet nicht über die Kampagnenfinanzierung. SRF reicht eine WAV-Aufbereitung weiter, mit eigener Sprache, eigenen Akzenten, aber ohne eigene analytische Substanz. Das ist nicht ein Skandal, sondern eine strukturelle Tatsache, die der Berichterstattung über schweizerische Politik immer mehr Gestalt gibt.

In den letzten Jahren hat sich ein Muster etabliert: Investigative Datenjournalismus-Aufgaben, die früher klassische Redaktionen erledigten, werden zunehmend von kleinen, ideologisch profilierten Kollektiven übernommen, deren Produkte dann über die grossen Medienhäuser zirkulieren. Republik publiziert Recherchen aus dem zivilgesellschaftlichen Umfeld. Watson übernimmt Aufbereitungen von NGOs. SRF integriert WAV-Tools.

Diese Outsourcing-Struktur hat einen ökonomischen Grund — Datenjournalismus ist teuer, kleine Kollektive sind billig oder kostenlos — und einen politischen Effekt: Die ideologische Färbung der externen Lieferanten färbt die Berichterstattung der grossen Medien, ohne dass diese Färbung als solche kenntlich gemacht würde.

Im konkreten Fall: Die teuerste Abstimmung seit Einführung der Offenlegungspflicht wird einer Schweizer Öffentlichkeit präsentiert, die annimmt, sie lese SRF — und tatsächlich liest, was ein zwölfköpfiges Recherchekollektiv mit explizitem Mandat «für die Zivilgesellschaft» entschieden hat zu zeigen, in welcher Reihenfolge, in welcher Gewichtung, mit welchen Kategorien.

Die Methodenbox am Artikelende erwähnt das. Sie erwähnt nicht, was es bedeutet. Wer sie liest, lernt, dass die Daten von WAV stammen. Wer sie nicht liest — und das wird die Mehrheit sein —, hält das Ganze für eine SRF-Eigenproduktion.

Die Frage ist nicht, ob WAV gute Arbeit leistet. Vermutlich tut das Kollektiv das, was es sich vorgenommen hat, sorgfältig. Es scheint so. Die Frage ist, warum ein Sender mit 1,5 Milliarden Franken Jahresbudget zu einer der politisch zentralsten Abstimmungen seines Berichtsjahres die Datenanalyse von zwölf Personen aus Zürich übernimmt — und ob diese Konstellation der Anforderung an einen öffentlich-rechtlichen, zur Ausgewogenheit verpflichteten Sender genügt.

Die Antwort steht nicht im Artikel. Sie steht auch nicht in der Methodenbox. Sie ergibt sich aus der Lektüre der Quellenangabe und der Selbstbeschreibung der Quelle. Wer beides liest, sieht eine andere Geschichte als die, die SRF erzählt.

Originalbeitrag auf X →

Ähnliche Beiträge

Kein Artikel verpassen.