Aktivismus mit Redaktorenausweis
Zur SRF-«Analyse» von Klaus Ammann zum Klimagipfel in Santa Marta vom 1. Mai 2026
Die Tarnung als Genre
Beachten Sie, was ganz oben über dem Text steht: «Eine Analyse von Klaus Ammann».
Das ist ein Genre-Label, das in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung wichtig ist. Eine «Analyse» ist nicht ganz Bericht, nicht ganz Kommentar, sondern etwas dazwischen — ein Format, in dem der Autor über die reine Faktendarstellung hinausgehen darf, ohne sich offiziell als meinungsstarker Kommentator zu deklarieren. Die Analyse ist die rhetorische Sänfte, in der Wertungen unauffällig transportiert werden.
Schauen wir, was in dieser Sänfte mitfährt:
«Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas — Schweiz muss konkret werden»
«Um glaubwürdig zu bleiben, wird die Schweiz aber konkreter werden müssen»
«sondern auch ihre Hebel für den Klimaschutz nutzen»
Das sind keine Analysen. Das sind Forderungen. Es sind die Forderungen einer politischen Position — der Position einer aktivistisch-progressiven Klimapolitik —, formuliert im Stil einer Sachbeschreibung. Wer den Text liest, ohne auf das Format-Etikett zu achten, könnte den Eindruck bekommen, hier werde objektiv über internationale Klimadiplomatie berichtet. Tatsächlich wird Position bezogen, und zwar konsequent.
Die Sprache der einseitigen Einteilung
Schauen wir die zentralen Begriffe, mit denen die Akteure sortiert werden:
Die Guten:
«Klimakonferenz der Willigen»
«Staaten, die vorwärtsmachen»
die «Interessierten und Betroffenen»
die wissenschaftlich Begleitenden
Frankreich, das einen «Pflock eingeschlagen» hat
Die Schlechten:
die «Bremser» aus den USA, Russland und den Golfstaaten
Bremser, die «nicht mitreden dürfen» sollen
internationale Rohstoffkonzerne, «auch solche mit Sitz in der Schweiz»
Diese Sortierung ist keine Beobachtung. Sie ist eine Wertung. Sie unterstellt, dass die «Willigen» moralisch im Recht sind, die «Bremser» moralisch im Unrecht. Sie blendet aus, dass die «Bremser» — die USA, Russland, die Golfstaaten — fundamental unterschiedliche Gründe haben für ihre Position. Die USA haben demokratisch gewählte Regierungen, die unterschiedliche energiepolitische Prioritäten setzen. Russland ist eine Autokratie mit Rohstoffabhängigkeit. Die Golfstaaten sind Monarchien mit anderer wirtschaftlicher Struktur. Diese Akteure in einen Topf zu werfen und als «Bremser» zu etikettieren, ist nicht analytisch, sondern parteiisch.
Bemerkenswert ist auch der Vorschlag, dass die «Bremser nicht mitreden dürfen» sollen. Das ist ein bemerkenswerter Satz für einen öffentlich-rechtlichen Journalisten. Er feiert eine Konferenz dafür, dass sie wichtige Akteure ausschliesst. Stellen Sie sich vor, dieselbe Logik würde bei anderen internationalen Verhandlungen vertreten: «Die Bremser bei den Menschenrechten dürfen nicht mitreden.» Das wäre als problematisch erkannt worden. Hier ist es Lob.
Internationale Klimapolitik ohne die grossen Verbraucher ist allerdings genau das: ein Spiel ohne die wichtigsten Spieler. Der globale Treibhausgasausstoss ist zu rund 60 Prozent von den «Bremser»-Staaten und ihren Verbündeten verursacht. Wer diese Akteure aus der Verhandlung ausschliesst, kann zwar moralische Rituale veranstalten, aber keine effektive Politik machen. Die «Konferenz der Willigen» ist deshalb in erster Linie ein Symbol — und Ammann verkauft sie als realpolitischen Fortschritt.
Die geopolitische Lücke
Ammann erwähnt in einem einzigen Halbsatz den «Krieg im Nahen Osten» als Faktor für steigende Öl- und Gaspreise. Sonst kommt der geopolitische Kontext praktisch nicht vor.
Das ist eine bemerkenswerte Auslassung. Die globale Energiepolitik der letzten vier Jahre wurde von zwei Faktoren dominiert, die in der Klimadebatte gerne ausgeblendet werden:
Erstens: Der russisch-ukrainische Krieg. Er hat Europa gezwungen, in kürzester Zeit aus russischem Gas auszusteigen — was zu einem massiven Ausbau von LNG-Terminals, neuer Kohleförderung in Deutschland und einer beschleunigten Wiederinbetriebnahme fossiler Kraftwerke führte. Die ehrliche Klimabilanz Europas ist nach 2022 schlechter geworden, nicht besser. Davon liest man bei Ammann nichts.
Zweitens: Der Aufstieg Chinas und Indiens. Beide Länder bauen weiterhin Kohlekraftwerke, weil sie den Lebensstandard ihrer Bevölkerung heben wollen — wie es Europa und die USA in ihrer Industrialisierung auch getan haben. Jede europäische Tonne CO2, die eingespart wird, wird in Asien um ein Mehrfaches dazugeschlagen. Die globale Klimabilanz der westlichen Klimapolitik ist deshalb realistisch betrachtet eher symbolisch als substanziell. Davon liest man bei Ammann ebenfalls nichts.
Diese Auslassungen sind nicht harmlos. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass die «Klimakonferenz der Willigen» als ernsthafte Politik präsentiert werden kann. Würde Ammann den geopolitischen Kontext ehrlich einbauen, müsste er schreiben: 57 Länder, die zusammen vielleicht 15 Prozent des globalen CO2-Ausstosses verursachen, beschliessen einen Ausstieg, während die anderen 85 Prozent weiter emittieren oder sogar ausbauen. Das wäre eine Analyse. Was er liefert, ist Werbung.
Die Investitionsschutz-Frage
Ein Detail im Text verdient besondere Aufmerksamkeit:
«Dafür muss der internationale Investitionsschutz so gelockert werden, dass Kolumbien seine Kohleminen schliessen kann, ohne deshalb von den Besitzern — meist internationalen Rohstoff-Konzernen, auch solchen mit Sitz in der Schweiz — auf Milliarden an Schadenersatz verklagt zu werden.»
Das ist ein bemerkenswerter Satz. Er fordert die Lockerung des internationalen Investitionsschutzes. Er fordert sie, weil sie politisch erwünschten Klimaschutzmassnahmen im Weg steht.
Halten wir kurz inne. Investitionsschutz ist eine zentrale Errungenschaft der internationalen Wirtschaftsordnung. Er ermöglicht es Investoren, in Länder zu investieren, ohne fürchten zu müssen, dass die Regierung das Eigentum nach Belieben enteignet. Ohne Investitionsschutz fliesst kein Kapital von wohlhabenden in ärmere Länder, weil das Risiko zu hoch wäre. Die Schweiz, als grosser Kapitalexporteur, hat ein massives Interesse an funktionierendem Investitionsschutz.
Ammann fordert die Lockerung dieses Schutzes — selektiv, für klimapolitische Zwecke. Er erwähnt nicht, dass diese Lockerung Konsequenzen hätte, die weit über die Klimapolitik hinausreichen. Wenn Staaten Investitionen entschädigungslos enteignen können, sobald die politische Stimmung sich ändert, werden sie in Zukunft weniger Investitionen bekommen. Genau das wäre für die ärmeren Länder, die Ammann zu schützen vorgibt, am Ende nachteilig.
Auch hier: keine Analyse, sondern Position. Eine Position, die einseitig die Interessen der Klimapolitik gegen die Interessen der Eigentumsordnung stellt — und sich dabei nicht einmal die Mühe macht, die Folgekosten zu erwähnen.
Das Kolumbien-Bild
Der Text idealisiert Kolumbien. Es wird als Vorreiter-Land präsentiert, das mutig den Ausstieg wagt und Unterstützung verdient.
Schauen wir die Realität. Kolumbien wird seit 2022 von Präsident Gustavo Petro regiert, einem ehemaligen Guerilla-Aktivisten und ersten linken Präsidenten der Geschichte des Landes. Petros Klimapolitik ist Teil seines politischen Profils — eines Profils, das von der kolumbianischen Wirtschaft, von Teilen der Wissenschaft und von der bürgerlichen Mittelschicht kritisch gesehen wird. Sein Versuch, aus der Kohle auszusteigen, wird in Kolumbien selbst kontrovers diskutiert: Es geht um Hunderttausende Arbeitsplätze, um die Hälfte der Exporteinnahmen, um die Stabilität ganzer Regionen.
Davon liest man im SRF-Beitrag nichts. Stattdessen wird Kolumbien als einig handelnder Akteur dargestellt, der einen Weg geht, dem die Schweiz mit Wohlwollen folgen sollte. Die innere Differenz Kolumbiens, die Tatsache, dass Petros Regierung 2026 bereits in der zweiten Halbzeit ist und 2026 die Wahlen anstehen, dass möglicherweise eine bürgerliche Regierung den Ausstiegsfahrplan wieder kassieren wird — all das fehlt.
Es fehlt, weil es nicht in die Erzählung passt. Die Erzählung will, dass die «Willigen» im globalen Süden die Vernunft auf ihrer Seite haben und nur durch die «Bremser» im globalen Norden behindert werden. Die Realität ist deutlich komplizierter. Der globale Süden ist intern gespalten zwischen Klimapolitik und Entwicklungsinteressen. Die Konferenz in Santa Marta repräsentiert eine bestimmte Strömung, nicht den Süden insgesamt.
Die Schweizer «Glaubwürdigkeit»
Der Schluss des Textes formuliert die zentrale Forderung:
«Um glaubwürdig zu bleiben, wird die Schweiz aber konkreter werden müssen.»
Schauen wir diesen Satz genau an. «Glaubwürdig» — vor wem? Vor wem will die Schweiz glaubwürdig sein? Vor 57 Konferenzteilnehmern, die zusammen einen kleinen Teil der globalen Wirtschaft repräsentieren? Vor einer journalistischen Klassen, die in Bern, Zürich und Brüssel die Klimadebatte führt? Vor einer Wählerschaft, die das Netto-Null-Gesetz mit knapper Mehrheit angenommen hat?
Die Schweizer Demokratie hat zur Klimapolitik eine ambivalente Haltung. Das Netto-Null-Gesetz wurde 2023 mit 59 Prozent angenommen — keine überwältigende Mehrheit. Das CO2-Gesetz wurde 2021 abgelehnt. Die Schweizer Wählerschaft will Klimaschutz, aber nicht um jeden Preis, und sie ist sensibel für die wirtschaftlichen Folgen.
Wenn Ammann nun sagt, die Schweiz müsse «konkreter werden», dann fordert er eine Politik, die über den demokratisch festgelegten Konsens hinausgeht. Er begründet diese Forderung mit «Glaubwürdigkeit» — einem Begriff, der die innere demokratische Legitimation gegen ein externes moralisches Forum austauscht. Glaubwürdig sein gegenüber den 57 Konferenzteilnehmern, gegenüber der internationalen Klimadiplomatie, gegenüber der NGO-Szene wird wichtiger als die Übereinstimmung mit der Schweizer Wählerschaft.
Das ist die typische Operation der grenzüberschreitenden Moralpolitik: Innenpolitische Forderungen werden mit aussenpolitischer Reputation begründet. «Wir müssen X tun, weil wir sonst international schlecht dastehen.» Der Wähler, der eigentlich die Politik bestimmt, wird durch ein Publikum ersetzt, dessen Beifall niemand demokratisch legitimiert.
Wer ist Klaus Ammann?
Am Ende des Beitrags steht die übliche Personenbox:
«Der Historiker und Russist ist seit 2004 als Redaktor bei Radio SRF tätig. Seit 2011 arbeitet Klaus Ammann für die Wirtschaftsredaktion. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Energie- und Klimathemen.»
Das ist die übliche Kompetenz-Inszenierung. Ammann ist seit 22 Jahren bei SRF, davon 15 in der Wirtschaftsredaktion mit Klima-Schwerpunkt. Er ist ein etablierter Journalist mit erheblicher institutioneller Macht.
Wer Ammanns publizierte Beiträge der letzten Jahre durchgeht, findet eine konsistente Linie: Klimapolitik ist gut, Klimaskepsis ist schlecht, mehr ist besser, weniger ist Verrat, internationale Verpflichtungen sind verbindlich, nationale Vorbehalte sind kleinkrämerisch. Die Linie ist nicht heimlich, sie ist nicht einmal verdeckt — sie ist das publizistische Profil eines Journalisten, der sich selbst als Klimaaktivist im Redaktionsanzug versteht.
Das ist sein gutes Recht als Person. Es ist auch nicht ungewöhnlich für die Klima-Journalistik der westlichen Medien. Was problematisch wird: dass diese Linie unter dem Etikett «Analyse» ausgeliefert wird, in einem öffentlich-rechtlichen Sender, der sich der Ausgewogenheit verpflichtet hat. Eine «Analyse», die konsequent eine Seite vertritt, ist keine Analyse. Sie ist Aktivismus mit Redaktionsstempel.
Der Befund
Der Beitrag ist das, was die öffentlich-rechtliche Klimaberichterstattung seit Jahren produziert: eine moralisch aufgeladene Reportage, die unter dem Format-Etikett der «Analyse» Forderungen transportiert, geopolitische Komplexität ausblendet, eigene Lager in «Willige» und «Bremser» aufteilt und am Ende eine konkrete politische Forderung an die Schweiz richtet — eingerahmt in das Vokabular der «Glaubwürdigkeit», das die innere demokratische Legitimation durch externe moralische Reputation ersetzt.
Was im Text fehlt:
Die geopolitischen Realitäten von Russland-Krieg und China-Industrialisierung, die jede europäische Klimabilanz relativieren.
Die innere Spaltung Kolumbiens und der Wahlausgang 2026.
Die quantitative Bedeutung der «Konferenz der Willigen» im globalen CO2-Bilanz.
Die Folgekosten einer Lockerung des Investitionsschutzes für die internationale Kapitalordnung.
Die demokratische Legitimation einer Politik, die über das Netto-Null-Gesetz hinausgeht.
Eine kritische Stimme aus Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik.
Was im Text steht: ein konsistentes Plädoyer für eine bestimmte klimapolitische Linie, vorgetragen mit der Autorität des öffentlich-rechtlichen Wirtschaftsredaktors, mit dem Genre-Etikett der «Analyse», mit dem Vokabular der Selbstverständlichkeit.
Wer diesen Beitrag als Information nimmt, wird informiert. Aber er wird nicht über die Realität informiert, sondern über die Position, die in einer bestimmten medialen Klasse als selbstverständlich gilt. Die Realität ist komplexer, ambivalenter, weniger heroisch. Die «Konferenz der Willigen» ist eine Versammlung von Symbolakteuren, deren konkreter Klimaeffekt minimal ist. Die «Glaubwürdigkeit» der Schweiz hängt von ihren eigenen Bürgern ab, nicht von einem internationalen Forum. Der «Ausstieg» aus Öl und Gas wird, sofern er stattfindet, durch technologischen Fortschritt und Marktmechanismen getrieben werden, nicht durch politische Beschlüsse einer Konferenz von 57 Staaten.
Klaus Ammann weiss das alles. Er ist ein erfahrener Wirtschaftsredaktor. Er entscheidet sich dafür, es nicht zu schreiben. Stattdessen schreibt er einen Text, der dem Leser ein einfaches moralisches Tableau anbietet: gute Willige, böse Bremser, Schweiz muss konkreter werden. Es ist die Klimadebatte als Comic-Strip, distribuiert mit dem Etikett der «Analyse».
Die Schweizer Wählerschaft, die in den letzten Jahren in Klimafragen ambivalente Signale gesendet hat, wird zunehmend skeptisch gegenüber dieser Art von Berichterstattung. Sie merkt, dass sie nicht informiert, sondern bearbeitet wird. Sie stimmt 2021 das CO2-Gesetz ab, sie nimmt 2023 das Netto-Null-Gesetz mit Vorbehalten an, sie wird 2027 die nächste Klimaabstimmung treffen — und vermutlich wieder nicht so, wie es Ammann gerne hätte.
Wenn das eintritt, wird Ammann das vermutlich als Versagen der Demokratie interpretieren, nicht als Versagen seiner Berichterstattung. Aber es wird ein Symptom dafür sein, dass die öffentlich-rechtliche Klima-Aktivismus-Sänfte langsam an ihre Grenze kommt. Die Bürger merken, was darin transportiert wird. Und sie reagieren — manchmal anders, als der Redaktor hofft.
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