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Der Soziologe, die Null, und die Summe, die keine ist
Medienkritik
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Der Soziologe, die Null, und die Summe, die keine ist

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*Zum Gastkommentar von Oliver Nachtwey im Tages-Anzeiger vom 18. April 2026: *«Der Kuchen schrumpft — und schuld sind die anderen»

Oliver Nachtwey ist ein ernstzunehmender Soziologe. Seine Bücher mit Carolin Amlinger — «Gekränkte Freiheit», zuletzt «Zerstörungslust» — sind in ihrer Milieubeobachtung präzise und in der Theoriearbeit solide. Wenn er schreibt, lohnt sich das Lesen. Das gilt auch für diesen Kommentar. Er enthält richtige Beobachtungen. Er enthält aber auch eine Denkfigur, die zu besichtigen sich lohnt, weil sie stellvertretend für eine ganze Kategorie von Erklärungen der Gegenwart steht.

Die Denkfigur lautet: Menschen, die sich gegen unbegrenzte Zuwanderung aussprechen, tun dies, weil sie einer psychologischen Fehlwahrnehmung aufsitzen. Das «Nullsummendenken». Sie glauben, der Kuchen schrumpfe, obwohl er in Wahrheit wächst oder wenigstens gleich bleibt. Sie nehmen Gewinne anderer als eigene Verluste wahr, obwohl objektiv alle profitieren könnten. Ihre politische Position ist damit nicht Ausdruck einer rationalen Interessenabwägung, sondern eines mentalitätsgeschichtlichen Fehlschlusses.

Das ist, theoretisch interessant oder nicht, empirisch eine starke Behauptung. Schauen wir, ob sie trägt.

Die unausgesprochene Prämisse

Der Kommentar setzt voraus, dass das Nullsummendenken falsch ist. Dass der Kuchen in Wirklichkeit wächst. Dass es objektiv genug für alle gibt. Dass die Wahrnehmung, Migration führe zu Verlusten bei den Etablierten, eine Fehlwahrnehmung ist, eine «klaustrophobische und potenziell explosive» Mentalität, die rational nicht gedeckt ist.

Diese Prämisse wird nie belegt. Sie wird vorausgesetzt. Und sie muss vorausgesetzt werden, damit der Argumentationsgang funktioniert, denn sonst verwandelt sich die ganze Analyse: Was Nachtwey als psychologische Verzerrung beschreibt, wäre dann eine korrekte Lagebeurteilung.

Prüfen wir also die Prämisse.

Wohnraum

Nachtwey erwähnt den Wohnraum selbst. «Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen hat dann weniger etwas mit einer Politik zu tun, die zu wenig für sozialverträglichen Neubau getan hat (…) sondern einzig daran, dass zu viele Nichteinheimische in Wohnungen wohnen, die den Einheimischen dann nicht mehr zur Verfügung stehen.»

Die Formulierung «einzig daran» ist das rhetorische Instrument. Niemand behauptet, das sei der einzige Grund. Die Frage ist, ob es ein Grund ist. Und hier ist die Antwort empirisch eindeutig: ja.

Der Schweizer Wohnungsmarkt ist ein geschlossener Raum mit einer festen Menge an Quadratmetern pro Zeiteinheit. Er wächst, aber langsam. Die Bevölkerung wächst schneller, vor allem durch Zuwanderung. In diesem Mismatch zwischen Angebotswachstum und Nachfragewachstum entstehen Preissteigerungen, Leerstandsrückgänge und Verdrängung — nicht aus Einbildung, sondern aus Arithmetik.

Das ist keine Ideologie, das ist der Basisfall der Mikroökonomie. Wenn die Nachfrage steigt und das Angebot langsamer steigt, steigen die Preise. Und wer es sich nicht leisten kann, zieht weg oder wohnt beengter. Das ist für den, der betroffen ist, keine Nullsummen wahrnehmung, das ist eine Nullsummen erfahrung.

Nachtwey weiss das. Er verweist darauf, dass der Wohnraum pro Person grösser geworden sei und dass Luxussanierungen verknappend wirken. Beides ist richtig. Beides erklärt aber die ganze Verknappung nicht. Eine ehrliche Rechnung müsste alle drei Faktoren addieren: Flächenzunahme pro Person plus Luxussanierungen plus Bevölkerungswachstum. Und dann hätte man eine Zahl, die man gegen das Neubauvolumen halten könnte. Diese Zahl würde in der Schweiz der letzten zehn Jahre eindeutig zeigen, dass Zuwanderung einen signifikanten, oft den grössten Teil der Nachfragesteigerung ausmacht.

Das ist nicht Ressentiment. Das ist Statistik.

Infrastruktur

Wer in der Ostschweiz abends um 17 Uhr im S-Bahn-Netz unterwegs ist, erlebt nicht ein Konstrukt. Er erlebt einen Raum, der für weniger Menschen gebaut wurde und jetzt mehr tragen muss. Das gilt für Züge, für Strassen, für Spitäler, für Schulklassen, für Krippenplätze, für Hausärzte.

Nachtwey erwähnt «Basel», wo man sich «über zu viele Trams in der Innenstadt beschwert». Das ist rhetorisch geschickt — es lässt den Leser denken: diese Schweizer sind auf hohem Niveau nörgelig. Aber Basel ist nicht Dübendorf. Und Dübendorf ist nicht Uster. In Gemeinden, wo Schulräume fehlen und Kinderärzte Wartelisten führen und die Volksschule im Jahresrhythmus neue Container aufstellen muss, ist der Infrastrukturdruck keine Laune der Wohlstandsverwahrlosung.

Auch hier: eine reale Grösse. Nicht die Einbildung, dass es «eng» wird, sondern die Erfahrung, dass es eng ist. Der Soziologe, der vom Zürcher Hauptbahnhof um 18 Uhr auf die Kernpunkte des Kommentars blickt, unterschätzt gerne, dass der Alltag vieler Bürger nicht im Seminarraum stattfindet, sondern in diesen Zügen.

Löhne und Arbeitsmarkt

Der Kommentar erwähnt fast nebenbei: «Das Nullsummendenken der Gegenwart entwickelte sich unter der Bedingung von Quasivollbeschäftigung.» Damit soll der Einwand abgewehrt werden, es gehe um Arbeitsplatzkonkurrenz.

Auch das ist eine Halbwahrheit. Die Schweiz hat tiefe offizielle Arbeitslosigkeit. Sie hat aber auch Reallohnstagnation in bestimmten Segmenten, Unterbeschäftigung, prekäre Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnbereich, und einen messbaren Lohndruck in genau den Branchen, in die Zuwanderung aus Süd- und Osteuropa fliesst: Gastronomie, Bau, Reinigung, teilweise Pflege.

Das Bundesamt für Statistik dokumentiert das. Ökonomen wie George Sheldon oder Reiner Eichenberger haben es empirisch aufgearbeitet. Die flankierenden Massnahmen wurden nicht erfunden, um ein Phantom zu bekämpfen, sondern um einen realen Effekt abzufedern, den die Personenfreizügigkeit ohne diese Massnahmen hätte.

Ein Coiffeur in Schaffhausen, der sieht, dass sein Stundenlohn in zehn Jahren nicht gestiegen ist, während sein Konkurrent aus Baden-Württemberg für weniger arbeitet, denkt nicht «in einer Mentalität der Gekränktheit». Er bildet seine Realität korrekt ab.

Die 13. AHV-Rente und der Rahmenwechsel

Besonders aufschlussreich ist die Passage zur 13. AHV-Rente. Nachtwey deutet sie als «wahrscheinlich auch ein Faktor» des Nullsummendenkens. Die Begründung: Nach der CS-Rettung fanden viele, «jetzt sind die einfachen Leute dran».

Hier kippt der Kommentar kurz. Er beschreibt plötzlich, nüchtern und ohne Moralisierung, einen Vorgang, der in seiner eigenen Kategorie Nullsummendenken wäre — und er beschreibt ihn als legitim. Die CS ist gerettet worden (mit staatlichen Garantien), also sollen die Rentner auch etwas bekommen. Das ist die reinste Nullsummenlogik: Wenn oben entnommen wurde, ist unten berechtigt, nachzufassen.

Diese Logik akzeptiert Nachtwey. Er sympathisiert sogar sichtbar damit, zitiert die Umfragedaten zur Vermögenssteuer. Das Nullsummendenken bei der AHV ist bei ihm ein legitimer Verteilungsreflex nach oben-unten. Das Nullsummendenken beim Wohnraum ist Ressentiment nach innen-aussen.

Die Asymmetrie ist bemerkenswert. Wenn Linke finden, die Banker hätten zu viel und man solle umverteilen, ist das eine angemessene Reaktion auf reale Ungerechtigkeit. Wenn Bürger finden, der Wohnraum werde enger und man solle die Zuwanderung begrenzen, ist das eine klaustrophobische Mentalität. Obwohl die ökonomische Struktur des Arguments — wenn andere bekommen, bleibt für mich weniger — in beiden Fällen identisch ist.

Man kann das konsistent machen, indem man sagt: Der eine Verteilungskonflikt ist real, der andere eingebildet. Dann muss man aber beweisen, dass das eine real und das andere eingebildet ist. Und genau das unterlässt der Kommentar.

Die Logik der Asymmetrie

Die Stelle ist wichtig genug, um sie noch einmal zu lesen: «In der Logik des Nullsummendenkens erscheint der gesellschaftliche Verteilungskonflikt als Auseinandersetzung zwischen Etablierten und Aussenseitern, nicht zwischen oben und unten.»

Das ist der Kern der soziologischen Intervention. Der wirkliche Verteilungskonflikt sei vertikal: oben gegen unten. Wer ihn horizontal deutet — Etablierte gegen Aussenseiter, Einheimische gegen Zuwanderer — verfehle die Wirklichkeit und werde von den Rechten gegen die eigenen Klasseninteressen mobilisiert.

Das Argument hat Tradition. Es geht auf Marx zurück, über Gramsci bis zur heutigen Linken. Es ist nicht falsch, dass es einen vertikalen Verteilungskonflikt gibt. Es ist nur nicht wahr, dass es nur einen vertikalen Verteilungskonflikt gibt. Verteilungskonflikte verlaufen mehrdimensional. Zwischen Generationen. Zwischen Regionen. Zwischen Sektoren. Zwischen Etablierten und Neuankömmlingen. Jede dieser Dimensionen ist real, jede ist wissenschaftlich dokumentiert, und es gibt keine theoretische Priorität der vertikalen Achse über die anderen.

Wer den Konflikt auf die vertikale Achse reduziert, tut dies aus politischer Wahl, nicht aus soziologischer Notwendigkeit. Und wer jedem, der horizontal argumentiert, eine Mentalitätsstörung attestiert, verschiebt die Debatte von der Sachfrage auf die Pathologiezuweisung.

Die Pathologisierung der Gegner

Das ist der Punkt, an dem der Kommentar von der Analyse zur Ideologie kippt.

Denn was tut die Nullsummendenken-These politisch? Sie erklärt die Zustimmung zur SVP-Initiative nicht aus einer Interessenlage, sondern aus einer psychologischen Verzerrung. Die Wähler haben nicht Argumente, sie haben eine Mentalität. Sie sind nicht informiert, sie sind gekränkt. Sie denken nicht, sie fühlen sich bedroht.

Das ist eine klassische Figur. Sie entwertet den politischen Gegner, ohne ihm direkt widersprechen zu müssen. Man muss seine Argumente nicht entkräften. Man muss nur seine Psyche vermessen. Die Befundlage heisst dann nicht mehr «die andere Seite hat folgende Gründe», sondern «die andere Seite ist in folgender Weise verzerrt».

Das ist in der Wissenschaftsgeschichte oft probiert worden. Die sowjetische Psychiatrie hat Dissidenten als krank eingestuft. Die amerikanische Psychologie der 1950er-Jahre hat autoritäre Persönlichkeiten vermessen. Die Frankfurter Schule hat die Masse als Pseudo-Individuen analysiert. Die Hufeisen-Theorie erklärt politische Gegensätze als Charakterproblem. Jede dieser Traditionen hat produktive Einsichten erzeugt — und jede hat zur Entpolitisierung der Debatte geführt, indem sie Meinungen in Symptome übersetzte.

Nachtwey tut das nicht in der rohen Form. Er ist zu feinsinnig. Aber die Grundoperation ist dieselbe: die Mehrheit, die im Juni gegebenenfalls die Initiative annehmen wird, handelt nicht aus vernünftig formulierbaren Interessen, sondern aus einer «negativen Alltagskosmologie», einem «Misstrauen gegenüber Institutionen», einer «klaustrophobischen und potenziell explosiven» Mentalität. Das ist die Sprache der Pathologie, nicht der Politik.

Die ausgelassene Frage

Die Frage, die Nachtwey nicht stellt, obwohl sie sich aufdrängt: Warum wächst das Nullsummendenken gerade jetzt, gerade hier?

Er gibt seine Antwort selbst, fast nebenbei. Globalisierung hat Konkurrenz, Ungleichheit und Migration zunehmen lassen. Das Wirtschaftswachstum ist schwächer geworden. Aufstiegschancen stagnieren. Schuldenbremsen erzwingen Austerität. Das Privatleben ist belastet.

Das ist eine präzise Aufzählung. Und sie zeigt, dass das Nullsummendenken keine Mentalitätsstörung ist, sondern die korrekte Verarbeitung einer objektiven Lage. Die Menschen nehmen die Welt nicht falsch wahr. Die Welt ist so. Ihre Lebensrealität ist so. Ihre Kinder werden es, nach allen verfügbaren Daten, tatsächlich nicht besser haben, sondern wahrscheinlich schlechter — in Punkto Wohnraum, Sozialversicherung, Aufstiegschancen, kultureller Homogenität ihres Umfelds.

Eine ehrliche soziologische Diagnose müsste lauten: Die Menschen denken nicht in Nullsummen, weil sie kognitiv verzerrt sind, sondern weil die Summe tatsächlich nahe der Null oder darunter liegt. Das ist keine Wahrnehmung, das ist eine Buchhaltung.

Nachtwey kommt dieser Einsicht so nahe, dass er sie fast ausspricht — und weicht im letzten Moment aus. Er schreibt die Ursachen nieder, attestiert dann aber den Reagierenden eine verzerrte Weltwahrnehmung. Die Ursachen sind real, die Reaktion auf die Ursachen ist falsch. Man müsste eigentlich anders reagieren. Wie, wird nicht gesagt.

Das linke Schweigen

Hier liegt die produktive Beobachtung, die der Kommentar streift, aber nicht ausführt. Die Linke hat lange die Umverteilung gefordert, die staatliche Steuerung der Wirtschaft, den Schutz der Löhne gegen Konkurrenzdruck. Die Linke hat, von Marx bis Brandt, immer gewusst, dass unbegrenzte Arbeitsmigration Lohndruck erzeugt und dass die Vermögenden genau deshalb offene Grenzen lieben.

In den letzten zwanzig Jahren hat die westliche Linke diese Position aufgegeben. Sie hat Zuwanderung nicht mehr als Verteilungsfrage behandelt, sondern als moralische Frage. Wer gegen offene Grenzen ist, ist fremdenfeindlich. Die klassische Frage — «Wer profitiert, wer trägt die Kosten?» — wurde aus dem linken Vokabular entfernt.

Das Ergebnis sieht man. Die SVP führt die Debatte, die eigentlich die SP führen müsste. Sie tut es in ihrer Sprache, mit ihren Akzenten, mit ihren Ressentiments. Aber sie führt sie. Und die Wähler der SP und der Grünen, die im Mietmarkt leiden, stimmen möglicherweise zu, weil nur eine Partei ihre Lage adressiert.

Nachtwey ahnt das. «Nicht ganz unrealistisch spekuliert die SVP darauf, dass ihre aktuelle Initiative über das bürgerliche Lager hinausreicht und auch Wähler der SP und der Grünen auf ihre Seite zieht.» Er ahnt es, aber er zieht nicht die Konsequenz. Die Konsequenz wäre: Wenn die Linke ihre Wähler verliert, liegt das nicht an der Mentalitätsstörung dieser Wähler. Es liegt daran, dass die Linke aufgehört hat, ihre Interessen zu vertreten.

Das einzugestehen, würde die ganze Analyse umdrehen. Das Nullsummendenken wäre dann nicht die Krankheit, sondern das Symptom einer realen Lage, die von der Linken politisch nicht mehr bearbeitet wird. Und die Therapie wäre nicht eine Aufklärung der Wähler, sondern eine Rückkehr der Linken zur Verteilungsfrage.

Das internationale Signal

Nachtwey schliesst mit einem Appell. «Vielleicht geht ja von einem international vergleichbar kleinen Land ein Signal aus, dass der globale Trend auch gebrochen werden kann.»

Das ist die soziologische Hoffnung: die Schweiz als Ausnahme von der Welt, als Beweis, dass man anders kann. Gemeint ist: gegen den Trend der «nationalen Abdichtung» votieren.

Der Satz hat einen Geschmack, der zu besichtigen lohnt. Die Schweiz soll eine Ausnahme sein, aber nicht als die Schweiz, die sie ist — mit direkter Demokratie, Grenzkontrolle über Jahrhunderte, vorsichtiger Zuwanderungspolitik — sondern als eine Schweiz, die sich gegen diese ihre Tradition entscheidet. Sie soll international beispielhaft sein, indem sie sich selbst aufgibt.

Das ist eine Umkehrung des patriotischen Topos. Früher war die Schweiz Vorbild, weil sie klein, neutral und selbstbestimmt war. Jetzt soll sie Vorbild sein, weil sie sich gegen ihre eigene Bevölkerungsentscheidung stellt, den globalen Trend bricht, der eben darin besteht, dass Bevölkerungen in vielen Ländern Einwanderungsbegrenzungen unterstützen.

Der Satz kehrt auch den Begriff der demokratischen Legitimität um. Wenn die Schweizer Bevölkerung im Juni entscheidet, ist das Ergebnis entweder Ausdruck des demokratischen Willens oder Symptom einer Mentalitätsstörung. Für Nachtwey hängt die Antwort vom Ergebnis ab: Ein Nein wäre das Signal, das der «globale Trend gebrochen» werden kann. Ein Ja wäre die Bestätigung, dass die Schweiz dem «internationalen Trend der nationalen Abdichtung» folgt.

In beiden Fällen ist das Urteil über die Wähler bereits gefällt. Sie werden gelobt oder bedauert, nicht gehört.

Was ein ehrlicher Kommentar geleistet hätte

Ein ehrlicher soziologischer Kommentar hätte anerkannt, dass die 10-Millionen-Initiative auf reale Entwicklungen reagiert, dass Wohnraum, Infrastruktur und Lohnsegmente unter Druck stehen, dass die Schweizer Bevölkerung messbar von Zuwanderung betroffen ist — und hätte dann gefragt: Ist die vorgeschlagene Antwort die beste? Welche Alternativen gäbe es? Welche Kosten hätte ein Ja, welche Kosten hätte ein Nein? Welche Verteilungswirkungen sind zu erwarten?

Das wäre eine Analyse, die den Wähler als Erwachsenen ernst nimmt und ihm Material für sein Urteil liefert. Sie hätte die Frage offen gelassen. Sie hätte den Gegnern der Initiative geholfen, bessere Argumente zu finden, anstatt ihnen das Scheinargument zu liefern, die andere Seite sei mental verzerrt.

Der Kommentar tut das nicht. Er erklärt die Gegenseite zur Mentalität, dekliniert die Mentalität soziologisch durch und schliesst mit dem Appell, die Schweiz möge international ein Zeichen setzen.

Das ist keine Analyse. Das ist ein Wahlaufruf in soziologischer Verkleidung. Sauber formuliert, mit Fussnoten zur Forschungslage, mit einem Brecht-Zitat zur moralischen Absicherung — aber in der Substanz ein Appell, die Initiative abzulehnen, und eine Erklärung, warum diejenigen, die sie annehmen, sie aus falschen Gründen annehmen.

Die Summe, die keine ist

Der Witz der Nullsummendenken-These liegt im Begriff selbst. Eine Nullsumme setzt voraus, dass die Summe tatsächlich null ist. Wächst der Kuchen, ist es keine Nullsumme. Schrumpft er, ist es eine Negativsumme. Wer einem Menschen, der in einer Negativsumme lebt, vorwirft, er denke in Nullsummen, hat ihm nicht zu viel, sondern zu wenig Pessimismus unterstellt.

Viele Schweizer leben 2026 in einer Situation, in der die Bilanz ihres Alltags tatsächlich gegen null oder unter null läuft. Der Lohn stagniert real. Die Miete steigt. Der Krankenkassenbeitrag steigt. Die Krippenplätze werden teurer. Der Schulweg wird länger. Die Wartezeiten beim Hausarzt steigen. Die Pensionskasse ist schlechter gestellt als vor zehn Jahren. Die AHV-Reform wird in Austeritätsverhandlungen angepasst.

Das ist keine Einbildung. Das ist keine Mentalität. Das ist die Realität der Mittelschicht und der unteren Mittelschicht im Jahr 2026.

Wer in dieser Realität sagt: wir sollten weniger Menschen zusätzlich in dieses Land kommen lassen, formuliert keine psychologische Verzerrung. Er formuliert eine plausible Antwort auf eine erlebte Knappheit. Man kann anderer Meinung sein. Man kann finden, die Antwort sei kurzsichtig, wirtschaftlich falsch, moralisch problematisch. Das wäre eine Debatte.

Was man nicht kann, ist, diese Antwort als Symptom einer mentalen Verzerrung zu etikettieren. Denn damit verschwindet die Debatte hinter einer Diagnose. Und die Diagnose wird am Ende zum Urteil über den Diagnostiker, nicht über den Diagnostizierten.

Im Juni werden die Schweizerinnen und Schweizer abstimmen. Sie werden sich, wenn sie zustimmen, von einem Soziologen in Basel sagen lassen müssen, dass sie einer Mentalität aufgesessen seien. Sie werden sich, wenn sie ablehnen, von demselben Soziologen loben lassen dürfen, dass sie ein international beachtetes Signal gesendet haben. In beiden Fällen bleibt ihre eigene Lage — die Miete, der Lohn, der Schulweg, das Wartezimmer — im Kommentar unbearbeitet.

Das nennt man, im soziologischen Jargon, Verkennung. Nur ist sie diesmal nicht auf der Seite derjenigen, die abstimmen.

Originalbeitrag auf X →

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