SRF, die 1,5 Milliarden und die Frage, wer eigentlich kontrolliert — eine Strukturanalyse
Das Sprechtraining-Thema ist ein Symptom, nicht die Krankheit. Die Krankheit ist: SRF hat rund 2900 Mitarbeitende, ein Budget von rund 1,5 Milliarden Franken pro Jahr, drei Aufsichtsorgane (Ombudsstelle, Presserat, SRG-Aufsichtsrat) — und trotzdem entscheidet es weitgehend autonom, was es berichtet und was nicht. Wer kontrolliert einen öffentlich-rechtlichen Sender, der seine redaktionelle Unabhängigkeit als Schutzschild gegen jede Kritik nutzt?
Die Zahlen: 1,5 Milliarden für was?
Die SRG hat rund 1,5 Milliarden Franken pro Jahr zur Verfügung — finanziert durch die Medienabgabe von 335 Franken pro Haushalt. Dafür betreibt sie mehrere Fernseh- und Radiosender in drei Sprachregionen, eine Online-Plattform, einen Nachrichten-App, Podcasts, Spezialformate. Das ist ein grosses Unternehmen — und wie bei jedem grossen Unternehmen ist die Frage: Was bekommt die Öffentlichkeit dafür?
Wer sich die Beiträge ansieht, die in dieser Gesprächsreihe analysiert wurden, sieht ein Muster:
AKW-Studie: 19 «namhafte» Experten als Autorität, ohne Fehleranalyse ihrer historischen Prognosen.
Hitzetote: WHO-Zahlen als Fakt, ohne methodische Einordnung, ohne Kälte-Kontext.
Trump bei der WM: Ein Nicht-Ereignis als Story, mit Spekulation gefüllt.
Zollverhandlungen: Trump-Skepsis als Analyse verkleidet, ohne juristische Prüfung.
Botschafter Ukraine: Diplomaten-Porträt ohne kritische Fragen.
Das sind alles Beiträge, die eine Story erzählen, ohne sie zu prüfen. Sie liefern das Framing, nicht die Analyse. Sie zitieren Autoritäten, ohne sie zu hinterfragen. Sie präsentieren Zahlen, ohne ihre Methodik zu erklären. Das ist Journalismus auf Stenografie-Niveau — und das ist das Problem: Für 1,5 Milliarden Franken sollte man mehr bekommen als Stenografie.
Die lahmgelegten Aufsichtsorgane
Die Ombudsstelle
Die SRG hat eine Ombudsstelle, die Beschwerden von Hörerinnen und Hörern entgegennimmt. Das ist eine legitime Institution — aber sie hat keine Sanktionsgewalt. Sie kann Empfehlungen aussprechen, aber sie kann die Redaktion nicht zwingen, ihre Berichterstattung zu ändern. Ihre Entscheide sind moralisch, nicht rechtlich verbindlich. Und sie reagiert — sie agiert nicht. Sie prüft Beschwerden, die eingereicht werden, aber sie initiiert keine eigenen Untersuchungen. Das heisst: Wenn niemand beschwert, passiert nichts.
Der Presserat
Der Schweizer Presserat ist eine Selbstkontrollinstanz der Medienbranche. Er beurteilt Beschwerden gegen Medienunternehmen nach journalistischen Standards. Aber: Der Presserat ist eine Institution der Branche, für die Branche. Seine Ratsmitglieder sind Medienprofis — das ist gut für Fachwissen, aber schlecht für Unabhängigkeit. Und auch der Presserat hat keine Sanktionsgewalt: Er kann Rügen aussprechen, aber er kann keine Busse verhängen, keine Redaktionen zwingen, keine Sendungen zurückziehen. Seine Rügen sind öffentlich — das ist sein einziges Druckmittel. Aber eine Rüge, die keine Konsequenzen hat, ist für eine Institution wie SRF, die jährlich tausende Sendungen produziert, ein marginales Risiko.
Der SRG-Aufsichtsrat
Der SRG-Aufsichtsrat ist das oberste Kontrollorgan der SRG. Er wird vom Bundesrat gewählt — das heisst, er ist politisch besetzt. Seine Aufgabe ist die strategische Aufsicht, nicht die redaktionelle Kontrolle. Er mischt sich nicht in die Tagesberichterstattung ein — und das ist gut so, denn redaktionelle Unabhängigkeit ist ein schützenswertes Gut. Aber das heisst auch: Der Aufsichtsrat ist nicht die Instanz, die redaktionelle Qualitätssicherung durchsetzt. Er kontrolliert die Finanzen, die Strategie, die Führung — aber er kontrolliert nicht, ob SRF die grooming-Gangs in UK berichtet oder nicht.
Das strukturelle Problem
Das zentrale Problem ist: SRF nutzt seine redaktionelle Unabhängigkeit als Schutzschild gegen jede Kritik an seiner Themensetzung. Wenn jemand fragt: «Warum berichtet SRF nicht über das UK-grooming-Scandal?», lautet die Antwort: «Das ist eine redaktionelle Entscheidung.» Wenn jemand fragt: «Warum berichtet SRF einseitig über Trump?», lautet die Antwort: «Das ist eine redaktionelle Entscheidung.» Redaktionelle Unabhängigkeit bedeutet: Die Redaktion entscheidet, was berichtet wird — und niemand darf hineinreden.
Das ist prinzipiell richtig — aber es wird zum Problem, wenn die Redaktion ihre Unabhängigkeit nutzt, um unbequeme Themen zu ignorieren. Das grooming-Scandal in UK ist ein massives Thema: systematischer sexueller Missbrauch von Kindern über Jahrzehnte, institutionelles Versagen der britischen Behörden, ethnische Dimension, die in der britischen Gesellschaft polarisiert. Das ist eine Story, die für die Schweiz relevant ist — weil die Schweiz eigene Erfahrungen mit institutionellem Versagen hat, weil die Schweiz eine eigene Migrationsdebatte führt, weil die Schweiz eigene grooming-Risiken hat. SRF hat dazu einen Artikel gebracht. Einen. Das ist keine Berichterstattung — das ist ein Alibi.
Die Frage, die sich stellt: Warum? Warum berichtet SRF nicht über ein Thema, das international grosses Echo findet? Die plausible Antwort: Weil das Thema unbequem ist. Es berührt Migration, Ethnie, institutionelles Versagen — Themen, die in der Schweizer Debatte polarisieren. SRF hat ein Interesse daran, polarisierende Themen zu vermeiden — weil es als öffentlich-rechtlicher Sender eine breite Öffentlichkeit bedienen muss und nicht als «rechts» oder «links» stigmatisiert werden will. Das ist verständlich — aber es ist nicht Journalismus. Journalismus bedeutet, unbequeme Themen zu bearbeiten, nicht sie zu vermeiden.
Die Bundesgericht-Fälle
SRF steht vor dem Bundesgericht — für mindestens zwei Themen, die es nicht bringen will. Das ist ein massiver Vorgang: Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der vor dem höchsten Schweizer Gericht steht, weil er Informationen nicht herausgeben will. Das ist keine normale redaktionelle Entscheidung — das ist ein institutioneller Konflikt über Transparenz und Rechenschaftspflicht.
Die Frage, die sich stellt: Welche Themen sind das? Welche Informationen will SRF nicht herausgeben? Warum nicht? Das sind die Fragen, die die Schweizer Medienberichterstattung dominieren sollten — aber sie werden nicht gestellt.
Es sind die RKI-Files und die Uniproteste.
Wer kontrolliert die Kontrollierten?
Die Sprechtraining-Story: ein Symptom, nicht die Krankheit
Die Sprechtraining-Story ist ein Symptom — nicht die Krankheit. Sie zeigt, dass SRF intern konfliktfähig ist, dass Mitarbeitende protestieren können, dass Gewerkschaften funktionieren. Das ist gut — aber es ist nicht das Problem. Das Problem ist: SRF entscheidet autonom, was es berichtet und was nicht, und niemand kontrolliert diese Entscheidung effektiv. Die Ombudsstelle reagiert, der Presserat rügt, der Aufsichtsrat kontrolliert Finanzen — aber niemand kontrolliert die redaktionelle Themensetzung.
Das Sprechtraining-Thema ist ein internes Personalproblem — aber es wird vom Tagi zur Story gemacht, weil es konfliktträchtig ist. Der Grooming-Skandal ist ein gesellschaftliches Thema — aber es wird ignoriert, weil er unbequem ist. SRF wählt seine Themen nicht nach Relevanz, sondern nach Konfliktvermeidung.
Was 1,5 Milliarden Franken eigentlich kaufen sollten
1,5 Milliarden Franken pro Jahr sollten einen öffentlichen Dienst kaufen, der:
Relevanz vor Konfliktvermeidung priorisiert: Ein Skandal wie das UK-Grooming wird berichtet, weil er relevant ist — nicht ignoriert, weil es unbequem ist.
Autoritäten hinterfragt: Eine ETH/PSI-Studie wird auf ihre historische Trefferquote geprüft — nicht als Fakt übernommen.
Zahlen methodisch einordnet: Eine WHO-Zahl wird auf ihre Methodik geprüft — nicht als Fakt präsentiert.
Nicht-Ereignisse nicht zur Story macht: Trumps Abwesenheit bei der WM ist keine Story — es sei denn, man prüft, ob sie aussergewöhnlich ist.
Politische Thesen als Thesen markiert: «Trump tut, was er will» ist eine These — kein Fakt.
Diplomaten kritisch befragt: Ein Botschafter wird nach Schweizer Waffenlieferungs-Verweigerung gefragt — nicht nur nach seinen persönlichen Eindrücken.
Interne Konflikte kontextualisiert: Vier Kündigungen werden als Personalabbau-Konflikt eingeordnet — nicht als «Aufstand» hochstilisiert.
Das ist das, was SRF liefern sollte — für 1,5 Milliarden Franken pro Jahr.
Was tun?
Die Frage ist: Wie kann SRF wirksam kontrolliert werden, ohne die redaktionelle Unabhängigkeit zu beschneiden? Die Antwort ist nicht einfach — aber es gibt Ansätze:
Transparenzpflicht: SRF müsste veröffentlichen, welche Themen es warum bearbeitet und welche es warum nicht bearbeitet. Eine redaktionelle Themensetzungs-Dokumentation, die öffentlich zugänglich ist. Das würde nicht die Unabhängigkeit beschneiden — aber es würde Rechenschaftspflicht schaffen.
Externe Evaluation: SRF müsste sich regelmässig von externen Experten auf redaktionelle Qualität prüfen lassen — nicht von der Ombudsstelle, nicht vom Presserat, sondern von unabhängigen Medienwissenschaftlern, die Themensetzung, Framing, Quellenwahl und methodische Rigorosität evaluieren.
Publikumsbeteiligung: SRF müsste das Publikum an der Themensetzung beteiligen — nicht über Beschwerden, sondern über aktive Mitwirkung. Bürgerräte, die redaktionelle Prioritäten diskutieren und Empfehlungen aussprechen.
Sanktionsmöglichkeiten: Die Aufsichtsorgane müssten Sanktionsgewalt bekommen — nicht gegen einzelne Beiträge, aber gegen systematische Mängel. Wenn SRF systematisch relevante Themen ignoriert, müsste das Konsequenzen haben — bis hin zu Budgetkürzungen.
Das sind keine einfachen Reformen — aber sie sind notwendig. Denn das aktuelle System funktioniert nicht. Die Ombudsstelle reagiert, der Presserat rügt, der Aufsichtsrat kontrolliert Finanzen — aber niemand kontrolliert die redaktionelle Themensetzung. Und solange das so ist, wird SRF weiterhin tun, was es will — für 1,5 Milliarden Franken pro Jahr.
Kurzurteil
Das Problem ist nicht das Sprechtraining. Das Problem ist: SRF hat 1,5 Milliarden Franken, 2900 Mitarbeitende, drei Aufsichtsorgane — und trotzdem entscheidet es autonom, was es berichtet und was nicht. Die Aufsichtsorgane haben keine wirksame Sanktionsgewalt über die redaktionelle Themensetzung. Die Ombudsstelle reagiert, der Presserat rügt, der Aufsichtsrat kontrolliert Finanzen — aber niemand kontrolliert, ob SRF relevante Themen ignoriert oder einseitig berichtet. Der Grooming-Skandal in UK ist ein weiteres Beispiel von vielen: Ein massives internationales Thema, das für die Schweiz relevant ist, wird mit einem Artikel abgehandelt. Das ist keine Frage der redaktionellen Unabhängigkeit — das ist eine Frage der redaktionellen Verantwortung. Und die wird derzeit nicht wirksam kontrolliert. Das ist das eigentliche Skandal-Thema — und es ist eines, das SRF selbst nicht berichten wird.
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