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Rosinenpickerei

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Zur Karriere eines Vorwurfs

Das Wort fällt regelmässig. In Bundesratsreden, in Leitartikeln, in Talkshows, in Diplomatengesprächen. Die Schweiz dürfe nicht «Rosinenpicken». Sie dürfe nicht aus dem europäischen Buffet die süssen Stücke nehmen und die bitteren liegenlassen. Der Vorwurf kommt aus Brüssel, wird aber zuverlässig auch von schweizerischen Stimmen repetiert, die der Bevölkerung erklären wollen, warum der bilaterale Weg an seine Grenzen stosse, warum man den institutionellen Rahmenvertrag brauche, warum die dynamische Rechtsübernahme keine Kapitulation, sondern Reife sei.

Rosinenpickerei. Das Wort hat eine moralische Färbung, die es als Argument tarnt. Wer Rosinen pickt, ist gierig, eigennützig, unfair. Er nimmt das Beste und überlässt anderen den Rest. Er verhält sich nicht solidarisch.

So weit die Konnotation. Nun zur Sache.

Im Supermarkt

Jeder Mensch betreibt Rosinenpickerei. Täglich. Wer Bananen kauft, nimmt nicht die mit braunen Flecken. Wer Äpfel kauft, dreht sie und prüft auf Druckstellen. Wer Tomaten kauft, sucht die festen, nicht die matschigen.

Niemand käme auf die Idee, das «unfair» gegenüber den «minderwertigen» Früchten zu nennen. Niemand würde verlangen, dass die Konsumentin pro festen Apfel verpflichtend einen matschigen mitkaufen müsse — als Solidaritätsbeitrag, als faires Gesamtpaket, als Verzicht auf egoistische Auslese. Würde jemand das fordern, hielte man ihn für verrückt. Im Supermarkt akzeptieren wir, dass Selektion die Grundform jeder vernünftigen Wahl ist.

In der Firma

Stellen wir uns vor, jemand würde ernsthaft vorschlagen, Unternehmen sollten keine Bewerber mehr auswählen dürfen. Ein Restaurant sucht einen Koch. Es gehen fünfzig Bewerbungen ein. Das Restaurant hat eine Küche für fünf Personen. Die Forderung der Anti-Rosinenpicker-Logik wäre: Stell sie alle ein. Wer auswählt, betreibt Pickerei. Wer auswählt, ist gierig — er nimmt nur die Guten und lässt die anderen liegen.

Was geschieht in der Folge? Fünfzig Köche stehen in einer Küche, die für fünf gebaut ist. Der Lärm ist unerträglich. Niemand kommt an den Herd. Die Bestellungen werden nicht mehr ausgeführt. Die Lohnkosten ruinieren das Restaurant in zwei Monaten. Das Restaurant schliesst. Sechsundvierzig Köche sind wieder arbeitslos, die anderen vier auch.

Die Forderung ist offensichtlich absurd. Sie ist es deshalb, weil jeder versteht, dass eine Firma nicht funktionieren kann, wenn sie nicht auswählen darf. Selektion ist keine moralische Schwäche von Unternehmen — sie ist die Voraussetzung ihrer Existenz. Ein Unternehmen ohne Auswahlrecht wäre kein Unternehmen, sondern ein Sammelbecken.

Niemand verlangt das von Restaurants. Niemand verlangt das von Anwaltskanzleien. Niemand verlangt das von Universitäten. Wenn Harvard alle Bewerber annehmen müsste, wäre Harvard nicht mehr Harvard. Es wäre eine sehr grosse, sehr überfüllte, sehr nutzlose Institution.

Beim Wohnen

Der gleiche Test funktioniert mit Wohnungen. Stell dir vor, du suchst eine Wohnung. Es gibt drei Angebote. Eine in der gewünschten Lage, hell, mit Balkon, zur richtigen Miete. Eine im falschen Quartier, dunkel, ohne Balkon, zu teuer. Eine direkt an der Autobahn, schimmelig, im Erdgeschoss neben dem Müllraum.

Du nimmst die erste. Selbstverständlich. Niemand würde dir vorwerfen, du hättest «Wohnungspickerei» betrieben. Niemand würde fordern, du müssest pro guter Wohnung verpflichtend zwei schlechte mitmieten — als Ausgleich, als Fairness, als Solidaritätsbeitrag gegenüber den weniger begehrten Immobilien.

Würde jemand das fordern, würde er nicht ernst genommen. Aber genau das ist die Logik, die der Schweiz im internationalen Kontext entgegengehalten wird.

Die Verschiebung

Wer der Schweiz Rosinenpickerei vorwirft, fordert also Verzicht auf jene Selektion, die in jedem anderen Lebensbereich nicht nur akzeptiert, sondern als Voraussetzung vernünftigen Handelns gilt. Der Vorwurf operiert mit einer Verschiebung: Was im Supermarkt, in der Personalabteilung, im Wohnungsmarkt selbstverständliche Klugheit ist, wird im Politischen plötzlich zur Schande.

Diese Verschiebung hat eine Funktion. Sie soll verhindern, dass die Schweiz die einzelnen Elemente eines Vertragspakets nach ihren Vor- und Nachteilen prüft und bewertet. Wer die Personenfreizügigkeit will, soll auch die dynamische Rechtsübernahme nehmen müssen. Wer den Marktzugang will, soll auch die Streitbeilegung durch den EuGH akzeptieren. Wer wissenschaftliche Programme nutzen will, soll auch die institutionelle Anbindung übernehmen.

Diese Logik der Paketverpflichtung ist nicht moralisch, sondern strategisch. Sie maximiert den Hebel der grösseren Verhandlungspartei. Wer das Paket als Ganzes vorgibt, gewinnt automatisch auch dort, wo er einzeln verloren hätte. Das Wort «Rosinenpickerei» kaschiert diese strategische Operation als ethische Forderung.

Wer definiert die Rosine?

Der Begriff hat eine zweite Schwäche. Er unterstellt, das «Buffet» sei objektiv vorhanden, und die einzelnen Komponenten seien klar als süss oder bitter erkennbar. Das ist nicht der Fall. Was in einem Vertragspaket «Rosine» und was «bittere Nuss» ist, hängt von der Position des Beurteilers ab.

Aus Brüsseler Sicht ist die dynamische Rechtsübernahme kein Nachteil, sondern eine Selbstverständlichkeit. Aus schweizerischer Sicht ist sie eine Souveränitätsabgabe. Aus EU-Sicht ist die Personenfreizügigkeit ein Grundpfeiler des Binnenmarkts. Aus schweizerischer Sicht ist sie ein wirtschaftlicher Vorteil mit erheblichen sozialen Kosten — Wohnungsmarkt, Lohndruck, Bodenpreise, Verkehrsbelastung.

Wer von «Rosinen» spricht, hat sich bereits für eine bestimmte Bewertung dieser Komponenten entschieden. Er argumentiert nicht; er behauptet.

Die Schweiz hat immer gepickt

Die Schweiz hat in ihrer Geschichte regelmässig gepickt. Sie ist nicht der EU beigetreten, hat aber bilaterale Verträge geschlossen. Sie ist nicht in der NATO, profitiert aber vom europäischen Sicherheitssystem. Sie ist nicht im EWR, hat aber Marktzugang. Sie hat eine eigene Währung, ist aber wirtschaftlich tief integriert.

Diese Konstellationen sind nicht Defekte, sondern Resultate. Sie sind das Ergebnis einer langen Reihe von Entscheidungen, die jeweils das Verhältnis von Vor- und Nachteilen geprüft haben. Niemand wirft einem Restaurant vor, es habe «Köchepickerei» betrieben, weil es nicht alle fünfzig Bewerber eingestellt hat. Niemand wirft einer Mieterin vor, sie habe «Wohnungspickerei» betrieben, weil sie die hellere statt der schimmligen wählte.

Die EU pickt auch Rosinen. Alle tun das, oder sollten es tun.

Warum das Wort sich hält

Bleibt die Frage, warum sich der Begriff so hartnäckig hält. Eine Antwort: Weil er nützlich ist. Er erspart die Argumentation.

Wer «Rosinenpickerei» sagt, muss nicht erklären, warum die einzelnen Komponenten eines Vertragspakets zwingend zusammengehören. Er muss nicht begründen, warum die Schweiz Nachteile akzeptieren soll, die in der Substanz nicht zwingend sind. Er muss nicht aufzeigen, dass die behauptete Solidarität tatsächlich Solidarität ist und nicht eine Form der strategischen Bündelung. Er deklariert moralische Empörung und hofft, dass sie das Argument ersetzt.

Sie tut es regelmässig. Politiker übernehmen das Wort, weil es einfach ist. Journalisten übernehmen es, weil es prägnant ist. Die Bevölkerung gewöhnt sich daran, weil es immer wiederkehrt. Was als Vorwurf begann, wird zur akzeptierten Beschreibung.

Der Befund

Die Schweiz pickt Rosinen. Wie jede Konsumentin am Obstregal, wie jedes Restaurant beim Bewerbungsgespräch, wie jeder Mieter bei der Wohnungssuche. Sie tut das, was Akteure tun, wenn sie wählen können: Sie wählen das, was passt, und lehnen ab, was nicht passt. Diese Operation ist nicht moralisch zweifelhaft, sondern moralisch neutral. Sie ist die Grundform freier Entscheidung — und in vielen Fällen, wie beim Restaurant mit den fünfzig Bewerbern, die Voraussetzung dafür, dass Strukturen überhaupt funktionieren.

Wer ihr einen anderen Namen gibt — «Rosinenpickerei», als wäre Selektion ein Defekt —, betreibt nicht Aufklärung, sondern Rhetorik. Er möchte, dass die Schweiz Selektivität als Schande empfindet, damit sie sie aufgibt. Das ist eine legitime politische Strategie. Sie als moralisches Argument zu tarnen, ist es nicht.

Vielleicht wäre es Zeit, das Wort beim Namen zu nennen. Es ist kein Befund. Es ist eine Forderung. Eine Forderung, die Gegenseite möge auf das verzichten, was sonst niemand verlangt: dass eine Wahl keine Wahl mehr sei. Wer in Brüssel oder Bern dieses Wort benutzt, sollte zumindest kurz innehalten und sich fragen, ob er die nächste Personalentscheidung in seinem Büro nach dem Prinzip trifft, alle einzustellen. Vermutlich nicht. Vermutlich pickt er auch dort die Rosinen — und nennt es Personalführung.

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