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Mächtig, oder nur an der Reihe?
Medienkritik
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Mächtig, oder nur an der Reihe?

Kritisierter Beitrag (SRF 4 News) →

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Der Titel lautet «Die Mächtigste, der Beliebteste und das Schlusslicht im Bundesrat». Der Fliesstext ist vorsichtiger. Dort ist Karin Keller-Sutter «aus Sicht der Bevölkerung» das einflussreichste Mitglied, und Elisabeth Baume-Schneider bildet das Schlusslicht «beim wahrgenommenen Einfluss». Auf dem Weg vom Text zum Titel wird aus einer Zuschreibung ein Zustand, und der Lead liefert die Gewissheit gleich mit: Das Wahlbarometer «liefert die Antworten». Verschwiegen wird, dass Keller-Sutter im Vorjahr Bundespräsidentin war und ihr Verlust zeitlich mit Guy Parmelins Gewinn im Präsidialjahr zusammenfällt. Verschwiegen wird auch, dass der als ihr «Erfolg» verbuchte Ständeratsentscheid am letzten Tag der Befragung fiel und der Vorlage des Bundesrats nur zum Teil folgte.

Zum SRF-Beitrag «Die Mächtigste, der Beliebteste und das Schlusslicht im Bundesrat», SRF 4 News, 16.10.2026


Die Methodenbox ist ausführlicher als in solchen Formaten üblich. Sie nennt das Erhebungsfenster vom 10. bis 23. September 2026 und die 25‘092 ausgewerteten Stimmberechtigten samt Aufteilung nach Sprachregion. Sie legt die Selbstrekrutierung über SRG-Portale und Sotomo-Panel offen, ebenso das daraus folgende Verzerrungsrisiko, die Gewichtung auch nach politischen Merkmalen und das Projektteam. Bei Parmelin zieht der Beitrag selbst eine zeitliche Grenze: Die Erhebung fand «noch vor der Bekanntgabe seines Rücktritts» statt. Im Fliesstext ist durchgehend von Wahrnehmung die Rede, nicht von Macht, und die meisten Erklärungsversuche stehen im Konjunktiv, wo sie hingehören. Der parallel publizierte Beitrag derselben Redaktion zu den Wähleranteilen geht noch weiter. Er relativiert die Parteistärken mit den Ständeratssitzen, weil die Wähleranteile «nur das halbe Bild» vermittelten, und er liest eine GLP-Veränderung ausdrücklich gegen den Fehlerbereich. An diesen hauseigenen Standards lässt sich der Bundesratsbeitrag messen.

Der Wanderpokal

Den grössten Ausschlag im Einfluss-Ranking verzeichnet Guy Parmelin: «+25 Prozentpunkte», der «grösste Gewinner». Den einzigen bezifferten Rückgang verzeichnet Keller-Sutter mit 13 Prozentpunkten, was der Beitrag als «etwas an Boden» verbucht. Zwei Zahlen, zwei Personen, zwei getrennte Kapitel. Dass sie zusammengehören könnten, legt ein Umstand nahe, den der Beitrag nur zur Hälfte nennt. Parmelin ist Bundespräsident 2026, das steht im Text. Keller-Sutter war Bundespräsidentin 2025, das steht nirgends.

Das Präsidialamt rotiert jährlich. Es bringt protokollarische Sichtbarkeit, aber keine zusätzlichen Kompetenzen, denn nach der Bundesverfassung entscheidet der Bundesrat als Kollegium. Wer das Amt übernommen hat, gewinnt im Einflusswert am meisten. Wer es abgegeben hat, verliert als Einzige ausgewiesen an Boden. Ob die Rotation den ganzen Ausschlag erklärt, könnte nur der Sotomo-Bericht beantworten. Der Beitrag wirft die Frage gar nicht erst auf.

Aufschlussreich ist, wo die Präsidentschaft doch auftaucht: unter den Gründen für «seine hohen Beliebtheitswerte», gleichrangig in einer Reihe mit dem Charakterzug, den der Beitrag «seine bodenständige Art» nennt. Ein Amt, das reihum vergeben wird, steht dort neben einer Persönlichkeitseigenschaft. Für den Einflussgewinn von 25 Punkten bietet der Beitrag keine Erklärung an, für Keller-Sutters Verlust ebenso wenig. Die Infobox zur «Arena» ergänzt, dass das Parlament im Dezember ein neues Bundesratsmitglied wählt. Der grösste Gewinner der Einflussrangliste verlässt das Gremium also Ende Jahr. Was die Tabelle als Machtverteilung zeigt, lässt sich ebenso als Momentaufnahme des Amtskalenders lesen.

Der Fehlerbereich, der nur für Parteien gilt

Die Methodenbox nennt einen Fehlerbereich von «+/-1.2 Prozentpunkte» für einen 50-Prozent-Anteil. Im Bundesratsbeitrag wird er auf keinen einzigen Wert angewendet. Absolute Zahlen nennt der Text zweimal: «Fast zwei Drittel» beim Einfluss von Keller-Sutter, «mehr als 60 Prozent» bei der Sympathie für Parmelin. Die übrigen Plätze stehen ohne Wert. Beat Jans fällt «vom zweiten auf den vierten Rang» und «weist sehr ähnliche Werte auf wie Albert Rösti». Ob zwischen den Rängen überhaupt ein unterscheidbarer Abstand liegt, lässt sich aus dem Beitrag nicht ableiten. Laut weiterer Berichterstattung zur Umfrage liegen die Sympathie-Mittelwerte der ersten drei bei 3,6, 3,4 und 3,2 auf einer Skala von 1 bis 5. Die Rangliste verdichtet solche Abstände zu einer Hierarchie.

Derselbe Sender verfährt am selben Tag anders. Im Beitrag zu den Wählerstärken bedeutet der GLP-Rückgang um 0,5 Punkte «mit Blick auf den Fehlerbereich von ±1.2 Prozentpunkten vor allem eine Stabilisierung». Für Parteien wird die Unschärfe angewendet, für Personen nicht. Pfisters «+4 Prozentpunkte» und Cassis' leichte Verbesserung erscheinen ohne diesen Massstab.

Hinzu kommt die Methode selbst. Ein Konfidenzintervall dieser Art ist für eine Zufallsstichprobe konstruiert, bei einer Opt-in-Befragung ist es nur eingeschränkt aussagekräftig. Die Box räumt mögliche «Verzerrungen» ein und versichert wenige Sätze später, das Vorgehen «gewährleistet eine hohe Repräsentativität». Auch die Frageformulierung ist im Beitrag nicht ausgewiesen. Ob die Wendung «zählen sie zu den Mitgliedern mit dem grössten Einfluss» eine Mehrfachauswahl beschreibt, ist für die Lesart von «fast zwei Drittel» entscheidend. Prüfen lässt es sich nicht: Der einzige Methodenlink führt auf die Startseite von Sotomo, nicht auf den Bericht.

«Hinter die Finanzministerin»

Direkt nach dem Einflusswert schreibt der Beitrag: «Zuletzt konnte sie einen wichtigen Erfolg verbuchen: Der Ständerat stellte sich bei den neuen Eigenkapitalvorschriften für die UBS hinter die Finanzministerin.» Die Platzierung macht den Satz zur Erklärung. Diese Last trägt er in zweifacher Hinsicht nicht.

Inhaltlich beschloss der Ständerat mit 29 zu 16 Stimmen 90 Prozent hartes Kernkapital für Auslandbeteiligungen. Der Bundesrat hatte 100 Prozent vorgeschlagen, die vorberatende Wirtschaftskommission 50 Prozent. Das ist ein Mittelweg zwischen Regierung und Kommission, näher an der Vorlage der Finanzministerin, aber nicht deckungsgleich mit ihr. Die Formulierung «hinter die Finanzministerin» geht über das Abstimmungsergebnis hinaus.

Zeitlich fiel der Entscheid am 23. September 2026, dem letzten Tag eines Erhebungsfensters, das am 10. September begonnen hatte. Wer in den ersten dreizehn Tagen antwortete, konnte ihn nicht kennen. Bei Parmelins Rücktritt hält der Beitrag ausdrücklich fest, dass die Erhebung davor lag. Beim Ständeratsentscheid unterbleibt dieser Abgleich, obwohl er hier besonders nötig wäre: Ein Ereignis wird zur Begründung eines Werts, den es kaum beeinflusst haben kann.

Wessen Aussenpolitik?

Bei Ignazio Cassis heisst es: «Dazu dürfte beitragen, dass die Bevölkerung die Aussenpolitik des Bundesrats gegenüber mehreren Staaten kritisch beurteilt.» Der Satz enthält einen Umfragebefund, den der Beitrag nicht weiterverfolgt. Welche Staaten gemeint sind und wie kritisch das Urteil ausfällt, erfährt das Publikum nicht. Zugleich enthält der Satz eine Verschiebung: Die Politik «des Bundesrats», eines Gremiums, das als Kollegium entscheidet, wird zur Erklärung für die Sympathiewerte eines einzelnen Mitglieds. Dieselbe Logik trägt den Abschnitt zu Jans. Sein Rückfall auf Rang vier steht unmittelbar neben dem Hinweis, er sei «zuletzt wegen der Asylpolitik im Fokus politischer Debatten» gestanden. Die Kausalität entsteht durch Nachbarschaft, nicht durch Daten.

Die Infobox zum Institutionenvertrauen zeigt den Bundesrat dort, wo ihn die Verfassung verortet: als Institution, der 54 Prozent ein (eher) hohes Vertrauen entgegenbringen. Im Haupttext erscheint dasselbe Gremium als Feld von sieben Einzelwerten, deren Verschiebungen mit Erfolgen, Charakterzügen und Dossiers erklärt werden. Beide Bilder stehen im selben Beitrag, aufeinander bezogen werden sie nicht.

Bei Albert Rösti, der bei der Sympathie «verliert», bietet der Beitrag keine Erklärung an. Ebenso wenig markiert er als Interessenlage, dass die SRG hier über den Vorsteher jenes Departements berichtet, das laut eigener Bildlegende für «Kommunikation» zuständig ist und in dessen Dossier die vom Bundesrat 2025 beschlossene Senkung der Haushaltsabgabe auf 300 Franken bis 2029 fällt.

Die Wahrnehmung als Rangliste

Das Muster ist die Wahrnehmung als Rangliste. Eine Umfrage über Eindrücke wird als Leistungstabelle von Personen präsentiert, mit Siegern, Verlierern und einem Schlusslicht. Strukturelle Grössen wie das rotierende Präsidium, die Sichtbarkeit eines Departements oder das Kollegialprinzip erscheinen darin als individuelle Eigenschaften: als «bodenständige Art», als «Erfolg», als «die Mächtigste». Wo die Daten keine Erklärung liefern, liefert die Redaktion eine, im Konjunktiv formuliert und durch Nachbarschaft wirksam. Die Unschärfe, die das Messinstrument selbst ausweist, wird nicht auf die Rangfolge übertragen. Der Mechanismus ist verwandt mit der Konstruktion als Befund. Die Darstellungsform erzeugt Abstände und Hierarchien, die in den Werten womöglich gar nicht angelegt sind.

Wer an der Reihe war

So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet, wem die Bevölkerung Einfluss zuschreibt, und rahmt es als Rangliste der Macht. Die Methodenbox liefert das Werkzeug zur Prüfung, der Schwesterbeitrag wendet es an, der Bundesratsbeitrag lässt es liegen. Das Präsidialamt taucht einmal auf, als Begleitumstand der Beliebtheit. Es fehlt dort, wo es den grössten Gewinn und den grössten Verlust zueinander in Beziehung setzen würde.

Der grösste Gewinn und der grösste Verlust dieser Machtrangliste liegen bei der Person, die das Präsidium übernommen hat, und bei jener, die es abgegeben hat.

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