Leihmutterschaft als private Wohlfühlgeschichte in der Politik
Die NZZ interviewt einen Schweizer Mitte-Politiker, der wie Jens Spahn eine Leihmutter engagierte — und rahmt ihn als entspannte Gegenstimme zur deutschen Moraldebatte. «Der Umgang mit Leihmutterschaften sollte unverkrampfter werden», lautet der Titel, und das Interview ist eine Einladung, das Thema zu normalisieren. Was nicht vorkommt: die Frau, die das Kind austrug — ihre Stimme, ihre Motivation, ihre Perspektive. Was nicht vorkommt: die Frage, ob Schwangerschaft eine Dienstleistung ist, die man kaufen kann — oder ob die Kommerzialisierung des weiblichen Körpers ein ethisches Problem darstellt, das sich nicht durch Verträge lösen lässt. Was nicht vorkommt: die Frage, ob ein Kind ein Recht auf eine Mutter hat — nicht auf zwei Väter, die eine Mutter engagierten, sondern auf die Frau, die es austrug und gebar. Was nicht vorkommt: die Frage, ob ein Politiker, der gegen das Gesetz seiner eigenen Partei handelt, Konsequenzen verdient — oder ob «Ehrlichkeit» ausreicht, wenn die Handlung dieselbe ist. Der Beitrag ist ein Interview ohne Gegeninterview — und das Gegeninterview wäre die Frage gewesen, was Leihmutterschaft eigentlich bedeutet: für die Frau, für das Kind, für eine Gesellschaft, die den Körper zur Ware macht.
Zum NZZ-Interview «‹Der Umgang mit Leihmutterschaften sollte unverkrampfter werden›», NZZ am Sonntag, 19.07.2026
Das Framing steht im Aufbau: Die NZZ interviewt einen Mann, der dasselbe tat wie Spahn — und rahmt ihn als Sympathieträger. Spahn ist der Heuchler, Mazur ist der Ehrliche. Spahn trat zurück, Mazur blieb. Spahn kritisierte Leihmutterschaft und nutzte sie — Mazur nutzte sie und fordert ihre Legalisierung. Das ist die Konstruktion: Spahn ist das moralische Problem, Mazur ist die moralische Lösung. Die Frage, ob die Handlung — der Kauf einer Schwangerschaft — dasselbe bleibt, unabhängig davon, wer sie begeht und was er vorher sagte, wird nicht gestellt.
Die Frau, die nicht vorkommt — ausser als Projektionsfläche
Mazur sagt: «Unsere Leihmutter hatte bereits zwei Töchter.» «Nach dem ersten Kind fragte sie uns sogar, ob wir noch ein zweites möchten, sie sei während der Schwangerschaft richtiggehend aufgeblüht.» Das ist die Beschreibung — und sie ist eine Beschreibung aus der Perspektive des Käufers. Die Leihmutter «blühte auf» — wer sagt das? Mazur sagt es. Die Leihmutter «fragte, ob wir noch ein Kind möchten» — wer interpretiert das? Mazur interpretiert das. Die Frage, was die Leihmutter selbst sagt — wie sie die Schwangerschaft erlebte, warum sie sich dazu entschied, was sie fühlte, als sie das Kind abgab —, wird nicht gestellt.
Die NZZ fragt nicht nach der Frau. Sie fragt nicht nach ihrem Namen, nicht nach ihrer Geschichte, nicht nach ihrer finanziellen Situation, nicht nach ihren Motiven. Die Leihmutter ist eine Figur in Mazurs Erzählung — nicht eine Person mit einer eigenen Stimme. Das ist die Struktur eines Interviews, das den Käufer befragt und die Verkäuferin unsichtbar macht. Die Frage, ob ein Interview über Leihmutterschaft, das die Leihmutter nicht befragt, überhaupt ein Interview über Leihmutterschaft ist — oder nur ein Interview über den Kinderwunsch von Männern, die eine Frau bezahlten —, wird nicht gestellt.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Was bedeutet es für eine Frau, ein Kind auszutragen und abzugeben? Was bedeutet es für eine Frau, die «bereits zwei Töchter hat», ein drittes Kind für fremde Menschen zu gebären — und es dann nie wieder zu sehen? Die NZZ fragt nicht. Die Leihmutter existiert als Bestätigung von Mazurs Glück — nicht als Mensch mit einer eigenen Geschichte.
Der Vertrag, der als ethische Lösung gerahmt wird
Mazur sagt: «Wir haben einen mehrseitigen Vertrag mit der Leihmutter abgeschlossen, in dem neben der Bezahlung auch eine ganze Reihe von weiteren wichtigen Fragen wie zum Beispiel der Gesundheit der Mutter geregelt ist.» Das ist die Rahmung — der Vertrag als Schutz. Ein «mehrseitiger Vertrag» — das klingt nach Jurisprudenz, nach Sorgfalt, nach Verantwortung. Aber die NZZ fragt nicht, was ein Vertrag über eine Schwangerschaft eigentlich bedeutet. Ein Vertrag regelt eine Transaktion — eine Leistung und eine Gegenleistung. Die Leistung ist die Schwangerschaft. Die Gegenleistung ist Geld. Das ist die Kommerzialisierung des Körpers — und die NZZ fragt nicht, ob das ethisch vertretbar ist.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Kann Schwangerschaft Gegenstand eines Vertrages sein? Kann ein Vertrag regeln, dass eine Frau ihr Kind abgibt — bevor es geboren ist? Kann ein Vertrag die Gefühle einer Mutter regeln, die ein Kind neun Monate trägt und dann abgibt? Die NZZ fragt nicht. Der Vertrag wird als Lösung gerahmt — nicht als Problem. Das ist Framing: Die Jurisprudenz löst die Ethik — der Vertrag ersetzt die Moral.
Die Ausbeutung, die als US-Problem minimiert wird
Mazur sagt: «Ich verstehe diese Kritik. Eine gesetzliche Regulierung der Leihmutterschaft könnte klare Rahmenbedingungen schaffen und Ausbeutung verhindern.» Das ist die Antwort — und sie ist eine Nicht-Antwort. «Ich verstehe die Kritik» — das ist die Formel, die Kritik anerkennt, um sie zu entwerten. Mazur versteht die Kritik — aber er nutzte trotzdem eine US-Leihmutter. Mazur versteht die Kritik — aber er fordert die Legalisierung in der Schweiz. Die Frage, ob die Kritik, die er «versteht», seine eigene Handlung betrifft — das ist die Frage, die die NZZ nicht stellt.
Die NZZ fragt nicht, wer die Leihmutter war. War sie finanziell abhängig? War sie eine Frau, die Schwangerschaft als Einkommen nutzte, weil sie keine andere Möglichkeit hatte? War sie eine Frau, die «aufblühte» — oder eine Frau, die bezahlt wurde, um eine Geschichte zu erzählen, die die Käufer hören wollten? Die NZZ fragt nicht. Die Ausbeutung wird als abstrakte Kritik gerahmt — nicht als konkrete Frage an eine konkrete Frau.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn Leihmutterschaft in den USA «streng geregelt» ist — warum gibt es dann Kritik? Warum gibt es Studien, die zeigen, dass Leihmütter häufig aus unteren Einkommensschichten kommen? Warum gibt es Berichte über Leihmütter, die die Kinder nicht abgeben wollen — und von den Käufern verklagt werden? Die NZZ fragt nicht. Die US-Regulierung wird als Goldstandard gerahmt — ohne dass die Kritik an der US-Regulierung thematisiert wird.
Das Kind, das als glücklich gerahmt wird — ohne eigene Stimme
Mazur sagt: «Für sie ist es ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens. Sie ist aber erst neun Jahre alt und äussert sich noch nicht bewusst dazu.» Das ist die Beschreibung — und sie enthält ihren eigenen Widerspruch. «Selbstverständlich» — aber «sie äussert sich noch nicht bewusst dazu». Wie kann etwas selbstverständlich sein, wenn das Kind sich nicht bewusst dazu äussert? Mazur projiziert — und die NZZ fragt nicht.
Die NZZ fragt nicht, was es für ein Kind bedeutet, ohne Mutter aufzuwachsen. Die NZZ fragt nicht, ob ein Kind ein Recht auf eine Mutter hat — nicht auf zwei Väter, die eine Mutter bezahlten, sondern auf die Frau, die es gebar. Die NZZ fragt nicht, was das Kind fühlen wird, wenn es alt genug ist, zu verstehen, dass seine Mutter bezahlt wurde, um es abzugeben. Die NZZ fragt nicht nach Studien über Kinder von Leihmüttern — nach ihren Erfahrungen, nach ihren Fragen, nach ihren Konflikten.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Hat ein Kind ein Recht auf seine Mutter? Oder hat ein Kind nur das Recht, das zu haben, was die Käufer für es bestimmten? Die NZZ fragt nicht. Das Kind wird als glücklich gerahmt — «sie ärgert sich über unnötige Fragen» — aber die Frage, ob die Fragen unnötig sind oder ob sie die richtigen Fragen sind, wird nicht gestellt.
Die Parteilinie, die als irrelevant gerahmt wird
Mazur ist Mitglied der Mitte-Partei — und die Mitte lehnt Leihmutterschaft ab. Mazur engagierte eine Leihmutter — und verstiesß gegen die Parteilinie. Die NZZ fragt: «Wie haben Ihre Parteikollegen auf die Geburt Ihrer Tochter reagiert?» Mazur antwortet: «Ich habe nie negatives Feedback, dafür sehr viele positive Reaktionen von meinen Kollegen erhalten.» Das ist die Antwort — und die NZZ akzeptiert sie. Die Frage, ob eine Partei, die Leihmutterschaft ablehnt, einen Politiker tolerieren sollte, der sie nutzte — das ist die Frage, die nicht gestellt wird.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn die Mitte Leihmutterschaft ablehnt — warum bleibt Mazur in der Partei? Wenn Mazur Leihmutterschaft befürwortet — warum bleibt er in einer Partei, die sie ablehnt? Die NZZ fragt nicht. Der Widerspruch zwischen persönlicher Handlung und politischer Position wird als «breit aufgestellte Partei» normalisiert — nicht als Frage nach Prinzipien. Das ist Framing: Die Partei ist tolerant — der Politiker ist ehrlich. Die Frage, ob eine Partei ohne Prinzipien überhaupt noch eine Partei ist, wird nicht gestellt.
Spahn, der als Kontrast gerahmt wird — um Mazur zu entlasten
Mazur sagt: «Das war nicht ehrlich von Herrn Spahn.» Das ist das Urteil — und die NZZ nutzt es, um Mazur als ehrlich zu rahmen. Spahn ist der Heuchler — Mazur ist der Ehrliche. Aber die Frage, ob die Ehrlichkeit das Problem löst — oder ob sie nur die Heuchelei durch eine andere Form der Selbstgerechtigkeit ersetzt —, wird nicht gestellt. Mazur ist ehrlich — er sagt, dass er Leihmutterschaft nutzte und dass er sie legalisieren will. Aber die Ehrlichkeit ändert nichts an der Handlung: Er kaufte eine Schwangerschaft. Er bezahlte eine Frau, um ein Kind auszutragen und abzugeben. Die Ehrlichkeit, mit der er das sagt, macht es nicht ethisch — sie macht es nur selbstbewusster.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist ein Politiker, der offen gegen die Parteilinie handelt, besser als einer, der heimlich gegen sie handelt — oder ist er nur dreister? Die NZZ rahmt Mazur als fortschrittlich — Spahn als rückständig. Aber die Handlung ist dieselbe. Das ist Framing: Die Ehrlichkeit wird zur Moral — die Handlung wird zur Privatsache.
Die Legalisierung, die als Fortschritt gerahmt wird — ohne Frage nach den Folgen
Mazur sagt: «Klar ist: Leihmutterschaften werden genutzt, von heterosexuellen und von homosexuellen Paaren, die Leute gehen dafür einfach ins Ausland. Ich finde, der Umgang mit Leihmutterschaften sollte unverkrampfter werden in der Schweiz. Durchdachte gesetzliche Regelungen könnten einen geeigneten Rahmen für dieses Phänomen schaffen.» Das ist die Forderung — und die NZZ referiert sie, ohne sie zu prüfen. «Unverkrampfter» — das ist das Wort, das eine ethische Frage als neurotische Frage rahmt. Wer Leihmutterschaft kritisch sieht, ist «verkrampft». Wer sie befürwortet, ist «unverkrampft». Das ist Framing: Die Befürwortung ist normal — die Kritik ist pathologisch.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Was passiert, wenn die Schweiz Leihmutterschaft legalisiert? Wer wird die Leihmütter sein? Werden es Frauen sein, die es aus freien Stücken tun — oder Frauen, die es aus finanzieller Not tun? Werden es Frauen sein, die «aufblühen» — oder Frauen, die keine andere Wahl haben? Die NZZ fragt nicht. Die Legalisierung wird als Fortschritt gerahmt — die Folgen für die Frauen, die als Leihmütter fungieren werden, kommen nicht vor.
Die Stimmen, die nur aus einer Richtung kommen
Die NZZ interviewt Mazur — und niemanden sonst. Keine Leihmutter, die ihre Geschichte erzählt. Keine Feministin, die die Kommerzialisierung des weiblichen Körpers kritisiert. Keinen Ethiker, der die Frage stellt, ob Schwangerschaft eine Dienstleistung ist. Keinen Kinderpsychologen, der die Perspektive des Kindes thematisiert. Keinen Juristen, der fragt, ob ein Vertrag über ein Kind rechtlich bindend sein kann. Keinen Politiker der Mitte, der erklärt, warum die Partei Leihmutterschaft ablehnt — und ob Mazurs Handlung Konsequenzen haben sollte. Niemand. Mazur spricht — die NZZ referiert. Das ist die Struktur eines Interviews ohne Gegeninterview — und das Gegeninterview wäre die Frage gewesen, was Leihmutterschaft bedeutet: für die Frau, für das Kind, für eine Gesellschaft, die den Körper zur Ware macht.
So funktioniert dieses Interview: Es befragt einen Mann, der eine Leihmutter engagierte — und rahmt ihn als entspannte Gegenstimme zur deutschen Moraldebatte. Es erwähnt die Leihmutter nur als Figur in Mazurs Erzählung — ohne ihre Stimme, ihre Motivation, ihre Perspektive. Es rahmt den Vertrag als ethische Lösung — ohne zu fragen, ob Schwangerschaft Gegenstand eines Vertrages sein kann. Es minimiert die Ausbeutungskritik als «verstandene» Kritik — ohne die konkrete Frau zu fragen. Es rahmt das Kind als glücklich — ohne zu fragen, ob es ein Recht auf eine Mutter hat. Es rahmt den Parteilinienverstoss als tolerabel — ohne zu fragen, ob eine Partei ohne Prinzipien noch eine Partei ist. Es nutzt Spahn als Kontrast — um Mazur als ehrlich zu rahmen, obwohl die Handlung dieselbe ist. Es fordert Legalisierung — ohne nach den Folgen für die Frauen zu fragen, die als Leihmütter fungieren werden. Es zitiert nur Mazur — und keine Gegenstimme. Wer das Interview liest, weiss, dass Mazur glücklich ist, dass seine Tochter «zwei Daddys» hat und dass Leihmutterschaft «unverkrampfter» behandelt werden sollte. Wer wissen will, was die Leihmutter empfindet, ob Schwangerschaft eine Dienstleistung ist, ob ein Kind ein Recht auf eine Mutter hat, ob ein Parteilinienverstoss Konsequenzen haben sollte, was Legalisierung für die Frauen bedeutet und ob es Stimmen gibt, die Leihmutterschaft als Ausbeutung sehen, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist kein Interview, das ist eine Werbeanzeige für Leihmutterschaft — und die Werbung zeigt einen glücklichen Vater, aber nicht die Frau, die das Kind gebar und abgab.
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