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Krieg oder Schiene?
Medienkritik
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Krieg oder Schiene?

Kritisierter Beitrag (Echo der Zeit) →

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Der Titel stellt Drohung und Gegenmassnahme nebeneinander. Die Infobox nimmt die Drohung gleich wieder zurück: «Am Flughafen Zürich besteht aktuell keine Einschränkung.» Gemeldet wird also eine Massnahme gegen eine Knappheit, die laut der einzigen Branchenstimme noch nicht eingetreten ist. Als Ursache bietet der Beitrag zwei Hauptgründe an, die Schiene aus Deutschland und die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, und gewichtet keinen. Unerwähnt bleiben der Sanktionskontext zu Russland, die Vorgeschichte des Niedrigwassers und vor allem der Umstand, dass das Kerosin-Pflichtlager schon vor der Öffnung unter der Vorgabe des Bundes lag.

Zum SRF-Beitrag «Flughafen Zürich droht Kerosin-Engpass – Bund öffnet Pflichtlager», Echo der Zeit, 15.10.2026


Der Beitrag macht mehreres richtig. Er nimmt mit der Swiss-Sprecherin eine Stimme auf, die seinen eigenen Titel relativiert, und lässt sie stehen. Er trennt, was in vielen Energieberichten verschwimmt: Rohöl gebe es «genügend» auf dem Weltmarkt, knapp seien Raffinerieprodukte. Er unterscheidet Kerosin von Benzin, Diesel und Heizöl, statt eine allgemeine Treibstoffkrise auszurufen. Er nennt eine Menge mit Bezugsgrösse sowie den Delegierten für wirtschaftliche Landesversorgung als entscheidende Instanz und erklärt das Pflichtlagersystem samt Eigentumsverhältnissen. Und er hält die Modalität durch: Der Engpass «droht», und zwar «sonst». Er herrscht nicht. Das ist sorgfältiger als die meisten Meldungen dieser Art.

Logistik oder Raffinerie?

Der Text beginnt mit der Logistik: «Der Hauptgrund für den drohenden Engpass liegt bei den Zufahrtsstrecken aus Deutschland.» Einige Absätze später erklärt SRF-Wirtschaftsredaktor Dario Pelosi, die Ursache des Mangels liege «bei den Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine». Beide Sätze stehen im selben Beitrag, und beide beanspruchen den ersten Rang. Sie beschreiben aber verschiedene Probleme. Ein Logistikproblem heisst: Die Ware existiert, sie kommt nur nicht an. Ein Raffinerieproblem heisst: Die Ware ist am Markt knapp. Im ersten Fall überbrückt die Freigabe einige Wochen, bis Schiffe und Züge wieder fahren. Im zweiten Fall kann sie der Beginn eines Abbaus sein, dessen Ende niemand kennt. Welcher Fall vorliegt, bestimmt die Bedeutung der Meldung. Der Beitrag lässt beide Fälle nebeneinander stehen.

Ebenso unverbunden steht die Internationale Energieagentur im Text. Der Zwischentitel lautet «Empfehlung gemäss Energieagentur». Der Text sagt nur, die IEA habe ihren Mitgliedsländern «vorgeschlagen», Teile ihrer Reserven auf den Markt zu werfen. Die Schweiz ist seit der Gründung der IEA 1974 Mitglied. Die Zusammenfassung begründet die Freigabe jedoch ausschliesslich logistisch, mit Problemen «auf dem Rhein und im Schienengüterverkehr». Der Zwischentitel legt eine koordinierte internationale Aktion nahe, der Text belegt eine nationale Reaktion auf eine Transportlage. Ob beides zusammenhängt, erfährt man nicht.

«Einer der wichtigsten Lieferanten»

Pelosi begründet die Raffinerieknappheit unter anderem mit Russland. Durch ukrainische Angriffe dürften «gegen 50 Prozent der Raffineriekapazität Russlands beeinträchtigt sein». Russland sei «einer der wichtigsten Lieferanten von Diesel und Kerosin». Für wen, sagt der Satz nicht. Für die Schweiz ist Russland kein direkter Lieferant: Sie hat das EU-Embargo auf russische Erdölprodukte übernommen, in Kraft seit Februar 2023. Der Mechanismus ist also indirekt. Fallen russische Kapazitäten aus, verknappt sich der Weltmarkt, auf dem die Schweiz einkauft. Das ist keine Wertung der Sanktionen. Es ist ein Glied in der Kausalkette, die der Beitrag selbst eröffnet. Ohne dieses Glied erscheint die Knappheit als reine Kriegsfolge, an der keine eigene Entscheidung mitwirkt.

Dasselbe gilt für die Raffinerien. «Es fehlt aber an Raffinerien», sagt Pelosi und meint jene am Golf und in Russland. Die Schweiz besass selbst zwei. Seit der Schliessung von Collombey 2015 ist mit Cressier nur noch eine in Betrieb. Der Beitrag erklärt die Importabhängigkeit mit der Geografie: «Die Schweiz ist als Binnenland bei vielen lebenswichtigen Gütern auf Importe angewiesen.» Bei Fertigprodukten wie Kerosin ist diese Abhängigkeit aber auch industriepolitisch gewachsen. Im Beitrag erscheint sie als Naturtatsache.

«Gegenüber der Vorwoche»

«Wegen des Niedrigwassers auf dem Rhein können die Frachtschiffe nicht voll beladen werden oder fallen ganz aus.» Der Satz beschreibt einen Zustand ohne Datum, als träte er zum ersten Mal ein. Der Bund hat Pflichtlager für Mineralölprodukte bereits 2018 und 2022 wegen Rhein-Niedrigwassers freigegeben. Mit diesen Vorläufern wird aus dem Ereignis ein wiederkehrender Befund: Die Versorgung hängt an einem Fluss und an einem ausländischen Schienennetz, und diese Verwundbarkeit ist bekannt.

Auch die Schiene erscheint ohne Subjekt. Im internationalen Schienengüterverkehr komme es «zu massiven Verspätungen und Komplettausfällen». Wer das Netz betreibt und ob die Ausfälle allein aus der doppelten Last folgen, von der der Text spricht, sagt der Beitrag nicht. Dazu kommt ein Hinweis auf eine Vorgeschichte, dem er nicht nachgeht. Die Versorgung mit Benzin, Diesel und Heizöl habe sich «gegenüber der Vorwoche zwar verschlechtert». Ein Wochenvergleich setzt ein laufendes Monitoring voraus, also eine Lage, die sich über Wochen aufgebaut hat. Der Zwischentitel macht daraus: «Kein Engpass bei anderen Treibstoffen».

Die Prozentzahl ohne Kalender

«Konkret sollen in den nächsten zwei Wochen bis zu 30 Millionen Liter Kerosin freigegeben werden. Das entspricht 6.5 Prozent des eingelagerten Flugtreibstoffes.» Aus beiden Zahlen ergibt sich ein Gesamtbestand von rund 460 Millionen Litern. Diese Rechnung stammt nicht aus dem Beitrag. Er übersetzt weder die Freigabe noch den Bestand in Tage, obwohl der Bund die Masseinheit selbst vorgibt. Die Pflichtlager für Flugpetrol müssen 90 Tage des durchschnittlichen Absatzes der letzten drei Jahre an den Schweizer Flughäfen abdecken, Basel ausgenommen. Für 2026 meldete das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung eine Reichweite von 72 Tagen, ein Sprecher bestätigte dies. Der Grund: Die Pflichtlagermenge beruht auf den Jahren 2022 bis 2024, der Verbrauch ist seither stark gestiegen.

Legt man diese 72 Tage zugrunde, entsprechen 6.5 Prozent knapp fünf Tagen Reichweite. Nach der Freigabe stünde das Lager rechnerisch bei rund 67 Tagen, bei einer Vorgabe von 90. Auch das sind eigene Rechnungen. Aus «6.5 Prozent» wird damit ein anderer Satz: Ein Lager, dem schon vor der Freigabe rund ein Fünftel seiner Sollreichweite abging, wird weiter geleert. Das ist keine verpasste Vertiefung, sondern eine Weglassung. Die Bildlegende nennt dasselbe Bundesamt als Quelle für den drohenden Engpass. Seine Angabe zum Unterbestand übernimmt der Beitrag nicht.

Unerwähnt bleibt zudem, wer die Lager bezahlt. «Die Vorräte selbst gehören den jeweiligen Unternehmen» klingt nach Privatsache. Finanziert wird die Lagerhaltung jedoch über einen Garantiefonds, gespeist aus Abgaben, die auf den Treibstoffpreis überwälzt werden. Nach einer Freigabe besteht eine Pflicht zur Wiederauffüllung. Fristen nennt der Beitrag keine. Bei einem Lager unter Soll ist das keine Nebenfrage.

Die Ursache im Plural

Der Beitrag folgt zunächst einer bekannten Form: der Kausalität als Wetter. Niedrigwasser, «Verspätungen und Komplettausfälle», «Kriege», «Angriffe in der Meerenge von Hormuz»: Jede Ursache erscheint ohne Akteur und ohne Entscheidung. Das gilt auch dort, wo Entscheidungen mitwirken, beim Embargo, bei der Raffinerieschliessung, bei der Bemessung des Pflichtlagers. Dazu tritt eine zweite Form, die einen eigenen Namen verdient: die Ursache im Plural. Das Muster ist: Mehrere Hauptursachen werden nebeneinandergestellt, jede für sich plausibel, keine gegen die andere gewichtet. Die Fülle der Erklärungen ersetzt die Erklärung. Der Leser erhält Gründe statt eines Grundes. Unter den vielen äusseren Gründen verschwindet der eine innere, der sich nicht als Wetter erzählen lässt: eine Vorratsmenge, die am Verbrauch früherer Jahre bemessen wurde.

72 statt 90

So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet die Öffnung eines Lagers und rahmt sie als Antwort auf ein Ereignis, obwohl sie Antwort auf einen Zustand ist. Das Ereignis hat einen Fluss, eine Schiene, zwei Kriege und eine Frist von zwei Wochen. Der Zustand hat eine Zahl, 72 statt 90 Tage, und kommt im Beitrag nicht vor. Der Beitrag verbucht, was aus dem Lager kommt. Was ihm schon vorher fehlte, steht in keiner Zeile.

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