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Die Verschiebung und die Verschleierung
Medienkritik
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Die Verschiebung und die Verschleierung

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Dieser SRF-Beitrag über die Verschiebung der E-ID ist ein Lehrstück in Behörden-Stenografie: Eine Pressemitteilung des Bundesamtes für Justiz wird 1:1 übernommen, ohne eine einzige kritische Frage. Die Verschiebung wird als technisches Problem (KI, Deepfakes, Sicherheit) präsentiert — ohne Kontext, ohne Vorgeschichte, ohne Kosten, ohne politische Dimension. Das ist keine Berichterstattung — das ist ein Pressespiegel mit Redaktions-Siegel. Und das Schlimmste: Die gesamte Vorgeschichte der E-ID — der Abstimmungskampf, die Swisscom-Spende, das Bundesgericht-Urteil, die Verstösse gegen Transparenzregeln — wird mit keinem Wort erwähnt. Als ob die E-ID aus dem Nichts kommt.

Zum SRF-Beitrag «Die Einführung der E-ID verzögert sich», SRF 4 News, 30.06.2026


Was der Beitrag macht

Er meldet eine Verschiebung: Die E-ID kommt nicht im zweiten Halbjahr 2026, sondern frühestens im ersten Halbjahr 2027. Der Grund: Sicherheits- und Datenschutzverbesserungen, neue Herausforderungen durch KI und Deepfakes. Eine arbeitsgruppenübergreifende Lösung wird gesucht. Die Infrastruktur soll ab dem ersten Halbjahr 2027 nutzbar sein — für elektronische Nachweise wie den Führerausweis. Das Bundesamt für Justiz (BJ) ist die Quelle. Das ist alles.

Was der Beitrag nicht macht

Er fragt nicht. Er prüft nicht. Er kontextualisiert nicht. Er erinnert nicht. Er ist eine Pressemitteilung, die als Journalismus ausgegeben wird — und das ist das Problem.

Die Vorgeschichte, die fehlt: Swisscom, die Spende, das Bundesgericht

Die E-ID wurde 2025 in einer Abstimmung (sehr knapp) angenommen — aber diese Abstimmung war belastet. Swisscom, das Unternehmen, das am E-ID-System mitbaut, hat 30'000 Franken an das Pro-Komitee gespendet. Zwei Bundesgerichtsrichter haben diese Spende als verfassungswidrig eingestuft — weil sie die Transparenzregeln verletzt und den Abstimmungskampf verzerrt hat. Die Mehrheit des Bundesgerichts ist dieser Frage ausgewichen — sie hat das Abstimmungsergebnis auf prozeduralen Gründen bestätigt, ohne die substantielle Frage zu beantworten. Die Kampagnenfinanzierung wurde erst nach der Abstimmung vollständig offengelegt.

Das ist die Vorgeschichte der E-ID — und SRF erwähnt sie mit keinem Wort. Ein Beitrag über die Verschiebung der E-ID, der die Umstände ihrer demokratischen Legitimation ignoriert, ist ein Beitrag, der die halbe Story weglässt. Die Frage, die sich stellt: Hat die Verschiebung auch mit den ungeklärten rechtlichen Fragen zu tun? Hat das Bundesgericht-Urteil Konsequenzen für den Zeitplan? Hat die Swisscom-Verstrickung Auswirkungen auf die Implementierung? Das sind die Fragen, die ein Journalist stellen würde — und SRF stellt sie nicht.

Die KI-Begründung: eine Behauptung ohne Substanz

Der Beitrag sagt: «Neueste Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) bringen laut dem Bundesamt zusätzliche Herausforderungen für das Erstellen einer elektronischen Identität (E-ID) mit sich.» Und: «Ebenso will der Bund die Erkennung von Deepfakes stärken.»

Das klingt nach einer seriösen Begründung — aber es ist eine Behauptung ohne Substanz. Welche KI-Entwicklungen? Welche Deepfake-Risiken? Wie genau bedroht KI die E-ID? Geht es um Identitätsdiebstahl durch Deepfake-Videos? Geht es um KI-generierte Gesichter, die die Gesichtserkennung täuschen? Geht es um Social Engineering durch KI-gestützte Phishing-Angriffe? Das sind konkrete Bedrohungen — aber der Beitrag nennt keine einzige.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Welche konkreten KI-Bedrohungen haben zur Verschiebung geführt? Sind dies neue Erkenntnisse oder bekannte Risiken? Wenn sie neu sind — wann wurden sie entdeckt? Wenn sie bekannt sind — warum wurden sie nicht früher berücksichtigt? Das sind die Fragen, die die KI-Begründung prüfen würden — und sie fehlen.

Die Sicherheitsversprechen: erwähnt, aber nicht spezifiziert

Der Beitrag sagt: «Die Sicherheit beim Online-Ausstellen der E-ID werde weiter erhöht. Beispielsweise soll das Einschleusen von Schadsoftware auf dem Endgerät erschwert werden.»

Das ist ein Versprechen — aber es ist nicht spezifiziert. Wie soll das Einschleusen von Schadsoftware erschwert werden? Durch technische Massnahmen auf dem Gerät? Durch Server-seitige Validierung? Durch Zwei-Faktor-Authentifizierung? Durch Hardware-Security-Module? Das sind konkrete Massnahmen — aber der Beitrag nennt keine.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Welche konkreten Sicherheitsmassnahmen werden implementiert? Werden sie von externen Experten geprüft? Gibt es eine Zertifizierung? Gibt es einen Sicherheits-Audit? Das sind die Fragen, die die Sicherheitsversprechen prüfen würden — und sie fehlen.

Die Arbeitsgruppe: erwähnt, aber nicht benannt

Der Beitrag sagt: «Eine Arbeitsgruppe über die Departemente hinweg sei an den Lösungsansätzen dran.» Welche Departemente? Wer sitzt in der Arbeitsgruppe? Wer leitet sie? Seit wann gibt es sie? Wann legt sie Ergebnisse vor? Das sind die Fragen, die die Arbeitsgruppe kontextualisieren würden — und sie fehlen.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wer ist in der Arbeitsgruppe? Sind externe Experten dabei? Sind Kantone dabei? Sind Datenschutz-Beamte dabei? Oder ist es eine reine Bundesstelle? Das ist relevant — denn die E-ID ist ein gemeinsames Projekt von Bund, Kantonen und Gemeinden. Wenn die Arbeitsgruppe nur aus Bundesstellen besteht, dann fehlen die Kantone — und das ist ein Problem. Wer bezahlt die Arbeitsgruppe? Vermutlich Steuerzahlerinnen.

Die Kosten: komplett absent

Die Verschiebung der E-ID um mindestens ein halbes Jahr kostet Geld. Wer zahlt? Hat die Verschiebung budgetäre Konsequenzen? Gibt es Mehrkosten für die Entwicklung? Gibt es Mehrkosten für die Betreiber? Gibt es Opportunitätskosten (Verzögerung der digitalen Verwaltung)? Das sind die Fragen, die die wirtschaftliche Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die Gemeinden: erwähnt im Archiv, ignoriert im Beitrag

Der Beitrag verlinkt auf ein Archiv-Stück: «Gemeinden fühlen sich bei E-ID von Bund im Stich gelassen» (Echo der Zeit, 17.06.2026). Das suggeriert, dass es einen Konflikt zwischen Bund und Gemeinden gibt — aber der aktuelle Beitrag thematisiert diesen Konflikt nicht. Wie stehen die Gemeinden zur Verschiebung? Sind sie informiert worden? Sind sie vorbereitet? Haben sie die Infrastruktur, um elektronische Nachweise auszustellen? Das sind die Fragen, die die föderale Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die vorherigen Verschiebungen: kein Wort

Die E-ID wurde bereits mehrfach verschoben. Die erste Version scheiterte 2021 an der Urne. Die zweite Version wurde 2025 angenommen — mit dem Versprechen einer schnellen Einführung. Jetzt wird sie erneut verschoben. Das ist ein Muster — und SRF erwähnt es nicht.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie oft wurde die E-ID bereits verschoben? Welche Gründe wurden jeweils genannt? Sind die aktuellen Gründe neu oder wiederkehrend? Wenn die Gründe wiederkehrend sind, dann ist die Verschiebung nicht ein technisches Problem — dann ist es ein systematisches Problem. Das ist die Frage, die die Geschichte der E-ID kontextualisieren würde — und sie fehlt.

Die Swisscom-Frage: der elephant im Raum

Swisscom baut am E-ID-System. Swisscom hat an den Abstimmungskampf gespendet. Das Bundesgericht hat diese Spende von zwei Richtern als verfassungswidrig einstufen lassen. Jetzt wird das System verschoben — und SRF fragt nicht, ob die Verzögerung auch mit der Swisscom-Verstrickung zu tun hat. Hat Swisscom Sicherheitsbedenken angemeldet? Hat Swisscom Lieferverzögerungen? Hat Swisscom personelle Engpässe? Das sind die Fragen, die die institutionelle Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Was komplett fehlt

Keine Erwähnung der Abstimmungsvorgeschichte (2021 Scheitern, 2025 Annahme). Keine Erwähnung der Swisscom-Spende und des Bundesgericht-Urteils. Keine konkrete KI-Bedrohung benannt. Keine konkrete Sicherheitsmassnahme spezifiziert. Keine Benennung der Arbeitsgruppe. Keine Kosten der Verschiebung. Keine Perspektive der Gemeinden. Keine Geschichte der vorherigen Verschiebungen. Keine Frage nach der Swisscom-Verstrickung. Keine Frage nach externer Sicherheitsprüfung. Keine Frage nach Datenschutz-Auswirkungen der neuen Massnahmen. Keine Frage nach internationalen Standards (eIDAS, EU-Interoperabilität). Keine Frage nach der Nutzerperspektive (Was bedeutet die Verschiebung für Bürger, die auf die E-ID warten?). Keine Frage nach der wirtschaftlichen Dimension (Was kostet die Verzögerung der digitalen Verwaltung?). Keine Frage nach der politischen Verantwortung (Wer trägt die Verantwortung für die Verzögerung?).

Kurzurteil

Ein Beitrag, der eine Pressemitteilung als Journalismus ausgibt. Die Verschiebung der E-ID wird als technisches Problem (KI, Deepfakes, Sicherheit) präsentiert — ohne eine einzige kritische Frage. Die gesamte Vorgeschichte — der Abstimmungskampf, die Swisscom-Spende, das Bundesgericht-Urteil mit der 3:2-Entscheidung und der verfassungswidrigen Spende, die Verstösse gegen Transparenzregeln — wird mit keinem Wort erwähnt. Die KI-Begründung wird ohne konkrete Bedrohung übernommen. Die Sicherheitsversprechen werden ohne Spezifizierung akzeptiert. Die Arbeitsgruppe wird ohne Benennung zitiert. Die Kosten der Verschiebung fehlen. Die Gemeinden-Perspektive fehlt. Die Geschichte der vorherigen Verschiebungen fehlt. Die Swisscom-Verstrickung fehlt. Gemessen an journalistischen Standards ist das kein Falschbericht — aber es ist ein Stück, das eine Behördenmitteilung 1:1 übernimmt, ohne sie zu prüfen, zu kontextualisieren oder zu hinterfragen. Wer den Beitrag liest, weiss, dass die E-ID später kommt und dass KI der Grund ist. Wer wissen will, warum wirklich verzögert wird, was das kostet, wer verantwortlich ist und welche Vorgeschichte das Projekt belastet, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist kein Journalismus, das ist Bundesamt für Justiz-Kommunikation mit SRF-Siegel.

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