9min
Die Unruhe ohne Adressat
Medienkritik
7 Minuten

Die Unruhe ohne Adressat

Kritisierter Beitrag (Rendez-vous) →

Teilen

«Albanien kommt nicht zur Ruhe»: Mit diesem Satz beginnt der Beitrag und setzt die Ruhe als Normalzustand, den Protest als Störung. Die Titelfrage «wie weiter mit den Protesten?» richtet sich an die Bewegung, nicht an die Regierung, gegen die sie demonstriert. Die einzige präzise Zahl im Beitrag ist eine Gewaltbilanz, die nur eine Seite kennt: «fast 100 Polizisten verletzt und mehr als 100 mutmassliche Randalierer festgenommen». Der Beitrag verschweigt, wer hinter dem Luxusresort auf Sazan steht. Die Forderungen der Studenten erscheinen nur als Schlagworte, und von den zwei Männern, die das Land laut Infobox seit Jahrzehnten dominieren, erhält nur einer einen Namen.

Zum SRF-Beitrag «Wieder schwere Ausschreitungen – wie weiter mit den Protesten?», Rendez-vous, 15.10.2026


Der Beitrag trennt sauber zwischen den Flamingo-Protesten und den neuen Studentenprotesten und hält die Ausweitung auf Korca, Durres und Lushnja fest. Er verschweigt nicht, dass im Vergleich zum Sommer, als «zeitweise Zehntausende» demonstrierten, deutlich weniger Menschen auf der Strasse sind. Er lässt drei Stimmen mit unterschiedlichen Strategien zu Wort kommen und suggeriert keine geschlossene Bewegung. Die Einschränkungen «mutmassliche Randalierer» und «Medienberichten zufolge» sind korrekt gesetzt. In der Infobox steht der Kern der Systemkritik: Die Studenten fordern Ramas Rücktritt und distanzieren sich zugleich von der grössten Oppositionspartei. Eine Bildlegende nennt Korruption ausdrücklich als Protestgrund. Das Material für eine politische Einordnung liegt im Beitrag vor, allerdings in den Randzonen.

Eine Insel, kein Investor

Was der Beitrag über den Ursprung der Bewegung sagt, steht in einer Bildlegende und einer Infobox. Die Legende spricht von Protesten «gegen das umstrittene Luxusresort auf der Insel Sazan und die Politik von Premier Edi Rama», die Infobox von einer Bewegung, die sich zunächst «gegen ein umstrittenes Luxusbauprojekt in einem Naturschutzgebiet» richtete. Damit endet die Auskunft.

Das Projekt ist mit Jared Kushner verbunden, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Sein Wert liegt bei rund 1,6 Milliarden Dollar, und es reicht in das Schutzgebiet Vjosa-Narta, nach dessen Flamingos sich die Bewegung benennt. Die Regierung Rama hat dem Vorhaben eine vorläufige Genehmigung erteilt. Mit diesen Angaben wird aus einem umstrittenen Bauprojekt eine Konstellation: eine Milliardeninvestition aus dem Umfeld des amerikanischen Präsidenten, von der albanischen Regierung ermöglicht, in einem Schutzgebiet. Die Proteste richten sich dann nicht gegen diffuse Missstände, sondern gegen eine benennbare Allianz.

Die Infobox datiert die Formierung der Bewegung auf Juni. Begonnen haben die Proteste am 30. Mai, nachdem die Projektentwickler den Zugang zu Strand und Küste mit Stacheldraht abgesperrt hatten. Die Abweichung um wenige Tage ist belanglos, der Stacheldraht nicht. Er macht aus einer Planungsfrage einen physischen Ausschluss.

Auch der Satz, die Regierung zeige «bislang keine Bereitschaft zum Dialog», verlangt eine Einordnung. Sofern er die Flamingo-Bewegung einschliesst, trifft er so nicht zu: Rama machte den Gegnern ein Gesprächsangebot, sie lehnten ab und fordern den Stopp des Projekts. Das schwächt die Formulierung der Infobox, schärft aber den Konflikt. Gestritten wird nicht über Gesprächsbereitschaft, sondern über eine erteilte Genehmigung. Von dieser Genehmigung ist im Beitrag nirgends die Rede.

Die Gewalt in Zahlen, die Gründe in Stichworten

Die Gewalt ist im Beitrag genau erfasst: fast 100 verletzte Polizisten, mehr als 100 Festnahmen, eine verwüstete Bank, verwüstete Universitätsräume, Steine und Molotowcocktails auf Schulen in Korca. Die Polizei tritt ein einziges Mal handelnd auf, als Reaktion: Demonstranten versuchten, sich dem Bildungsministerium zu nähern, «worauf die Polizei mit Tränengas reagierte». Ob und wie viele Demonstranten verletzt wurden, erfährt das Publikum nicht.

Ebenso wenig erfährt es, woher die Bilanz stammt. Hier liegt eine Asymmetrie innerhalb desselben Textblocks. Die Molotowcocktails werden mit «Medienberichten zufolge» abgesichert, die Verletzten- und Festnahmezahlen stehen ohne jede Quelle da. Die Vorsicht gilt der Behauptung über die Demonstranten, nicht der Bilanz über die Polizei. Das ist eine Weglassung: Eine einseitige Bilanz ohne Herkunftsangabe verändert, wie die Ereignisse gelesen werden.

Bei den Gründen ist es eine Unterlassung. Sie werden genannt, aber nicht entfaltet. Der Fliesstext spricht von Protesten «gegen Missstände im Hochschulwesen», die Infobox von «Forderungen im Bildungsbereich», eine Bildlegende von Protesten «gegen Bildungsmängel, hohe Kosten und Korruption». Welche Kosten, welches Gesetz, welcher Anlass in genau dieser Woche: Dazu steht im Beitrag kein Wort. Wer ihn gelesen hat, weiss, was beschädigt wurde, aber nicht, wofür demonstriert wird.

«Ich dachte, ich kann so meine Anliegen umsetzen»

Die zentrale Figur des Beitrags ist Marjana Koceku. Sie erhält einen eigenen Zwischentitel, eine Bildlegende und das Schlusswort. Die 25-Jährige wurde von Ramas Sozialistischer Partei angeworben und trat später aus. «Diese Entscheidung hat auch mit den Flamingo-Protesten zu tun», heisst es. Wie genau, wird angekündigt und nicht ausgeführt. Ob sie heute parteilos ist, einer anderen Fraktion angehört oder als Unabhängige ihr Mandat ausübt, sagt der Beitrag nicht. Er nennt sie weiterhin «Abgeordnete» und «Politikerin».

Die Spannung liegt im Beitrag selbst. Die Infobox hält fest, die Bewegungen forderten «längst ein Ende des Zwei-Parteiensystems». Die Hauptstimme sitzt im Parlament dieses Systems, kam über eine seiner beiden grossen Parteien dorthin und «setzt auf den Wandel durch Wahlen». Dass die prominenteste Stimme zu einer Systemkritik aus dem System stammt, wäre die naheliegende Frage an sie gewesen.

Die Auswahl hat Folgen für den Befund. Der Beitrag diagnostiziert, in der Bewegung herrsche «Uneinigkeit». Von drei Stimmen setzen zwei auf Wahlen: Koceku und Gregor, Mitglied einer kleinen linken Oppositionspartei. Nur die Studentin Ardenisa setzt auf die Strasse und die Universitäten, also auf jene Bewegung, die laut Titel der Anlass des Beitrags ist. Die Uneinigkeit ist zum Teil eine Funktion der Besetzung. Die Prognose am Schluss, «die Bewegung wird bis dahin weitermachen», stammt von einer Parlamentarierin, nicht aus der Bewegung.

Der Mann, den der Beitrag nicht nennt

Die Infobox spricht von einem System, «in dem dieselben zwei Männer die politische Landschaft seit Jahrzehnten dominieren». Einer davon heisst Edi Rama, seit 2013 Premierminister und 2025 wiedergewählt. Der zweite bleibt namenlos. Gemeint sein dürfte Sali Berisha, früherer Präsident und Premierminister, heute Chef der Demokratischen Partei. Die USA erklärten ihn 2021 wegen Korruptionsvorwürfen für die Einreise unzulässig.

Mit diesem Namen würde verständlich, was die Infobox nur konstatiert: dass die Studenten Ramas Rücktritt fordern und sich gleichzeitig von der grössten Oppositionspartei distanzieren. Die Alternative zur Regierung ist in ihren Augen kein Neubeginn, sondern die andere Hälfte desselben Systems. Ohne den zweiten Namen bleibt die Systemkritik eine Formel, und die Distanzierung von der Opposition wirkt wie eine Laune junger Leute statt wie eine Diagnose.

Ordnung statt Macht

Das Muster ist eine Verschiebung der Zuständigkeit. Ein Protest wird als Zustand eines Landes gemeldet, als Unruhe, die nicht zur Ruhe kommt. Die Frage nach dem Weitergehen wird den Demonstranten gestellt, als läge die Lösung bei ihnen. Der Gegenstand des Protests bleibt gesichtslos: Das Projekt hat keinen Investor, die Genehmigung keinen Absender, das Zweiparteiensystem nur eine Hälfte. Die Gewalt dagegen hat Täter, Orte und Zahlen. So entsteht ein Bild, in dem Ordnung gestört wird, nicht eines, in dem Macht herausgefordert wird. Die Kategorie ist verwandt mit der Kausalität als Wetter: Der Protest geschieht, aber das, wogegen er sich richtet, geschieht nicht. Eine Nebenform ist die Behörde als neutrale Quelle, sichtbar an einer Bilanz, die keine Herkunft braucht, weil sie die Ordnungsperspektive bestätigt.

Das Resort ohne Namen

So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet eine Bewegung gegen eine Regierung und rahmt sie als Ordnungsproblem eines Landes, das nicht zur Ruhe kommt. Die Regierung erscheint in einem einzigen Satz, die einzige Stimme mit Regierungsnähe ist eine Abtrünnige, und die Frage nach der Zukunft geht an jene, die keine Macht haben. Das Luxusresort hat im Beitrag eine Insel und ein Schutzgebiet, aber keinen Namen.

Kein Artikel verpassen.