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Die Studie, die die Politik macht
Medienkritik
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Die Studie, die die Politik macht

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Dieser SRF-Beitrag über eine ETH/PSI-Studie zur Wirtschaftlichkeit neuer Atomkraftwerke ist ein Beispiel für Wissenschaftsberichterstattung, die sich als neutral geriert, aber eine politische Wirkung erzeugt. Die Studie kommt zum Schluss: Neue AKW lohnen sich nur mit staatlicher Unterstützung, die Schweiz braucht sie für Netto-Null nicht, und bei europäischen Baukosten verschwinden sie aus dem kostenoptimalen Energiemix. Der Beitrag gibt das wieder — ohne die Annahmen der Studie zu prüfen, ohne die Systemkosten der Alternative zu benennen, ohne die Frage zu stellen, ob die ETH und das PSI die richtigen Institutionen für eine unparteiliche Analyse sind, und ohne zu thematisieren, dass die Studie exakt zum politisch heiklen Zeitpunkt erscheint, an dem das Parlament das AKW-Neubauverbot aufgehoben hat. Das Ergebnis ist ein Beitrag, der eine wissenschaftliche Studie als Fakten präsentiert, obwohl sie auf Modellannahmen beruht, die strittig sind — und der damit die Atomausstieg-Position stärkt, ohne sie als Position zu markieren.

Zum SRF-Beitrag «Studie: Neue AKW lohnen sich nur mit staatlicher Unterstützung», SRF 4 News / SRF News, 29.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Die zentralen Zahlen der Studie werden korrekt wiedergegeben: 12'000 Franken pro Kilowatt bei europäischen/US-Neubauten, 8'000 Franken als Schwelle für Wirtschaftlichkeit, 8 Milliarden Franken für ein Gösgen-grosses Kraftwerk. Die Aussage, dass die Schweiz Netto-Null ohne neue AKW erreichen kann, wird als Studienbefund markiert, nicht als politische Aussage. Andreas Pautz vom PSI wird mit einer differenzierenden Aussage zitiert: Es gebe günstigere Projekte im nicht-europäischen Ausland, man könne sich schwer auf eine Zahl festlegen. Das ist eine ehrliche Einräumung, dass die Kostenschätzung unsicher ist. Und der Beitrag erwähnt, dass die Studie «kein Plädoyer für oder gegen Kernenergie» sein will — was die Absicht der Forscher markiert, auch wenn die Wirkung eine andere ist.

Die Timing-Frage: erwähnt, aber nicht gestellt

Der Beitrag sagt: «Die Studie erscheint zu einem politisch heiklen Zeitpunkt.» Das ist korrekt — aber er fragt nicht, was das bedeutet. Am 18. Juni 2026, elf Tage vor der Studienveröffentlichung, hat das Parlament das AKW-Neubauverbot aufgehoben. Die Studie erscheint also genau in dem Moment, in dem die politische Debatte über neue AKW entsteht — und sie kommt zum Schluss, dass neue AKW sich nicht lohnen. Ist das Zufall? Oder hat es einen Anlass gegeben, die Studie jetzt zu publizieren? Hat das Parlament die Studie angefordert? Hat das Energiedepartement einen Auftrag gegeben? Oder haben die Forschenden selbst entschieden, dass der Zeitpunkt politisch wirksam ist?

Das sind keine Unterstellungen — das sind journalistische Fragen, die gestellt werden müssen, wenn eine Studie «zu einem politisch heiklen Zeitpunkt» erscheint. Der Beitrag erwähnt das Timing, aber er behandelt es als neutrale Beobachtung, nicht als Frage. Das ist die einfachste Form von Wissenschaftsjournalismus: Die Studie sagt X, wir berichten X. Die schwierigere Form wäre: Die Studie sagt X, wir fragen, warum sie jetzt erscheint und wer davon profitiert.

Die Baukosten-Cherry-Picking: Europa vs. der Rest

Die Studie nimmt europäische und US-Baukosten (12'000 Franken/kW) als Referenz und erwähnt, dass es im «nicht-europäischen Ausland» günstigere Projekte gebe. Der Beitrag zitiert Pautz dazu — aber er fragt nicht nach den konkreten Zahlen. Wie teuer sind AKW in Südkorea? In China? In Japan? Die APR1400-Reaktoren in Südkorea (Shin Kori, Shin Hanul) wurden für rund 2'000 bis 3'000 Dollar pro Kilowatt gebaut — also ein Bruchteil der europäischen Kosten. Die Hualong-One-Reaktoren in China liegen ähnlich. Wenn man diese Kosten zugrunde legt, sind neue AKW sehr wohl wirtschaftlich — ohne staatliche Unterstützung.

Die Studie verwendet europäische Kosten als Massstab, weil die Schweiz in Europa liegt und europäische Rahmenbedingungen gelten. Das ist plausibel — aber es ist eine Annahme, keine Tatsache. Die Frage, ob die Schweiz AKW aus Südkorea oder China kaufen könnte (wie die UAE Barakah aus Südkorea gekauft haben), wird nicht gestellt. Die Frage, ob europäische Baukosten strukturell hoch sind (Regulierung, Arbeitskosten, Genehmigungsverfahren) und ob sie senkbar wären, wird nicht gestellt. Die Studie nimmt die europäischen Kosten als gegeben — und der Beitrag übernimmt das, ohne zu fragen.

Die Systemkosten der Alternative: unsichtbar

Die Studie sagt: Die Schweiz kann Netto-Null ohne neue AKW erreichen — mit Wasserkraft, Solar, Speichern und Importen. Der Beitrag gibt das wieder. Aber er fragt nicht: Was kostet das? Wenn das Schweizer Energiesystem auf Solar (die im Winter, wenn der Strombedarf am höchsten ist, kaum produziert), Speichern (die teuer sind) und Importen (die unsicher sind) basiert — wie hoch sind die Systemkosten im Vergleich zu einem Mix mit AKW?

Die Studie spricht vom «kostenoptimalen Energiemix» — aber der Beitrag nennt keine Zahlen. Wie viel teurer ist ein System ohne AKW? Wie viel günstiger wäre eines mit AKW (bei günstigen Baukosten)? Die Studie hat diese Zahlen berechnet — aber der Beitrag liefert sie nicht. Das ist die zentrale Frage für die politische Debatte: Nicht ob AKW «sich lohnen», sondern ob das Gesamtsystem mit oder ohne AKW günstiger ist. Der Beitrag beantwortet sie nicht, weil er die Zahlen nicht liefert.

Die staatliche Unterstützung: ein asymmetrisches Argument

Die Studie sagt: Neue AKW lohnen sich nur mit staatlicher Unterstützung und Risikoabsicherung. Der Beitrag gibt das wieder — aber er fragt nicht, ob dasselbe für Erneuerbare gilt. Photovoltaik in der Schweiz wird staatlich gefriert (KEV-Förderung, EinSpeisevergütung). Windkraft wird staatlich gefördert. Wasserkraft profitiert von Wasserzinsregulierungen und Konzessionen. Speicher werden subventioniert (Netzzuschüsse, Kapazitätsmärkte). Die gesamte erneuerbare Energieinfrastruktur in der Schweiz beruht auf staatlicher Unterstützung — das ist nicht per se falsch, aber es macht das Argument «AKW brauchen staatliche Unterstützung» zu einem asymmetrischen: Es wird als Argument gegen AKW verwendet, aber es gilt genauso für die Alternative.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn man die staatliche Unterstützung für Erneuerbare abzieht, wie wirtschaftlich sind sie dann? Und wenn man AKW dieselbe Unterstützung gewährt wie Erneuerbaren, wie wirtschaftlich sind sie dann? Die Studie vergleicht AKW mit und ohne Unterstützung, aber sie fragt nicht, ob die Alternative ohne Unterstützung überhaupt funktioniert. Der Beitrag thematisiert diese Asymmetrie nicht.

Die Winterstromlücke: erwähnt, aber nicht eingeordnet

Der Beitrag sagt: «Auch mit neuen AKW verschwindet die Winterversorgung nicht. Ganz ohne Importe kommt die Schweiz auch dann nicht aus.» Das ist korrekt — aber es ist auch eine Halbwahrheit. Ein AKW produziert Grundlast, also Strom rund um die Uhr, auch im Winter. Solar produziert im Winter kaum. Wind ist volatil. Wasserkraft ist saisonal (Schneeschmelze). Die Winterstromlücke ist primär ein Problem der erneuerbaren Energien — und AKW würden sie verkleinern, auch wenn sie sie nicht schliessen.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie gross ist die Winterstromlücke mit AKW im Vergleich zu ohne AKW? Wie viele Importe braucht die Schweiz in den Szenarien mit und ohne AKW? Wie sicher sind diese Importe, wenn Europa gleichzeitig auf Electrification umstellt und im Winter ebenfalls Stromknappheit hat? Das sind die zentralen Fragen der Schweizer Energiepolitik — und der Beitrag beantwortet sie nicht, obwohl die Studie die Daten dafür enthält.

Die Institutionen: ETH und PSI als neutrale Akteure?

Der Beitrag präsentiert ETH und PSI als neutrale wissenschaftliche Institutionen. Das ist formal korrekt — aber es ist journalistisch naiv. Die ETH Zürich und das PSI sind führende Forschungsinstitutionen im Bereich erneuerbare Energien, Speichertechnologien und Energiesystemmodellierung. Das Energy Science Center der ETH hat eine starke Ausrichtung auf erneuerbare Energien und Systemintegration. Das PSI forscht intensiv an Materialien für Solarzellen, Batterien und Wasserstoff — alles Technologien, die mit AKW konkurrieren.

Das bedeutet nicht, dass die Studie falsch ist — aber es bedeutet, dass die institutionelle Ausrichtung eine Perspektive prägt. Wer erneuerbare Energien erforscht, tendiert dazu, Szenarien zu modellieren, in denen erneuerbare Energien funktionieren. Wer AKW nicht erforscht, tendiert dazu, ihre Kosten konservativ zu schätzen und ihre Systemvorteile (Grundlast, Netstabilität, geringe Flächeninanspruchnahme) zu unterschätzen. Die Frage, ob die Studie diese institutionelle Voreingenommenheit reflektiert, wird nicht gestellt.

Ein Gegenspieler fehlt: Gibt es Schweizer Institutionen, die AKW-freundlichere Szenarien modellieren? Gibt es internationale Studien (IEA, MIT, IAEA), die zu anderen Schlussfolgerungen kommen? Die IEA in ihrem World Energy Outlook 2024 attestierte neuen AKW in Ländern mit stringenter Regulierung hohe Kosten, aber sie attestierte ihnen auch einen wichtigen Beitrag zur Netto-Null-Zielsetzung — besonders in Ländern mit geringem erneuerbaren Potenzial. Der Beitrag erwähnt keine internationalen Vergleiche.

Die Kapazitätsfaktoren: ausgeblendet

Der Beitrag vergleicht Baukosten pro Kilowatt — aber er vergleicht nicht die tatsächliche Stromproduktion. Ein AKW hat einen Kapazitätsfaktor von 80 bis 90 Prozent — es produziert also fast durchgehend Strom. Solar hat in der Schweiz einen Kapazitätsfaktor von rund 10 bis 12 Prozent — es produziert nur bei Sonnenschein, im Winter kaum. Wind liegt bei 20 bis 25 Prozent. Um dieselbe Strommenge zu produzieren wie ein 1-GW-AKW, braucht man in der Schweiz rund 8 bis 10 GW Solar — und Speicher, um die Produktion zu glätten.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn man die Baukosten pro tatsächlich produzierter Kilowattstunde berechnet (LCOE — Levelized Cost of Energy), wie sieht der Vergleich dann aus? Die Studie hat diese Berechnung vermutlich gemacht — aber der Beitrag liefert sie nicht. Er vergleicht Baukosten pro installiertem Kilowatt, was den Systemvorteil von AKW (hoher Kapazitätsfaktor, Grundlast) verschleiert.

Was komplett fehlt

Keine Frage nach den konkreten Baukosten in Nicht-EU-Ländern (Südkorea, China, UAE). Keine Frage nach den Systemkosten der Alternative (wie teuer ist ein System ohne AKW?). Keine Frage nach der Asymmetrie der staatlichen Unterstützungsargumentation (Erneuerbare werden auch gefördert). Keine Frage nach der Grösse der Winterstromlücke mit vs. ohne AKW. Keine Frage nach der institutionellen Ausrichtung von ETH und PSI. Keine Frage nach internationalen Vergleichsstudien (IEA, MIT). Keine Frage nach dem Kapazitätsfaktor-Unterschied und den LCOE. Keine Frage nach der politischen Wirkung des Timing. Keine Frage nach den Annahmen der Modellrechnung (Diskontierungssatz, CO₂-Preis, Gaspreis, Technologie-Lernkurven). Keine Frage nach der Sicherheit von Importen in einem europäischen Winterstromknappheits-Szenario. Keine Frage nach den alternativen AKW-Technologien (SMR — Small Modular Reactors), die in der Studie offenbar nicht modelliert wurden.

Kurzurteil

Ein faktenkorrekter, aber unkritischer Beitrag über eine Studie, die zum politisch heiklen Zeitpunkt erscheint und eine politisch wirkungsvolle Aussage macht: Neue AKW lohnen sich nicht. Die zentralen Zahlen werden wiedergegeben, aber die Annahmen dahinter werden nicht geprüft. Die europäischen Baukosten werden als Massstab genommen, ohne dass die deutlich günstigeren Kosten in Südkorea oder China thematisiert werden. Die Systemkosten der Alternative (Solar + Speicher + Importe) werden nicht benannt. Die asymmetrische Argumentation (AKW brauchen staatliche Unterstützung, Erneuerbare aber auch) wird nicht hinterfragt. Die Winterstromlücke wird erwähnt, aber nicht eingeordnet: AKW verkleinern sie, auch wenn sie sie nicht schliessen. Die institutionelle Ausrichtung von ETH und PSI (erneuerbare Forschung) wird nicht reflektiert. Der Kapazitätsfaktor-Unterschied und die LCOE fehlen. Das Timing der Studie (elf Tage nach Parlamentsbeschluss) wird erwähnt, aber nicht hinterfragt. Gemessen an Art. 93 BV ist das kein Falschbericht, aber ein Stück, das eine wissenschaftliche Studie als Fakten präsentiert, obwohl sie auf strittigen Modellannahmen beruht — und das damit die politische Debatte in eine Richtung lenkt, ohne die Lenkung zu markieren. Wer den Beitrag hört, weiss, was die ETH-Studie sagt. Wer wissen will, ob die ETH-Studie recht hat, ob die Alternativen günstiger sind und ob die Annahmen plausibel sind, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Wissenschaftsberichterstattung, das ist Pressemitteilung.

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