Die souveräne Abhängigkeit
Die Schweiz will «souveräne Fähigkeiten im Weltraum». Dafür arbeitet sie mit Deutschland, Österreich und Luxemburg zusammen. Und nutzt die ESA, eine zivile Organisation, für militärische Zwecke. 850 Millionen Franken sind vorgesehen. Der Experte, der das erklärt, leitet das Kompetenzzentrum, das von diesen Millionen profitiert. Die Neutralität wird nicht erwähnt. Der Widerspruch zwischen «Souveränität» und «Kooperation» wird nicht aufgelöst. Und die Frage, ob ein Land, das sich nicht verteidigen kann, ohne Satelliten anderer zu nutzen, überhaupt souverän sein kann, wird nicht gestellt.
Zum SRF-Artikel «Was will die Schweizer Armee im Weltraum?», 25. Mai 2026
Die Zirkularität
Monnerat sagt: «Wir sind stark abhängig von ausländischen Nationen.» Die Lösung: Zusammenarbeit mit der ESA und mit Deutschland, Österreich und Luxemburg. Also: Abhängigkeit von anderen Nationen, um die Abhängigkeit von anderen Nationen zu beenden.
Der Unterschied soll sein: Die Schweiz kann sich «aus diesem Verbund lösen und autonom bleiben». Aber was bedeutet das konkret? Ein Satellitennetzwerk mit gemeinsamen Bodenstationen, bei dem die Schweiz jederzeit aussteigen kann? Wer baut die Infrastruktur? Wer betreibt sie? Wer kontrolliert die Daten?
Die Antwort lautet: Die ESA baut. Die Partner betreiben. Die Schweiz nutzt — solange sie darf. Das ist keine Souveränität. Das ist ein Mietvertrag mit Kündigungsfrist.
Die Kosten ohne Kontext
850 Millionen Franken über zwölf Jahre. Das ist die Zahl. Sie steht im Raum. Ohne Vergleich. Ohne Kontext.
Was kostet ein eigener Aufklärungssatellit? Was kostet die Teilnahme an einem Satellitennetzwerk? Was kosten die Bodenstationen? Was kostet das Personal? Was kostet die redundante Infrastruktur, die nötig ist, um sich «lösen» zu können?
Monnerat nennt die Zahl. SRF fragt nicht nach der Aufschlüsselung. SRF fragt nicht nach Alternativen. SRF fragt nicht, ob 850 Millionen für «souveräne Fähigkeiten» ausreichen — oder ob es nur der Anschusspreis ist.
Die zivile ESA für militärische Zwecke
Die ESA ist eine zivile Organisation. Ihr Zweck ist die friedliche Nutzung des Weltraums. Die Schweiz will die ESA für militärische Fähigkeiten nutzen: Aufklärung, Telekommunikation, Navigation.
Monnerat sagt: «Ein grosser Teil dieses Fähigkeitsaufbaus soll in Zusammenarbeit mit der ESA erfolgen.»
Das ist ein Grenzgang. Die ESA darf laut Gründungsvertrag keine militärischen Zwecke verfolgen. Aber «duale Anwendungen» — zivile und militärische Nutzung derselben Technologie — sind erlaubt. Das ist das Schlupfloch.
SRF fragt nicht nach der rechtlichen Situation. SRF fragt nicht nach dem Spannungsverhältnis zwischen ESA-Statut und militärischer Nutzung. SRF fragt nicht, ob die ESA-Mitgliedstaaten, die keine militärische Kooperation mit der Schweiz wollen, ein Veto einlegen können.
Der Experte ohne Interessen
Ludovic Monnerat leitet das Kompetenzzentrum Weltraum. Er ist der Experte. Er erklärt, warum die Schweiz Fähigkeiten im All braucht. Er erklärt, warum 850 Millionen nötig sind. Er erklärt, warum die Kooperation mit der ESA sinnvoll ist.
Was SRF nicht erwähnt: Monnerat hat ein institutionelles Interesse. Sein Kompetenzzentrum profitiert von den 850 Millionen. Sein Kompetenzzentrum wächst, wenn die Armee im Weltraum wächst. Seine Position ist sicherer, wenn die Politik den Weltraum als Priorität definiert.
Das heisst nicht, dass er lügt. Es heisst, dass seine Perspektive nicht die einzige ist. Es gibt andere Perspektiven: Die der Rüstungskontrolle. Die der Neutralitätspolitik. Die der Haushaltspriorisierung.
Keine davon kommt im Artikel vor.
Die Neutralität, die nicht erwähnt wird
Die Schweiz ist neutral. Das bedeutet: Sie nimmt nicht an militärischen Bündnissen teil. Sie lässt kein Territorium für fremde Kriege nutzen. Sie rüstet sich zur Selbstverteidigung.
Jetzt baut sie militärische Fähigkeiten im Weltraum auf. In Kooperation mit Deutschland — einem NATO-Mitglied. Und Luxemburg — ebenfalls NATO. Und Österreich — nicht NATO, aber EU-Mitglied mit engen Verteidigungsbindungen.
Was bedeutet das für die Neutralität? Kann die Schweiz Satelliten mit NATO-Staaten teilen und gleichzeitig neutral bleiben? Können die Daten aus diesen Satelliten getrennt werden — Schweizer Daten für die Schweiz, deutsche Daten für Deutschland? Oder fliesst alles in dieselbe Aufklärung?
Monnerat sagt: Die Schweiz kann sich «lösen». Aber wann? Im Kriegsfall? Wenn die NATO die Daten braucht, die die Schweiz mitfinanziert hat?
SRF fragt nicht. Die Neutralität wird nicht erwähnt. Das Wort kommt im ganzen Artikel nicht vor.
Der Ukraine-Verweis
Monnerat sagt: «Ohne weltraumgestützte Telekommunikation könnten die ukrainischen Streitkräfte kaum weiterkämpfen.»
Das ist das Argument: Die Ukraine zeigt, dass man Weltraum braucht. Also braucht die Schweiz Weltraum.
Aber die Ukraine wird von NATO-Staaten mit Satellitendaten versorgt. Die Schweiz hat keine NATO-Partner, die ihr im Kriegsfall Satellitendaten liefern. Das ist genau der Grund, warum Monnerat «souveräne Fähigkeiten» fordert.
Das Argument beweist also das Gegenteil: Die Ukraine ist abhängig. Die Schweiz will souverän sein. Aber die Kooperation mit Deutschland und Luxemburg macht die Schweiz abhängig — von NATO-Staaten.
Die Ukraine zeigt nicht, dass die Schweiz Weltraum braucht. Sie zeigt, dass Weltraum ohne Verbündete nutzlos ist. Und Verbündete hat die Schweiz nicht — wegen der Neutralität.
Die Schweiz will souveräne Fähigkeiten im Weltraum. Dafür arbeitet sie mit NATO-Staaten zusammen. Dafür nutzt sie eine zivile Organisation für militärische Zwecke. Dafür gibt sie 850 Millionen aus. Der Experte, der das erklärt, profitiert von den Millionen. Die Neutralität wird nicht erwähnt. Der Widerspruch zwischen Souveränität und Kooperation wird nicht aufgelöst. Der Ukraine-Verweis beweist das Gegenteil von dem, was er beweisen soll. SRF fragt nicht nach den Kosten, den Alternativen, der Rechtslage, der Neutralität. SRF gibt den Experte wieder. Ohne Distanz. Ohne Kontext. Ohne Widerspruch.
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