Die Sicherheit, die keine ist
Dieser Tages-Anzeiger-Beitrag über die Lancet-Studie zur mRNA-Impfstoffsicherheit ist ein Lehrstück in Bestätigungsjournalismus: Eine Übersichtsarbeit wird als endgültige Entlastung präsentiert, Skepsis wird als irrational gerahmt, und die zentrale methodische Frage — ob eine Übersichtsarbeit, die keine systematische Review ist, überhaupt Aussagen über Sicherheit treffen kann — wird von einem der zitierten Experten selbst aufgeworfen, dann aber vom Journalisten fallengelassen. Der Beitrag klingt wie Wissenschaftsjournalismus, aber er ist keine — denn Wissenschaftsjournalismus prüft seine Quellen, und dieser Beitrag prüft nichts. Er reproduziert eine Pressemitteilung mit Experten-Zitat.
Zum Tages-Anzeiger-Beitrag «Grosse Analyse bestätigt: mRNA-Impfstoffe sind sicher und wirksam», Felix Straumann, 01.07.2026
Was der Beitrag gut macht
Die Fakten sind dokumentiert: Eine Übersichtsarbeit im «Lancet» von Anna Blakney (University of British Columbia) bestätigt Sicherheit und Wirksamkeit von mRNA-Impfstoffen. Myokarditis/Perikarditis: bis zu 35 Fälle pro Million Dosen. Anaphylaxie: 5 Fälle pro Million Dosen. Zwei Beobachtungsstudien von 2025 (dänisch, 1 Million Teilnehmende; US, 250'000 Personen) finden keine neuen Nebenwirkungen. Wirksamkeit: 87 Prozent Infektionen, 93 Prozent Spitaleinweisungen, 94 Prozent Todesfälle verhindert (2–6 Wochen nach Impfung). John Ioannidis kritisiert die Methodik. Philip Tarr bestätigt die Ergebnisse. Das ist die Grundlage — und Straumann nennt sie sauber.
Die Studie, die keine systematische Review ist — und der Experte, der es sagt
John Ioannidis — einer der meistzitierten Epidemiologen der Welt — sagt in dem Beitrag: «Es besteht Bedarf an fundierten, systematischen Übersichtsarbeiten, die nach hohen methodischen Standards durchgeführt werden.» Das ist eine methodische Kritik an der Blakney-Studie: Sie ist keine systematische Review. Sie ist eine Übersichtsarbeit — und das ist nicht dasselbe.
Eine systematische Review folgt einem Protokoll (PRISMA), durchsucht systematisch Datenbanken, bewertet die Qualität der eingeschlossenen Studien, meta-analysiert die Daten. Eine Übersichtsarbeit (narrative review) selektiert Studien nach Massgabe der Autoren — mit dem Risiko von Selection Bias, Confirmation Bias und Cherry-Picking. Die Blakney-Studie ist eine narrative Review — und Ioannidis sagt genau das: Sie ist nicht systematisch genug.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Was bedeutet es für die Aussagekraft der Studie, dass sie keine systematische Review ist? Welche Studien wurden eingeschlossen, welche ausgeschlossen? Nach welchen Kriterien? Wie viele der 68 Wirksamkeitsstudien waren unabhängig, wie viele von Herstellern finanziert? Das sind die Fragen, die die Validität der Studie bestimmen — und Straumann stellt sie nicht. Er zitiert Ioannidis — und lässt die Kritik stehen, ohne sie zu verfolgen.
Das Framing: Skepsis als Irrationalität
Der Beitrag beginnt: «Das Misstrauen gegenüber mRNA-Impfstoffen hält bis heute an. Die rasche Entwicklung und der massenhafte Einsatz der neuartigen Vakzine während der Coronapandemie haben bei manchen Menschen bleibende Skepsis ausgelöst.»
Das ist ein Framing: Skepsis wird als emotionale Reaktion («bleibende Skepsis») präsentiert, nicht als rationale Position. Die Möglichkeit, dass Skepsis berechtigt sein könnte — dass es gute Gründe gibt, eine neue Technologie mit unklaren Langzeitfolgen kritisch zu betrachten — wird nicht erwogen. Skepsis wird pathologisiert: Sie ist ein Rest aus der Pandemie, ein psychologisches Problem, kein epistemologisches.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist Skepsis gegenüber einer neuen Technologie, die erstmals massenhaft am Menschen eingesetzt wurde, irrational — oder ist sie eine vernünftige Haltung, die durch empirische Evidenz widerlegt werden muss? Das ist die zentrale Frage — und Straumann stellt sie nicht. Er setzt das Framing voraus: Skepsis ist irrational, die Studie beweist das Gegenteil, fertig.
Die Trump-Regierung: erwähnt, aber nicht kontextualisiert
Der Beitrag sagt: «In den USA hat die Trump-Regierung sogar die staatliche Förderung von 500 Millionen Dollar für die Entwicklung neuer mRNA-Impfstoffe gestrichen.» Das ist eine Information — aber sie wird nicht kontextualisiert. Warum hat die Trump-Regierung die Förderung gestrichen? Hat sie Sicherheitsbedenken? Hat sie politische Motive? Hat sie budgetäre Gründe? Hat sie alternative Technologien bevorzugt?
Die Frage, die nicht gestellt wird: Was sind die Gründe der Trump-Regierung? Sind sie wissenschaftlich fundiert oder politisch motiviert? Wenn sie wissenschaftlich fundiert sind — welche Bedenken gibt es? Wenn sie politisch motiviert sind — warum erwähnt der Beitrag sie dann in einem Beitrag über Wissenschaft? Das sind die Fragen, die die Trump-Erwähnung kontextualisieren würden — und sie fehlen.
Die Wirksamkeitszahlen: erwähnt, aber nicht hinterfragt
Der Beitrag sagt: «In den zwei bis sechs Wochen einer mRNA-Impfung wurden demnach 87 Prozent der Infektionen, 93 Prozent der Spitaleinweisungen sowie 94 Prozent der Todesfälle wegen Sars-CoV-2 verhindert.»
Das sind beeindruckende Zahlen — aber der Qualifier «zwei bis sechs Wochen» wird nicht analysiert. Was passiert nach sechs Wochen? Wie schnell sinkt die Wirksamkeit? Wie sieht die Wirksamkeit nach 3 Monaten, 6 Monaten, 12 Monaten aus? Die Frage der Dauerwirksamkeit ist zentral — denn wenn die Wirksamkeit schnell nachlässt, dann ist die Aussage «hoch wirksam» nur für einen kurzen Zeitraum gültig.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie entwickelt sich die Wirksamkeit über Zeit? Gibt es Daten zur Wirksamkeit nach 6 Monaten, nach 1 Jahr, nach 2 Jahren? Wie verhält sich die Wirksamkeit gegenüber neuen Varianten? Das sind die Fragen, die die Wirksamkeitszahlen kontextualisieren würden — und sie fehlen.
Die Myokarditis-Zahl: erwähnt, aber nicht differenziert
Der Beitrag sagt: «Herzentzündungen (Myokarditis und Perikarditis) wurden früh nach der Markteinführung identifiziert und sind sehr selten (bis zu 35 Fälle pro Million Impfdosen).»
«Bis zu 35» — das ist ein Maximum. Was ist der Durchschnitt? Was ist das Risiko nach der ersten Dosis, nach der zweiten, nach der dritten? Das Risiko ist nicht gleichmässig verteilt — es ist höher bei jungen Männern, nach der zweiten Dosis, mit Moderna (höhere Dosis) als mit Pfizer. Der Beitrag erwähnt keine dieser Differenzierungen.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie verteilt sich das Myokarditis-Risiko nach Alter, Geschlecht, Dosisnummer und Hersteller? Welche Altersgruppe ist am stärksten betroffen? Wie schwer sind die Fälle? Wie ist die Prognose? Das sind die Fragen, die die Myokarditis-Zahl verständlich machen würden — und sie fehlen.
Die Anaphylaxie-Zahl: erwähnt, aber nicht eingeordnet
Der Beitrag sagt: «seltene allergische Schockreaktionen – Anaphylaxie genannt – kurz nach der Impfung (5 Fälle pro Million Dosen).» Das ist korrekt — aber es fehlt die Einordnung. Wie schwer waren die Fälle? Wurden sie behandelt? Gab es Todesfälle? Wie ist die Prognose? Das sind die Fragen, die die Anaphylaxie-Zahl einordnen würden — und sie fehlen.
Die dänische Studie: erwähnt, aber nicht zitiert
Der Beitrag sagt: «Eine dänische Studie mit einer Million Teilnehmenden untersuchte insgesamt 29 mögliche Nebenwirkungen, insbesondere neurologische, Autoimmun- sowie Herz-Kreislauf-Reaktionen. Die Forschenden stellten in den vier Wochen nach der mRNA-Impfung keine Zunahme der Fälle fest.»
Welche Studie? Wann veröffentlicht? In welchem Fachblatt? Von wem? Wie war das Design? War es eine Kohortenstudie? Ein Self-controlled case series? Welche Datenquelle wurde genutzt? Das sind die Fragen, die die dänische Studie validieren würden — und Straumann nennt keine einzige.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie heisst die dänische Studie? Wo wurde sie veröffentlicht? Wie war das methodische Design? Welche Limitationen hat sie? Das sind die Fragen, die die Studie zitierfähig machen würden — und sie fehlen.
Die US-Studie: erwähnt, aber nicht zitiert
Dasselbe gilt für die US-Studie: «Ähnliches ergab eine US-Studie mit 250'000 Personen.» Welche Studie? Wann? Wo? Von wem? Welches Design? Welche Limitationen? Das sind die Fragen, die die US-Studie validieren würden — und Straumann nennt keine einzige.
Die Langzeitfolgen: komplett absent
Der Beitrag sagt: «Sechs oder mehr Monate danach kommt es zu keinen neuen unerwünschten Effekten.» Das ist eine starke Aussage — aber sie wird nicht belegt. Woher weiss man das? Gibt es Langzeitstudien? Gibt es Registerdaten? Gibt es Beobachtungszeiträume von 2, 3, 5 Jahren?
Die Frage, die nicht gestellt wird: Gibt es Langzeitdaten zur Sicherheit von mRNA-Impfstoffen? Wie lange ist der Beobachtungszeitraum der längsten Studie? Gibt es Daten zu Autoimmunerkrankungen, die sich erst nach Jahren entwickeln? Gibt es Daten zu Krebsinzidenz? Gibt es Daten zu Fertilität? Das sind die Fragen, die die Langzeitsicherheit prüfen würden — und sie fehlen.
Die postmortale Perspektive: komplett absent
Der Beitrag erwähnt Todesfälle als Wirksamkeitsindikator (94 Prozent verhindert) — aber er erwähnt nicht die Frage, ob es Todesfälle gab, die mit der Impfung in Verbindung gebracht wurden. Gibt es Fälle von plötzlichem Herztod nach Impfung? Gibt es Fälle von VITT (Vaccine-induced thrombotic thrombocytopenia) — bei mRNA? Gibt es Fälle von POTS (Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome)? Gibt es Fälle von MCAS (Mast Cell Activation Syndrome)? Das sind die Fragen, die die mortale Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.
Die Untererfassung: komplett absent
Pharmakovigilanzsysteme (VAERS in den USA, EudraVigilance in Europa, SwissMedic in der Schweiz) erfassen Nebenwirkungen — aber sie erfassen sie unvollständig. Die Untererfassungsrate wird auf 1–10 Prozent geschätzt (je nach Nebenwirkung). Das heisst: Die gemeldeten Fälle sind möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie hoch ist die Untererfassungsrate bei mRNA-Impfstoffen? Wie werden die Zahlen adjustiert? Wenn die Untererfassungsrate 90 Prozent beträgt — wie viele Myokarditis-Fälle gibt es dann tatsächlich? Das sind die Fragen, die die Pharmakovigilanz-Daten interpretierbar machen würden — und sie fehlen.
Die Konflikte der Interessen: komplett absent
Anna Blakney, die Leitautorin der Lancet-Studie, forscht an mRNA-Technologie. Sie hat ein berufliches Interesse daran, dass die Technologie als sicher gilt. Philip Tarr, der zitierte Experte, hat möglicherweise Verbindungen zu Pharmaunternehmen. John Ioannidis hat möglicherweise Verbindungen zu Pharmaunternehmen oder Regierungsbehörden. Keiner dieser potenziellen Konflikte wird erwähnt.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Welche Interessenkonflikte haben die Autoren der Lancet-Studie? Welche haben die zitierten Experten? Gibt es Pharma-Finanzierung? Gibt es Patentverflechtungen? Das sind die Fragen, die die Unabhängigkeit der Aussagen prüfen würden — und sie fehlen.
Die Patientenperspektive: komplett absent
Der Beitrag zitiert Experten, Studien, Statistiken — aber er zitiert keinen einzigen Menschen, der eine Nebenwirkung erlitten hat. Wie geht es einem jungen Mann, der nach der zweiten Dosis Myokarditis entwickelte? Wie geht es einer Frau, die nach der Impfung Anaphylaxie erlitt? Wie geht es den Angehörigen von Menschen, die nach der Impfung verstarben? Das sind die Perspektiven, die die Statistik menschlich machen würden — und sie fehlen.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie leben die Betroffenen mit den Folgen? Werden sie gehört? Werden sie entschädigt? Gibt es eine Impfopfer-Entschädigung in der Schweiz? Das sind die Fragen, die die menschliche Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.
Die offenen Fragen: erwähnt, aber nicht spezifiziert
Ioannidis sagt: «Es besteht Bedarf an fundierten, systematischen Übersichtsarbeiten.» Das ist ein Hinweis auf offene Fragen — aber der Beitrag spezifiziert sie nicht. Welche Fragen sind offen? Welche Studien werden gebraucht? Welche Endpunkte müssen untersucht werden? Welche Populationen? Welche Langzeitzeiträume? Das sind die Fragen, die die wissenschaftliche Agenda beleuchten würden — und sie fehlen.
Was komplett fehlt
Keine Klärung des Studientyps (narrative review vs. systematische Review). Keine Verfolgung der Ioannidis-Kritik (welche methodischen Mängel?). Keine Analyse des Framings (Skepsis als Irrationalität). Keine Kontextualisierung der Trump-Förderkürzung (warum?). Keine Analyse der Wirksamkeit über Zeit (Dauerwirksamkeit?). Keine Differenzierung der Myokarditis (Alter, Geschlecht, Dosis, Hersteller). Keine Einordnung der Anaphylaxie (Schweregrad, Prognose). Keine Zitation der dänischen und US-Studie (welche, wo, wie?). Keine Langzeitdaten (Autoimmun, Krebs, Fertilität). Keine Frage nach postmortalen Fällen (plötzlicher Herztod, POTS, MCAS). Keine Frage nach Untererfassung (Pharmakovigilanz-Limitationen). Keine Frage nach Interessenkonflikten (Blakney, Tarr, Ioannidis). Keine Patientenperspektive (Betroffene, Entschädigung). Keine Spezifizierung der offenen Fragen (was fehlt?). Keine Frage nach den Grenzen der Aussage (was kann eine Übersichtsarbeit nicht leisten?). Keine Frage nach der Generalisierbarkeit (gilt die Sicherheit für alle Altersgruppen? Für Schwangere? Für Immunsupprimierte?). Keine Frage nach den Herstellern (Pfizer vs. Moderna — Unterschiede?). Keine Frage nach den Varianten (gilt die Wirksamkeit für aktuelle Varianten?). Keine Frage nach den Booster-Effekten (was passiert nach 3, 4, 5 Dosen?). Keine Frage nach den Interaktionen (wie verhält sich mRNA mit anderen Impfstoffen? Mit Medikamenten?).
Kurzurteil
Ein Beitrag, der eine Übersichtsarbeit als Wissenschaftsjournalismus ausgibt — ohne die zentrale methodische Frage zu stellen: Ist eine narrative Review ausreichend, um Sicherheit zu belegen? John Ioannidis sagt es selbst: «Es besteht Bedarf an fundierten, systematischen Übersichtsarbeiten.» Der Journalist hört es — und lässt es stehen, ohne zu fragen, was das für die Aussagekraft der Studie bedeutet. Das Framing positioniert Skepsis als irrational («Misstrauen hält an», «bleibende Skepsis»), ohne zu erwägen, dass Skepsis gegenüber einer neuen Technologie eine vernünftige Haltung sein könnte. Die Wirksamkeitszahlen (87/93/94%) werden ohne Analyse der Dauerwirksamkeit genannt. Die Myokarditis-Zahl wird ohne Differenzierung (Alter, Geschlecht, Dosis, Hersteller) präsentiert. Die dänische und US-Studie werden ohne Zitation erwähnt. Langzeitfolgen fehlen. Untererfassung fehlt. Interessenkonflikte fehlen. Patientenperspektive fehlt. Offene Fragen werden behauptet, aber nicht spezifiziert. Gemessen an journalistischen Standards ist das kein Falschbericht — aber es ist ein Stück, das eine Studie als Entlastung präsentiert, ohne ihre methodischen Grenzen zu prüfen, ohne Gegenperspektiven zuzulassen und ohne die menschliche Dimension zu beleuchten. Wer den Beitrag liest, weiss, dass mRNA-Impfstoffe sicher sind und dass Skeptiker irrational sind. Wer wissen will, ob die Studie methodisch robust ist, wie lange die Wirksamkeit anhält, wie hoch das Myokarditis-Risiko bei jungen Männern wirklich ist, wie gross die Untererfassung ist und wie es den Betroffenen geht, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Wissenschaftsjournalismus, das ist Lancet-Kommunikation mit Tages-Anzeiger-Siegel.
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