Die Reichen, die reicher werden — und der Journalist, der die Zahlen nicht liest
Dieser SRF-Beitrag über den UBS Global Wealth Report ist ein Lehrstück in Bestätigungsjournalismus: Die Story steht fest, bevor die Zahlen geprüft sind — die Reichen werden reicher, die Schere geht auf, die Gesellschaft wird das nicht lange akzeptieren. Sven Zaugg liefert das Framing und nennt es Analyse. Was er nicht liefert: eine methodische Prüfung der Zahlen, die er zitiert. Die zentrale Frage — ob der Report überhaupt das misst, was SRF behauptet — wird nicht gestellt. Das Ergebnis ist ein Beitrag, der klingt wie Wirtschaftsanalyse, aber keine ist — denn eine Analyse prüft ihre Quellen, und dieser Beitrag prüft nichts.
Zum SRF-Beitrag «Die Reichen sind nochmals viel reicher geworden», Rendez-vous / Sven Zaugg, 30.06.2026
Was der Beitrag gut macht
Die Fakten sind dokumentiert: Das globale Privatvermögen ist 2025 um über 10 Prozent gestiegen. Fast eine Million neue Millionäre weltweit. Die Schweiz liegt beim Durchschnittsvermögen mit 910'382 Dollar auf Platz 1, beim Medianvermögen mit 145'555 Dollar auf Platz 8. 944'000 Dollar-Millionäre in der Schweiz (13,1 Prozent der Erwachsenen), die 69 Prozent des Privatvermögens konzentrieren. Das reichste 1 Prozent besitzt rund 45 Prozent des steuerbaren Vermögens. Die USA haben ein hohes Durchschnittsvermögen, aber ein niedriges Medianvermögen — das zeigt eine ungleiche Verteilung. Die Erklärung des Medians ist korrekt und verständlich. Die Unterscheidung zwischen Durchschnitt und Median als Indikator für Ungleichheit ist sachlich richtig. Das ist die Grundlage — und Zaugg nennt sie sauber.
Die Quelle, die nicht hinterfragt wird: UBS als Interessenpartei
Der Global Wealth Report wird von der UBS veröffentlicht — einer Bank, die im Wealth Management tätig ist und ein kommerzielles Interesse daran hat, Vermögen zu messen, zu vergleichen und zu verwalten. Das heisst nicht, dass der Report falsch ist — aber es heisst, dass er eine Quelle mit Interessen ist, die journalistisch geprüft werden muss.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Welche Methodik verwendet die UBS? Wie werden Vermögen gemessen? Welche Datenquellen nutzt die UBS (Steuerdaten, Haushalts surveys, Schätzungen)? Wie zuverlässig sind die Schätzungen in Ländern mit schlechter Datenlage? Wie behandelt die UBS Pensionskassenvermögen? Wie behandelt sie Immobilien? Wie behandelt sie Schulden? Das sind die Fragen, die die Validität der Zahlen bestimmen — und Zaugg fragt keine davon.
Stattdessen übernimmt er die UBS-Zahlen als Fakt — und das ist nicht Wirtschaftsjournalismus, das ist Banken-PR mit Redaktions-Siegel.
Die Pensionskassen-Falle: Äpfel und Birnen im internationalen Vergleich
Der Beitrag sagt: «Ebenfalls eingerechnet wurde das Vermögen privater Pensionsfonds — in der Schweiz also auch das Vermögen in der Beruflichen Vorsorge (Zweite Säule).»
Das ist ein methodischer Sprengsatz, den Zaugg erwähnt, aber nicht zieht. Die Schweiz hat ein kapitalgedecktes Rentensystem — die zweite Säule ist angespartes Vermögen, das den Arbeitnehmern gehört. Die meisten anderen Länder haben umlagefinanzierte Rentensysteme — dort gibt es kein angespartes Vermögen, sondern nur Anspruch auf Rentenzahlungen. Diese Ansprüche zählen nicht als «Vermögen» im UBS-Report.
Das heisst: Der Schweizer Durchschnittswert von 910'382 Dollar ist künstlich aufgebläht — weil das Pensionskassenvermögen dazuzählt, das in anderen Ländern nicht existiert oder nicht gemessen wird. Ein Schweizer mit einem Pensionskassenguthaben von 200'000 Dollar erscheint im Report als «vermögend» — ein Deutscher mit einem gleichwertigen Rentenanspruch der gesetzlichen Rentenversicherung erscheint als «vermögenslos», weil sein Anspruch nicht als Vermögen zählt.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie hoch ist das Pensionskassenvermögen im Schweizer Durchschnittswert? Wenn man es herausrechnet — wo liegt die Schweiz dann im internationalen Vergleich? Liegt sie immer noch auf Platz 1 oder fällt sie zurück? Das ist die zentrale methodische Frage — und Zaugg stellt sie nicht. Er nennt die Inklusion der zweiten Säule, aber er zieht keine Konsequenzen.
Der Dollar-Millionär, der keiner ist
Der Beitrag sagt: «944'000 Erwachsene in der Schweiz zählen zum Kreis der Dollar-Millionäre. Das sind 13,1 Prozent aller Erwachsenen im Land.»
Das klingt nach einer Nation von Reichen — aber es ist eine statistische Illusion. Ein Dollar-Millionär in der Schweiz ist nicht reich. Eine durchschnittliche Schweizer Wohnung kostet 800'000 bis 1,2 Millionen Franken. Wer eine abbezahlte Wohnung besitzt und ein Pensionskassenguthaben hat, ist ein Dollar-Millionär — ohne dass er sich reich fühlt oder reich ist.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Was bedeutet «Dollar-Millionär» in Kaufkraftparität? Ein Dollar-Millionär in Indien lebt wie ein König. Ein Dollar-Millionär in der Schweiz lebt wie ein Durchschnittsbürger. Der Vergleich ist sinnlos, wenn er nicht nach Kaufkraft adjustiert wird — und Zaugg adjustiert nicht.
«13 Prozent besitzen 69 Prozent»: eine Zahl, die nichts bedeutet
Der Beitrag sagt: «Diese Gruppe konzentriert rund 69 Prozent des gesamten Privatvermögens auf sich.» Das klingt nach extremer Ungleichheit — aber es ist eine statistische Verzerrung.
Die 13,1 Prozent Dollar-Millionäre sind nicht die «Reichen» — sie sind die «Vermögenden» im statistischen Sinn. Dazu gehören: Eigenheimbesitzer mit abbezahltem Haus, Pensionskassenguthaben, normale Sparkonten. Das sind nicht die Superreichen — das sind die Mittel- und Oberschicht. Die eigentlichen Superreichen (das 0,1 Prozent) sind in dieser Zahl enthalten, aber sie dominieren sie nicht.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie verteilt sich das Vermögen innerhalb der 13,1 Prozent? Wie viel davon gehört dem obersten 1 Prozent? Dem obersten 0,1 Prozent? Ohne diese Differenzierung ist die Zahl «13 Prozent besitzen 69 Prozent» eine statistische Waise — sie suggeriert Extreme, die sie nicht belegt.
Das reichste 1 Prozent und die 45 Prozent: zwei verschiedene Statistiken, eine Story
Der Beitrag sagt: «Das reichste Prozent der Bevölkerung [besitzt] rund 45 Prozent des steuerbaren Vermögens.» Das ist eine andere Statistik als die UBS-Zahl — es ist eine Steuerstatistik, nicht eine Vermögensstatistik. Steuerbares Vermögen ist nicht gleich Gesamtvermögen: Pensionskassenguthaben sind in der Schweiz steuerfrei, Eigenheime werden nach dem Steuerwert bewertet (der unter dem Marktwert liegt), Kunst und Schmuck sind schwer zu erfassen.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Warum zitiert der Beitrag zwei verschiedene Statistiken (UBS-Report und Steuerstatistik) im gleichen Kontext, ohne die methodische Differenz zu thematisieren? Wenn das reichste 1 Prozent 45 Prozent des steuerbaren Vermögens besitzt — wie viel besitzt es des Gesamtvermögens? Das ist die relevante Frage — und sie fehlt.
«Die Vermögensschere geht weiter auf»: eine Behauptung ohne Beleg
Zaugg sagt: «Zwar werden in beiden Fällen alle reicher, aber die Vermögensschere geht trotzdem weiter auf.» Das ist eine starke These — aber der Beitrag belegt sie nicht.
Die UBS-Zahlen zeigen: Das Vermögen wächst. Aber sie zeigen nicht, ob die Ungleichheit wächst. Dafür bräuchte es den Gini-Koeffizienten über Zeit — oder den Anteil des obersten 1 Prozent am Gesamtvermögen über Zeit. Der Beitrag liefert weder das eine noch das andere. Er nennt eine Momentaufnahme (2025) und behauptet eine Tendenz — ohne die Tendenz zu belegen.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wächst die Vermögensungleichheit in der Schweiz über Zeit? Wie hat sich der Gini-Koeffizient in den letzten 10, 20, 30 Jahren entwickelt? Wie hat sich der Anteil des obersten 1 Prozent entwickelt? Wenn die Ungleichheit stabil ist, dann ist die These «die Schere geht weiter auf» falsch. Wenn sie wächst, dann ist sie korrekt. Der Beitrag liefert keine Daten — und das ist das zentrale Problem.
Die gesellschaftliche Frage: Meinung als Analyse
Zaugg sagt: «Es stellt sich die Frage, wie lange diese Entwicklung gesellschaftlich akzeptiert bleibt.» Das ist eine Meinung — keine Analyse. Es ist die Meinung eines Wirtschaftsredaktors, der eine politische Bewertung vornimmt und sie als wirtschaftliche Einschätzung verkleidet.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist das eine journalistische Aussage oder eine politische? Wenn es eine journalistische Aussage ist — wo sind die Belege dafür, dass die Gesellschaft die Entwicklung nicht akzeptiert? Gibt es Umfragen? Gibt es politische Bewegungen? Gibt es historische Vergleiche? Wenn es eine politische Aussage ist — sollte sie als solche markiert werden? Der Beitrag tut keines von beiden.
Die fehlende Gegenperspektive: wie Vermögen entsteht
Der Beitrag erklärt, wie Vermögen wächst: «Vermögen generiert Rendite — und diese Rendite wiederum schafft neues Vermögen.» Das ist korrekt — aber es ist nur die halbe Story. Die andere Hälfte: Wie entsteht Vermögen? Durch Innovation, Unternehmertum, Investition, Risiko. Wer ein Unternehmen gründet, Jobs schafft, Steuern zahlt, Wohlstand generiert — der wird vermögend, aber er generiert auch Wohlstand für andere.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist Vermögensungleichheit ein Problem oder eine Konsequenz eines funktionierenden Wirtschaftssystems? Wie korreliert Vermögensungleichheit mit Wohlstand für alle? Sind die ärmsten Menschen in ungleichen Gesellschaften ärmer als in gleichen? Das sind die Fragen, die die Debatte sachlich führen würden — und sie fehlen.
Die Geldpolitik: der elephant im Raum
Vermögen wächst, weil Asset-Preise steigen. Asset-Preise steigen, weil Zinsen niedrig sind. Zinsen sind niedrig, weil Zentralbanken (Fed, EZB, SNB) seit 2008 expansive Geldpolitik betreiben — Quantitative Easing, Nullzins, Bilanzausweitung. Das hat Asset-Preise (Aktien, Immobilien, Anleihen) künstlich aufgebläht — und damit die Vermögenden reicher gemacht.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Welche Rolle spielt die Geldpolitik bei der Vermögensungleichheit? Wenn die Zentralbanken seit 2008 Billionen in die Märkte gepumpt haben — wer profitiert davon? Wer verliert? Das ist die zentrale wirtschaftliche Frage der Vermögensungleichheit — und Zaugg erwähnt sie nicht.
Was komplett fehlt
Keine methodische Prüfung des UBS-Reports. Keine Analyse der Pensionskassen-Inklusion und ihrer Auswirkung auf den internationalen Vergleich. Keine Kaufkraftparität-Korrektur der Dollar-Millionär-Zahl. Keine Differenzierung innerhalb der 13,1 Prozent Dollar-Millionäre. Keine Klärung der Differenz zwischen UBS-Statistik und Steuerstatistik. Keine Beleg der These «die Schere geht weiter auf» (kein Gini-Koeffizient über Zeit). Keine Markierung der gesellschaftlichen Aussage als Meinung. Keine Gegenperspektive zur Vermögensentstehung. Keine Rolle der Geldpolitik. Keine Frage nach der Vermögensungleichheit als Konsequenz vs. Problem. Keine Frage nach der Armut (wie viel haben die untersten 10 Prozent, und wie hat sich das entwickelt?). Keine Frage nach der Mobilität (wie viele der heutigen Millionäre waren vor 20 Jahren keine?). Keine Frage nach der steuerlichen Behandlung von Vermögen. Keine Frage nach der Rolle der Immobilienpreise (wie viel des Vermögenszuwachses ist reine Preisblase?). Keine Frage nach der Demografie (ältere Gesellschaften haben mehr Vermögen — ist das ein Problem?). Keine Frage nach der Schweizer Besonderheit (hohe Löhne, hohe Preise, hohe Vermögen — ist das ein Problem oder eine Stärke?).
Kurzurteil
Ein Beitrag, der klingt wie Wirtschaftsanalyse, aber keine ist. Die UBS-Zahlen werden als Fakt übernommen, ohne dass die Methodik geprüft wird. Die Pensionskassen-Inklusion — die den internationalen Vergleich methodisch verzerrt — wird erwähnt, aber nicht analysiert. Die Dollar-Millionär-Zahl wird ohne Kaufkraftparität-Korrektur präsentiert. Die «13 Prozent besitzen 69 Prozent»-Zahl wird ohne Differenzierung innerhalb der Gruppe genannt. Zwei verschiedene Statistiken (UBS-Report und Steuerstatistik) werden im gleichen Kontext zitiert, ohne die methodische Differenz zu thematisieren. Die These «die Vermögensschere geht weiter auf» wird behauptet, ohne belegt zu werden (kein Gini-Koeffizient über Zeit). Die gesellschaftliche Aussage («wie lange wird das akzeptiert?») ist Meinung, die als Analyse verkleidet wird. Die Geldpolitik als zentraler Treiber der Vermögensungleichheit fehlt vollständig. Die Gegenperspektive (Vermögen als Konsequenz von Innovation und Investition) fehlt. Gemessen an journalistischen Standards ist das kein Falschbericht — aber es ist ein Stück, das eine politische These (die Reichen werden immer reicher, das ist ein Problem) als Wirtschaftsanalyse verkleidet, ohne die These methodisch zu prüfen oder Gegenperspektiven zuzulassen. Wer den Beitrag hört, weiss, dass die Reichen reicher geworden sind und dass SRF das für problematisch hält. Wer wissen will, ob die Zahlen methodisch valide sind, ob die Ungleichheit tatsächlich wächst, und ob Vermögen ein Problem oder eine Konsequenz ist, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Wirtschaftsanalyse, das ist Verteilungs-Rhetorik mit UBS-Daten.
Kein Artikel verpassen.
