Die Panne, für die niemand verantwortlich ist
SRF meldet einen Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle zu gescheiterten oder gefährdeten IT-Schlüsselprojekten der Bundesverwaltung — und referiert ihn als Verwaltungsnote. Die EFK rüffelt, die Bundeskanzlei erwidert «Ja, aber», die Schlagzeile nennt keine Namen, der Text nennt keine Namen, die Konsequenzen fehlen. Was nicht vorkommt: die Frage, wer verantwortlich ist. Wer leitet das Projekt zur Auszahlung der Arbeitslosengelder? Wer hat die Einführung des Zahlungssystems verantwortet, bei dem Anfang Jahr Menschen ihr Geld nicht erhielten? Wer hat seinen Job verloren, wer wurde versetzt, wer wurde zur Rechenschaft gezogen? Niemand — oder zumindest: SRF fragt nicht. Der Beitrag ist eine Stenografie eines Verwaltungsberichts, ohne eine einzige Frage an die Personen, die hinter den Projekten stehen.
Zum SRF-Beitrag «Schlüsselprojekte im Fokus: EFK rüffelt Bundesverwaltung», SRF 4 News, 09.07.2026
Das Framing steht im Titel: «EFK rüffelt Bundesverwaltung.» «Rüffelt» ist ein Wort, das einen Tadel bezeichnet — aber einen folgenlosen. Man rüffelt einen Hund, man rüffelt ein Kind. Danach geht es weiter. Das Wort markiert, was der Beitrag leistet: einen Tadel, der niemanden trifft. Die EFK rüffelt — und die Bundesverwaltung hört zu — und niemand ändert sich. Das ist die Struktur, die der Beitrag referiert, ohne sie zu hinterfragen.
Die Namen, die niemand nennt
SRF berichtet über IT-Schlüsselprojekte, die Probleme haben. SRF nennt zwei: die Modernisierung der Auszahlung der Arbeitslosengelder und die «Neue Digitalisierungsplattform der Armee». SRF berichtet über «unzureichende Vorbereitungen», «Verzögerungen», «Mehrkosten», «grosse Risiken». Das sind abstrakte Befunde — ohne Akteure. Wer leitet das Projekt der Arbeitslosengelder? Wer ist der Projektverantwortliche? Wer ist der IT-Chef des Seco? Wer ist der Departementsvorsteher, der die politische Verantwortung trägt? SRF nennt niemanden. Die Verwaltung handelt — und niemand ist verantwortlich.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Gibt es eine namentliche Verantwortung? Wenn ein IT-Projekt scheitert, wenn Arbeitslosengelder nicht ausgezahlt werden, wenn Menschen wegen eines Systemfehlers ihr Geld nicht erhalten — wer ist verantwortlich? Der Projektleiter? Der CIO? Der Departementssekretär? Der Bundesrat? SRF fragt nicht. Die Verwaltung ist ein Akteur ohne Gesicht — und SRF belässt es dabei.
Die Arbeitslosengelder
SRF berichtet: «Bekanntlich traten Anfang dieses Jahres bei der Einführung des neuen Zahlungssystems für Arbeitslosengelder grössere Probleme auf.» «Bekanntlich» — das ist das Wort, das voraussetzt, dass man es weiss — und dann nicht mehr erklärt. Was passierte? Wie viele Menschen erhielten ihr Geld nicht? Wie lange? Wie viel Geld floss nicht — und wie viel wurde nachgezahlt? Was waren die Folgen für die Betroffenen — Miete unbezahlt, Versicherungen gekündigt, Existenzen bedroht? SRF sagt es nicht. «Grössere Probleme» — das ist die Verwaltungssprache, die SRF übernimmt, ohne sie zu übersetzen.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wer hat das Projekt verantwortet? Wer hat die Einführung des Systems entschieden — und wer hat sie trotz Warnungen durchgesetzt? Der verlinkte Archivbeitrag vom 27. Januar 2026 heisst: «Kaum Selbstkritik nach IT-Panne im Seco.» «Kaum Selbstkritik» — das ist das Fazit, das SRF selbst schon gezogen hat. Aber die Konsequenz? Keine. Der Beitrag heute, sechs Monate später, meldet einen neuen EFK-Bericht — und die Struktur ist dieselbe: Bericht, Kritik, «Ja, aber», weiter. Niemand hat Konsequenzen gezogen. Niemand musste zurücktreten. Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen. SRF meldet den Bericht — und fragt nicht, was sich seit der letzten Panne verändert hat.
Die Bundeskanzlei
SRF zitiert die Bundeskanzlei mit einer Stellungnahme — und lässt sie stehen, ohne sie zu prüfen. Die Bundeskanzlei sagt: Pro Jahr würden «um die 200 Projekte abgeschlossen», «die grosse Mehrheit erfolgreich». Das ist eine Verteidigung — aber SRF fragt nicht, ob sie stimmt. Wie viele der 200 Projekte sind Schlüsselprojekte? Wie viele sind kleinere Vorhaben, die kaum Risiken tragen? Wenn die «grosse Mehrheit» erfolgreich ist — wie gross ist die Minderheit, die es nicht ist? Und wie viel kostet diese Minderheit? SRF fragt nicht. Die Zahl 200 steht da — als Beleg für Erfolg, ohne dass jemand prüft, was sie bedeutet.
Die Bundeskanzlei sagt: «Im Bericht werde auch nicht berücksichtigt, dass in den letzten Jahren zahlreiche Massnahmen getroffen worden seien.» «Zahlreiche Massnahmen» — welche? SRF fragt nicht. Welche Massnahmen? Wann? Mit welcher Wirkung? Wenn die Massnahmen getroffen wurden — warum scheitern die Projekte trotzdem? SRF referiert die Verteidigung — und prüft sie nicht. Die Bundeskanzlei darf sagen, was sie will — SRF gibt es weiter.
Der Zehnjahres-Rhythmus
SRF berichtet: Seit 2013 prüft die EFK Schlüsselprojekte. 2016 erschien der erste Synthesebericht. «Heute, zehn Jahre später, erscheint erneut ein solcher Bericht.» Zehn Jahre. Ein Bericht. Und die Befunde sind dieselben: unzureichende Vorbereitungen, Verzögerungen, Mehrkosten, nicht bewirtschaftete Rahmenbedingungen. Zehn Jahre — und nichts hat sich verändert. SRF meldet das — und fragt nicht, was das bedeutet. Zehn Jahre EFK-Prüfung, zehn Jahre Berichte, zehn Jahre dieselben Befunde — und die Verwaltung funktioniert weiterhin so, dass die EFK rüffelt und die Bundeskanzlei erwidert. Das ist ein System, das nicht lernt — und SRF beschreibt es, ohne es zu benennen.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn die EFK seit 2013 dieselben Befunde erhebt — wozu dient die EFK dann? Ist sie ein Kontrollinstrument — oder ein Alibi? Dient sie der Verbesserung — oder der Beruhigung? SRF fragt nicht. Die EFK wird als Kontrollinstanz präsentiert — aber die Frage, ob sie wirkt, wird nicht gestellt. Ein Kontrollinstrument, das zehn Jahre lang dieselben Mängel feststellt, ohne dass sich etwas ändert, ist kein Kontrollinstrument — es ist ein Ritual. SRF referiert das Ritual — und nennt es nicht beim Namen.
Die Kosten, die nicht vorkommen
SRF berichtet über «Mehrkosten» — und nennt keine Zahlen. Wie viel haben die gescheiterten oder gefährdeten IT-Projekte gekostet? Wie viel sind die Mehrkosten? Wie viel hat das Projekt der Arbeitslosengelder verschlungen — und wie viel hat die Panne Anfang Jahr gekostet? SRF nennt keine einzige Zahl. Die EFK prüft Finanzen — aber SRF referiert keine finanziellen Befunde. Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie viel Steuergeld ist in IT-Projekten verschwunden, die nicht funktionieren? SRF fragt nicht. Die Kosten bleiben abstrakt — «Mehrkosten» als Wort, ohne Betrag.
Die Schweiz, die sich selbst nicht hinterfragt
SRF berichtet über die Ineffizienz der Bundesverwaltung — und fragt nicht, was das über die Schweiz bedeutet. Die Schweiz rühmt sich ihrer Verwaltungseffizienz, ihrer Direktdemokratie, ihrer Kontrolldichte. Aber wenn die Bundesverwaltung IT-Projekte nicht auf die Reihe bekommt — wenn die EFK zehn Jahre lang dieselben Befunde erhebt — wenn die Bundeskanzlei «Ja, aber» sagt und niemand Konsequenzen zieht — dann ist die Frage legitim: Funktioniert die Schweizer Verwaltung so gut, wie sie behauptet? SRF fragt nicht. Die Schweizer Selbstwahrnehmung bleibt intakt — der Blick geht zur Verwaltung, nie zur Reflexion.
Das wäre Service Public, aber das kann SRF nicht.
So funktioniert dieser Beitrag: Er referiert einen EFK-Bericht als Verwaltungsnote — ohne Namen, ohne Zahlen, ohne Konsequenzen. Die Verantwortlichen für gescheiterte IT-Projekte kommen nicht vor. Die Kosten kommen nicht vor. Die Arbeitslosengelder-Panne wird als «bekanntlich» abgetan, ohne dass jemand fragt, wer verantwortlich war. Die Bundeskanzlei darf sich verteidigen — ohne dass SRF die Verteidigung prüft. Der Zehnjahres-Rhythmus der EFK-Berichte wird gemeldet — ohne dass jemand fragt, wozu die EFK dient, wenn sich nichts ändert. Wer den Beitrag liest, weiss, dass die EFK die Bundesverwaltung rüffelt und dass die Bundeskanzlei «Ja, aber» sagt. Wer wissen will, wer verantwortlich ist, wie viel es kostet, wer seinen Job verloren hat, ob die EFK wirkt und ob die Schweizer Verwaltung so effizient ist, wie sie behauptet, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Verwaltungsberichterstattung, das ist eine Pressemitteilung mit EFK-Zitat und Bundeskanzlei-Erwiderung.
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