Die Milliarden ohne Szenario
Kritisierter Beitrag (Rendez-vous) →
Titel und einziger Zwischentitel mit Zahl setzen den Wintersport ins Zentrum: «für Wintersport wirds teuer», «Milliardenschäden im Wintersport». Der einzige Gesprächspartner des Beitrags, Raphael Bucher, Leiter Klimapolitik beim Bundesamt für Umwelt, nennt jedoch andere Risiken als die relevantesten: «Das sind vor allem Hitzebelastung und Trockenheit.» Die Studie ist um drei Szenarien gebaut, von konsequentem Klimaschutz bis zu praktisch ungebremster Erwärmung. Der Beitrag stellt sie im zweiten Satz vor und ordnet danach kein einziges Resultat einem Szenario zu. Der einzige Frankenbetrag, «über zwei Milliarden» jährlich, steht ohne Szenario und ohne Massstab. Verloren gehen dabei drei Dinge: der Preis der Hitze, der Preis des Nicht-Handelns und die Frage, ob die Entwarnungen für Landwirtschaft und Wasserkraft am selben knapper werdenden Wasser hängen.
Zum SRF-Beitrag «Der Klimawandel kostet Milliarden – für Wintersport wirds teuer», Rendez-vous, 14.10.2026
Der Beitrag legt die Grenzen der Studie offen, und zwar nicht in einem Nebensatz. Er hält fest, dass sie «die wichtigsten, aber nicht alle Risiken» umfasst und dass Wechselwirkungen nicht modelliert wurden. Bucher sagt dazu: «Es kann gut sein, dass sich Risiken gegenseitig verstärken. Das kann die Studie nicht abdecken.» Dazu kommt die Einräumung, die Gesamtkosten seien «wohl deutlich höher». Die Zusammenfassung spricht korrekt von «ausgewählten Klimarisiken», und die drei Szenarien werden verständlich beschrieben. Auch die Anpassungskosten in den höheren Lagen bleiben nicht abstrakt: Bergbahnstationen müssen stabilisiert und zusätzliche Beschneiungsanlagen betrieben werden. Die Wasserkraft wird nicht überverkauft. Der Beitrag schreibt «leicht» und erwähnt die nötigen Investitionen gegen Starkniederschläge. Gerade weil der Beitrag so viel Vorbehalt zulässt, wird sichtbar, wo er ihn nicht anwendet.
Die Hitze, die keinen Preis bekommt
Bucher definiert den Kern der Studie in zwei Sätzen: «Wir haben die für die Schweiz relevantesten Risiken genommen. Das sind vor allem Hitzebelastung und Trockenheit.» Danach folgen Abschnitte zu Wintersport, Landwirtschaft und Wasserkraft. Das Wort Hitzebelastung erscheint kein zweites Mal. Starkniederschläge sowie Sturm und Hagel werden aufgezählt, aber ebenfalls nicht beziffert. In Titel, Zwischentiteln und Fliesstext ist der Wintertourismus das einzige Risiko mit Frankenbetrag. Selbst wenn die Infobox «Kosten von ausgewählten Klimarisiken in der Schweiz» Beträge zu Hitze und Trockenheit ausweist, ändert das an der Gewichtung des Textes nichts.
Diese Gewichtung kehrt diejenige der eigenen Quelle um. Das Bafu hat in seiner Klima-Risikoanalyse vom Juni 2025 die zunehmende Hitzebelastung als das grösste klimabedingte Risiko der Schweiz eingestuft und gestiegene Risiken durch Sommertrockenheit festgehalten. Für das Jahr 2023 führte das Amt 542 Todesfälle auf Hitze zurück. Die Hitzesommer 2003 und 2022 gingen in der Schweiz mit einer deutlichen Übersterblichkeit einher. Hitze betrifft die Gesundheit und die Arbeitsproduktivität der gesamten Bevölkerung, nicht eine Branche in bestimmten Höhenlagen. Der Beitrag nennt dieses Risiko an erster Stelle und verfolgt es nicht weiter. Das ist kein Verschweigen, wohl aber eine Verschiebung: Beziffert wird, was sich an Skigebieten zeigen lässt.
Die zwei Milliarden, die keinem Szenario gehören
Im Beitrag ist von einem «jährlichen Schaden von über zwei Milliarden Franken bis ins Jahr 2060» die Rede. Die Formulierung erlaubt zwei Lesarten. Gemeint sein kann ein Jahresschaden, der bis 2060 erreicht wird, oder ein Schaden, der über den gesamten Zeitraum jedes Jahr anfällt. Welches der drei Szenarien der Zahl zugrunde liegt, steht nirgends. Der einzige Szenario-Bezug des gesamten Textes ist ein Nebensatz: Skigebiete unter 1500 bis 1800 Metern würden «auch im positivsten Klimaszenario» früher oder später aufgeben. Ob die zwei Milliarden für dieses Szenario gelten, für das mittlere oder für das ungebremste, ist damit nicht gesagt.
Für eine Szenario-Studie ist das kein Detail. Ihr Erkenntniswert liegt in der Differenz: Sie beziffert, was ein Weg mit konsequentem Klimaschutz kostet und was einer ohne. Diese Differenz ist der Preis des Nicht-Handelns, umgekehrt gelesen der Wert des Klimaschutzes. Der Beitrag führt die Konstruktion sorgfältig ein, mit den Staaten als handelnden Akteuren, und lässt sie dann fallen. Am Ende steht nur noch die Frage, «wo und in welchem Umfang es sich lohnt, in Anpassungsmassnahmen zu investieren». Von Emissionsminderung ist im Schlussabsatz keine Rede mehr.
Auch ein Massstab fehlt. Gemessen am Schweizer BIP von rund 800 Milliarden Franken entsprächen zwei Milliarden etwa einem Viertelprozent. Für die Einordnung innerhalb der Branche wäre die Wertschöpfung des Wintertourismus die entscheidende Vergleichsgrösse. Der Titel spricht von «Milliarden», ohne zu sagen, wovon.
«Unter der Voraussetzung, dass wir genügend Wasser haben»
Der Abschnitt zur Landwirtschaft beginnt mit einer Führung, die einen Einwand ankündigt: «Als Entwarnung will Raphael Bucher dieses Studienresultat aber nicht verstanden wissen.» Das anschliessende Zitat liefert keinen Einwand, sondern eine bedingte Entwarnung. Die Landwirtschaft könne sich anpassen, «ohne hohe volkswirtschaftliche Verluste», sofern genügend Wasser vorhanden sei und bewässert werde. Der Vorbehalt steckt in der Bedingung, und gerade diese Bedingung prüft der Beitrag nicht.
Zwei Absätze später schreibt der Beitrag selbst: «Zwar werden Trockenperioden vor allem im Sommer häufiger.» Beide Sätze stehen im selben Text, verbunden werden sie nicht. Die Entwarnung für die Landwirtschaft hängt an genau der Ressource, deren Knappheit der Beitrag im Abschnitt zur Wasserkraft feststellt. Bewässerung und Stromproduktion beanspruchen im Sommer potenziell dasselbe Wasser. In den Trockensommern 2018 und 2022 erliessen mehrere Kantone Verbote für Wasserentnahmen aus Oberflächengewässern. Wer die Investitionen in die Bewässerung trägt, bleibt offen. Der Beitrag hat alle Elemente eines Nutzungskonflikts beisammen und erzählt ihn nicht.
Wasserkraft ohne Gletscher?
Die Begründung für «leicht mehr Strom aus Wasserkraft» stützt sich im Beitrag allein auf eine Verschiebung im Winter: weniger Schnee, mehr Regen. Die Gletscher kommen im Text nicht vor. Ihre Schmelze speist heute einen Teil der Sommerabflüsse. Nach dem Abflussmaximum, das in vielen alpinen Einzugsgebieten um die Jahrhundertmitte erwartet wird oder bereits erreicht ist, nehmen diese Abflüsse ab. Ein Zeithorizont bis 2060 liegt mitten in diesem Übergang. Die Glamos-Messungen verzeichnen seit Jahren hohe Volumenverluste.
Ob die Studie die Gletscherschmelze modelliert, ist dem Beitrag nicht zu entnehmen. Tut sie es, verpasst der Beitrag lediglich, ihren Einfluss auf das Ergebnis zu erklären. Tut sie es nicht, beruht die Aussage, die Wasserkraft könne «profitieren», auf einer Annahme, die über 2060 hinaus kaum trägt. Bei einem Energieträger, der den grössten Teil der Schweizer Stromproduktion stellt, ist das keine Randfrage.
Das Szenario als Dekor
Eine Studie, deren Erkenntniswert im Vergleich zwischen mehreren Zukünften liegt, wird mit ihrer Methode vorgestellt und mit Einzelzahlen ohne Zuordnung referiert. Die Szenarien bleiben als Kulisse im zweiten Satz stehen, die Resultate treten ohne sie auf. Damit verschwindet der Preis der Wahl, übrig bleibt die Anpassung an ein Schicksal. Das Muster ist: Die Methode wird beschrieben und verleiht der Meldung wissenschaftliches Gewicht, ihr Kernergebnis aber, die Differenz, verschwindet hinter Einzelbefunden, die sich als Sachzwänge lesen.
Der Titel stützt diese Lesart: «Der Klimawandel kostet Milliarden.» Er nennt Kosten ohne handelndes Subjekt, obwohl der erste Absatz die Staaten als Akteure benennt, die konsequent, moderat oder kaum handeln. Das ist die Kausalität als Wetter, angewandt auf eine Studie, die ausdrücklich das Gegenteil modelliert. Hinzu kommt eine Quellenlage mit nur einer Stimme, der des Auftraggebers. Die Autoren der Studie bleiben ohne Namen und Institut, das Urteil «Grosse Überraschungen birgt die neue Studie nicht» bleibt ohne Absender. Buchers Offenheit bei den Grenzen der Studie schwächt den Befund des internen Zeugen ab, hebt ihn aber nicht auf. Welche Zahl beziffert und welche betitelt wird, entscheidet der Beitrag.
Der Preis des Schnees
So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet eine Studie über die Wahl zwischen drei Zukünften und rahmt sie als Ratgeber für die Anpassung an eine. Gemeldet wird, was die Anpassung kostet und wo sie sich nicht mehr lohnt. Was der Klimaschutz erspart, steht nicht in diesem Beitrag. Die Hitze steht im ersten Zitat als relevantestes Risiko, einen Preis bekommt nur der Schnee.
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