Die Lektion als Lösung, ohne die Verantwortlichen
SRF berichtet über eine BAG-Empfehlung für Bewohnerräte in Alters- und Pflegeheimen — und rahmt sie als Lehre aus der Corona-Pandemie. «Im Kampf gegen Isolation», lautet der Titel, und die Empfehlung ist die Antwort auf ein Problem, das SRF als Folge von «Schutzmassnahmen» darstellt. Was nicht vorkommt: die Frage, wer diese «Schutzmassnahmen» anordnete. Was nicht vorkommt: die Frage, wer die Isolation der Heimbewohner verantwortete. Was nicht vorkommt: die Frage, ob Anne Levy, die heute Bewohnerräte empfiehlt, damals als BAG-Chefin dieselbe Isolation anordnete. Was nicht vorkommt: die Frage, ob Bewohnerräte eine echte Lösung sind — oder ob sie eine symbolische Geste sind, um von der eigentlichen Verantwortung abzulenken. Was nicht vorkommt: die Frage, ob Heime, die während Covid isolierten, jetzt plötzlich partizipativ werden können — oder ob die Strukturen, die Isolation ermöglichten, noch existieren. Der Beitrag ist Aufarbeitung ohne Rechenschaftspflicht — und die Rechenschaftspflicht wäre die Frage gewesen, wer die Isolation anordnete und wer dafür zur Verantwortung gezogen wird.
Zum SRF-Beitrag «BAG empfiehlt Alters- und Pflegeheimen, Bewohnerräte zu gründen», HeuteMorgen, 21.07.2026
Das Framing steht im ersten Satz: «Über vier Jahre sind seit dem offiziellen Ende der Corona-Pandemie verstrichen. Die Aufarbeitung dieser Zeit läuft jedoch weiter und könnte nun für bessere Bedingungen in Alters- und Pflegeheimen sorgen.» Das ist die Rahmung: Die Aufarbeitung läuft — die Konsequenz kommt. SRF rahmt die BAG-Empfehlung als Ergebnis einer Aufarbeitung — und fragt nicht, wer aufgearbeitet wird. Die Frage, ob die Aufarbeitung eine echte Abrechnung ist — oder eine symbolische Geste, die von der eigentlichen Verantwortung ablenkt —, wird nicht gestellt.
Die Isolation, die als unvermeidbare Folge gerahmt wird — ohne dass die Verantwortlichen vorkommen
SRF schreibt: «Gerade für die dort lebenden Menschen war die Zeit während der Pandemie anspruchsvoll: Besuche waren verboten, Gruppenaktivitäten fanden in dieser Zeit kaum noch statt.» Das ist die Beschreibung — und sie ist neutral. «Besuche waren verboten» — das ist die Formulierung, die ein Verbot als Fakt darstellt, nicht als Entscheidung. Die Frage, wer das Verbot verhängte, wird nicht gestellt. Die Frage, wer die Entscheidung traf, dass Heimbewohner isoliert werden müssen, wird nicht gestellt. Die Frage, ob diese Entscheidung richtig oder falsch war, wird nicht gestellt.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wer ordnete die Isolation an? Das BAG. Wer leitete das BAG? Anne Levy. Wer ist Anne Levy? Die BAG-Chefin, die heute Bewohnerräte empfiehlt. SRF erwähnt Levy als Empfehlerin — aber nicht als Verantwortliche für die Massnahmen, deren Folgen sie jetzt bekämpft. Das ist Framing: Die Massnahmen waren eine Folge der Pandemie — nicht eine Entscheidung von Menschen, die heute noch in Verantwortung sind. Die Verantwortlichen existieren nicht.
Die BAG-Chefin, die als Lösungsanbieterin gerahmt wird — ohne dass ihre eigene Rolle vorkommt
SRF schreibt: «‹Unser Vorschlag ist, dass man Bewohnerräte macht›, sagte Anne Levy, Direktorin des Bundesamts für Gesundheit, bereits im vergangenen Mai zu SRF.» Das ist das Zitat — und es rahmt Levy als Lösungsanbieterin. «Unser Vorschlag» — das ist die Formulierung, die eine Institution als fortschrittlich markiert, die aus Fehlern lernt. SRF fragt nicht, ob Levy damals, als sie die Isolation anordnete, Bewohnerräte vorschlug. SRF fragt nicht, ob Levy damals, als sie Besuche verbot, die Meinung von Heimbewohnern einholte. SRF fragt nicht, ob Levy damals, als sie Gruppenaktivitäten abschaffte, eine Partizipation anbot.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Hat Anne Levy, die heute Bewohnerräte empfiehlt, damals, als sie die Isolation anordnete, die Partizipation von Heimbewohnern berücksichtigt? Hat sie damals, als sie Besuche verbot, die Bedürfnisse von Heimbewohnern berücksichtigt? Hat sie damals, als sie Gruppenaktivitäten abschaffte, die Folgen für Körper und Geist berücksichtigt? SRF fragt nicht. Levy wird als Lösungsanbieterin gerahmt — nicht als Verantwortliche für das Problem, das sie jetzt lösen will.
Die Bewohnerräte, die als Lösung gerahmt werden — ohne Frage nach der Wirksamkeit
SRF schreibt: «In diesen Räten sollen Bewohnerinnen und Angehörige zusammenkommen. Komme es zu einer Pandemie, könnten diese dann mitentscheiden, wie man sich verhalte, so Levy weiter.» Das ist die Vision — und sie ist sympathetisch. Bewohner entscheiden mit — das ist die Idee, die Demokratie und Partizipation verspricht. Die Frage, ob Bewohnerräte eine echte Lösung sind — oder ob sie eine symbolische Geste sind, um von der eigentlichen Verantwortung abzulenken —, wird nicht gestellt.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Können Bewohnerräte eine Pandemie verhindern? Können sie eine Entscheidung des BAG aufheben? Können sie Besuche erlauben, wenn das BAG sie verbietet? Können sie Gruppenaktivitäten durchführen, wenn das BAG sie abschafft? SRF fragt nicht. Die Bewohnerräte werden als Mitsprache gerahmt — ohne zu fragen, wie viel Mitsprache sie tatsächlich haben. Die Frage, ob die Bewohnerräte nur eine Alibifunktion haben — um zu zeigen, dass man partizipiert, während man weiterhin entscheidet —, wird nicht gestellt.
Die Forscherin, die als Relativiererin gerahmt wird — ohne Frage nach der Macht
SRF schreibt: «Vielleicht sollten wir uns auch andere Möglichkeiten als Bewohnerräte anschauen, um auf die einzelnen Bedürfnisse und die einzelnen Möglichkeiten der Leute eingehen zu können», sagt Sandra Staudacher, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Das ist die Relativierung — und sie ist wichtig. Staudacher sagt, Bewohnerräte seien eine Chance für fitte Leute, aber nicht für alle. Viele Heimbewohner könnten ihre Bedürfnisse nicht benennen, kämpften mit kognitiven Problemen, seien zurückhaltend. Die Angestellten müssten das nötige Feingefühl mitbringen. Das ist die Analyse — und sie ist korrekt. Aber SRF fragt nicht, ob die Angestellten dieses Feingefühl haben — oder ob sie überlastet sind, unterbezahlt werden, nicht ausgebildet sind.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn viele Heimbewohner ihre Bedürfnisse nicht benennen können — wer spricht für sie? Wenn Bewohnerräte nur für fitte Leute funktionieren — wer vertritt die Interessen der Unfitte? Wenn Angestellte das nötige Feingefühl mitbringen müssen — haben sie es? Sind sie ausgebildet? Werden sie bezahlt? Werden sie unterstützt? SRF fragt nicht. Die Forscherin wird als Relativiererin gerahmt — aber die Frage, ob die Strukturen, die sie fordert, existieren, wird nicht gestellt.
Die Heime, die als selbstverantwortlich gerahmt werden — ohne Frage nach der Kontrolle
SRF schreibt: «Ob Alterszentren und Pflegeheime solche Räte einsetzen, ist ihnen überlassen. Verschiedene tun das bereits.» Das ist die Beschreibung — und sie rahmt die Heime als selbstverantwortlich. Die Frage, ob Heime, die während Covid isolierten, jetzt plötzlich partizipativ werden können — oder ob die Strukturen, die Isolation ermöglichten, noch existieren —, wird nicht gestellt.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wer kontrolliert die Heime? Wer prüft, ob Bewohnerräte funktionieren? Wer stellt sicher, dass die Partizipation nicht nur eine Alibifunktion hat? Wer überwacht, dass die Angestellten das nötige Feingefühl mitbringen? SRF fragt nicht. Die Heime werden als selbstverantwortlich gerahmt — ohne zu fragen, ob sie die Verantwortung tragen können, die sie haben.
Die Aufarbeitung, die als Fortschritt gerahmt wird — ohne Frage nach der Rechenschaft
SRF schreibt: «Die Aufarbeitung dieser Zeit läuft jedoch weiter und könnte nun für bessere Bedingungen in Alters- und Pflegeheimen sorgen.» Das ist die Rahmung — und sie ist optimistisch. Die Aufarbeitung läuft — die Konsequenz kommt. Die Frage, ob die Aufarbeitung eine echte Abrechnung ist — oder eine symbolische Geste, die von der eigentlichen Verantwortung ablenkt —, wird nicht gestellt.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Wer entschuldigt sich bei den Heimbewohnern? Wer zahlt Entschädigung für die erlittene Isolation? Wer stellt sicher, dass sich so etwas nicht wiederholt? SRF fragt nicht. Die Aufarbeitung wird als Fortschritt gerahmt — ohne zu fragen, ob es eine echte Abrechnung ist. Das ist Framing: Die Aufarbeitung läuft — die Verantwortlichen existieren nicht.
So funktioniert dieser Beitrag: Er berichtet über eine BAG-Empfehlung für Bewohnerräte — und rahmt sie als Lehre aus der Corona-Pandemie. Er erwähnt die Isolation von Heimbewohnern — aber nicht, wer sie anordnete. Er zitiert Anne Levy als Lösungsanbieterin — aber nicht als Verantwortliche für die Massnahmen, deren Folgen sie jetzt bekämpft. Er rahmt Bewohnerräte als Lösung — ohne zu fragen, ob sie eine echte Mitsprache ermöglichen. Er zitiert eine Forscherin, die die Grenzen von Bewohnerräten benennt — aber fragt nicht, ob die Strukturen, die sie fordert, existieren. Er rahmt die Heime als selbstverantwortlich — ohne zu fragen, ob sie die Verantwortung tragen können. Er rahmt die Aufarbeitung als Fortschritt — ohne zu fragen, ob es eine echte Abrechnung gibt. Wer den Beitrag hört, weiss, dass das BAG Bewohnerräte empfiehlt, dass Heimbewohner während Covid isoliert waren und dass Bewohnerräte eine Chance sind. Wer wissen will, wer die Isolation anordnete, ob Anne Levy damals Partizipation anbot, ob Bewohnerräte eine echte Lösung sind, ob die Angestellten das nötige Feingefühl haben, ob die Heime die Verantwortung tragen können und wer zur Rechenschaft gezogen wird, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Aufarbeitung, das ist eine Fortschrittsstory ohne Abrechnung — und die Abrechnung wäre die Frage gewesen, wer die Isolation anordnete und wer dafür zur Verantwortung gezogen wird.
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