Die Heimat der Fragen
Jürg Grossen, GLP-Präsident, schreibt eine Kolumne über die gescheiterte 10-Millionen-Initiative. Er tut, was GLP-Politiker tun: Er erklärt den Landgemeinden, dass sie falsch gelegen haben — wohlwollend, verständnisvoll, aber letztlich herablassend. Er fordert «mehr Wohnraum», «bessere Vereinbarkeit», «Konsequenz gegenüber jenen, die unser Gastrecht missbrauchen» — aber er nennt keine Zahl, kein Ziel, keine Grenze. Und er verschweigt die naheliegendste Frage: Wenn die Städte Nein gesagt haben und die Landgemeinden Ja — wohin dann mit den Menschen, die kommen? Dürfen die Migranten in die Regionen ziehen, die für mehr als 10 Millionen gestimmt haben? Grossen erwähnt diesen Gedanken mit keinem Wort.
Zur Kolumne von Jürg Grossen, «Heimat heisst nicht Abschottung», 29. Juni 2026
Was die Kolumne gut macht
Grossen dokumentiert das Resultat sauber: 55 Prozent Nein, deutliche Annahme in vielen Landgemeinden, auch in seiner eigenen Gemeinde Frutigen. Er nennt die wirtschaftliche Realität ländlicher Regionen: Gewerbe, Tourismus, Landwirtschaft, Pflege, Bau, Hotellerie, Industrie — alles abhängig von Fachkräften und offenen Märkten. Er kritisiert zu Recht, dass Gegnern der Initiative die Heimatliebe abgesprochen wurde. Er fordert konkrete Lösungen: Wohnraum bei Bahnhöfen, Verdichtung mit Qualität, Inlandmobilisierung von Fachkräften, Individualbesteuerung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist die Grundlage — und sie ist nicht schlecht.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wohin mit den Menschen?
Grossen schreibt: «Die Schweiz hat Nein gesagt. Jetzt müssen wir zeigen, dass dieses Nein kein Wegschauen war.» Schön. Aber er beantwortet nicht die einfachste Frage: Wohin mit den Menschen, die kommen?
Die Schweiz wächst um etwa 1 Prozent pro Jahr, hauptsächlich durch Einwanderung — rund 80'000 bis 100'000 Menschen pro Jahr. Sie brauchen Wohnraum, Infrastruktur, Schulplätze, Gesundheitsversorgung, Arbeitsplätze. Wohin?
Grossen sagt: «Mehr Wohnraum dort, wo bereits Infrastruktur vorhanden ist: bei Bahnhöfen, auf schwach genutzten oder brachliegenden Arealen, in gut erschlossenen Gebieten.» Das ist ein Ordnungsprinzip — aber es ist keine Antwort. Welche Städte? Welche Gemeinden? Welche Kantone? Und: Was passiert mit den Gemeinden, die Ja zur Initiative gesagt haben — die also signalisiert haben, dass sie kein weiteres Wachstum wollen?
Hier liegt der blinde Fleck: Städte haben Nein gesagt — sie akzeptieren Wachstum. Landgemeinden haben Ja gesagt — sie wollen kein Wachstum. Die logische Konsequenz wäre: Wer Nein gesagt hat, muss die Migranten aufnehmen. Wer Ja gesagt hat, darf sie ablehnen. Oder zumindest: Die Regionen, die Wachstum akzeptieren, sollten die Migranten aufnehmen — nicht die Regionen, die es ablehnen.
Aber Grossen erwähnt diesen Gedanken mit keinem Wort. Er fordert «mehr Wohnraum» — aber er sagt nicht, wo. Er fordert «Verdichtung» — aber er sagt nicht, in welchen Gemeinden. Er fordert «Konsequenz» — aber er übt keine Konsequenz gegenüber den eigenen Wählern, die Ja gesagt haben. Er erklärt den Landgemeinden, dass sie falsch gelegen haben — aber er fordert sie nicht auf, die Konsequenzen ihres Jas zu tragen.
Die Zahlen, die fehlen
Grossen schreibt über Wachstum — aber er nennt keine Zahl. Wie viel Wachstum will die GLP? 10,5 Millionen? 11 Millionen? 12 Millionen? Bis wann? Wie viele Migranten pro Jahr? 80'000? 100'000? 150'000? Die Bevölkerung will wissen, wo die Reise hingeht — Grossen schweigt.
Die Steuerbarkeit, die behauptet, aber nicht bewiesen wird
Grossen schreibt: «Das Ja vieler Landgemeinden war deshalb wohl weniger ein Votum gegen Zuwanderung oder gegen Offenheit. Es war vielmehr Ausdruck des Wunsches, dass Wachstum nicht einfach geschieht, sondern gestaltet wird.» Das ist eine Interpretation — aber sie ist nicht bewiesen.
Hat Grossen mit Ja-Stimmern gesprochen? Gibt es Umfragen, die das belegen? Oder ist das eine Projektion — ein Politiker, der seinen Wählern eine wohlwollende Motivation unterstellt, um sich nicht mit der Realität auseinandersetzen zu müssen? Die Realität könnte auch sein: Die Landgemeinden haben Ja gesagt, weil sie weniger Ausländer wollen. Weil sie weniger Islamisierung wollen. Weil sie weniger Überfremdung wollen. Weil sie weniger Verkehr, weniger Lärm, weniger Beton wollen. Das sind legitime Motive — aber Grossen erwähnt sie nicht.
Die «Konsequenz», die nicht definiert wird
Grossen schreibt: «Gleichzeitig braucht es Konsequenz gegenüber jenen, die unser Gastrecht missbrauchen.» Das ist ein Satz, der gut klingt — aber er ist leer. Was bedeutet «Gastrecht missbrauchen»? Wer bestimmt das? Welche Konsequenzen? Abschiebung? Härtere Strafen? Schnellere Verfahren? Grossen nennt nichts. Und: «Wer hier ist und arbeiten kann, soll schneller und ohne Hürden arbeiten können.» Welche Hürden? Die Karenzfrist? Die Berufsanerkennung? Die Sprachanforderungen? Die Visumsprozeduren? Grossen nennt nichts.
Die bilateralen Beziehungen: erwähnt, aber nicht analysiert
Grossen schreibt, die Initiative habe «Offenheit, Wirtschaft und bilaterale Beziehungen gefährdet». Das mag sein — aber er analysiert nicht, was das Nein bedeutet. Die Freizügigkeit bleibt. Die bilateralen Verträge bleiben. Die Zuwanderung aus der EU bleibt. Wie viele EU-Bürger werden kommen? Wie viele Nicht-EU-Bürger? Wie verteilt sich das Wachstum auf EU- und Nicht-EU-Zuwanderung? Grossen schweigt.
Die Umwelt: komplett absent
Grossen schreibt über Wachstum — aber er erwähnt die Umwelt mit keinem Wort. Bevölkerungswachstum bedeutet mehr Verkehr, mehr Energieverbrauch, mehr Flächenversiegelung, mehr CO2-Emissionen. Die GLP präsentiert sich als ökologische Partei — aber in einer Kolumne über Bevölkerungswachstum fehlt die ökologische Dimension vollständig. Wie viel Umweltverbrauch verursacht das Wachstum? Reicht Verdichtung — oder braucht es auch Konsumverzicht, Mobilitätsreduktion, Energieeffizienz? Grossen schweigt.
Die Infrastruktur und der Wohnraum: erwähnt, aber nicht quantifiziert
Grossen schreibt: «Leistungsfähige Infrastrukturen sichern» und «Genügend Wohnraum schaffen.» Aber er quantifiziert nicht. Wie viel kostet der Infrastrukturausbau für 100'000 zusätzliche Menschen pro Jahr? Wer bezahlt das? Wer baut die 40'000 bis 50'000 neuen Wohnungen pro Jahr, die nötig wären? Die privaten Investoren? Die Genossenschaften? Der Staat? Zu welchen Preisen? Und: Wer kann sich diese Wohnungen leisten — die Migranten oder nur die Einheimischen? Grossen schweigt.
Der Arbeitsmarkt: erwähnt, aber nicht analysiert
Grossen schreibt: «Mehr Fachkräfte im Inland mobilisieren.» Das ist korrekt — aber er analysiert nicht, ob das ausreicht. Die Schweiz hat Fachkräftemangel — in der Medizin, in der Pflege, im Bau, in der Hotellerie, in der Industrie. Kann der Inlandmarkt diesen Mangel decken? Oder braucht es Zuwanderung — und wenn ja, wie viel? Welche Qualifikationen werden gebraucht — und woher kommen sie? Grossen schweigt.
Kurzurteil
Eine Kolumne, die das Abstimmungsresultat dokumentiert und eine wohlwollende Interpretation des «Ja» liefert — ohne die zentrale Frage zu stellen: Wohin mit den Menschen, die kommen? Grossen fordert «mehr Wohnraum», «Verdichtung», «Konsequenz» — aber er nennt keine Zahl, kein Ziel, keine Grenze. Und er verschweigt den naheliegendsten Gedanken: Wenn die Städte Nein gesagt haben und die Landgemeinden Ja — dann sollten die Migranten in die Städte gehen, nicht in die Landgemeinden. Aber Grossen erwähnt diesen Gedanken mit keinem Wort. Weil er unbequem ist. Weil er die Landgemeinden konfrontieren würde — mit der Konsequenz ihres Jas. Weil er die Städte konfrontieren würde — mit der Last ihres Neins. Weil er die GLP konfrontieren würde — mit der Frage, ob sie überhaupt eine Antwort hat. Wer die Kolumne liest, weiss, dass Grossen das Nein begrüsst und Lösungen fordert. Wer wissen will, wie viel Wachstum die GLP akzeptiert, wohin die Migranten gehen sollen, wer die Wohnungen baut, wer die Infrastruktur finanziert und ob die Landgemeinden, die Ja gesagt haben, überhaupt Migranten aufnehmen müssen, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine politische Positionierung, das ist politische Rhetorik ohne Substanz.
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