Die Gründung mit SRF-Spin und ohne Schweiz Bezug
Dieser SRF-Beitrag zum 250. Jahrestag der US-Unabhängigkeit ist ein Lehrstück in hagiografischem Interview-Journalismus: Ein Historiker wird eingeladen, um die Gegenwart im Licht der Gründerväter zu deuten — und er deutet sie als Warnung, ohne dass der Interviewer eine einzige kritische Nachfrage stellt. Die Gründerväter werden als moralische Autoritäten präsentiert, ohne dass ihre Widersprüche erwähnt werden. Trump wird als Symptom gerahmt, ohne dass die strukturellen Ursachen analysiert werden. Und die Schweiz — die dieselben demokratischen Erosionserscheinungen zeigt — kommt mit keinem Wort vor. SRF kritisiert die US-Demokratie, aber nie die eigene. Der Beitrag klingt wie historische Reflexion, aber er ist keine — denn historische Reflexion prüft ihre Quellen, und dieser Beitrag prüft nichts. Er reproduziert eine Historiker-Meinung mit SRF-Siegel.
Zum SRF-Beitrag «Historiker: 'Die Gründerväter wären besorgt'», 10vor10, 03.07.2026
Was der Beitrag gut macht
Die Fakten sind dokumentiert: Am 4. Juli 1776 erklärten 13 britische Kolonien ihre Unabhängigkeit. John A. Ragosta ist Historiker, Kenner von Thomas Jefferson und James Madison. Die Unabhängigkeitserklärung sagt: «All men are created equal.» Die Macht liegt beim Volk, nicht beim König. Die Prinzipien sind: Gleichheit, Zustimmung der Regierten, bürgerliche Beteiligung. Eine Mehrheit der Amerikaner hat Trump zweimal gewählt. Trump postete ein Bild von sich in königlicher Attitüde. Das ist die Grundlage — und sie wird sauber präsentiert.
Die Gründerväter: glorifiziert, aber nicht geprüft
Ragosta sagt: Die Gründerväter schufen eine Republik basierend auf Gleichheit, Zustimmung der Regierten und bürgerlicher Tugend. SRF übernimmt das — ohne eine einzige kritische Frage. Wer waren diese Gründerväter? Sklavenhalter. Jefferson selbst besass über 600 Sklaven. Madison besass Sklaven. Washington besass Sklaven. «All men are created equal» — geschrieben von Männern, die Menschen als Eigentum hielten. Das ist nicht eine Fussnote. Das ist der zentrale Widerspruch der amerikanischen Gründung.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie konnten Männer, die Sklaven besassen, «alle Menschen sind gleich geschaffen» schreiben — und wie wirkt dieser Widerspruch bis heute nach? Die «Republik» der Gründerväter war eine Republik für weisse, männliche, besitzende Bürger — nicht für alle. Frauen durften nicht wählen. Sklaven durften nicht wählen. Ureinwohner durften nicht wählen. SRF fragt nicht — und Ragosta darf die Gründerväter als Vorbilder präsentieren, ohne dass der Widerspruch auch nur erwähnt wird.
«Pursuit of Happiness»: umgedeutet, aber nicht korrigiert
Ragosta sagt: Das «Streben nach Glückseligkeit» bedeutete für Jefferson nicht individuelle Selbstverwirklichung, sondern bürgerschaftliches Engagement in der Gemeinschaft. Das ist eine Interpretation — aber ist sie die einzige? Jefferson war ein Kind der Aufklärung, beeinflusst von Locke, der «life, liberty, and property» formulierte. Jefferson änderte «property» zu «pursuit of happiness» — warum? War es Idealismus? War es Strategie? War es eine Abgrenzung vom Eigentumsbegriff? SRF fragt nicht — und Ragostas Interpretation wird ungeprüft als Fakt präsentiert.
Trump: erwähnt, aber nicht analysiert
Der Interviewer sagt: «Eine Mehrheit der Amerikaner hat zum zweiten Mal einen Präsidenten gewählt, der ein Bild von sich in königlicher Attitüde postet.» Ragosta antwortet: Das sei gegen den revolutionären Gedanken der Unabhängigkeitserklärung. Das ist eine moralische Bewertung — aber keine Analyse.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Warum haben eine Mehrheit der Amerikaner Trump gewählt — zweimal? Was sagt das über die Demokratie, dass das Volk einen Mann wählt, der die Prinzipien der Demokratie untergräbt? Ist es Unwissenheit? Ist es Wut? Ist es Entfremdung? Ist es ein Versagen des Systems, das die Gründerväter schufen? Hat das System, das Ragosta verteidigt, selbst Trump produziert? SRF fragt nicht — und Ragosta darf die Schuld beim Volk («bürgerliche Beteiligung», «Bildung») abladen, ohne dass das System hinterfragt wird.
Die strukturellen Probleme: komplett absent
Ragosta sagt: Wir müssen uns «wieder anstrengen, um diese Prinzipien zu schützen.» Das ist eine moralische Aussage — aber sie nennt keine strukturellen Probleme. Was ist mit dem Electoral College, das zweimal in diesem Jahrhundert einen Präsidenten hervorbrachte, der nicht die Mehrheit der Wählerstimmen erhielt? Was ist mit dem Senat, wo Wyoming die gleiche Anzahl Senatoren hat wie Kalifornien — bei einem Bruchteil der Bevölkerung? Was ist mit Geld in der Politik, das Citizens United ermöglichte? Was ist mit dem Supreme Court, dessen Besetzung politisiert ist? Das sind alles strukturelle Probleme, die in der Verfassung der Gründerväter angelegt sind — und SRF fragt nach keiner einzigen.
Die Schweizer Dimension: komplett absent — und das ist das eigentliche Problem
Der Interviewer ist Schweizer. SRF ist Schweizer Rundfunk. Und SRF kritisiert die US-Demokratie — aber nie die eigene.
Die Schweiz hat 2026 ihre eigenen demokratischen Probleme. Eine direkte Demokratie, in der Abstimmungskämpfe von Geld und ausländischen Akteuren beeinflusst werden — erinnert sich jemand an die Swisscom-Spende von 30'000 Franken an die Pro-E-ID-Kampagne, die zwei Bundesrichter als verfassungswidrig einstuften, bevor die Mehrheit des Gerichts auf prozeduralem Weg auswich? Eine Medienlandschaft, in der der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein De-facto-Monopol auf Informationsvermittlung hat. Eine Bundesratswahl, die von Hinterzimmer-Deals der Parteien geprägt ist — nicht vom Volk. Eine Politik, in der der Bundesrat Verträge mit der EU unterschreibt, die die direkte Demokratie aushöhlen — und SRF berichtet darüber wie über Wetterereignisse.
Eine politische Kultur, in der ein Bundesrat wie Alain Berset während der COVID-Pandemie Milliardenaufträge vergab — und SRF investigativ einen Eishockeytrainer wegen eines gefälschten Zertifikats verfolgt. In der Patrick Fischer öffentlich gebrandmarkt wird — während die wahren Verantwortlichen der Pandemiepolitik ungeschoren bleiben. Das ist «Accountability Laundering»: Ohnmächtige zur Rechenschaft ziehen, um Mächtige zu schützen.
Die Frage, die nicht gestellt wird: Gilt das, was Ragosta über die USA sagt, nicht auch für die Schweiz? Sind die Schweizer Gründerväter — die 1848 die Bundesverfassung schrieben — auch besorgt? Hat die Schweiz dieselben Symptome: sinkende Wahlbeteiligung, politische Entfremdung, wachsende Polarisierung, Institutionen, die sich der demokratischen Kontrolle entziehen? SRF stellt die Frage nicht — weil SRF die Schweiz nie kritisch betrachtet, wenn es um Demokratie geht. Die USA dürfen kritisiert werden. Die Schweiz nicht. Das ist das unausgesprochene Gesetz des Schweizer öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Amerikanische Demokratieprobleme sind ein Thema. Schweizer Demokratieprobleme sind keins.
Ragostas Perspektive: nicht kontextualisiert
Ragosta ist Historiker — aber er ist auch Anwalt. Er hat Bücher über Jefferson geschrieben. Er hat eine Perspektive: Er ist ein Verfechter der Gründerväter-Prinzipien. Das ist legitim — aber es ist eine Perspektive, nicht die Perspektive. Wo bleibt der Gegenpol? Wo bleibt ein Historiker, der sagt: Die Gründerväter waren Sklavenhalter, ihre Prinzipien waren Heuchelei, und das System, das sie schufen, ist strukturell defekt? SRF lädt einen Experten ein — und lässt seine Perspektive unkontestiert.
Die verwandten Artikel: alle Trump-zentriert
Drei verwandte Artikel werden angezeigt: «Das historische Haus, dem die Trump-Regierung das Geld wegnahm», «Nach Absagen: Trump streicht Konzerte bei US-Jubiläumsfeier», «Trumps 250-Dollar-Schein: Finanzminister trifft Vorbereitungen». Alle drei handeln von Trump. Der 250. Jahrestag der US-Demokratie wird bei SRF durch die Linse Trumps gerahmt — nicht durch die Linse der Geschichte, der Verfassung, der Prinzipien. Das ist Framing: Die USA sind Trump. Die Geschichte ist Trump. Die Demokratie ist Trump. Alles andere fehlt.
Was komplett fehlt
Keine Frage nach den Widersprüchen der Gründerväter (Sklaverei, Ausschluss von Frauen und Nicht-Besitzenden). Keine Frage nach der Lücke zwischen Ideal und Praxis. Keine Frage nach strukturellen Problemen (Electoral College, Senat, Geld in der Politik, Supreme Court). Keine Frage nach den Ursachen von Trumps Wahlsiegen (nur Symptome werden erwähnt). Keine Frage nach der Schweizer Dimension (gelten dieselben Probleme hier?). Keine Gegenexpertin. Keine Frage nach Ragostas eigener Perspektive (Jefferson-Biograf, Anwalt). Keine Frage nach der wirtschaftlichen Dimension (Ungleichheit als Demokratiegefahr). Keine Frage nach der Frage, ob die Verfassung von 1787 noch zeitgemäss ist. Keine Frage nach der Rolle der Medien. Keine Frage nach der Rolle des Bildungssystems.
Kurzurteil
Ein Interview, das eine Historiker-Meinung reproduziert — ohne eine kritische Nachfrage zu stellen. Die Gründerväter werden als moralische Autoritäten präsentiert, ohne dass ihre Widersprüche erwähnt werden. Trump wird als Symptom gerahmt, ohne dass die strukturellen Ursachen analysiert werden. Und die Schweiz — die dieselben demokratischen Erosionserscheinungen zeigt, von der Swisscom-Spende bis zum Accountability-Laundering der COVID-Politik — kommt mit keinem Wort vor. SRF kritisiert die US-Demokratie, aber wendet denselben Massstab nie auf die eigene an. Ragostas Perspektive als Jefferson-Biograf wird nicht kontextualisiert. Eine Gegenstimme fehlt. Wer den Beitrag liest, weiss, dass die Gründerväter besorgt wären und dass Trump ein Problem ist. Wer wissen will, ob die Gründerväter selbst das Problem waren, ob die Verfassung strukturell defekt ist, und ob die Schweiz — mit ihrer eigenen Demokratiekrise, die SRF systematisch ignoriert — dieselben Symptome zeigt, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine historische Reflexion, das ist Gründerväter-Hagiografie mit SRF-Siegel — und Schweizer Blindheit gegenüber der eigenen Demokratie.
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