9min
Die Gewalt, die nicht nach Weiss fragt
Medienkritik
8 Minuten

Die Gewalt, die nicht nach Weiss fragt

Teilen

Dieser SRF-Beitrag über fremdenfeindliche Gewalt in Südafrika zeigt ein reales, eskalierendes Problem — und verpasst zugleich die grössere Story. Die Tagesschau berichtet über «March on March», eine Bewegung, die illegale Migranten bis zum 30. Juni aus dem Land drängen will, über Mobangriffe, Tote und panische afrikanische Arbeitsmigranten. Das ist dokumentiert und relevant. Aber der Beitrag blendet aus, was die internationale Debatte um Südafrika eigentlich dominiert: die Frage, ob weisse Farmer gezielt ermordet werden, ob es einen Rassenkrieg gibt, ob die Trump-Administration recht hatte, als sie weisse «Geflüchtete» aus Südafrika aufnahm. Der verlinkte SRF-Beitrag vom Mai 2025 erwähnt genau das — aber die aktuelle Tagesschau schweigt dazu. Wer die Südafrika-Berichterstattung des SRF in den letzten zwei Jahren verfolgt, sieht ein Muster: Wenn afrikanische Migranten Opfer sind, wird berichtet; wenn weisse Farmer Opfer sind, wird relativiert oder geschwiegen. Das ist keine Verschwörung, aber es ist eine Schlagseite, die Fragen aufwirft.

Zum SRF-Beitrag «Tausende Migrantinnen und Migranten in Südafrika leben in Angst», Tagesschau / SRF News, 26.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Die Reportage hat echte Stärken. Charles Mutenga, der malawische Gärtner, ist ein authentischer Zeuge — seine Angst ist greifbar, seine Geschichte konkret. Claudia Krugsmaker, die weisse Arbeitgeberin, die illegale Migranten einstellt und Südafrikaner als «faul und unzuverlässig» bezeichnet, ist eine provokante, ehrliche Stimme, die das Dilemma zeigt: Die Wirtschaft braucht die Migranten, die Gesellschaft hasst sie. Charlie Roux von «March on March» wird als das vorgestellt, was sie ist — eine fremdenfeindliche Aktivistin, deren Demonstration in Kapstadt nur 40 Leute stark ist, die aber ein Symptom einer landesweiten Stimmung ist. Die Bildsprache — Speere der Zulus, internationale Presse in den Townships fern — ist stark. Und der Beitrag nennt Tote: fünf Mosambikaner. Das ist mehr als viele vergleichbare Beiträge leisten.

Die Krise, die halbiert wird

Südafrika befindet sich 2026 in einer multiplen Krise, die über die aktuelle Xenophobie-Welle weit hinausgeht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 33 Prozent, bei den 15- bis 24-Jährigen bei über 60 Prozent. Der ANC, seit dem Ende der Apartheid an der Macht, hat das Vertrauen grosser Teile der Bevölkerung verloren: Korruption, nicht eingelöste Versprechen, dysfunktionale Kommunaldienste, ein jahrelang mit Rolling Blackouts operierendes Stromnetz. Im November 2026 finden Kommunalwahlen statt, und kleine Parteien instrumentalisieren Fremdenhass für Stimmen, weil das immer funktioniert, wenn die Regierung versagt.

Der SRF-Beitrag streift das — «hohe Arbeitslosigkeit», «Korruption», «Vertrauen in die Regierung verloren» —, aber er macht es zur Fussnote einer Migrationsstory, statt umgekehrt: Die Migrationsstory ist ein Symptom der generellen Krise, nicht deren Kern. Wer Südafrika nur über die Xenophobie-Linse betrachtet, sieht ein Land, das gegen Migranten wütet. Wer die volle Krise sieht, erkennt ein Land, das an seinem eigenen post-Apartheid-Vertrag zerbricht — und die Migranten sind nur der bequemste Sündenbock.

Die weisse Dimension: ausgeblendet, obwohl selbst verlinkt

Die aktuelle Gewaltwelle richtet sich nicht gegen Weisse. Sie richtet sich gegen afrikanische Migranten aus Nachbarländern — Malawier, Simbabwer, Nigerianer, Äthiopier, Mosambikaner, Ghanaer. Die Täter sind schwarze Südafrikaner, die Opfer sind schwarze Afrikaner aus anderen Ländern. Das ist Xenophobie innerhalb der schwarzen Bevölkerung, nicht Rassismus gegen Weisse.

Aber: Die Frage, ob Weisse in Südafrika gezielt bedroht werden, ist ein separates Thema, das in der internationalen Debatte intensiv geführt wird — und das der SRF-Beitrag nicht streift, obwohl ein verlinkter Artikel vom Mai 2025 genau darauf Bezug nimmt: «US-Regierung heisst weisse 'Geflüchtete' aus Südafrika willkommen.» Die Trump-Administration hatte weisse südafrikanische Farmer als Flüchtlinge aufgenommen mit der Begründung, sie seien Opfer gezielter Gewalt und rassistischer Verfolgung. Das warf eine Frage auf, die die SRF-Berichterstattung nie sauber beantwortet hat: Gibt es eine dokumentierte Eskalation von Gewalt gegen weisse Farmer, oder ist das ein Mythos?

Die Datenlage ist komplex: Südafrika hat eine der höchsten Mordraten der Welt, und weisse Farmer sind Opfer von Gewalt — aber nicht in statistisch überproportionalem Mass im Vergleich zur Gesamtbevölkerung. Die Farmmorde sind real, aber sie sind Teil der allgemeinen Gewaltkriminalität, nicht primär rassistisch motiviert. Die politische Rhetorik von Gruppen wie den Economic Freedom Fighters (EFF), die weisses Landeigentum bedroht, ist real und beunruhigend. Aber die systematische Verfolgung, die den Flüchtlingsstatus rechtfertigen würde, ist nicht belegt. Das ist die sachliche Antwort — und sie kommt im SRF nicht vor.

Was der Beitrag ausblendet, ist nicht nur ein Thema, sondern ein ganter Konfliktstrang:

Farmmorde: Gewalt gegen weisse Farmer ist ein Dauerthema der internationalen Debatte. Ob die Zahlen eine gezielte Kampagne belegen oder Teil der allgemeinen Gewaltkriminalität sind — der Beitrag thematisiert es nicht.

Landreform ohne Entschädigung: Die Debatte über Enteignung weissen Landes ohne Entschädigung ist ein zentraler politischer Konflikt, der die weisse Minderheit direkt betrifft. Kein Wort.

EFF-Rhetorik: Julius Malemas EFF hat wiederholt Rhetorik verwendet, die weisse Farmer bedroht — «Kill the Boer» ist ein umstrittenes Kampflied, das juristisch als nicht direkt hetzerisch eingestuft wurde, aber faktisch Angst erzeugt. Keine Erwähnung.

Die Trump-Flüchtlingspolitik: Der verlinkte SRF-Artikel vom Mai 2025 zeigt, dass die weisse Südafrika-Frage international relevant ist — aber die aktuelle Tagesschau knüpft nicht daran an. Das ist eine versäumte Querverbindung zu eigener Berichterstattung.

Wer über Südafrika 2026 berichtet und nur die Xenophobie gegen afrikanische Migranten thematisiert, malt ein unvollständiges Bild. Die Krise ist breiter: Sie betrifft Migranten, Farmer, die städtische Unterschicht, die Korruption des ANC und das Versprechen der Regenbogennation, das nie eingelöst wurde.

«March on March»: ein Gespenst ohne Gesicht

Der Beitrag nennt «March on March» als treibende Kraft, erwähnt aber nicht, wer dahintersteht. Die Bewegung wird von Jacinta Ngobese-Zuma, einer ehemaligen Radiomoderatorin, geleitet — eine Information, die den Beitrag bereichert hätte: eine ehemalige Medienprofis als Xenophobie-Führerin ist eine Story für sich. Auch die Grösse der Bewegung bleibt vage: 40 Demonstranten in Kapstadt, aber «im ganzen Land» ähnliche Slogans. Wie gross ist «March on March» wirklich? Hat sie Zehntausende Anhänger oder Hunderttausende? Die Bewegung geriert sich als «demokratische Bürgerbewegung», verbreitet aber Verschwörungstheorien und Fake News. Das wäre eine Einordnung gewesen, die der Beitrag schuldig bleibt. Stattdessen heisst es: «Ein Gespenst, das man lieber nicht wiedersehen möchte.» Das ist Literatur, nicht Journalismus.

Die Gegenbewegung: unsichtbar

Es gibt Gegenproteste — die Koalition «Kopanang Africa Against Xenophobia» organisiert sich gegen die fremdenfeindliche Rhetorik und verweist auf Korruption, Kolonialismusfolgen und Kapitalismuskritik als wahre Ursachen. Der SRF-Beitrag erwähnt keine Gegenbewegung. Das erzeugt den Eindruck, die xenophobe Welle sei eine Einbahnstrasse — dabei gibt es Widerstand, und das wäre ein wichtiger Teil des Bildes: Südafrika ist nicht nur «March on March», es ist auch eine Zivilgesellschaft, die sich wehrt.

Die Migrationszahlen: unpräzise

Der Beitrag spricht von «tausenden» Migranten, die in Angst leben, und von «tausenden Malawiern» in Durban, die repatriiert werden wollen. Präzisere Zahlen: 3 bis 5 Millionen illegale Migranten in Südafrika, bei einer Gesamtbevölkerung von 65 Millionen — also rund 5 Prozent. Das ist ein kleinerer Anteil als in vielen westlichen Ländern, was die Frage aufwirft, warum die Xenophobie so virulent ist. Die Antwort — soziale Not, Regierungsversagen, Sündenbock-Dynamik — wird im Beitrag angedeutet, aber nicht mit den Zahlen unterfüttert, die sie kontextualisieren würden.

Die Krugsmaker-Stimme: unbequem, aber ungeprüft

Claudia Krugsmaker ist die interessanteste Stimme des Beitrags. Sie sagt, Südafrikaner seien «faul und unzuverlässig», sie stelle lieber Malawier ein, sie wisse, dass sie das Gesetz missachtet. Das ist eine unbequeme Aussage — sie bestätigt das Vorurteil, das «March on March» bedient, aber aus der gegenteiligen Richtung: Nicht die Migranten stehlen die Jobs, sondern die Arbeitgeber bevorzugen sie, weil sie billiger und williger sind. Das ist die ökonomische Wahrheit hinter der Xenophobie — und der Beitrag lässt sie stehen, ohne sie zu moralisieren. Das ist mutig. Aber er fragt auch nicht nach: Ist Krugsmakers Vorurteil gerechtfertigt? Gibt es Daten zur Produktivität, Zuverlässigkeit, Lohnkostendifferenz? Die Story bleibt bei der Aussage stehen, statt sie zu prüfen.

Das Ende: Gebet als Journalistik

Der Beitrag schliesst mit einem Bild, das questions aufwirft: «So vertraut er wie viele seiner Landsleute auf die Kraft des Gebetes und klammert sich an die Hoffnung, weiterhin in Südafrika unter dem Radar ein besseres Leben aufbauen zu können.» Das ist eine romantische Schlusspointe — der bedrohte Migrant, der betet und hofft. Aber sie ist auch eine journalistische Kapitulation: Statt zu fragen, was politisch, ökonomisch, rechtlich möglich wäre, endet der Beitrag bei Religion und Hoffnung. Das ist legitim als Reportage-Schluss — aber es ist auch eine Form von Aussteigen: Die Frage, was die internationale Gemeinschaft, was die Schweiz, was die afrikanische Union tun könnte, wird nicht gestellt. Gebet als Journalistik.

Kurzurteil

Ein thematisch relevanter, authentisch erzählter Beitrag über eine reale und eskalierende Krise — aber mit systematischen Auslassungen, die das Bild verengen. Die Xenophobie gegen afrikanische Migranten ist dokumentiert und der Beitrag gibt ihr ein Gesicht (Mutenga, Krugsmaker, Roux). Aber die grössere Südafrika-Krise — Farmmorde, Landreform, EFF-Rhetorik, die weisse Dimension, die Trump-Flüchtlingspolitik — wird nicht gestreift, obwohl ein verlinkter SRF-Artikel genau das thematisiert. Die Folge ist ein Beitrag, der Südafrika als Migrantenkrise darstellt, statt als das, was es ist: eine Krise des gesamten post-Apartheid-Vertrags, die alle Bevölkerungsgruppen betrifft. «March on March» wird ohne Hintergrund (Führerin, Grösse, Finanzierung) präsentiert. Die Gegenbewegung fehlt. Die Migrationszahlen bleiben vage. Die Krugsmaker-Stimme ist wertvoll, aber ungeprüft. Der Schluss bei Gebet und Hoffnung ist eine journalistische Kapitulation vor der Frage, was zu tun wäre. Gemessen an Art. 93 BV ist das kein Falschbericht, aber ein Stück, das die komplexe Realität Südafrikas auf einen einzigen Konflikt reduziert — und damit die Frage, ob es eine generelle Krise gibt und ob Weisse spezifisch bedroht sind, nicht beantwortet, sondern ausblendet. Wer den Beitrag sieht, weiss, dass afrikanische Migranten in Südafrika Angst haben. Wer die volle Krise verstehen will, muss woanders suchen.

Originalbeitrag auf X →

Kein Artikel verpassen.