Die Forschung, die als Propaganda gerahmt wird
SRF berichtet über den Kanton Zug, der ein Forschungszentrum zum Nationalen Finanzausgleich mitfinanziert, und rahmt es als Kauf von Wissenschaft. Ein Ökonom darf das IWP als «propagandistisch» bezeichnen, ungeprüft. Was nicht vorkommt: die Frage, ob 467 Millionen Franken Nettozahlung pro Jahr ein legitimes Interesse an Forschung begründen. Was nicht vorkommt: die Frage, ob der Finanzausgleich selbst funktioniert. Was nicht vorkommt: die Pro-Kopf-Zahl, die das Ausmass der Umverteilung sichtbar macht. Der Beitrag ist ein Interview mit einem Kritiker, der als neutraler Experte auftritt.
Zum SRF-Beitrag «Kanton Zug sponsert umstrittene Forschung zum Finanzausgleich», Tagesschau, 27.07.2026
Das Framing steht im Titel: «Zug sponsert umstrittene Forschung zum Finanzausgleich.» «Sponsert» ist das Wort, das eine wissenschaftliche Förderung als Sponsoring markiert. «Umstritten» ist das Wort, das den Konsens suggeriert, bevor die Debatte beginnt. SRF berichtet über einen Kanton, der 3,8 Millionen Franken in ein Forschungszentrum investiert. Dass derselbe Kanton 467 Millionen Franken pro Jahr in den Finanzausgleich einzahlt, wird genannt. Dass die Forschungssumme 0,8 Prozent der jährlichen Nettozahlung beträgt, bleibt unerwähnt. Die Frage, ob ein Nettozahler ein legitimes Interesse hat, das System zu erforschen, in das er fast eine halbe Milliarde pro Jahr einzahlt, wird nicht gestellt.
Die Zahlen, die keinen Massstab haben
SRF berichtet, der Kanton Zug leiste «knapp 500 Millionen Franken». Die präzise Zahl für 2026 lautet 467 Millionen. SRF rundet auf. Was SRF nicht nennt: die Pro-Kopf-Zahl. Jede Zugerin und jeder Zuger zahlt rechnerisch 4'001 Franken pro Jahr in den nationalen Finanzausgleich. Das ist fast 11 Franken pro Tag. Der Zuger NFA-Beitrag ist höher als der gesamte jährliche Aufwand des Kantons Uri. Seit 2008 hat Zug 6,4 Milliarden Franken netto gezahlt. Das entspricht fast einem ganzen Jahres-NFA des gesamten Systems. SRF nennt die Gesamtzahl. Sie nennt nicht, was sie pro Kopf bedeutet. Die Frage, ob 4'001 Franken pro Kopf ein Massstab sind, der die Debatte verändert, wird nicht gestellt.
Der Ökonom, der als neutral auftritt
SRF zitiert Marius Brülhart, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Lausanne. SRF präsentiert ihn als neutralen Experten. Was SRF nicht erwähnt: Brülhart ist ein Verfechter des Finanzausgleichs. Er hat Studien publiziert, die den Finanzausgleich verteidigen. Er hat ein institutionelles Interesse an der Position, die er vertritt. SRF fragt nicht, ob Brülhart selbst Forschung betreibt, die von Gebern finanziert wird, die ein Interesse am Erhalt des Finanzausgleichs haben. SRF fragt nicht, ob seine Kritik am IWP interessengeleitet ist. Brülhart darf das IWP als «propagandistisch» bezeichnen, ohne dass SRF fragt, ob seine eigene Position propagandistisch ist. Die Frage, ob ein Ökonom, der den Finanzausgleich verteidigt, der richtige Experte ist, um die Unabhängigkeit eines Instituts zu beurteilen, das den Finanzausgleich kritisiert, wird nicht gestellt.
Die Frage, die niemand stellt
Brülhart sagt: «Man könnte mal der Frage nachgehen, ob der wirtschaftliche Erfolg des Kantons Zug den Erfolg anderer Kantone schmälert, indem Zug Steuersubstrat von anderen Kantonen abzieht.» Das ist eine These. SRF übernimmt sie, ohne sie zu prüfen. Die Gegenthese lautet: Zug zieht Steuersubstrat an, weil es attraktiv ist. Wenn Zug nicht existierte, würde das Substrat nicht in anderen Kantonen bleiben. Es würde ins Ausland wandern. Die Frage, ob der Steuerwettbewerb Substrat mobilisiert oder umverteilt, ist eine empirische Frage. SRF fragt nicht, ob es Studien gibt, die die eine oder die andere These stützen. SRF fragt nicht, ob das IWP diese Frage bereits untersucht hat. Brülhart darf eine These als Forderung präsentieren, ohne dass SRF fragt, ob die These stimmt.
Das IWP, das als Propagandainstitut gerahmt wird
SRF zitiert Brülhart: «Da wird unvoreingenommene Wissenschaftlichkeit vermischt mit einem propagandistischen Auftrag.» Das ist ein schwerer Vorwurf. SRF lässt ihn stehen, ohne ihn zu prüfen. SRF erwähnt, dass das IWP an die Universität Luzern angebunden ist. SRF erwähnt, dass die Universität Luzern die Unabhängigkeit des Instituts bestätigt. SRF erwähnt, dass das IWP in seiner Stiftungsurkunde die Unabhängigkeit verankert hat. Aber SRF fragt nicht, ob Brülharts Vorwurf substanziiert ist. SRF fragt nicht, ob es Beispiele für IWP-Publikationen gibt, die propagandistisch sind. SRF fragt nicht, ob die Anbindung an eine Universität ein Garant für Unabhängigkeit ist oder nicht. SRF lässt den Vorwurf stehen und gibt das Dementi des IWP und der Universität daneben. Das ist He-said-she-said-Journalismus: Zwei Positionen, keine Prüfung.
Tännler, der ehrlich ist und dafür bestraft wird
SRF zitiert Heinz Tännler, Finanzdirektor des Kantons Zug: «Dann ist es naheliegend, dass man ein Institut auswählt, dass auch einigermassen die gleiche Wellenlänge hat.» Das ist eine ehrliche Aussage. Tännler sagt, was jeder weiss: Ein Kanton, der den Finanzausgleich kritisch sieht, fördert ein Institut, das den Finanzausgleich kritisch sieht. Das ist nicht Propaganda. Das ist Interessenvertretung. SRF rahmt die Ehrlichkeit als Problem. Brülhart sagt: «Wenn Zug wirklich unvoreingenommene, wissenschaftliche Spitzenforschung hätte fördern wollen, dann hätte der Kanton diesen Auftrag frei ausgeschrieben.» Das ist eine Forderung, die kein Kanton erfüllt. Kein Kanton schreibt Forschung frei aus. Kein Kanton fördert ein Institut, das die eigene Position kritisiert. Die Frage, ob andere Kantone Forschungsinstitute fördern, die ihre Position vertreten, wird nicht gestellt.
Der Finanzausgleich, der als heilige Kuh behandelt wird
SRF berichtet über Forschung zum Finanzausgleich. SRF fragt nicht, ob der Finanzausgleich funktioniert. Der Finanzausgleich umfasst 6,9 Milliarden Franken im Jahr 2027. 19 Kantone sind Nettoempfänger. Der Kanton Bern erhält 1,71 Milliarden. Das Wallis 897 Millionen. Der Aargau 709 Millionen. Die Frage, ob diese Zahlungen die Empfängerkantone zu Reformen animieren oder sie in Abhängigkeit halten, wird nicht gestellt. Die Frage, ob der Finanzausgleich den Steuerwettbewerb einschränkt, wird von Brülhart erwähnt und dann fallengelassen. Die Frage, ob der Finanzausgleich ein System ist, das Umverteilung ohne Rechenschaft produziert, wird nicht gestellt. SRF berichtet über Forschung zum Finanzausgleich und behandelt den Finanzausgleich als System, das nicht hinterfragt wird.
So funktioniert dieser Beitrag: Er berichtet über einen Kanton, der Forschung finanziert, und rahmt die Forschung als Propaganda. Die 467 Millionen Nettozahlung werden genannt, die 4'001 Franken pro Kopf nicht. Brülhart darf das IWP als propagandistisch bezeichnen, ohne dass SRF prüft, ob der Vorwurf stimmt. Tännlers Ehrlichkeit wird als Problem gerahmt. Die Frage, ob der Finanzausgleich funktioniert, wird nicht gestellt. Wer den Beitrag liest, weiss, dass Zug ein Institut fördert und dass ein Ökonom das für propagandistisch hält. Wer wissen will, ob der Vorwurf stimmt, ob 4'001 Franken pro Kopf ein legitimes Forschungsinteresse begründen, ob andere Kantone ähnliche Förderung betreiben, ob der Finanzausgleich wirkt und ob Brülhart selbst interessengeleitet ist, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Wissenschaftsberichterstattung, das ist ein Interview mit einem Kritiker, der als Experte auftritt.
Kein Artikel verpassen.
