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Die Dragqueen als Aussenpolitik
Medienkritik
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Die Dragqueen als Aussenpolitik

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Dieser SRF-Beitrag über eine Schweizer Dragqueen auf China-Tour ist ein Grenzfall des öffentlich-rechtlichen Auftrags — und das nicht nur wegen des Framing. Das Thema selbst ist marginal: Eine Schweizer Künstlerin tourt durch China, kassiert Absagen, findet Ersatzlokale, tritt schliesslich auf. Das ist eine persönliche Experience-Story, kein politischer Befund. Dass aus dieser Anekdote eine Reportage über «chinesische Repression» gemacht wird, ist eine Redaktionsentscheidung, die mehr über den Schweizer Feiertagskalender verrät als über die Lage in China. Und die «queere Community», die hier bemüht wird, existiert als einheitliche Grösse gar nicht — es ist ein heterogenes Konglomerat von Individuen mit unterschiedlichen Interessen, Lebensentwürfen und politischen Positionen, das von SRF zu einer kollektiven Opfernarrative zusammengefasst wird, weil das besser ins Bild passt.

Zum SRF-Beitrag «Schweizer Dragqueen trifft auf chinesische Repression», Echo der Zeit / SRF News, 23.06.2026


Zur Relevanzfrage: marginal, und das weiss die Redaktion

Die Frage, ob dieser Beitrag in SRFs Auftrag gehört, ist berechtigt — und die Antwort ist: kaum. Eine Schweizer Dragqueen, die in China Absagen kassiert und schliesslich doch auftreten kann, ist eine Anekdote, keine Nachricht. Es gibt keine Zahlen, keinen Skandal, keine politische Entscheidung, kein Todesopfer, keine Verhaftung. Es gibt eine Künstlerin, deren Tournee holprig verlief — was für eine Tournee durch China mit einer Drag-Show, die Homosexualität im Tierreich thematisiert, nicht überraschend ist. Dass daraus ein Echo-der-Zeit-Beitrag wird, hat einen Grund: Der Beitrag erschien am 23. Juni 2026, mitten im Pride-Month. LGBTQ-Themen im Juni, weil der westliche Kalender es so will. Ob das Thema im November einen Sendeplatz gefunden hätte, ist fraglich — und genau das ist das Problem: Die Redaktionsrelevanz wird nicht aus der Sache geschöpft, sondern aus dem Kalender.

Was der Beitrag gut macht

Daniel Hellmann ist ein authentischer Zeuge. Er beschreibt die Absagen, die Ausreden, den «Hürdenlauf» — und er benennt die Widersprüche, ohne sie zu glätten. Die Begegnung mit der 57-jährigen Drag-Performerin, die seit 30 Jahren im Regierungsauftrag für HIV-Prävention auftritt, ist eine echte Reportage-Leistung. Die Shanghaier Dragqueen, die sagt: «Ich habe seit sechs Monaten nichts mehr gemacht», ist eine zweite Stimme. Und der Beitrag ist ehrlich darüber, dass die Lage komplex ist: «Neben der Repression gibt es Förderung», «nicht alles schwarz-weiss», «viele Zwischentöne». Das ist nuancierter als viele West-Berichte über China, die nur die Unterdrückung zeigen.

Die «Community», die keine ist

Der Beitrag spricht durchgehend von der «queeren Community» — aber das ist eine Konstruktion, die die Realität nicht trifft. Die Menschen, die in diesem Beitrag vorkommen, haben wenig gemeinsam ausser einer sexuellen Orientierung oder einer Performance-Praxis, die vom Mainstream abweicht: eine Schweizer Drag-Künstlerin, die als Kuh auftritt; eine 57-jährige chinesische Drag-Performerin, die im Regierungsauftrag arbeitet; eine Shanghaier Dragqueen, die ins Ausland ausgewichen ist; die lokalen Veranstalter in Kunming, die Räume zur Verfügung stellen. Das ist keine Community mit geteilten Interessen und einer gemeinsamen politischen Stimme — es ist ein heterogenes Konglomerat von Individuen, die ganz unterschiedliche Beziehungen zum chinesischen Staat haben: eine arbeitet mit der Regierung, eine andere gegen ihren Druck, eine dritte trotz ihres Schweigens. SRF fasst sie zusammen zu einer «Community», weil das die Opfernarrative stützt, die der Beitrag erzählen will. Aber die 57-jährige Drag-Performerin, die im Regierungsauftrag auftritt, ist nicht Teil einer repressierten Community — sie ist Teil des Systems, das die anderen repressiert. Der Beitrag zeigt das, aber er zieht die Konsequenz nicht: Die «Community» ist eine Erzählung, kein Akteur.

Die «Repression»: real, aber skaliert

Dass chinesische Behörden queere Veranstaltungen behindern, ist dokumentiert und glaubhaft. Aber der Beitrag skaliert das Problem nicht. Wie viele Drag-Shows gab es in China, wie viele gibt es noch? Wie viele Schwulenbars wurden geschlossen, wie viele bleiben offen? Wie viele queere Menschen leben in China, und wie viele sind tatsächlich von Repression betroffen — im Vergleich zu denen, die ungestört leben, weil sie unsichtbar bleiben? Der Beitrag liefert Anekdoten, keine Zahlen. Die Shanghaier Dragqueen sagt «seit sechs Monaten nichts mehr» — aber ist das repräsentativ für Shanghai, oder ist es die Erfahrung einer einzelnen, international bekannten Künstlerin, die besonders sichtbar und darum besonders vulnerabel ist? Wer aus Einzelfällen einen Systemtrend macht, sollte das belegen — oder es als Eindruck markieren. Der Beitrag tut keines von beiden.

Die «Zwischentöne», die nicht eingeordnet werden

Hellmann sagt: «Da gibt es irgendwie viel mehr Zwischentöne, die man von aussen nur schwer lesen kann.» Das ist eine wichtige Beobachtung — aber der Beitrag lässt sie als Beobachtung stehen, statt sie zu erklären. Die Antwort liegt im Stück selbst, wird aber nicht gezogen: Chinas Regierung duldet Abweichung, solange sie instrumentalisierbar ist — für HIV-Prävention, für internationale Image-Pflege, für wirtschaftliche Kooperationen. Sie repressiert sie, wenn sie sichtbar wird, politisch wird oder nicht mehr kontrollierbar ist. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Kalkül: Duldung als Instrument, Repression bei Sichtbarkeit. Die 57-jährige Drag-Performerin, die im Regierungsauftrag auftritt, ist nicht ein Beleg für chinesische Toleranz — sie ist ein Beleg für chinesische Funktionalisierung. Der Beitrag streift das, aber er zieht die Schlussfolgerung nicht.

Die Schweizer Perspektive: dünn und ungenutzt

Der Schweizer Winkel — «Zürcher Dragqueen auf Tour» — ist der Aufhänger, aber er trägt das Stück nicht. Hellmann ist eine gute Zeugin, aber die Schweizer Dimension endet bei ihrer Person. Kunming ist Partnerstadt Zürichs — hat die Stadt Stellung bezogen, als eine Schweizer Künstlerin dort von der Polizei behindert wurde? Die Schweiz pflegt intensive Wirtschaftsbeziehungen mit China — thematisiert sie Menschenrechte, und wenn ja, was bedeutet das konkret? Nichts davon kommt vor. Die Schweizer Perspektive bleibt auf die Künstlerin reduziert, statt zur Schweizer Aussenpolitik ausgeweitet zu werden — was den Beitrag von einer Aussenpolitik-Analyse zu einer Reiseerzählung macht.

Was komplett fehlt

Keine historische Einordnung: Wann begann die Verschärfung, unter welchem politischen Vorzeichen, mit welchen regionalen Unterschieden? Keine Zahlen: Wie viele queere Anlässe gibt es in China, wie viele wurden behördlich gestoppt? Keine Stimme aus der Schweizer Aussenpolitik oder Menschenrechtspolitik. Keine Frage nach der wirtschaftlichen Dimension: Die Schweiz handelt mit China, aber thematisiert sie Menschenrechte? Keine Frage nach der Selbstkritik: Wenn westliche Drag-Queens in China auftreten — sind sie Zeugen der Repression oder auch Profiteure eines Systems, das ihnen eine Bühne gibt, solange es passt?

Kurzurteil

Ein thematisch marginaler, authentisch erzählter Beitrag, der aus einer persönlichen Tournee-Anekdote eine politische Reportage macht — und dabei die Grenzen des Formats sichtbar werden lässt. Die «queere Community», die bemüht wird, ist eine Konstruktion: Die Individuen, die im Beitrag vorkommen, haben unterschiedliche Beziehungen zum chinesischen Staat, unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Strategien — sie zusammenzufassen zu einer repressierten Kollektivität ist eine Erzählentscheidung, nicht eine empirische. Die «Repression» wird anekdotisch belegt, aber nicht skaliert: Wie gross ist das Problem wirklich, wie viele sind betroffen, wie viele nicht? Die «Zwischentöne» werden beobachtet, aber nicht eingeordnet: Chinas Funktionalisierung — Duldung als Instrument, Repression bei Sichtbarkeit — ist ein Kalkül, kein Widerspruch, und der Beitrag benennt das Kalkül nicht. Die Schweizer Perspektive bleibt auf die Künstlerin reduziert. Die Pride-Month-Timing-Frage wirft auf, ob das Thema aus eigener Relevanz oder aus Kalenderlogik produziert wurde. Gemessen an Art. 93 BV ist das ein Grenzfall: Eine Dragqueen, die in China Absagen kassiert, ist keine Nachricht, die die demokratische Willensbildung der Schweiz voranbringt — es sei denn, man fragt, was die Schweiz dazu tut. Genau diese Frage wird nicht gestellt.

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