9min
Die Agenturen, die SRF ungeprüft übernimmt
Medienkritik
6 Minuten

Die Agenturen, die SRF ungeprüft übernimmt

Teilen

SRF veröffentlicht einen Überblick über Nachrichtenagenturen — und liefert ein Lexikon. Gründungsdaten, Mitarbeiterzahlen, Sprachen, Standorte. Was der Beitrag nicht liefert: eine Analyse der Abhängigkeit. Dass SRF selbst Material von AP, Reuters, Keystone-SDA und dpa übernimmt, oft ungeprüft, oft ohne eigene Recherche, kommt nicht vor. Dass ein öffentlich-rechtlicher Sender mit 1,5 Milliarden Franken Jahresbudget ein Verzeichnis publiziert, das ein Chatbot in drei Sekunden generiert, ist der eigentliche Befund — aber er wird nicht gestellt.

Zum SRF-Beitrag «AP, Reuters, SDA: Diese Nachrichtenagenturen informieren die Welt», Rendez-vous, 30.06.2026


Das Framing steht im Titel: «Diese Nachrichtenagenturen informieren die Welt.» Die Agentur ist der Akteur, die Welt ist der Empfänger, die Information ist das Produkt. Was in diesem Framing nicht vorkommt: die Medien, die das Produkt übernehmen — und die Frage, ob sie prüfen, was sie übernehmen. SRF ist ein Medium, das Agenturmaterial übernimmt. SRF ist ein Medium, das 1,5 Milliarden Franken jährlich erhält, um mehr zu leisten als Übernahme. SRF ist ein Medium, das in diesem Beitrag die Struktur seiner eigenen Arbeit beschreibt — und sie nicht thematisiert.

Das Lexikon, das niemand braucht

Der Beitrag listet auf: AFP, gegründet 1835, 2600 Mitarbeiter. AP, gegründet 1848, 4000 Mitarbeiter. Reuters, gegründet 1851, 2600 Reporter. DPA, gegründet 1949, 1360 Mitarbeiter. Bloomberg, gegründet 1981, 2700 Mitarbeiter. Keystone-SDA, gegründet 1894, 180 Mitarbeiter. Das sind Fakten — und sie stehen auf Wikipedia. SRF veröffentlicht einen Beitrag, der nichts enthält, was nicht öffentlich zugänglich ist. Keine Recherche, keine Analyse, keine Untersuchung. Ein Lexikonartikel mit SRF-Siegel. Die Frage, die sich aufdrängt: Wofür braucht es einen öffentlich-rechtlichen Sender, der Lexikonartikel publiziert? SRF stellt sie nicht.

Die Abhängigkeit, die nicht thematisiert wird

Der Beitrag sagt: «Medienhäuser stehen unter Spardruck. Gespart wird darum auch bei Bild und Textmaterial, das Externe liefern.» Das ist ein Satz über andere — nicht über SRF. SRF ist ein Medienhaus. SRF steht nicht unter Spardruck — SRF hat 1,5 Milliarden Franken. SRF kauft Agenturmaterial — und SRF übernimmt es. Wie viel des SRF-Nachrichtenangebots stammt aus eigener Recherche, wie viel aus Agenturübernahme? SRF fragt nicht. Der Beitrag beschreibt einen Trend — und exempt sich selbst.

Dass die letzten Medienkritiken in dieser Serie gezeigt haben, wie SRF NYT-Recherchen referiert (Kasachstan), AP-Berichte übernimmt (Trump-FIFA), Keystone-SDA-Meldungen publiziert (Grasfrosch) — das ist kein Zufall. Es ist die Struktur. SRF ist ein Verteiler, kein Produzent. Der Beitrag über Nachrichtenagenturen wäre der Ort, um das zu thematisieren. SRF tut es nicht.

Die Konzentration, die nicht problematisiert wird

Der Beitrag nennt die Zahlen: AFP, AP, Reuters, Bloomberg — vier Agenturen dominieren den globalen Nachrichtenmarkt. SRF listet die Zahlen — und fragt nicht, was sie bedeuten. Vier westliche Agenturen, sitzend in Paris, New York, London — sie bestimmen, was die Welt erfährt. Welche Perspektive haben sie? Welche Blindstellen? Welche Auswahlkriterien? Welche geopolitischen Verortungen? SRF fragt nicht. Die Konzentration wird als Fakt präsentiert — nicht als Problem. Dass eine Handvoll Agenturen den globalen Nachrichtenfluss kontrolliert, wäre eine Geschichte über Macht, über Perspektive, über Demokratie. SRF macht daraus eine Liste.

Keystone-SDA: erwähnt, aber nicht geprüft

Der Beitrag sagt: «Die einzige nationale Nachrichtenagentur der Schweiz beliefert Medien und weitere Kunden in der ganzen Schweiz.» Was SRF nicht sagt: Keystone-SDA beliefert auch SRF — und SRF übernimmt, oft ungeprüft. Der Grasfrosch-Beitrag, den wir kritisiert haben, war eine SDA-Meldung. Der Trump-FIFA-Beitrag beruhte auf AP und «The Athletic». Der Kasachstan-Beitrag referierte eine NYT-Recherche. SRF ist ein Verteiler von Agenturmaterial — und der Beitrag über Nachrichtenagenturen wäre der Ort, um das zu thematisieren. SRF tut es nicht.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie viel Originalrecherche leistet SRF noch? Wie viel des Nachrichtenangebots ist Agenturübernahme? Welche Qualitätskontrolle gibt es? SRF fragt nicht — und der Beitrag liest sich so, als sei SRF ein Beobachter der Agenturlandschaft, nicht ein Teil von ihr.

Die Schweiz, die nicht vorkommt

Der Beitrag erwähnt Keystone-SDA als «einzige nationale Nachrichtenagentur der Schweiz.» Was er nicht erwähnt: Was bedeutet es für die Schweizer Medienlandschaft, wenn eine einzige Agentur den nationalen Nachrichtenfluss dominiert? Was bedeutet es für die Vielfalt, wenn SRF, NZZ, Blick, Tages-Anzeiger alle dieselbe SDA-Meldung publizieren? Was bedeutet es für die Demokratie, wenn die Auswahlkriterien einer einzigen Agentur bestimmen, was Schweizer erfahren — und was nicht? SRF fragt nicht. Die Konzentration auf nationaler Ebene ist dieselbe wie auf globaler — aber SRF thematisiert nur die globale.

Die Qualität, die nicht vorkommt

Der Beitrag sagt: Medienhäuser sparen bei Agenturmaterial. Was er nicht sagt: Was passiert mit der Qualität, wenn Medien Agenturmaterial übernehmen, ohne zu prüfen? Was passiert, wenn eine SDA-Meldung, die auf einer einzelnen Studie beruht, von SRF ungeprüft als Fakt verbreitet wird — wie beim Grasfrosch? Was passiert, wenn eine AP-Meldung, die auf anonymen Quellen beruht, von SRF als bestätigt präsentiert wird — wie beim Trump-FIFA-Anruf? SRF fragt nicht. Die Qualität der Agenturübernahme ist das Kernproblem — und es kommt nicht vor.

Was hier funktioniert — und was nicht

Der Beitrag ist kein Falschbericht. Die Fakten sind korrekt. Die Agenturen existieren, die Zahlen stimmen, die Geschichte ist dokumentiert. Aber der Beitrag ist kein Journalismus — er ist ein Verzeichnis. Ein Verzeichnis, das die Struktur der Medienlandschaft beschreibt, ohne sie zu analysieren. Ein Verzeichnis, das die Abhängigkeit der Medien von Agenturen thematisiert, ohne die eigene Abhängigkeit zu erwähnen. Ein Verzeichnis, das die Konzentration auf wenige Agenturen feststellt, ohne sie zu problematisieren. Ein Verzeichnis, das in einem öffentlich-rechtlichen Sender mit 1,5 Milliarden Franken Budget erscheint — und nichts enthält, was eine Recherche erfordert.

So funktioniert dieser Beitrag: Er listet auf, was ohnehin bekannt ist — und lässt aus, was journalismus wäre. Die eigene Abhängigkeit von Agenturmaterial kommt nicht vor. Die Qualitätsfrage kommt nicht vor. Die Konzentration auf nationale und globale Ebene kommt nicht vor. Die Schweizer Dimension kommt nicht vor. Die Frage, was ein öffentlich-rechtlicher Sender mit 1,5 Milliarden Franken leisten sollte — Recherche statt Verzeichnis, Analyse statt Liste, Prüfung statt Übernahme —, kommt nicht vor. Wer den Beitrag liest, weiss, dass AFP 1835 gegründet wurde und dass Reuters 2600 Journalisten beschäftigt. Wer wissen will, wie viel SRF selbst recherchiert, wie viel es übernimmt, wer prüft, was übernommen wird, und was es für die Demokratie bedeutet, wenn ein öffentlich-rechtigter Sender zum Verteiler von Agenturmaterial wird, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Medienberichterstattung, das ist ein Lexikonartikel mit SRF-Siegel — und der beste Beweis für die These, die der Beitrag nicht stellt.

Originalbeitrag auf X →

Kein Artikel verpassen.