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Die 96 Prozent, die das Problem relativieren
Medienkritik
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Die 96 Prozent, die das Problem relativieren

SRF/SRGMigration
schwerwiegend
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SRF meldet, dass der Bund ein Gesetzespaket gegen kriminelle Asylsuchende plant — und rahmt es als Antwort auf ein reales Problem. 80 Prozent der nordafrikanischen Asylsuchenden werden einer Straftat beschuldigt. Der Staatssekretär bestätigt: «Das ist ein reales Problem.» Aber dann die Relativierung: 96 Prozent der Asylbevölkerung verhalte sich korrekt. Der Beitrag verschweigt, dass diese 96 Prozent alle Herkünfte umfassen — während die 80 Prozent eine einzige Herkunft betreffen. Er verschweigt, dass das Gesetzespaket angekündigt wird, nicht beschlossen. Er verschweigt die Zahlen der Straftaten. Und er verschweigt die Frage, ob ein System, das seit Jahren weiss, dass 80 Prozent einer Gruppe kriminell werden, nicht längst hätte handeln müssen.

Zum SRF-Beitrag «Bund plant Massnahmen gegen kriminelle Asylsuchende», Echo der Zeit, 25.08.2026


Was der Beitrag leistet: Er bestätigt die Zahl — 80 Prozent der nordafrikanischen Asylsuchenden werden einer Straftat beschuldigt — erstmals durch einen Staatssekretär. Er nennt konkrete Massnahmen: bessere Koordination, Schliessung von Haftlücken, vorgelagerte Verfahren. Und er nennt das Potenzial: 20 Prozent der Gesuche, 4000 bis 5000 Personen. Das ist mehr Substanz als die übliche Berichterstattung über dieses Thema.

Die 96 Prozent, die alles relativieren

Mascioli sagt: 96 Prozent der Asylbevölkerung verhalten sich korrekt. Die Zahl klingt beruhigend — und sie ist eine statistische Täuschung. Die 96 Prozent umfassen alle Herkünfte: Syrer, Ukrainer, Eritreer, Afghanen — andere Gruppen mit niedrigen Kriminalitätsraten. Die 80 Prozent betreffen eine einzige Herkunft: Nordafrikaner. Wer beide Zahlen nebeneinander stellt, ohne die Zusammensetzung zu erklären, erzeugt den Eindruck, das Problem sei klein. Es ist nicht klein. Es ist konzentriert. Eine Gruppe, die einen kleinen Teil der Asylbevölkerung stellt, produziert einen Grossteil der Straftaten. Die Frage, ob eine Statistik, die alle Herkünfte mischt, um ein Problem zu relativieren, das auf eine Herkunft konzentriert ist, ehrlich ist, wird nicht gestellt. Die Frage, wie hoch die Kriminalitätsrate bei anderen Herkünften liegt — etwa bei Ukrainern oder Syrern —, wird nicht gestellt. Der Vergleich würde zeigen, dass das Problem nicht «Asylsuchende» ist, sondern eine spezifische Gruppe.

Das Gesetzespaket, das noch nicht existiert

Mascioli kündigt an: «Wir wollen dem Bundesrat noch in diesem Jahr ein Gesetzespaket im Sicherheitsbereich vorlegen.» Das ist eine Ankündigung einer Ankündigung. Das Gesetzespaket existiert nicht. Es ist geplant. Es wird dem Bundesrat vorgelegt — der es dann prüfen muss, der es dann ins Parlament schicken muss, das es dann beraten muss. Bis ein Gesetz gilt, vergehen Jahre. Der Beitrag rahmt die Ankündigung als Massnahme — als hätte der Bund bereits gehandelt. Die Frage, ob eine Ankündigung, die erst in Jahren wirken kann, eine Antwort auf ein Problem ist, das heute existiert, wird nicht gestellt. Die Frage, warum der Bund nicht bereits existierende Instrumente nutzt — Mascioli sagt selbst, die bestehenden Mittel würden «bislang nicht ausgeschöpft» —, wird nicht gestellt.

Die Straftaten, die keine Zahl haben

Der Beitrag sagt: 80 Prozent werden einer Straftat beschuldigt. Welche Straftaten? Diebstahl? Körperverletzung? Drogenhandel? Raub? Wie viele Opfer? Wie hoher Schaden? Der Beitrag nennt keine einzige Zahl zu den Taten — nur die Quote der Beschuldigten. Die Frage, was diese 80 Prozent tatsächlich anrichten, wird nicht gestellt. Die Frage, wie viele Opfer es gibt, wie hoch der Schaden ist, wie viele Polizeieinsätze, wird nicht gestellt. Ein Beitrag über kriminelle Asylsuchende ohne Opfer und ohne Schaden ist eine Statistik ohne Inhalt.

Die Haftlücken, die niemand beziffert

Mascioli sagt: Künftig solle es nicht mehr vorkommen, dass Personen in Ausschaffungshaft mangels Ausreisepapieren wieder auf freien Fuss gesetzt werden. Wie oft passiert das heute? Wie viele Personen werden jährlich aus der Haft entlassen, weil die Papiere fehlen? Wie viele davon begehen weitere Straftaten? Der Beitrag nennt keine Zahl. Die Frage, wie gross die Haftlücke ist, die geschlossen werden soll, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die Entlassung aus der Haft wegen fehlender Papiere ein Verwaltungsproblem oder ein Sicherheitsproblem ist, wird nicht gestellt.

Die 20 Prozent, die niemand einordnet

Mascioli sagt: Das vorgelagerte Verfahren könnte 20 Prozent der Fälle betreffen — 4000 bis 5000 Personen. Das klingt nach Entlastung. Was der Beitrag verschweigt: Das sind 20 Prozent der Gesuche — nicht 20 Prozent der Kriminellen. Die Frage, ob das vorgelagerte Verfahren die Kriminalität reduziert oder nur das Verfahren beschleunigt, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die 4000 bis 5000 Personen, die künftig gar nicht erst ein Gesuch stellen, dieselben sind, die heute kriminell werden, wird nicht gestellt. Ein Verfahren, das Gesuche verhindert, verhindert nicht die Einreise. Wer abgewiesen wird, bevor er ein Gesuch stellt, ist immer noch im Land — bis er zurückkehrt oder untertaucht.


Das Muster ist die Ankündigung als Handlung. Eine Behörde kündigt ein Gesetzespaket an. Das Medium meldet die Ankündigung als Massnahme. Was fehlt, ist die Differenz zwischen Sagen und Tun. Der Bund weiss seit Jahren, dass 80 Prozent einer Gruppe kriminell werden. Der Bund hat seit Jahren Instrumente, die er nicht nutzt. Der Bund kündigt nun ein Paket an, das erst in Jahren wirken kann. Der Beitrag meldet die Ankündigung — und fragt nicht, warum der Bund nicht bereits handelt, was er heute könnte. Die Frage, ob eine Behörde, die ein Problem seit Jahren kennt und es erst nach der nächsten Wahl angehen will, das Problem lösen oder verwalten will, wird nicht gestellt.

So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet ein Gesetzespaket und rahmt es als Antwort auf ein reales Problem. Die 96 Prozent relativieren ein Problem, das auf eine Herkunft konzentriert ist. Die Ankündigung wird als Massnahme gerahmt, obwohl sie erst in Jahren wirken kann. Die Straftaten haben keine Zahl, die Opfer keinen Namen, die Haftlücken keine Grösse. Und die 20 Prozent des vorgelagerten Verfahrens werden als Entlastung gerahmt, ohne dass jemand fragt, ob sie die Kriminalität reduzieren. Wer den Beitrag hört, weiss, dass der Bund handelt — oder handeln will. Wer wissen will, was er bereits heute tun könnte, wie gross das Problem in Zahlen ist, wer die Opfer sind und ob die Massnahmen wirken, bekommt keine Antwort. Das ist keine Asylberichterstattung, das ist eine Behördenankündigung als Handlung verkauft — über ein Problem, das seit Jahren bekannt ist und dessen Lösung auf die Zeit nach der nächsten Wahl verschoben wird.

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