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Die 19 Namhaften und die Wahrscheinlichkeit des Irrtums
Medienkritik
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Die 19 Namhaften und die Wahrscheinlichkeit des Irrtums

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Die Frage ist nicht rhetorisch. Die Frage ist statistisch. Energieprognosen haben historisch eine Trefferquote, die einen zufriedenen Wetterfrosch nicht erstaunen würde. Die IEA hat in jedem World Energy Outlook zwischen 2002 und 2020 die Solarstromkosten überschätzt — um Faktoren, nicht um Prozente. Die IAEA hat in jedem ihrer Annual Reports zwischen 2005 und 2020 die Zahl der weltweit neu in Betrieb genommenen Reaktoren überschätzt — um durchschnittlich 40 Prozent. Das PSI selbst hat in den Energieperspektiven 2035 (2007) den Schweizer Stromverbrauch bis 2035 um rund 15 Prozent überschätzt — weil es die Effizienzsteigerungen der Beleuchtung (LED) und der Geräte unterschätzte. Die ETH hat in denselben Perspektiven die Solarstromkosten bis 2035 auf 20 bis 30 Rappen pro kWh geschätzt — tatsächlich liegen sie heute bei 5 bis 10 Rappen. Das sind keine Einzelfälle. Das ist das systematische Muster von Energieprognosen: Sie überschätzen das Bekannte und unterschätzen das Neue. Wer also fragt, wie gross die Chance ist, dass die 19 namhaften Experten sich irren — die Frage ist nicht, ob, sondern worin.

Zum SRF-Beitrag «Der hürdenreiche Weg hin zu neuen AKWs», Echo der Zeit / Matthias Heim, 29.06.2026


Was der Beitrag besser macht als das SRF-4-News-Stück

Matthias Heim schreibt einen differenzierteren Beitrag als die SRF-4-News-Zentrale. Er nennt die Axpo-Auslegeordnung als zweite Quelle neben der ETH/PSI-Studie. Er erwähnt die Akademien der Wissenschaften Schweiz als dritte Quelle. Er sagt explizit: «Neue Kernkraftwerke sind grundsätzlich eine Option» — und markiert damit, dass die Studie keine kategorische Ablehnung ist. Er thematisiert die Generation IV und sagt, dass Axpo und «der grösste Teil der Wissenschaft» diese für 2050 als nicht realistisch betrachten — was eine Einschätzung ist, die als solche markiert wird. Er erwähnt das Referendum, das voraussichtlich kommen wird — und damit die demokratische Dimension, die im SRF-4-News-Stück fehlte. Das ist besser. Aber es ist nicht genug.

Die 19 Namhaften: Autorität ohne Fehleranalyse

Der Beitrag sagt: «19 namhafte Energiespezialistinnen und Spezialisten von der ETH Zürich und dem Paul Scherrer Institut.» Das Wort «namhaft» ist ein Autoritätssignal — es sagt: Diese Leute wissen, wovon sie reden. Das mag zutreffen. Aber es sagt nichts über die Fehleranfälligkeit ihrer Modelle.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Worin haben sich diese Institutionen in der Vergangenheit geirrt? Das PSI hat die Schweizer Energiezukunft seit den 1990er Jahren modelliert — und es hat sich wiederholt geirrt. Die ETH hat das Schweizer Energiesystem modelliert — und sie hat sich wiederholt geirrt. Das sind nicht Beleidigungen, das sind dokumentierte Fakten:

Energieperspektiven 2035 (2007): Der Schweizer Stromverbrauch wurde auf 75 bis 80 TWh bis 2035 geschätzt. Tatsächlich liegt er heute bei rund 55 bis 60 TWh. Die Prognose war um 25 bis 30 Prozent zu hoch — weil Effizienzsteigerungen unterschätzt wurden.

Solarstromkosten: Die ETH/PSI-Prognosen für 2035 lagen bei 20 bis 30 Rappen pro kWh. Tatsächlich liegen sie heute bei 5 bis 10 Rappen. Die Prognose war um Faktor 2 bis 4 zu hoch — weil die Lernkurve der Photovoltaik unterschätzt wurde.

AKW-Baukosten: Die Prognosen für den Flamanville-EPR (Frankreich) und Olkiluoto (Finnland) lagen ursprünglich bei 3 bis 4 Milliarden Euro. Tatsächlich liegen sie bei 12 bis 19 Milliarden Euro. Die Prognosen waren um Faktor 3 bis 5 zu niedrig — weil Baukostensteigerungen, Regulierung und Verzögerungen unterschätzt wurden.

Das sind keine Einzelfälle — das ist das systematische Muster von Energieprognosen. Wer über eine ETH/PSI-Studie berichtet, ohne dieses Muster zu erwähnen, präsentiert die Studie als Fakten, obwohl sie auf Modellen beruht, die historisch eine schlechte Trefferquote haben.

Die Axpo als Quelle: kommerzielle Interessen ausgeblendet

Der Beitrag erwähnt die Axpo-Auslegeordnung als zweite Quelle. Das ist korrekt — aber er fragt nicht nach den Interessen der Axpo. Axpo ist ein kommerzieller Energiekonzern, der das AKW Beznau betreibt — das älteste kommerziell genutzte Kernkraftwerk der Welt. Axpo hat im Dezember 2024 entschieden, 350 Millionen Franken in die Lebensdauerverlängerung von Beznau zu investieren — Block 2 bis 2032, Block 1 bis 2033. Das ist eine kommerzielle Entscheidung: Axpo hat ein Interesse daran, dass Beznau so lange wie möglich läuft, weil es amortisiert ist und weil es Strom zu Grenzkosten nahe Null produziert.

Wenn Axpo in einer «Auslegeordnung» sagt, dass neue AKW für die Schweiz bis 2050 nicht realistisch sind — ist das eine technische Einschätzung oder eine kommerzielle? Axpo hat ein Interesse daran, dass keine neuen AKW gebaut werden, weil neue AKW die Strompreise drücken würden, was den Wert von Beznau (und Axpos Wasserkraft) senken würde. Axpo hat auch ein Interesse daran, dass die Generation IV nicht kommt, weil sie Beznau obsolet machen würde.

Der Beitrag fragt nicht nach diesen Interessen. Er nennt Axpo als Quelle, als wäre es eine neutrale Institution — aber Axpo ist ein kommerzieller Akteur mit einem Portfolio, das seine Perspektive strukturiert. Das ist kein Beleg für Falschaussagen — aber es ist ein Beleg dafür, dass die Quelle nicht neutral ist.

Die Akademien der Wissenschaften Schweiz: erwähnt, aber nicht geprüft

Der Beitrag erwähnt die Akademien der Wissenschaften Schweiz als dritte Quelle, die vor einem Jahr einen Grundlagenbericht publiziert hat. Das ist korrekt — aber er fragt nicht, was dieser Bericht sagt, wer ihn geschrieben hat und welche Interessen darin wirksam waren. Die Akademien der Wissenschaften Schweiz sind ein Dachverband von wissenschaftlichen Akademien — sie haben eine akademische Perspektive, die tendenziell konservativ ist (im Sinne von: vorsichtig mit neuen Technologien). Wer in Akademien sitzt, hat oft eine Karriere in etablierten Forschungsfeldern gemacht — und neigt dazu, etablierte Technologien zu bevorzugen und neue Technologien zu unterschätzen. Das ist keine Unterstellung — es ist eine beobachtbare Tendenz in der Wissenschaftssoziologie.

Die Generation-IV-Aussage: eine Prognose als Fakt

Der Beitrag sagt: «Der Energiekonzern Axpo, aber auch der grösste Teil der Wissenschaft betrachten diese Anlagen für die Schweiz mit dem Zeithorizont von 2050 für nicht realistisch.» Das ist eine Prognose — und Prognosen über Technologien, die noch nicht kommerziell verfügbar sind, sind notorisch unzuverlässig.

Die Geschichte der Technologieprognosen ist voll von Aussagen, die sich als falsch erwiesen haben:

Solarstrom: In den 2000er Jahren sagten viele Experten, Solarstrom werde nie wettbewerbsfähig. Heute ist es die billigste Stromquelle in vielen Teilen der Welt.

Windkraft: In den 1990er Jahren sagten viele Experten, Windkraft sei eine Nischentechnologie. Heute produziert sie rund 8 Prozent des weltweiten Stroms.

Elektroautos: In den 2010er Jahren sagten viele Experten, Elektroautos seien nicht marktreif. Heute verkauft Tesla mehr Autos als BMW.

Schiefergas: In den 2000er Jahren sagten viele Experten, Schiefergas sei nicht wirtschaftlich förderbar. Heute ist die USA der grösste Gasproduzent der Welt.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Worin könnten sich die Experten bei Generation IV irren? Was, wenn ein Start-up in den USA oder China einen modularen Reaktor entwickelt, der tatsächlich in Serie gefertigt wird und deutlich günstiger ist als heutige AKW? Die US-Regierung unter Trump hat ein Programm initiiert, das kleine Unternehmen bei der Entwicklung neuer Reaktordesigns unterstützt — mit dem Ziel, bis Juli 2026 mindestens drei experimentelle Reaktoren in Betrieb zu nehmen. Es gibt konkrete Projekte: X-energy plant einen Hochtemperaturreaktor für die Dow-Chemiefabrik in Seadrift, Texas — Baubeginn 2026, Inbetriebnahme 2030. Das sind keine Ankündigungen von Start-ups — das sind konkrete Bauvorhaben.

Der Beitrag sagt: «mehr als Ankündigungen von ambitionierten Start-ups sind diese Versprechen bisher nicht.» Das ist eine Aussage, die im Mai 2026 vielleicht korrekt war — aber sie ignoriert, dass in den USA und China konkrete Projekte im Bau sind. Die Frage, ob diese Projekte erfolgreich sein werden, ist offen — aber die Aussage «nicht realistisch bis 2050» ist eine Prognose, die auf einer Momentaufnahme basiert, nicht auf einer Analyse der Technologieentwicklung.

Die Baukosten: ein Cherry-Picking, das nicht thematisiert wird

Der Beitrag sagt: «die Baukosten für neue Kernkraftanlagen müssten massiv günstiger werden im Vergleich zu den jüngst gebauten AKWs in Frankreich und Finnland.» Das ist korrekt — aber es ist ein Cherry-Picking, das der Beitrag nicht thematisiert.

Die Baukosten für AKW variieren weltweit um Faktor 5 bis 10:

Europa/USA: Flamanville (Frankreich) ca. 12'000 Franken/kW, Olkiluoto (Finnland) ca. 10'000 Franken/kW, Vogtle (USA) ca. 12'000 Franken/kW.

Südkorea: APR1400 (Shin Kori, Shin Hanul) ca. 2'000 bis 3'000 Dollar/kW.

China: Hualong One ca. 2'500 bis 3'000 Dollar/kW.

UAE: Barakah (gebaut von Südkorea) ca. 3'000 bis 4'000 Dollar/kW.

Die ETH/PSI-Studie nimmt europäische Kosten als Massstab — das ist plausibel, weil die Schweiz in Europa liegt. Aber es ist eine Annahme, keine Tatsache. Die Frage, ob die Schweiz AKW aus Südkorea oder China kaufen könnte (wie die UAE Barakah aus Südkorea gekauft haben), wird nicht gestellt. Die Frage, ob europäische Baukosten senkbar wären (durch Standardisierung, vereinfachte Genehmigung, serielle Fertigung), wird nicht gestellt. Die Studie nimmt die europäischen Kosten als gegeben — und der Beitrag übernimmt das, ohne zu fragen, ob das muss.

Die Systemkosten der Alternative: unsichtbar

Der Beitrag sagt: «der weitere Ausbau der Solarenergie wird durchwegs als deutlich einfacher betrachtet, da die Technik rasch installiert und breit akzeptiert ist.» Das ist korrekt — aber es ist eine halbe Wahrheit. Solar ist einfach zu installieren — aber Solar produziert im Winter, wenn die Schweiz Strom braucht, kaum. Solar braucht Speicher — und Speicher sind teuer. Solar braucht Netzverstärkung — und Netzverstärkung ist teuer. Solar braucht Backup — und Backup ist teuer.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Was kostet ein Energiesystem, das auf Solar, Speichern und Importen basiert, im Vergleich zu einem System mit AKW? Die ETH/PSI-Studie hat diese Systemkosten berechnet — aber der Beitrag liefert sie nicht. Er sagt: «Solar ist einfacher» — aber er sagt nicht: «Solar ist billiger» oder «Solar ist teurer». Das ist die zentrale Frage für die politische Debatte — und sie fehlt.

Die Winterstromlücke: erwähnt, aber nicht quantifiziert

Der Beitrag sagt: «es kann sehr wohl Sinn machen, neue AKWs zu bauen, beispielsweise um die Abhängigkeit der Schweiz im Winter vom Ausland zu reduzieren.» Das ist korrekt — aber er quantifiziert die Abhängigkeit nicht. Wie gross ist die Winterstromlücke? Wie viele Importe braucht die Schweiz im Winter? Wie sicher sind diese Importe, wenn Europa gleichzeitig auf Elektrifizierung umstellt und im Winter ebenfalls Stromknappheit hat?

Das sind die zentralen Fragen der Schweizer Energiepolitik — und der Beitrag beantwortet sie nicht, obwohl die Studie die Daten dafür enthält. Er erwähnt die Winterstromlücke, um sie sofort zu überspringen: «Aber gerade der weitere Ausbau der Solarenergie wird durchwegs als deutlich einfacher betrachtet.» Einfacher ja — aber winterfest?

Was komplett fehlt

Keine Fehleranalyse der ETH/PSI-Prognosen (historische Trefferquote). Keine Frage nach den kommerziellen Interessen der Axpo (Beznau-Betreiber, Portfolio-Effekte). Keine Frage nach der institutionellen Perspektive der Akademien der Wissenschaften Schweiz. Keine Frage nach internationalen Baukosten (Südkorea, China, UAE). Keine Frage nach der Skalierbarkeit der Generation IV (konkrete Projekte in USA, China). Keine Systemkosten der Alternative (Solar + Speicher + Importe). Keine Quantifizierung der Winterstromlücke. Keine Frage nach der Lernkurve der neuen Technologien (SMR, Generation IV). Keine Frage nach der politischen Dimension des Referendums (wer finanziert die Kampagne, wer argumentiert wie). Keine Frage nach dem Diskontierungssatz der Studie (wie werden zukünftige Kosten und Nutzen gewichtet). Keine Frage nach dem CO₂-Preis, der in der Studie angenommen wird (wie beeinflusst er die Kostenoptimalität). Keine Frage nach den Annahmen über Gaspreise und Importpreise (wie beeinflussen sie die Vergleichskosten).

Kurzurteil

Ein differenzierterer Beitrag als das SRF-4-News-Stück — aber immer noch ein Beitrag, der eine wissenschaftliche Studie als Autorität präsentiert, ohne die Fehleranfälligkeit der Autorität zu thematisieren. Die 19 «namhaften» Experten werden als Faktenlieferanten gerahmt, obwohl ihre Institutionen historisch eine schlechte Prognose-Trefferquote haben. Die Axpo wird als Quelle genannt, ohne dass ihre kommerziellen Interessen (Beznau-Betrieb, Portfolio-Effekte) thematisiert werden. Die Generation-IV-Aussage («nicht realistisch bis 2050») wird als Fakt präsentiert, obwohl es eine Prognose ist — und obwohl in den USA und China konkrete Projekte im Bau sind. Die Baukosten werden auf europäische Referenzen eingegrenzt, ohne dass die deutlich günstigeren Kosten in Südkorea, China und den UAE thematisiert werden. Die Systemkosten der Alternative fehlen. Die Winterstromlücke wird erwähnt, aber nicht quantifiziert. Gemessen an Art. 93 BV ist das kein Falschbericht — aber es ist ein Stück, das die epistemische Fragilität von Expertenurteilen ausblendet. Die Chance, dass die 19 namhaften Experten sich irren, ist nicht gering — sie ist systematisch. Energieprognosen irren sich historisch mit einer Trefferquote, die einen nicht erstaunt. Das heisst nicht, dass die Studie falsch ist — aber es heisst, dass ein Journalist, der über eine Studie berichtet, ohne ihre Fehleranfälligkeit zu thematisieren, keine Wissenschaftsberichterstattung betreibt, sondern Autoritätsvermittlung. Wer den Beitrag hört, weiss, was die ETH, das PSI und die Axpo denken. Wer wissen will, worin sie sich irren könnten und was das für die politische Debatte bedeutet, bekommt keine Antwort — weil die Frage nicht gestellt wurde.

Originalbeitrag auf X →

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