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Der Test, der bestanden wurde, und nie mehr passieren darf
Medienkritik
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Der Test, der bestanden wurde, und nie mehr passieren darf

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SRF interviewt Bundesrat Beat Jans zur Ceuta-Krise und rahmt ihn als Krisenmanager. Jans sagt: «So etwas darf nie mehr passieren» — und im selben Atemzug: «Schengen hat den Test bestanden.» 75 Tote, 72'000 Migranten, ein Test, der bestanden wurde. SRF fragt nicht, wie beides zusammenpasst. Die EU-Zahlungen an Marokko fehlen, die Frage, ob die Überwachung sozialer Medien legitim ist, wird nicht gestellt, das Versprechen von vor anderthalb Jahren wird nicht eingefordert. Der Beitrag ist ein Interview, das einen Bundesrat nicht konfrontiert, sondern bedient.

Zum SRF-Beitrag «Bundesrat Beat Jans zu Ceuta: ‹So etwas darf nie mehr passieren›», Echo der Zeit, 04.08.2026


Das Framing steht im Titel: «So etwas darf nie mehr passieren.» Das ist ein moralisches Diktum, keine analytische Aussage. Jans sagt es — und SRF übernimmt es als Titel, ohne den Widerspruch zu benennen, der drei Sätze später folgt: «Die Situation war ein Test für den EU-Migrations- und Asylpakt. Und diesen Test hat der Schengenraum bestanden.» 75 Tote. 72'000 Migranten. Ein Test, der bestanden wurde. Und: etwas, das nie mehr passieren darf. SRF fragt nicht, wie beides zusammenpasst. Die Frage, ob ein System, das 75 Tote produziert und 72'000 Menschen eine Grenze stürmen lässt, «bestanden» hat, wird nicht gestellt.

Der Widerspruch, den niemand auflöst

Jans sagt: «Schengen ist die bestmögliche Lösung für solche Herausforderungen und nicht das Problem.» Das ist eine politische Aussage — und SRF fragt nicht, ob sie stimmt. Schengen ist ein Binnenraum-Abkommen, das den freien Verkehr garantiert. Es ist kein Grenzschutz-Instrument. Der Aussengrenzschutz ist nationale Aufgabe, unterstützt durch Frontex. Dass Schengen den Test bestanden habe, weil Spanien die Kontrolle zurückgewann, ist eine Deutung — aber es ist nicht die einzige. Die andere Deutung: Schengen funktionierte nur, weil Spanien 70'000 Menschen summarisch zurückwies, ohne Asylverfahren. Das ist nicht Schengen. Das ist Ausnahmezustand.

Und Schengen funktioniert auch sonst nicht. Der Vertrag wird regelmässig gebrochen: Italien setzte Schengen für Spanien aus. Österreich suspendierte Schengen. Deutschland führte Grenzkontrollen ein. Frankreich kontrolliert an der italienischen Grenze. Schengen ist ein Vertrag, der nur gilt, wenn es keine Krise gibt — und in jeder Krise ausser Kraft gesetzt wird. Dass Jans Schengen als «bestmögliche Lösung» bezeichnet, ist eine politische Behauptung, die durch die Praxis widerlegt wird. SRF fragt nicht, ob ein Vertrag, der regelmässig gebrochen wird, eine Lösung ist oder ein Problem. Die Frage, ob Schengen überhaupt funktioniert — nicht nur in Ceuta, sondern im Alltag —, wird nicht gestellt.

Die 75 Toten, die als Fussnote dienen

Jans erwähnt: «Menschen, die unnötig starben.» Das ist ein Halbsatz. 75 ertrunkene Menschen. SRF fragt nicht, wer verantwortlich ist. Marokko, das die Grenze öffnete? Spanien, das die Barriere nicht sicherte? Die EU, die Marokko bezahlt? Jans sagt: «Falschinformationen vielleicht sogar bewusst verbreitet.» Vielleicht. SRF fragt nicht, von wem. SRF fragt nicht, ob Marokko die Falschinformationen streute, um Spanien unter Druck zu setzen. SRF fragt nicht, ob die EU-Zahlungen an Marokko ein Anreiz sind, Krisen zu produzieren. Die Toten werden als bedauerliches Nebenprodukt präsentiert — nicht als Folge einer Politik, die Marokko finanziert und Grenzen offen hält.

Die sozialen Medien, die überwacht werden sollen

Jans sagt: «Wir müssen in der Schweiz Vorschläge machen, zum Beispiel, wie man die sozialen Medien besser kontrollieren und zur Rechenschaft ziehen kann.» Das ist eine Forderung nach Überwachung. SRF fragt nicht, was das bedeutet. Welche Plattformen? Welche Kontrollen? Welche Rechenschaft? Wer entscheidet, was Falschinformation ist? SRF fragt nicht, ob ein Bundesrat, der soziale Medien kontrollieren will, die Meinungsfreiheit einschränkt. SRF fragt nicht, ob die Ursache der Krise Falschinformationen in den sozialen Medien waren oder die marokkanische Grenzöffnung. SRF fragt nicht, ob die Überwachung von TikTok die Grenze sichert oder nur den Anschein erweckt. Die Forderung nach Überwachung wird ungeprüft weitergegeben.

Die EU-Zahlungen, die nicht vorkommen

Jans sagt: «Nur dank des gemeinsamen Aussengrenzschutzes und der EU-Grenzschutzagentur Frontex konnte dieses Problem gelöst werden.» SRF fragt nicht, was Frontex tatsächlich tat. 30 Beamte. In einer Krise mit 72'000 Menschen. SRF fragt nicht, ob 30 Beamte eine Lösung sind oder ein Symbol. SRF fragt nicht, wie viel die EU Marokko bezahlt — über 500 Millionen Euro — und ob diese Zahlungen die Krise verursachten. Jans erwähnt «Abhängigkeiten», die «Druckmittel» sein können. SRF fragt nicht, ob die EU selbst das Druckmittel finanziert. Die Frage, ob die EU Marokko bezahlt, um Grenzen zu sichern, und Marokko die Grenzen öffnet, um mehr Geld zu erpressen, wird nicht gestellt.

Das Versprechen, das niemand einfordert

SRF erwähnt: Jans habe «vor anderthalb Jahren angekündigt, dass Menschen aus Ländern mit geringen Asylchancen wie Marokko nicht erst ins normale Asylverfahren gelangen sollen.» Jans sagt: «Der Plan ist, dass wir das noch dieses Jahr mit den Kantonen präsentieren.» Das ist ein Versprechen, das seit anderthalb Jahren nicht eingelöst ist. SRF fragt nicht, warum es so lange dauert. SRF fragt nicht, ob die Ceuta-Krise das Verfahren beschleunigt. SRF fragt nicht, ob die Schweiz ein vorgelagertes Verfahren überhaupt umsetzen kann, ohne das Asylrecht zu verletzen. SRF fragt nicht, ob die Kantone mitspielen. Das Versprechen wird gemeldet — und nicht eingefordert.

Die Drittstaaten, die als Lösung und Problem zugleich stehen

Jans sagt: Der Bundesrat sei offen für Drittstaatenabkommen. Aber: «Das Abhängigkeiten schafft.» SRF fragt nicht, wie beides zusammenpasst. Wenn Drittstaaten Abhängigkeiten schaffen — warum ist der Bundesrat dann offen dafür? SRF fragt nicht, ob die Abhängigkeit von Marokko, die gerade zu einer Krise führte, ein Argument gegen Drittstaatenabkommen ist. SRF fragt nicht, ob die Schweiz Abkommen mit Staaten schliessen sollte, die Migration als Waffe einsetzen. Die Frage, ob Drittstaatenabkommen die Erpressbarkeit vergrössern statt zu verkleinern, wird nicht gestellt.


So funktioniert dieser Beitrag: Er interviewt einen Bundesrat und lässt ihn Widersprüche produzieren, ohne sie aufzulösen. Der Test wurde bestanden, aber nie mehr passieren. Schengen ist die Lösung, aber 75 Menschen starben und der Vertrag wird regelmässig gebrochen. Soziale Medien sollen kontrolliert werden, aber die Frage der Meinungsfreiheit fehlt. Die EU-Zahlungen an Marokko fehlen. Das Versprechen von vor anderthalb Jahren wird nicht eingefordert. Die Drittstaaten-Abhängigkeit wird erwähnt und nicht analysiert. Wer den Beitrag hört, weiss, dass Jans schockiert war und dass Schengen funktioniert. Wer wissen will, ob 75 Tote ein bestandener Test sind, wer die Falschinformationen verbreitete, wie viel die EU Marokko bezahlt, ob die Überwachung sozialer Medien legitim ist, wann das vorgelagerte Verfahren kommt und ob Drittstaatenabkommen die Lösung oder das Problem sind, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Krisenberichterstattung, das ist ein Regierungsinterview ohne Widerspruch.

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