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Der SRF Framing-Betrug
Medienkritik
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Der SRF Framing-Betrug

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Dieser SRF-Beitrag über Betrug an russischen Soldatenfamilien ist ein Lehrstück in Framing: Ein universelles Phänomen — Kriegsbetrug an Angehörigen von Vermissten und Gefangenen — wird als russisches Spezifikum gerahmt. Die Quelle, Wilhelm Odde vom IKRK, sagt explizit: «In allen Konflikten nutzten Betrüger die Angst von Angehörigen aus.» Der Beitrag zitiert das — und ignoriert es im nächsten Satz, um die russische Besonderheit zu betonen. Das Ergebnis ist eine Story, die den Eindruck erzeugt, russische Soldaten und ihre Familien seien besonders anfällig für Betrug, weil Russland korrupt sei, weil der Kreml hohe Soldatenlöhne zahle, weil russische Offiziere ihre eigenen Soldaten ausnehmen. Das mag alles zutreffen — aber es ist nicht die ganze Story, und es ist nicht die russische Story, die der Beitrag daraus macht. Es ist die universelle Story des Krieges, die hier für eine politische Aussage instrumentalisiert wird: Seht her, das ist Russland. So funktioniert das dort. Bei uns nicht.

Zum SRF-Beitrag «Geldbetrug: Wenn russische 'Helden' zu Opfern werden», Rendez-vous / SRF News, 29.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Die Fakten sind dokumentiert: 250'000 vermisste Soldaten auf beiden Seiten, Betrüger kontaktieren Angehörige über Telegram, gefälschte Bilder von verwundeten oder gefangenen Soldaten, Forderung von Geld für Austauschlisten oder Medikamente. Die Stimme von Lisa, der Frau eines russischen Soldaten, gibt dem Stück ein menschliches Gesicht. Die Erwähnung, dass Betrüger sich als IKRK-Mitarbeiter ausgeben, ist eine wichtige Information, die die Arbeit der Hilfsorganisation erschwert. Und der Hinweis auf korrupte Offiziere, die Fronturlaub oder Befreiung vom Kampfeinsatz gegen Geld verkaufen, ist ein realer Befund, den das kremlkritische Medium «Regionaler Aspekt» aus Gerichtsakten recherchiert hat. Das ist solide Berichterstattung.

Die universelle Geschichte, die zur russischen gemacht wird

Wilhelm Odde vom IKRK sagt: «In allen Konflikten nutzten Betrüger die Angst von Angehörigen aus.» Das ist die zentrale Aussage — und der Beitrag zitiert sie. Aber er zieht sie nicht. Was bedeutet «in allen Konflikten»?

Zweiter Weltkrieg: In den USA, Grossbritannien, Deutschland und der Sowjetunion gab es systematischen Betrug an Familien von Vermissten und Gefallenen — gefälschte Briefe, angebliche Informationen über Vermisste, Forderungen von Geld für «Nachforschungen».

Vietnamkrieg: Amerikanische Familien von Vermissten (MIA — Missing in Action) wurden jahrzehntelang von Betrügern targetiert, die behaupteten, ihren Sohn in Vietnam gefunden zu haben und Geld für seine Befreiung zu brauchen.

Irakkrieg und Afghanistan: Amerikanische und britische Familien von gefallenen und vermissten Soldaten wurden von Betrügern kontaktiert, die sich als Militärbehörden oder Hilfsorganisationen ausgaben.

Ukraine-Krieg — ukrainische Seite: Es gibt zahlreiche Berichte über Betrug an ukrainischen Soldatenfamilien — gefälschte Benachrichtigungen über Tod oder Gefangenschaft, Forderungen von Geld für Informationen, angebliche Kontakte zu russischen Behörden. Ukrainische Medien haben darüber berichtet. Ukrainische Behörden haben davor gewarnt.

Israel-Gaza-Konflikt: Familien von israelischen Geiseln wurden von Betrügern kontaktiert, die behaupteten, Informationen über den Verbleib der Geiseln zu haben und Geld dafür zu verlangen.

Das Phänomen ist universell. Es ist nicht russisch. Es ist nicht ukrainisch. Es ist nicht amerikanisch. Es ist menschlich: Wo Angst und Ungewissheit herrschen, finden Betrüger ihre Opfer. Der Beitrag weiss das — Odde sagt es — aber er macht daraus eine russische Story, weil das Framing verlangt: Russland ist korrupt, russische Soldaten sind Opfer ihres eigenen Systems, der Kreml zahlt hohe Löhne und macht Familien zu Zielen.

Die ukrainische Seite: erwähnt, aber unsichtbar

Der Beitrag sagt: «mehr als 250'000 vermisste Soldaten auf beiden Seiten.» Auf beiden Seiten. Aber der Beitrag behandelt nur eine Seite: die russische. Wo sind die ukrainischen Familien, die betrogen werden? Wo sind die ukrainischen Betrüger, die Angehörige von ukrainischen Vermissten abzocken? Wo sind die korrupten ukrainischen Offiziere, die ihren eigenen Soldaten das Geld abnehmen?

Das ist keine Spekulation — es ist dokumentiert. Ukrainische Medien (Kyiv Independent, Ukrainska Pravda) haben über Betrug an ukrainischen Soldatenfamilien berichtet. Ukrainische Behörden (Sicherheitsdienst SBU) haben Betrugsringe aufgedeckt, die sich als Militärverwaltung ausgaben und Geld für Befreiungen von der Front verlangten. Korruption in der ukrainischen Armee — von der Schwarzmarktvermietung von Militärfahrzeugen über die Verkauf von Waffen bis hin zu Bestechungsgeldern für Fronturlaub — ist ein dokumentiertes Problem, das ukrainische Medien und westliche Beobachter (inklusive SRF) wiederholt thematisiert haben.

Aber im vorliegenden Beitrag kommt keine dieser Informationen vor. Die ukrainische Seite der Betrugsgeschichte fehlt vollständig — obwohl der Beitrag selbst sagt, dass es «auf beiden Seiten» Vermisste gibt. Das ist eine systematische Auslassung, die das Framing stützt: Russland ist das Land, in dem Soldaten zu Opfern werden. Die Ukraine kommt nicht vor — nicht als Täter, nicht als Opfer. Das ist asymmetrische Berichterstattung, die den Konflikt moralisch auflädt, wo er faktisch symmetrisch ist.

Die hohen Soldatenlöhne: ein russisches Spezifikum?

Der Beitrag sagt: «Russland rekrutiert vor allem mit hohen Antrittsgeldern und einem Sold, der weit über dem Durchschnittslohn liegt.» Das ist korrekt — aber es ist nicht russisch. Die Ukraine zahlt ihren Soldaten ebenfalls überdurchschnittliche Löhne und Antrittsgelder, finanziert teilweise durch westliche Hilfsgelder. Die USA zahlen ihren Soldaten in Konfliktzonen Gefahrenzulagen, die das Grundgehalt deutlich übersteigen. Die britische Armee zahlt «Operational Allowance» für Einsätze in Konfliktgebieten. Hohe Soldatenlöhne in Kriegszeiten sind ein universelles Rekrutierungsinstrument — nicht eine russische Erfindung.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn hohe Soldatenlöhne Familien zu Betrugszielen machen — passiert das nicht auch in der Ukraine? Sind ukrainische Soldatenfamilien nicht ebenfalls Zielscheibe von Betrügern, die an die hohen Soldatenlöhne wollen? Der Beitrag suggeriert, dass das ein russisches Problem sei — aber die Logik, die er selbst nennt, gilt für beide Seiten.

Die korrupten Offiziere: ein russisches Problem?

Der Beitrag erwähnt «teils auch die eigenen Offiziere die Soldaten ausnehmen» — Fronturlaub gegen Geld, Bankkarte herausgeben, um nicht in den Kampf geschickt zu werden. Das ist dokumentiert und korrekt. Aber es ist nicht russisch. Korruption in Streitkräften ist ein universelles Problem:

Ukraine: Die ukrainische Armee hat ein dokumentiertes Korruptionsproblem — von der «Körperfreistellung» (Bestechung für Befreiung vom Militärdienst) über den Verkauf von Waffen auf dem Schwarzmarkt bis hin zu Bestechungsgeldern für Fronturlaub. Der ukrainische Präsident Selenskyj hat 2023 und 2024 mehrere Korruptionsskandale in der Militärverwaltung aufgedeckt und hohe Offiziere entlassen.

USA: Militärkorruption in Konfliktzonen ist dokumentiert — vom Diebstahl von Ausrüstung über Bestechung bei Vergaben bis hin zu Missbrauch von Finanzmitteln. In Afghanistan und Irak gab es systematische Korruption innerhalb der US-Streitkräfte und der verbündeten lokalen Armeen.

NATO-Partner: In mehreren NATO-Armeen gibt es dokumentierte Korruptionsfälle — von der Türkei über Italien bis zu südeuropäischen Partnern.

Der Beitrag rahmt korrupte Offiziere als russisches Phänomen — aber es ist ein universelles Phänomen, das in Russland vielleicht ausgeprägter ist, aber nicht exklusiv russisch. Die Frage, ob ukrainische Offiziere ähnliche Praktiken anwenden, wird nicht gestellt — obwohl die Evidenz dafür existiert.

Das IKRK als Quelle: professionell, aber einseitig

Wilhelm Odde vom IKRK Moskau ist eine legitime Quelle — aber er ist eine Quelle mit einer spezifischen Perspektive. Das IKRK Moskau arbeitet mit russischen Familien und russischen Behörden. Es sieht das Betrugsproblem aus der russischen Perspektive. Die Frage, ob das IKRK Kiew ähnliche Betrugsberichte von ukrainischen Familien hat, wird nicht gestellt. Die Frage, ob das IKRK Moskau mit dem IKRK Kiew koordiniert und ob es einen Vergleich der Betrugsmuster gibt, wird nicht gestellt.

Das IKRK wird im Beitrag auch kritisch thematisiert: Es erntet Kritik aus der Ukraine, weil es mit Kremlbehörden zusammenarbeitet. Das ist korrekt und wichtig. Aber der Beitrag fragt nicht, ob das IKRK Moskau eine balanced Perspektive auf den Konflikt bietet — oder ob seine Moskauer Position seine Wahrnehmung strukturell beeinflusst. Eine Quelle, die in Moskau sitzt und mit russischen Familien arbeitet, sieht primär russische Opfer. Das ist nicht falsch — aber es ist unvollständig.

Die Rolle der sozialen Medien: erwähnt, aber nicht eingeordnet

Der Beitrag erwähnt Telegram als Kommunikationskanal der Betrüger. Das ist korrekt — aber er fragt nicht nach der Plattformpolitik. Telegram ist eine russische Plattform (von Pavel Durov gegründet, aber stark in Russland genutzt), die als relativ unreguliert gilt. Was tut Telegram gegen Betrug auf seiner Plattform? Gibt es Kooperation mit Strafverfolgungsbehörden? Gibt es Meldemechanismen für Angehörige? Das sind Fragen, die für die Prävention zentral sind — und sie fehlen.

Zudem: Betrug über soziale Medien passiert nicht nur in Russland. In der Ukraine werden ähnliche Betrugsmaschen über Telegram, Viber und andere Plattformen betrieben. In Israel über WhatsApp. In den USA über Facebook und Twitter. Die Plattformdimension ist universell — aber der Beitrag rahmt sie als russisch.

Was komplett fehlt

Keine Frage nach der ukrainischen Seite des Betrugsproblems — obwohl der Beitrag selbst «auf beiden Seiten» erwähnt. Keine Frage nach historischen Parallelen — obwohl Odde «in allen Konflikten» sagt. Keine Frage nach der Universalität von Militärkorruption — obwohl ukrainische, amerikanische und NATO-Korruptionsfälle dokumentiert sind. Keine Frage nach der Universalität hoher Soldatenlöhne als Rekrutierungsinstrument. Keine Frage nach der Perspektive des IKRK Kiew. Keine Frage nach der Plattformpolitik von Telegram. Keine Frage nach der Grössenordnung: Wie viele russische Familien sind betroffen? Wie viel Geld wird abgezockt? Ist das ein Massenphänomen oder ein Einzelfall? Keine Frage nach der russischen Strafverfolgung: Was tut der russische Staat gegen den Betrug? Gibt es Ermittlungen? Verurteilungen? Keine Frage nach dem Vergleich: Wie geht die Ukraine mit Betrug an Soldatenfamilien um? Wie gehen andere Konfliktparteien damit um?

Kurzurteil

Ein faktenkorrekter, menschlich erzählter Beitrag über ein reales Problem — aber mit einem Framing, das ein universelles Phänomen zum russischen Spezifikum macht. Die Quelle selbst, Wilhelm Odde vom IKRK, sagt: «In allen Konflikten nutzten Betrüger die Angst von Angehörigen aus.» Der Beitrag zitiert das — und ignoriert es, um die russische Besonderheit zu betonen. Die ukrainische Seite des Betrugsproblems fehlt vollständig, obwohl der Beitrag «auf beiden Seiten» erwähnt. Historische Parallele fehlen. Die Universalität von Militärkorruption und hohen Soldatenlöhnen wird nicht thematisiert. Das IKRK Moskau wird als Quelle verwendet, ohne dass die strukturelle Perspektive seiner Moskauer Position reflektiert wird. Gemessen an Art. 93 BV ist das kein Falschbericht, aber ein Stück, das eine universelle Geschichte als russische Story erzählt — und damit den Eindruck erzeugt, dass Betrug, Korruption und Ausbeutung von Soldaten spezifisch russische Probleme seien. Wer den Beitrag hört, weiss, dass russische Soldatenfamilien betrogen werden. Wer wissen will, ob das ein russisches Problem oder ein Kriegsproblem ist, bekommt keine Antwort — weil die Frage nicht gestellt wurde, obwohl die Quelle sie beantwortet hat. Das ist nicht Propaganda im Sinne von bewusster Desinformation — aber es ist Journalismus, der eine universelle Tragödie für eine politische Aussage instrumentalisiert: Seht her, das ist Russland. Bei uns passiert das nicht.

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