Der Sommer, der zur politischen Veranstaltung wird - und zur Geldverteilmaschine
SRF meldet, dass der Bund der Landwirtschaft wegen Trockenheit hilft — und rahmt die Massnahmen als selbstverständliche Nothilfe. Zollfreie Importe, volle Direktzahlungen trotz nicht erfüllten Bedingungen, Ernteversicherungs-Prämien, zinslose Darlehen. Was nicht vorkommt: die Frage, ob der Bund Geld verschenkt oder nur umverteilt. Die Frage, ob ein Bauernverband, der Massnahmen fordert, und ein Bundesamt, das sie liefert, ein Lobbying-Kreislauf sind. Was nicht vorkommt: der Zusammenhang mit dem Sommer, den SRF gleich zuvor zur politischen Krise erklärte. Der Beitrag ist der Abschluss eines Kreislaufs: Wetter → Krise → Forderung → Staat → Geld. Jede Krise endet mit mehr Staat. Keine Krise endet mit der Frage, ob der Staat der richtige Akteur ist.
Zum SRF-Beitrag «Kurzfristige Massnahmen gegen zu wenig Gras – der Bund hilft», Tagesschau / Echo der Zeit, 05.08.2026, und zum SRF-Beitrag «Klimaanlagen für alle: Die Politik reagiert auf den Hitzesommer», Tagesschau, 02.08.2026
Das Framing steht im Titel: «Der Bund hilft.» Das ist die Prämisse: Der Bund ist der Helfer, die Bauern sind die Hilfsempfänger, die Trockenheit ist der Anlass. SRF fragt nicht, ob der Bund helfen muss. SRF fragt nicht, ob die Bauern sich selbst helfen könnten. SRF fragt nicht, ob die Hilfe gerechtfertigt ist. Der Bund hilft — und das ist gut so. Die Frage, ob jede Krise automatisch staatliche Hilfe auslöst, wird nicht gestellt. Die Frage, ob dieses Muster einen Anreiz setzt, Risiken nicht selbst zu tragen, weil der Staat sie trägt, wird nicht gestellt.
Der Kreislauf
SRF befragte sechs Parteien zum Hitzesommer. Jede Partei forderte Massnahmen: Klimaanlagen, Kältenetze, Wasserspeicher, Hitzepausen, Gebäudesanierungen, neue Gemüsesorten. Am 5. August meldet SRF, dass der Bund der Landwirtschaft hilft: Zollsenkungen, Direktzahlungen, Versicherungsprämien, Darlehen. Zwei Beiträge, drei Tage Abstand, dieselbe Struktur. Wetter → Krise → Forderung → Staat → Geld. SRF bringt beide Beiträge, ohne den Zusammenhang zu benennen. Die Frage, ob SRF durch die Berichterstattung den Kreislauf selbst speist — indem der Sommer zur Krise erklärt wird, die staatliches Handeln erfordert —, wird nicht gestellt.
Die Kosten, die wegdefiniert werden
Christian Hofer, Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, sagt: «Diese Massnahmen haben keine zusätzlichen Kosten zur Folge.» SRF übernimmt das ungeprüft. Das ist eine bemerkenswerte Aussage — und sie ist vermutlich falsch. Erstens: Direktzahlungen, die trotz nicht erfüllter Bedingungen ausgezahlt werden, sind Geld. Dass das Geld «vorgesehen» war, bedeutet nicht, dass es keine Kosten sind. Es bedeutet, dass es umverteilt wird — von den Steuerzahlern an die Bauern. Zweitens: Zollsenkungen auf Heu-Importe sind Mindereinnahmen. Dass «keine Heu-Importe eingeplant» sind, bedeutet nicht, dass die Zölle keine Kosten verursachen. Es bedeutet, dass die Budgetplanung nicht stimmt — nicht, dass das Geld nicht existiert. Drittens: Die Beteiligung des Bundes an Ernteversicherungs-Prämien ist neue Ausgabe. Viertens: Zinslose Darlehen sind staatliche Kredite, die der Markt nicht geben würde — das ist ein Subventionsäquivalent.
SRF fragt nicht, ob Hofers Aussage stimmt. SRF fragt nicht, wie viel die Massnahmen tatsächlich kosten. SRF fragt nicht, wer die Kosten trägt. SRF fragt nicht, ob «keine zusätzlichen Kosten» eine sprachliche Verschiebung ist, die Umverteilung als kostenlos darstellt. Die Kosten werden wegdefiniert — und SRF gibt das weiter.
Die Dürre, die keinen Massstab hat
SRF berichtet über «enorme Hitze und Trockenheit». SRF zitiert Marc Brodback, Präsident der kantonalen Bauernverbände beider Basel: «Wenn es ständig über 30 Grad ist und ständig Bise und Westwind gibt, trocknet alles aus.» Das ist eine Beobachtung — aber SRF fragt nicht, ob sie aussergewöhnlich ist. SRF fragt nicht, ob Sommer 2003 trockener war. SRF fragt nicht, ob Sommer 2015 vergleichbar war. SRF fragt nicht, ob die Schweizer Landwirtschaft in früheren Trockenjahren staatliche Hilfe erhielt oder sich selbst half. Die Dürre wird als Krise gerahmt, ohne dass jemand prüft, ob sie eine ist. Die Frage, ob ein heisser Sommer eine Krise ist oder eine Jahreszeit, wird nicht gestellt.
Der Bauernverband, der als Partner auftritt
SRF zitiert Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes. Er forderte im Juli Massnahmen. Der Bund lieferte im August. Ritter lobt: «Der Bund und die Verwaltung haben gut gearbeitet.» Das ist ein Lobbying-Kreislauf: Ein Verband fordert, ein Bundesamt liefert, der Verband lobt. SRF rahmt den Kreislauf als funktionierende Zusammenarbeit — nicht als institutionelle Verflechtung. Die Frage, ob ein Bauernverband, der Massnahmen fordert, und ein Bundesamt, das sie liefert, ein Interessenkartell bilden, wird nicht gestellt. Die Frage, ob der Bauernverband ein Interesse daran hat, dass jede Dürre zur Krise erklärt wird — weil Krisen Massnahmen rechtfertigen, die im Normalfall nicht durchsetzbar wären —, wird nicht gestellt.
Die Direktzahlungen, die als Wohltat gerahmt werden
SRF berichtet, die Bauern erhalten «die ganzen Direktzahlungen, auch wenn sie nicht alle Bedingungen dafür erfüllen». Das ist eine bemerkenswerte Aussage. Direktzahlungen sind an Bedingungen geknüpft: Tiere auf der Weide, ökologischer Ausgleich, Tierwohl. Wenn die Bedingungen nicht erfüllt werden, werden die Zahlungen normalerweise gekürzt. Jetzt werden sie trotzdem ausgezahlt. Das heisst: Die Bedingungen sind suspendiert. Das heisst: Die Bauern erhalten Geld für Leistungen, die sie nicht erbringen. SRF rahmt das als «Unterstützung» — nicht als Suspendierung von Standards, die der Steuerzahler finanziert. Die Frage, ob die Suspendierung der Bedingungen einen Präzedenzfall schafft, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die Bedingungen bei der nächsten Dürre wieder suspendiert werden, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die Bauern einen Anreiz erhalten, Risiken nicht selbst zu tragen — weil der Staat die Bedingungen aufhebt, wenn es schwierig wird —, wird nicht gestellt.
Die Klimastrategie, die als Selbstzweck steht
Hofer sagt, das BLW habe eine Klimastrategie verabschiedet, die «beispielsweise hilft, die Züchtung von Pflanzen zu stärken, die trockenheitsresistent sind». SRF fragt nicht, was das kostet. SRF fragt nicht, ob die Strategie funktioniert. SRF fragt nicht, ob trockenheitsresistente Pflanzen bereits existieren oder ob sie erforscht werden müssen. SRF fragt nicht, ob die Forschungsgelder an universitäre Institute fliessen, die ein Interesse an der Krise haben — weil Krisen Forschungsgelder generieren. Die Klimastrategie wird als Lösung präsentiert — ohne dass jemand fragt, ob sie eine Lösung ist oder ein Budgetposten.
Das Muster
SRF hat in den letzten Wochen eine Serie von Beiträgen produziert, die alle dieselbe Struktur haben: Wetter → Krise → Forderung → Staat → Geld. Der Hitzesommer wird zur politischen Krise, die Parteien fordern Massnahmen. Die Dürre wird zur landwirtschaftlichen Krise, der Bund hilft. Die Waldbrände werden zur ökologischen Krise, der Bund streicht Mittel — und wird kritisiert. Die Hitze wird zur Gesundheitskrise, Kantone brauchen Hitzeaktionspläne. Jede Krise endet mit der Forderung nach mehr Staat, mehr Geld, mehr Programme. Keine Krise endet mit der Frage, ob der Staat der richtige Akteur ist. Keine Krise endet mit der Frage, ob die Krise eine Krise ist oder ein Wetterereignis. Keine Krise endet mit der Frage, ob die Massnahmen funktionieren oder nur Budgets vergrössern. SRF ist nicht der Beobachter dieses Musters — SRF ist Teil des Musters. SRF macht Wetter zu Krisen, Krisen zu Forderungen, Forderungen zu Massnahmen, Massnahmen zu Geld. Die Frage, ob Medien durch die Krisenberichterstattung den Staat vergrössern, wird nicht gestellt.
So funktioniert dieser Beitrag: Er meldet staatliche Hilfe als selbstverständliche Reaktion auf ein Wetterereignis und verschweigt, dass die Hilfe Teil eines Musters ist, in dem jede Krise mit mehr Staat endet. Die Kosten werden wegdefiniert. Die Dürre hat keinen Massstab. Der Bauernverband wird als Partner gerahmt, nicht als Lobbyist. Die Direktzahlungen werden als Wohltat präsentiert, nicht als Suspendierung von Standards. Die Klimastrategie wird als Lösung gerahmt, nicht als Budgetposten. Das Muster — Wetter → Krise → Staat → Geld — wird nicht benannt. Wer den Beitrag liest, weiss, dass der Bund den Bauern hilft und dass das keine Kosten verursacht. Wer wissen will, ob die Dürre aussergewöhnlich ist, ob die Kosten wirklich null sind, ob der Bauernverband ein Interessenkartell bildet, ob die Suspendierung von Bedingungen einen Präzedenzfall schafft und ob das Muster, in dem jede Krise den Staat vergrössert, ein Problem ist, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Krisenberichterstattung, das ist eine Geldverteilungsnotiz mit Wetter-Anlass.
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