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Der monokausale Wald
Medienkritik
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Der monokausale Wald

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SRF berichtet über Notfällungen im Baselbiet — und rahmt das Waldsterben als reine Klimafolge. Die Temperatur steigt, die Buchen sterben, die Förster fällen. Welche Gesetze, welche Bewirtschaftungsvorgaben, welche Eigentumsverhältnisse die Handlungsspielräume der Förster bestimmen, kommt nicht vor. Der Wald existiert in diesem Beitrag als Natur, nicht als rechtliches und ökonomisches Objekt — und genau deshalb bleibt unerklärlich, warum Notfällungen überhaupt umstritten sind.

Zum SRF-Beitrag «Sonnenbrand bei Bäumen – wann braucht es die Notfällung?», Regionaljournal Basel Baselland, 30.06.2026


Das Framing steht im Untertitel: «Der Klimawandel trifft die Region Basel hart.» Damit ist die Ursache benannt — und alle weiteren Fragen sind sekundär. Die Temperatur ist um 3,2 Grad gestiegen, die Buchen sterben an Schleimfluss und Sonnenbrand, die Förster müssen roden. Der Beitrag erzählt eine lineare Geschichte: Klima wandelt sich, Wald stirbt, Mensch reagiert. Was in dieser Linearität nicht vorkommt: der Rahmen, in dem der Wald bewirtschaftet wird — Gesetze, Auflagen, Eigentumsstrukturen, Förderinstrumente. Der Wald ist in diesem Beitrag ein Naturphänomen, kein reguliertes Ökosystem, das von Menschen unter gesetzlichen Vorgaben bewirtschaftet wird.

Die 3,2 Grad — und was fehlt

SRF berichtet, die Temperatur in der Nordwestschweiz sei seit Messbeginn um 3,2 Grad gestiegen. Seit wann Messbeginn war, an wie vielen Stationen, mit welcher Methodik — bleibt unerwähnt. SRF berichtet, die Bäume müssten «bis zu 600 Höhenmeter höher wachsen», um die gewohnten Bedingungen zu haben. Wer diese Zahl berechnet hat, auf welchem Modell sie beruht — bleibt unerwähnt. SRF berichtet, die Buchen sterben an Schleimflusskrankheit und Sonnenbrand. Dass die Schleimflusskrankheit auch mit Bewirtschaftungspraktiken zusammenhängt — mit Monokulturen, mit fehlender Durchforstung, mit Waldrändern, die jahrzehntelang nicht abgestuft wurden —, bleibt unerwähnt. Das Klima ist die Ursache. Alles andere ist Kontext, der nicht interessiert.

Das Gesetz, das nicht vorkommt

Der Beitrag erwähnt ein Gesetz: «Wenn die Sissacher Förster grössere Flächen roden, müssen sie eine bestimmte Anzahl Bäume nachpflanzen, so will es das Gesetz.» Das ist das einzige Gesetz, das vorkommt — und es wird als Pflicht erwähnt, nicht als Politikum. Welche Gesetze regeln die Waldwirtschaft sonst? Das Waldgesetz verpflichtet Waldeigentümer zur Pflege und Sicherheit — aber es schränkt auch ein, was sie tun dürfen. Wo dürfen Rodungen erfolgen, wo nicht? Welche Auflagen gelten für Schutzwälder? Welche Naturschutzvorgaben verhindern Eingriffe, die präventiv nötig wären? SRF fragt nicht. Der Beitrag suggeriert, die Förster handeln in einem freien Raum — dabei handeln sie in einem dichten Regelwerk, das bestimmt, was sie dürfen, was sie müssen, und was sie nicht dürfen, auch wenn es nötig wäre.

Die Frage, die sich aufdrängt: Gibt es Gesetze oder Auflagen, die präventive Waldpflege erschweren — und damit Notfällungen erst nötig machen? SRF fragt nicht. Die Notfällung wird als Klimafolge gerahmt, nicht als mögliche Folge eines regulatorischen Rahmens, der rechtzeitige Eingriffe verzögert oder verhindert.

Die Eigentumsfrage: erwähnt, aber nicht analysiert

Der Beitrag sagt: «Waldbesitzer haften für ihren Wald. Wenn jemand zu Schaden kommt, ist der Grundbesitzer schuld.» Das ist eine zentrale Information — aber sie wird nicht analysiert. Was bedeutet Haftung für Waldeigentümer, die nicht über die Mittel verfügen, ihren Wald zu pflegen? Was bedeutet es, wenn der Wald «keine Einnahmequelle mehr» ist, wie Niggi Bärtschi sagt — aber die Haftung bleibt? SRF berichtet, dass die öffentliche Hand bezahlt. Wie viel, nach welchem Schlüssel, mit welchen Prioritäten — bleibt unerwähnt. Der Beitrag erwähnt ein «Budget» des Kantons Baselland. Wie hoch ist es? Reicht es? Wer entscheidet, welche Wälder gepflegt werden und welche nicht? SRF fragt nicht.

Die Notfällung als Konflikt — ohne Konflikt

SRF sagt: «Notfällungen stossen bei der Bevölkerung nicht immer auf Verständnis.» Das ist ein Konflikt — aber er wird nicht ausgetragen. Wer kritisiert? Aus welchen Gründen? Naturschützer, die Rodungen ablehnen? Anwohner, die den Wald als Erholungsraum verlieren? Grundbesitzer, die Kosten tragen müssen? SRF erwähnt den Konflikt — und lässt ihn stehen. Keine Kritikerstimme, kein Gegenargument, keine Debatte. Der Förster sagt: «Wir wissen, dass es einschneidend ist.» Das ist die gesamte Auseinandersetzung.

Die Anpassung: behauptet, aber nicht hinterfragt

SRF berichtet, die Förster pflanzen «klimaresistentere Arten» — Eichen, Spitzahorn, Kirschbäume. Wer hat bestimmt, dass diese Arten klimaresistent sind? Auf wessen Prognose? Mit welchem Zeithorizont? Was, wenn die Prognose falsch ist — und die Eichen in zwanzig Jahren denselben Stress zeigen wie heute die Buchen? SRF fragt nicht. Die Anpassung wird als Lösung präsentiert, ohne dass die Unsicherheit der Anpassung erwähnt wird. Förster Reto Hänni gibt sich «zuversichtlich» — und das reicht als Schlusswort.

So funktioniert dieser Beitrag: Er zeigt einen Wald, der stirbt, und einen Förster, der handelt — und blendet aus, was den Wald ausser dem Klima noch prägt: Gesetze, die Pflege vorschreiben und erschweren; Eigentumsstrukturen, die Haftung auf Private abwälzen, ohne ihnen die Mittel zu geben; ein Finanzierungssystem, das von politischen Budgets abhängt; und einen Konflikt zwischen Bevölkerung und Forst, der erwähnt, aber nicht geführt wird. Der Hörer erfährt, dass es heisser wird und dass Buchen sterben. Er erfährt nicht, ob die Notfällung auch eine Folge ist von Gesetzen, die präventive Pflege erschweren — oder von einer Waldpolitik, die den Wald dem Klima überlässt, bis die Notfällung die einzige Option ist.

Originalbeitrag auf X →

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