Der Hungerstein, der den Kontext verschluckt
SRF publiziert eine Bildergalerie von historischen Artefakten, die wegen Niedrigwasser sichtbar werden. Schiffswracks, Mammutzähne, Hungersteine. Das Framing impliziert eine beispiellose Krise, die die Vergangenheit freilegt. Was nicht vorkommt: der historische Kontext der Hungersteine, die beweisen, dass solche Dürren zyklisch sind. Was nicht vorkommt: die Frage, ob das Wasser schon tiefer stand. Der Beitrag ist eine visuelle Montage, die Geschichte für Alarmismus nutzt, ohne zu verstehen, was diese Geschichte sagt.
Zum SRF-Beitrag «Niedrigwasser macht Vergangenes sichtbar», SRF, 07.08.2026
Das Framing steht in der Rubrik: «Trockenheit und Dürre». SRF zeigt Bilder von Trümmern, die aus den Flüssen ragen. Die Logik lautet: Die Hitze ist so extrem, dass sie freilegt, was jahrzehntelang verborgen war. SRF fragt nicht, ob diese Artefakte auch bei früheren Dürren sichtbar waren. SRF fragt nicht, ob das aktuelle Niedrigwasser aussergewöhnlich ist. Die Vergangenheit wird zur Kulisse für eine gegenwärtige Krise degradiert.
Der Hungerstein, der sich selbst widerlegt
SRF zeigt einen Hungerstein im Rhein bei Worms. SRF schreibt: «Solche Steine erinnern seit Jahrhunderten an Dürren und die damit verbundenen Notzeiten.» SRF nennt die Funktion der Steine — und zieht keine Konsequenz. Hungersteine tragen eingravierte Jahreszahlen: 1547, 1616, 1893, 1947. Sie markieren historische Pegelstände. Wenn der Stein heute sichtbar ist, dann bedeutet das: Das Wasser ist niedrig. Es bedeutet aber auch: Das Wasser war in den eingravierten Jahren genauso niedrig oder tiefer. Die Steine sind nicht nur Warnungen. Sie sind Beweise dafür, dass extreme Dürren historische Naturereignisse sind, die lange vor industriellen CO₂-Emissionen auftraten. SRF nutzt den Stein als Requisite für die aktuelle Hitzekrise. Dass die Jahreszahlen auf dem Stein die These der beispiellosen Krise widerlegen, bleibt unerwähnt. Die Frage, was die Hungersteine über die historische Klimavariabilität aussagen, wird nicht gestellt.
Das Wrack, das keinen Massstab hat
SRF zeigt Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg und dem 19. Jahrhundert. SRF schreibt, sie seien nach 80 Jahren wieder aus dem Wasser geragt. SRF suggeriert, dass das aktuelle Niedrigwasser ein historisches Ausmass erreicht hat, das selbst diese Relikte freilegt. SRF nennt keinen Pegelstand. SRF nennt keinen historischen Vergleich. SRF fragt nicht, ob diese Wracks bei den Dürresommern 2003, 1976 oder 1947 ebenfalls sichtbar waren. Die Artefakte werden als Beweis für eine aussergewöhnliche Gegenwart präsentiert, ohne dass ein hydrologischer Massstab geliefert wird. Die Frage, ob der Rhein in den letzten 100 Jahren bereits tiefer stand als heute, wird nicht gestellt.
So funktioniert dieser Beitrag: Er zeigt historische Artefakte und rahmt sie als Zeugen einer aktuellen Krise. Die Hungersteine werden als Requisiten genutzt, während ihre eingravierten Jahreszahlen, die historische Dürren belegen, ignoriert werden. Die Wracks werden ohne Pegelstand-Vergleich gezeigt. Wer den Beitrag liest, weiss, dass es trocken ist und dass alte Dinge aus dem Wasser ragen. Wer wissen will, ob diese Dürre historisch beispiellos ist, was die Hungersteine über das Klima der letzten 500 Jahre aussagen und ob das Wasser schon tiefer stand, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Geschichtsberichterstattung, das ist eine Bildergalerie mit Krisen-Framing.
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