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Der Gründungsmythos, der zur (Brauerei) Umfrage verkommt
Medienkritik
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Der Gründungsmythos, der zur (Brauerei) Umfrage verkommt

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SRF berichtet über eine Umfrage zum Gründungszeitpunkt der Schweiz und rahmt sie als kulturelle Spaltung zwischen Mythos und Fakt. Was nicht vorkommt: die Frage, warum der Staat 1291 feiert, wenn die Mehrheit 1848 für das Gründungsjahr hält. Was nicht vorkommt: der historische Grund, warum 1291 überhaupt zum Nationalfeiertag erklärt wurde. Der Beitrag ist eine Umfrage-Auswertung, die politische Geschichte zur Trivia-Frage degradiert.

Zum SRF-Beitrag «1291 oder 1848 – die Schweiz ist sich uneinig», Tagesschau, 31.07.2026


Das Framing steht im Untertitel: «1291 oder 1848 – die Schweiz ist sich uneinig.» Eine historische und verfassungsrechtliche Realität wird zur Meinungssache gemacht. SRF berichtet, dass eine Mehrheit von 52 Prozent die Staatsgründung mit 1848 verbindet. Dass 1291 der offizielle Nationalfeiertag ist, wird als leicht unpassende Tradition behandelt, die die Bevölkerung nicht ganz versteht. Die Frage, ob die Geschichte einer Nation durch eine Strassen-Umfrage geklärt wird, wird nicht gestellt.

Die Umfrage, die als Geschichte fungiert

SRF berichtet die Zahlen: 52 Prozent für 1848, 21 Prozent für 1291. Die Umfrage wurde von Sotomo durchgeführt, in Auftrag gegeben von Feldschlösschen. Eine Brauerei beauftragt eine Umfrage zur nationalen Identität. SRF referiert die Ergebnisse, ohne die Prämisse zu hinterfragen. Die Frage «Wann wurde die Schweiz gegründet?» ist keine Meinungssache. 1291 ist das Datum des Bundesbriefs, ein Verteidigungsbündnis. 1848 ist die Schaffung des modernen Bundesstaats. Beides sind Fakten. SRF rahmt das Wissen um diese Fakten als «Röstigraben» und als Spaltung zwischen «mythologischem» und «sachlichem» Geschichtsbild. SRF fragt weder Historiker noch Verfassungsjuristen, um den Unterschied zwischen einem Bündnis von Tälern und einem souveränen Staat zu klären.

Der Röstigraben, der konstruiert wird

SRF zitiert Studienleiter Michael Hermann: In der Romandie herrsche eher ein mythologisches Geschichtsbild, die Deutschschweizer sähen eher sachlich darauf. SRF lässt das stehen. Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist es «sachlich», 1291 zu ignorieren? Der Bundesbrief ist ein historisches Dokument. Der Rütlischwur ist eine Legende. SRF vermengt beides. Es erklärt, dass der Rütlischwur eine Legende sei, aber es behandelt den Bundesbrief so, als sei er ebenso mythisch, weil er alt ist. Dass 1848 ein hochgradig umstrittener Bürgerkrieg vorausging, fehlt vollständig.

Die Geschichte, die nicht erzählt wird

SRF berichtet, dass die Bevölkerung im Gründungsjahr gespalten sei. Was SRF nicht sagt: Die Wahl von 1291 als Nationalfeiertag war eine politische Entscheidung. 1889 beschloss der Bundesrat, den 600. Jahrestag des Bundesbriefs zu feiern. Warum? Weil 1848 durch den Sonderbundskrieg, einen religiösen Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Protestanten, belastet war. 1307, das traditionelle Datum des Rütlischwurs, war ebenfalls religiös aufgeladen. 1291 wurde gewählt, weil es ein säkulares, defensives Bündnis war, das ein zutiefst gespaltenes Land einen konnte. SRF behandelt die Feier von 1291 als leicht verwirrende Tradition, die die sachliche Deutschschweiz überwunden hat. Das politische Genie, 1291 zu wählen, um eine einigende nationale Identität zu schaffen, wird ignoriert.

Der Tell-Mythos, der reduziert wird

SRF berichtet, dass zwei Drittel der Bevölkerung Wilhelm Tell als fiktive Gestalt ansehen. SRF lässt das als Zeichen moderner Rationalität stehen. Die Frage, die nicht gestellt wird: Was bedeutet es für ein Land, wenn sein Gründungsheld von der Mehrheit als Fiktion betrachtet wird? SRF rahmt dies als sprachliche Spaltung: In der Romandie sei Tell noch ein Freiheitskämpfer, in der Deutschschweiz eine literarische Figur. Die Frage, wofür Tell tatsächlich steht, den Widerstand gegen Tyrannie, das Recht auf Selbstbestimmung, wird nicht gestellt. Tell wird auf einen Mann mit Apfel und Armbrust reduziert, auf eine Trivia-Frage.


So funktioniert dieser Beitrag: Er nutzt eine Brauerei-Umfrage, um die Schweizer Geschichte als Meinungsverschiedenheit zu rahmen. Die historischen Fakten werden zu Optionen. Die politische Entscheidung von 1889, den Bundesbrief zum Gründungsmythos zu erheben, fehlt. Der Sonderbundskrieg fehlt. Die Frage, was es bedeutet, wenn ein Land seinen Gründungsmythos nicht mehr kennt, wird nicht gestellt. Wer den Beitrag liest, weiss, dass 52 Prozent 1848 für das Gründungsjahr halten und dass die Romands lieber Mythen mögen. Wer wissen will, warum der 1. August überhaupt auf den 1. August 1291 datiert wurde, warum 1848 umstritten war und was die Schweiz eigentlich zusammenhält, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Geschichtsberichterstattung, das ist eine Trivia-Umfrage mit Röstigraben-Klischee.

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