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Der «gewalttätige Nihilismus»
Medienkritik
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Der «gewalttätige Nihilismus»

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SRF berichtet über «gewalttätigen Nihilismus» — und rahmt ihn als neue Bedrohung, die aus dem Internet kommt. «Neue Form der Radikalisierung», «sich ausbreitende neue Form des Extremismus», «neu entstehende Bedrohung» — das sind die Formulierungen, die ein Phänomen als neu markieren, um es dann zu erklären, ohne die Ursachen zu benennen. Was nicht vorkommt: die Frage, was diese Jugendlichen nihilistisch macht. Was nicht vorkommt: die Frage, welche Gesellschaft Jugendliche produziert, die keinen Sinn finden — und in Gewalt flüchten. Was nicht vorkommt: die Frage, ob der Nihilismus ein Symptom ist — und nicht die Krankheit. Was nicht vorkommt: die Schweizer Fälle — der Artikel zeigt ein Symbolbild aus Malmö, nennt kanadische Einstufungen, zitiert eine Waadtländer Fachstelle — aber kein einziger Schweizer Fall wird benannt. Was nicht vorkommt: die Rolle der Medien selbst — die Verherrlichung von Amokläufern durch die Berichterstattung, die SRF selbst betreibt. Der Beitrag ist Warnung ohne Diagnose — und die Diagnose wäre die Frage, was eine Gesellschaft produziert, die ihre Jugendlichen nihilistisch macht.

Zum SRF-Beitrag «Gewalttätiger Nihilismus alarmiert die Schweiz», RTS La Matinale, 15.07.2026


Das Framing steht im ersten Satz: «Eine neue Form des Extremismus bereitet den Schweizer Behörden Sorgen.» «Neue Form» — das ist die Formulierung, die ein Phänomen als neu markiert. «Bereitet Sorgen» — das ist die Formulierung, die Behörden als Besorgte rahmt. SRF rahmt den Nihilismus als Bedrohung, die neu ist, die kommt, die wächst — und fragt nicht, woher sie kommt. Die Frage, ob der Nihilismus neu ist — oder ob er nur jetzt sichtbar wird, weil die Strukturen, die früher Sinn stifteten, verschwunden sind —, wird nicht gestellt.

Das Phänomen, das als neu gerahmt wird — ohne historischen Kontext

SRF schreibt: «Eine neue Form des Extremismus bereitet den Schweizer Behörden Sorgen.» «Im Gegensatz zu herkömmlichen Radikalisierungsformen vertritt diese Bewegung weder eine politische noch eine religiöse Sache.» Das ist die Behauptung — und sie ist falsch. Gewalt ohne Ideologie ist nicht neu. Columbine, 1999 — zwei Jugendliche, die Gewalt um der Gewalt willen verübten. Erfurt, 2002 — ein Schüler, der Lehrer und Mitschüler erschoss, ohne politisches Manifest. Winnenden, 2009 — ein Schüler, der Amok lief, ohne ideologisches Ziel. Diese Fälle sind dokumentiert — sie sind nicht neu. Was neu ist: das Internet als Beschleuniger. Was nicht neu ist: der Nihilismus als Motiv.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn Jugendliche seit Jahrzehnten Amok laufen — ohne Ideologie, ohne politisches Ziel, ohne religiöse Motivation —, was ist dann neu am «gewalttätigen Nihilismus»? SRF fragt nicht. Das Phänomen wird als neu gerahmt — ohne historischen Vergleich. Das ist Framing: Was neu ist, ist bedrohlich — was alt ist, ist kontextualisierbar. SRF wählt die Bedrohung.

Die Ursachen, die nicht vorkommen

SRF schreibt: «Weitere Faktoren wie soziale Isolation, das Gefühl von Ungerechtigkeit und das Bedürfnis nach Anerkennung begünstigen diese Form der Radikalisierung.» Das ist die Liste — und sie steht da ohne Frage. Soziale Isolation — woher kommt sie? Gefühl von Ungerechtigkeit — wogegen? Bedürfnis nach Anerkennung — warum wird es nicht erfüllt? SRF nennt die Faktoren — und fragt nicht, was sie produziert. Die Frage, ob eine Gesellschaft, die Familien zersetzt, Gemeinschaften auflöst, Traditionen entwertet und Sinn durch Konsum ersetzt, Jugendliche produziert, die nihilistisch werden — das ist die Frage, die SRF nicht stellt.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Was produziert soziale Isolation? Die Auflösung von Familien — Scheidungsraten, Einzelkinder, working parents, die nicht da sind. Die Auflösung von Gemeinschaften — Vereine, die schrumpfen, Kirchen, die leeren, Nachbarschaften, die anonym werden. Die Auflösung von Sinn — Religion, die verschwindet, Traditionen, die entwertet werden, Identität, die zur Konstruktion wird. SRF nennt die Symptome — Isolation, Ungerechtigkeit, Anerkennung — und fragt nicht nach den Ursachen. Das ist Framing: Die Jugendlichen sind isoliert — die Gesellschaft, die sie isoliert, existiert nicht.

Die Experten, die als Autoritäten gerahmt werden — ohne Frage nach dem Rahmen

SRF zitiert zwei Experten: Géraldine Casutt, Forscherin und Leiterin von Einsätzen bei der Fachstelle für Radikalisierungsprävention des Kantons Waadt — und Ahmed Ajil, Kriminologe an der Universität Luzern. Beide sind Institutionsexperten — beide sprechen aus institutionellen Rahmen. Casutt sagt: «Die Menschen, die in diese Szene geraten, suchen nach etwas.» Das ist die Diagnose — und sie ist korrekt. Aber SRF fragt nicht, was die Suche produziert. Ajil sagt: «Die Anonymität im Internet erleichtert es, eine gewisse Faszination für Gewalt auszuleben.» Das ist die Diagnose — und sie ist korrekt. Aber SRF fragt nicht, was die Faszination produziert.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn Jugendliche «nach etwas suchen» — was haben sie verloren? Wenn sie «Faszination für Gewalt» entwickeln — was hat ihre Faszination für anderes zerstört? SRF fragt nicht. Die Experten diagnostizieren Symptome — die Ursachen bleiben ungenannt. Das ist die Struktur einer Expertise, die den Rahmen nicht verlässt — und der Rahmen ist: Das Problem liegt bei den Jugendlichen, nicht bei der Gesellschaft.

Das Internet, das als Ursache gerahmt wird — ohne dass die Gesellschaft vorkommt

SRF schreibt: «Das Internet ist das wichtigste Rekrutierungsfeld dieser Bewegungen.» «Schon nach wenigen Minuten auf diesem sozialen Netzwerk findet man Kleidungs- und Stil-Empfehlungen, die sich an jungen Amoktätern orientieren.» Das ist die Diagnose — und sie ist korrekt. Das Internet ist ein Rekrutierungsfeld. Aber SRF fragt nicht, warum Jugendliche für diese Rekrutierung empfänglich sind. Das Internet bietet Nihilismus — aber das Internet bietet auch Bildung, Gemeinschaft, Musik, Kunst, Sport. Warum wählen einige Jugendliche den Nihilismus — und andere nicht?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn das Internet das «wichtigste Rekrutierungsfeld» ist — was rekrutiert es? Das Internet ist ein Medium — es verteilt Inhalte, die jemand produziert. Die Frage, wer die Inhalte produziert, wer die Communities aufbaut, wer die Jugendlichen anspricht — das ist die Frage nach den Akteuren. SRF fragt nicht. Das Internet wird als Akteur gerahmt — nicht als Medium. Das ist Framing: Das Internet ist die Ursache — die Gesellschaft, die Jugendliche produziert, die für das Internet empfänglich sind, existiert nicht.

Die Schweiz, die als betroffen gerahmt wird — ohne Schweizer Fälle

SRF schreibt: «Auch in der Schweiz wächst allmählich das Bewusstsein für diese neu entstehende Bedrohung.» Das ist die Behauptung — und SRF nennt keinen Schweizer Fall. Der Beitrag zeigt ein Symbolbild aus Malmö — nicht aus der Schweiz. Der Beitrag nennt kanadische Einstufungen — nicht Schweizer Einstufungen. Der Beitrag zitiert eine Waadtländer Fachstelle — aber ohne Schweizer Fall, ohne Schweizer Opfer, ohne Schweizer Täter. Die Frage, ob es Schweizer Fälle von gewalttätigem Nihilismus gibt — und wenn ja, welche —, wird nicht beantwortet.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn die Schweiz «betroffen» ist — welche Schweizer Fälle gibt es? Gibt es Schweizer Jugendliche, die in diese Szenen abgerutscht sind? Gibt es Schweizer Taten, die dem Muster entsprechen? SRF nennt keine. Das ist Framing: Die Schweiz ist betroffen — die Schweizer Fälle existieren nicht. Die Bedrohung wird behauptet — die Evidenz fehlt.

Die Medien, die als Beobachter gerahmt werden — ohne Selbstkritik

SRF berichtet über die «Verherrlichung von Amoktätern» im Internet — und fragt nicht, ob die Medien selbst zur Verherrlichung beitragen. Die Berichterstattung über Amokläufe — Namen, Gesichter, Manifeste, Opferzahlen, Biografien — ist eine Form der Verherrlichung. SRF selbst berichtet über Amokläufe — und produziert damit die Aufmerksamkeit, die Nihilisten suchen. Die Frage, ob die Medien, die über Amokläufe berichten, Teil des Problems sind — das ist die Frage, die SRF nicht stellt.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn Nihilisten «eine Gewalttat begehen und sie dokumentieren», um Ansehen zu gewinnen — was bedeutet es, wenn Medien diese Taten dokumentieren und verbreiten? SRF berichtet über die Verherrlichung von Amoktätern auf TikTok — und fragt nicht, ob die eigene Berichterstattung dieselbe Funktion erfüllt. Das ist Framing: Die Medien sind Beobachter — nicht Akteure. Die Frage, ob Medien, die Amokläufe ausführlich berichten, die Faszination für Gewalt verstärken — das ist die Frage, die SRF nicht stellt.

Die Lösung, die als Prävention gerahmt wird — ohne Frage nach der Wirksamkeit

SRF schreibt: «Verstehen, um vorzubeugen.» Das ist die Überschrift — und sie verspricht eine Lösung. Aber SRF fragt nicht, was Prävention bedeutet. Prävention — heisst das Überwachung? Heisst das Zensur? Heisst das Eingriff in Online-Kommunikation? Heisst das Beobachtung von Jugendlichen, die «auffällig» werden? SRF nennt keine Massnahmen — und fragt nicht, welche Massnahmen diskutiert werden. Die Frage, ob Prävention Grundrechte einschränkt — Datenschutz, Meinungsfreiheit, Privatsphäre —, wird nicht gestellt.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wenn der Staat präventiv eingreift — wo liegt die Grenze? Wann wird ein Jugendlicher, der «Faszination für Gewalt» zeigt, zum Ziel staatlicher Überwachung? Wann wird ein Online-Post, der Gewalt verherrlicht, zum Grund für einen Eingriff? SRF fragt nicht. Prävention wird als Lösung gerahmt — die Nebenwirkungen existieren nicht. Das ist Framing: Prävention ist gut — die Frage, was sie kostet, wird nicht gestellt.


So funktioniert dieser Beitrag: Er warnt vor einem «neuen» Phänomen — ohne historischen Kontext, der zeigen würde, dass Gewalt ohne Ideologie nicht neu ist. Er nennt Symptome — soziale Isolation, Ungerechtigkeit, Anerkennung — ohne die Ursachen zu benennen, die diese Symptome produzieren. Er zitiert Experten — die aus institutionellen Rahmen sprechen und den Rahmen nicht verlassen. Er rahmt das Internet als Ursache — ohne zu fragen, was die Empfänglichkeit für das Internet produziert. Er behauptet, die Schweiz sei betroffen — ohne Schweizer Fälle zu nennen. Er klagt die Verherrlichung von Amoktätern im Internet an — ohne die eigene Berichterstattung zu hinterfragen. Er verspricht Prävention — ohne zu fragen, was sie kostet. Wer den Beitrag hört, weiss, dass es einen neuen Extremismus gibt, dass das Internet schuld ist und dass Prävention die Lösung ist. Wer wissen will, was Nihilismus produziert, welche Gesellschaft nihilistische Jugendliche hervorbringt, ob die Medien selbst zur Verherrlichung beitragen, ob es Schweizer Fälle gibt und was Prävention an Grundrechten kostet, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Analyse, das ist eine Warnung ohne Diagnose — und die Diagnose wäre die Frage, was eine Gesellschaft produziert, die ihre Jugendlichen so isoliert, dass sie im Nihilismus Sinn suchen.

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