Der deutsche Ozeanograph, der die Alpen erklärt
SRF interviewt den deutschen Klimaforscher Mojib Latif über Wasserknappheit und rahmt ihn als unfehlbaren Warner. Flüsse trocknen aus, der Bodensee sinkt. SRF fragt nicht nach Latifs vergangenen Prognosen, interviewt für Schweizer Binnengewässer einen deutschen Ozeanographen statt eines Schweizer Experten und prüft nicht die Schweizer Wasserbilanz. Der Beitrag ist ein Interview ohne journalistischen Instinkt.
Zum SRF-Beitrag «Wieso wir vorsichtiger mit Wasser umgehen sollten», Rendez-vous, 05.08.2026
Das Framing steht im Titel: «Wasser – das bedrohte Element?» Die Frage ist rhetorisch. Das Element ist bedroht, der Experte warnt. SRF nutzt den heissen Sommer als Beweis für eine permanente Krise. Die Frage, ob Sommerhitze ein Wetterereignis oder ein Klimasignal ist, wird nicht gestellt. SRF springt von der Beobachtung zur Deutung: Wir müssen vorsichtiger mit Wasser umgehen.
Der Prophet, den niemand prüft
Latif sagt: «Ich habe mit diesen Dingen gerechnet. Meine Kolleginnen und Kollegen weisen ja schon seit Jahrzehnten darauf hin.» SRF übernimmt diese Selbstbestätigung als Kompetenznachweis. SRF fragt nicht, ob Latifs Prognosen in der Vergangenheit stimmten. Latif ist seit Jahrzehnten ein prominenter Warner. Um die Jahrtausendwende prophezeiten Vertreter seiner Disziplin das Ende der mitteleuropäischen Winter, den vollständigen Wegfall von Schnee und das rasche Verschwinden der Gletscher. SRF fragt nicht, ob diese Prognosen eintrafen. SRF fragt nicht, ob Latif eine Trefferquote aufweist, die ihn heute als Prophet qualifiziert. Die Aussage «seit Jahrzehnten darauf hingewiesen» wird als Beleg für Glaubwürdigkeit präsentiert, nicht als Anlass, die Vergangenheit zu prüfen.
Der Ozeanograph, der die Alpen erklärt
SRF hat ein Jahresbudget von 1,5 Milliarden Franken. Über 500 Millionen fliessen in den deutschsprachigen Teil. SRF nutzt dieses Geld, um für Schweizer Binnengewässer einen deutschen Ozeanographen zu interviewen. Mojib Latif forscht am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er studiert das Meer. SRF fragt ihn nach dem Rhein, der Donau und dem Bodensee.
Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Sie hat die Eawag, das Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs. Sie hat die WSL, die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Sie hat ETH-Experten für alpine Hydrologie, die Schweizer Gewässer modellieren. SRF ruft keinen von ihnen an. SRF ruft einen deutschen Ozeanographen an. Die Frage, warum ein öffentlich-rechtlicher Sender mit 500 Millionen Franken Budget für eine Schweizer Sommerhitze einen deutschen Medien-Klimatologen importiert statt einen Schweizer Fachmann, wird nicht gestellt. Die Frage, ob Ozeanographie die richtige Disziplin für Binnengewässer ist, wird nicht gestellt.
Die Wasserbilanz
Latif sagt: «Wasser ist ein rares Gut.» SRF übernimmt das ungeprüft. Die Schweiz ist eines der wasserreichsten Länder Europas. Der durchschnittliche Niederschlag beträgt rund 1'500 Millimeter pro Jahr. Die Schweiz verfügt über rund 35 Milliarden Kubikmeter Süsswasser. Das ist ein Vielfaches des Verbrauchs. Der Rhein bei Basel führte im August 2026 rund 600 Kubikmeter pro Sekunde. Das ist niedrig, aber nicht rekordniedrig. 2003 lag der Wert deutlich tiefer.
SRF fragt nicht, ob der Pegelstand aussergewöhnlich ist. SRF fragt nicht, ob die Schweiz ein Wasserproblem hat oder ob das Problem in trockenen Regionen liegt, die von Schweizer Wasser abhängen. Die globale Krise wird auf die Schweiz projiziert, ohne die Schweizer Realität zu prüfen.
Zahlen ohne Massstab
Latif sagt, künstliche Intelligenz brauche extrem viel Wasser. SRF fragt nicht, wie viel. Ein grosses Rechenzentrum verbraucht Millionen Liter für Kühlung. Die Schweizer Landwirtschaft nutzt Hunderte Milliarden Liter für Bewässerung. SRF fragt nicht, wer das Wasser tatsächlich verbraucht. SRF fragt nicht, ob der Bürger, der beim Zähneputzen den Hahn abdreht, einen messbaren Effekt hat. Die Frage, ob die individuelle Wasserersparnis relevant ist oder ein symbolischer Akt ohne Wirkung, wird nicht gestellt.
Latif sagt, Wasser dürfe nicht an der Börse gehandelt werden. SRF fragt nicht, ob private Wasserversorgung funktioniert. SRF fragt nicht, ob öffentliche Wasserversorgung effizienter ist. SRF fragt nicht, ob das Problem die Privatisierung ist oder die Regulierung. Die Privatisierung wird als Bedrohung präsentiert, ohne die Alternative zu prüfen.
So funktioniert dieser Beitrag: Er interviewt einen deutschen Ozeanographen über Schweizer Gewässer und lässt ihn eine Krise konstruieren, ohne die Fakten zu prüfen. Die Schweizer Wasserbilanz fehlt. Die historischen Pegelstände fehlen. Die Prognose-Trefferquote fehlt. Die Schweizer Experten fehlen. Die Zahlen über Wasserverbrauch fehlen. Wer den Beitrag hört, weiss, dass Wasser rar ist und dass man beim Zähneputzen den Hahn zudrehen soll. Wer wissen will, ob die Schweiz Wasserprobleme hat, ob Latifs Prognosen stimmten, warum SRF keinen Schweizer Hydrologen befragt, wer das Wasser wirklich verbraucht und ob Privatisierung funktioniert, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Wissenschaftsberichterstattung, das ist ein Kriseninterview ohne Kontext.
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