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Der Blick nach London, der den Blick nach Bern erübrigt
Medienkritik
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Der Blick nach London, der den Blick nach Bern erübrigt

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SRF berichtet über die britische Covid-Untersuchungskommission — und rahmt sie als Lehrstück in staatlichem Versagen. 10 Milliarden Pfund verschwendet, 20'000 Tote vermeidbar, VIP-Lanes für politische Freunde — das sind die Befunde, die SRF einem Korrespondenten entnimmt und referiert. Was nicht vorkommt: die Schweiz. Was nicht vorkommt: eine Schweizer Covid-Untersuchungskommission — die nicht existiert. Was nicht vorkommt: die RKI-Protokolle, die in Deutschland offenlegten, dass die interne Pandemiebewertung des Robert Koch-Instituts von der öffentlichen Kommunikation abwich — und die jetzt vor dem Bundesgericht verhandelt werden. Der Beitrag ist Auslandsberichterstattung als Selbstentlastung — der Blick nach London erübrigt den Blick nach Bern.

Zum SRF-Beitrag «Grossbritannien war schlecht auf die Pandemie vorbereitet», SRF 4 News, 16.07.2026


Das Framing steht in der Wahl des Themas. SRF entscheidet, über eine britische Covid-Untersuchungskommission zu berichten — und nicht über eine Schweizer. Das ist legitim, wenn es einen Schweizer Bezug gibt. Den gibt es nicht — oder SRF nennt ihn nicht. Der Beitrag ist ein reines Auslandsstück: britische Kommission, britische Befunde, britische Todesraten, britische VIP-Lanes. Die Schweiz kommt vor als das Land, das zuschaut — nicht als das Land, das eigene Fragen zu beantworten hat.

Die Kommission, die die Schweiz nicht hat

SRF berichtet über eine Covid-Untersuchungskommission, die auf Druck von Angehörigen eingesetzt wurde — Menschen, die «wissen wollten, ob das unvermeidbar war oder was man hätte anders machen können, um Menschenleben zu retten.» Das ist die Beschreibung eines Instruments, das Aufklärung leistet: eine unabhängige Kommission, die Regierungsentscheide prüft, Fehler benennt, Verantwortliche identifiziert. Grossbritannien hat dieses Instrument. Die Schweiz hat es nicht.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Warum hat die Schweiz keine Covid-Untersuchungskommission? Das Schweizer Parlament debattierte über eine parlamentarische Untersuchungskommission zur Covid-Politik — und lehnte sie ab. Es gibt keine unabhängige Kommission, die die Schweizer Covid-Massnahmen prüft. Es gibt keinen Bericht, der die Schweizer Beschaffung von Masken, Tests und Impfdosen untersucht. Es gibt keine Aufarbeitung der Schweizer Todesraten, der Schweizer Heimpolitik, der Schweizer Kontaktbeschränkungen. SRF berichtet über die britische Kommission — und erwähnt mit keinem Wort, dass die Schweiz kein Äquivalent hat. Das ist das Muster: Der Blick ins Ausland dient der Bestätigung der eigenen Ordnung — nie der Hinterfragung.

Die RKI-Protokolle, die vor dem Bundesgericht liegen — und bei SRF nicht vorkommen

Während SRF über britische Covid-Fehler berichtet, liegen in Deutschland die RKI-Protokolle auf dem Tisch — interne Dokumente des Robert Koch-Instituts, die offenlegten, dass die interne Pandemiebewertung von der öffentlichen Kommunikation abwich. Die Protokolle zeigten, dass RKI-intern die Schwere der Pandemie anders eingeschätzt wurde als offiziell kommuniziert, dass Massnahmen intern anders bewertet wurden als öffentlich empfohlen. Das war einer der grössten deutschen Skandale der Nachpandemie-Zeit. Die Protokolle haben direkte Schweizer Relevanz: Das Bundesamt für Gesundheit orientierte sich an RKI-Einschätzungen, die Schweizer Covid-Politik berief sich auf europäische epidemiologische Bewertungen, die massgeblich vom RKI geprägt waren. Wenn das RKI intern anders urteilte als öffentlich — was bedeutet das für die Rechtmässigkeit Schweizer Covid-Massnahmen?

SRF berichtet nicht darüber, sondern zieht die Beschwerde über ihre Nichtberichterstattung ans Bundesgericht. Mittlerweile berichtet SRF über eine britische Kommission, die britische Fehler aufarbeitet — während ein Schweizer Gericht über SRFs Behandlung von RKI-Bewertungen beruhen, deren interne Abweichung jetzt dokumentiert ist. Die Frage, die nicht gestellt wird: Warum berichtet SRF über britische Covid-Fehler — und nicht über Schweizer Gerichtsverfahren? Das ist nicht Zufall — das ist Auswahl. Und die Auswahl ist das Framing.

Die VIP-Lane, die man nur im Ausland findet

SRF berichtet über die britische «High Priority Lane» — eine VIP-Spur für Unternehmen mit politischen Beziehungen, die bei der Beschaffung von Schutzausrüstung bevorzugt wurden. «Das öffnet natürlich den Weg zu Korruption und Vetternwirtschaft», sagt der Korrespondent. SRF referiert das — und fragt nicht, ob die Schweiz ähnliche Praktiken kannte. Die Schweiz beschaffte während der Pandemie Masken, Tests, Schutzausrüstung, Impfdosen — in grossem Stil, unter Zeitdruck, mit Notstandsgesetzgebung. Wurden hier auch Firmen bevorzugt? Wurden Aufträge ohne Ausschreibung vergeben? Gab es politische Empfehlungen, die zu bevorzugter Behandlung führten?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Hat die Schweiz eine eigene VIP-Lane gehabt? SRF berichtet über die britische — und verschweigt, dass die Schweizer Beschaffung nie untersucht wurde. Wenn es keine Kommission gibt, die die Schweizer Beschaffung prüft — dann gibt es auch keinen Bericht, der Schweizer VIP-Lanes aufdeckt. Abwesenheit von Aufklärung ist nicht Abwesenheit von Fehlern. SRF rahmt die britischen Fehler als Befund einer Kommission — und rahmt die Schweizer Fehler als Nicht-Existenz, weil niemand sie untersucht hat.

Die Zahlen, die ohne Schweizer Massstab stehen

SRF referiert britische Zahlen: 15 Milliarden Pfund für Schutzausrüstung, 10 Milliarden verschwendet, 20'000 vermeidbare Tote. Das sind Zahlen, die eine Kommission erhoben hat — und die SRF ohne Prüfung referiert. Die Frage, die nicht gestellt wird: Was sind die Schweizer Zahlen? Wie viel hat die Schweiz für Schutzausrüstung ausgegeben? Wie viel davon war verschwendet — Material, das verfiel, nicht den Vorschriften entsprach, nie verwendet wurde? Wie viele Schweizer Covid-Tote waren vermeidbar? SRF nennt die britischen Zahlen — und nennt keine Schweizer. Das ist nicht überraschend: Wenn es keine Kommission gibt, gibt es keine Zahlen. Aber SRF fragt nicht, warum es keine Zahlen gibt — SRF fragt nicht einmal, ob es Schweizer Zahlen gibt, die man hätte nennen können.

Der Korrespondent sagt: «Wenn man sich die Todesraten ansieht, dann schneidet Grossbritannien schlechter als vergleichbare Länder ab.» «Vergleichbare Länder» — das ist die Formulierung, die einen Vergleich suggeriert, ohne ihn durchzuführen. Welche Länder sind vergleichbar? Ist die Schweiz vergleichbar? Wenn ja — wie schneidet die Schweiz ab? SRF fragt nicht. Der Vergleich mit «vergleichbaren Ländern» bleibt eine Behauptung — und die Schweiz, die ein vergleichbares Land wäre, kommt nicht vor.

Der Korrespondent, der als Schweizer Stimme dient

SRF interviewt Peter Stäuber — einen Schweizer Journalisten, der in London lebt und für WOZ und Zeit berichtet. Das ist ein Schweizer, der über Grossbritannien spricht. Die Frage, die nicht gestellt wird: Warum interviewt SRF nicht einen Schweizer Journalisten, der über die Schweiz spricht? Wenn das Thema Covid-Aufarbeitung ist — warum ist der Korrespondent in London und nicht in Bern? SRF wählt einen Auslandskorrespondenten — und die Wahl ist das Framing. Der Schweizer, der über Schweizer Covid-Politik berichten könnte, existiert in diesem Beitrag nicht. Der Schweizer, der über britische Covid-Politik berichtet, ist die Stimme, die SRF hören will.


So funktioniert dieser Beitrag: Er berichtet über eine britische Covid-Untersuchungskommission — und erwähnt mit keinem Wort, dass die Schweiz keine hat. Er referiert britische Zahlen — und nennt keine Schweizer. Er berichtet über britische VIP-Lanes — und fragt nicht nach Schweizer Beschaffungspraktiken. Er interviewt einen Schweizer Korrespondenten in London — und keinen in Bern. Und während er britische Covid-Fehler aufarbeitet, liegen die RKI-Protokolle auf dem Tisch — interne Dokumente, die die Grundlage auch der Schweizer Covid-Politik infrage stellen. SRF berichtet nicht darüber. Wer den Beitrag hört, weiss, dass Grossbritannien schlecht auf die Pandemie vorbereitet war, dass 10 Milliarden Pfund verschwendet wurden und dass 20'000 Leben hätten gerettet werden können. Wer wissen will, ob die Schweiz eine Untersuchungskommission hat, was die Schweizer Beschaffung kostete, ob es Schweizer VIP-Lanes gab, was die RKI-Protokolle für die Schweizer Covid-Massnahmen bedeuten und was vor dem Bundesgericht verhandelt wird, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Auslandsberichterstattung, das ist eine Selbstentlastung mit britischem Material — der Blick nach London, damit niemand nach Bern schaut.

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