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Der Bauer, der den Konzern verteidigt
Medienkritik
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Der Bauer, der den Konzern verteidigt

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Dieses SRF-Tagesgespräch mit Fenaco-Chef Michael Feitknecht ist ein freundliches Gespräch unter Bekannten. Der Gast darf seine Narrative ungeprüft entfalten: die bedrohte Versorgungssicherheit, die marginale Marge, die notwendige Grösse, das edle Engagement für den ländlichen Raum. Die Interviewerin stellt Fragen, aber sie bohrt nicht nach. Die 42-Prozent-Zahl wird nicht hinterfragt, die 1,5-Prozent-Marge nicht relativiert, das Wachstum in Telekom und Tierarztpraxen nicht als strategische Frage gestellt, und der einzige Kritiker — Rudolf Strahm — wird als Strohmann erwähnt, dessen Argumente niemand vorzutragen bereit ist. Das Format heisst Tagesgespräch, und es ist eines — aber kein journalistisches.

Zum SRF-Beitrag «Fenaco-Chef: 'Ertragssicherheit in der Schweiz nimmt stark ab'», Tagesgespräch / SRF News, 26.06.2026


Was das Gespräch gut macht

Feitknecht ist ein kompetenter, authentischer Gesprächspartner, und das Format gibt ihm Raum, seine Perspektive darzulegen. Die Themenbreite ist angemessen: Hitze, Ernteerträge, Energie, Dünger, Grössenkritik, Wachstumsstrategie. Die Fragen sind nicht völlig weich — die Interviewerin konfrontiert ihn mit dem «Staat im Staat»-Vorwurf und mit der Frage, ob der Übername «Bauernkonzern» passt. Auch die Transparenz ist vorhanden: Feitknecht wird mit Namen, Funktion und Foto vorgestellt, seine Interessenlage ist klar. Und einige seiner Punkte sind sachlich berechtigt — dass Schweizer Bauern unter Hitze leiden, dass Energie- und Düngemittelpreise volatil sind, dass Fenaco tatsächlich bäuerliches Eigentum ist. Die Kritik richtet sich nicht dagegen, dass Feitknecht seine Position vertritt — sondern darauf, dass die Interviewerin ihn nicht herausfordert, wo es nötig gewesen wäre.

Die 42-Prozent-Zahl: eine dramatische Behauptung, ungeprüft stehen gelassen

Feitknecht sagt: «Wir sind mittlerweile bei einer Versorgungssicherheit von nur noch rund 42 Prozent, in den letzten Jahren war sie noch über 50 Prozent.» Das ist eine dramatische Aussage — ein Rückgang der Versorgungssicherheit um rund zehn Prozentpunkte — und sie wird im Gespräch mit keiner Silbe hinterfragt. Was genau bedeutet «Versorgungssicherheit» hier? Meint er den Selbstversorgungsgrad der Schweiz, also den Anteil des Inlandkonsums, der durch inländische Produktion gedeckt wird? Oder die Ertragssicherheit, also die Verlässlichkeit der Ernten? Die Begriffe werden im Gespräch synonym verwendet, sind aber unterschiedlich. Und was sind die Ursachen des Rückgangs? Hitze allein? Oder auch Strukturwandel, Flächenverlust, Importdruck? Eine nachbohrende Frage wäre hier fällig gewesen: «Herr Feitknecht, Sie sagen 42 Prozent — gemessen woran, verglichen mit welchem Jahr, und wie viel davon ist Wetter, wie viel ist Struktur?» Stattdessen: nächste Frage.

Die 1,5-Prozent-Marge: technisch wahr, ökonomisch irreführend

Feitknecht verteidigt sein Wachstum mit der Marge: «Bei unserer Marge von nur 1.5 Prozent bleibt von 100 Franken Umsatz nur 1.50 Franken übrig, um in Infrastruktur und Innovation zu investieren.» Das klingt knapp und bescheiden — und es ist ein klassisches Grossunternehmen-Argument, das die Interviewerin unhinterfragt stehen lässt. Die Marge mag 1,5 Prozent betragen, aber der Umsatz der Fenaco liegt bei mehreren Milliarden Franken. 1,5 Prozent von 7 bis 8 Milliarden sind 100 bis 120 Millionen Franken — eine Summe, die für Investitionen keineswegs vernachlässigbar ist. Der verlinkte SRF-Beitrag von 2022 spricht gar von 170 Millionen Franken Gewinn.

Bestätigt wird diese Kritik durch eine Aussage, die Feitknecht selbst an seiner ersten Bilanzmedienkonferenz machte: In seiner Amtszeit wurden «rund eineinhalb Milliarden Franken in Infrastrukturen investiert». Das ist genau der absolute Betrag, den die Margen-Rhetorik verschleiert: 1,5 Prozent Marge bei Milliardenumsatz ergeben dreistellige Millionen pro Jahr — und 1,5 Milliarden kumuliertes Investitionsvolumen belegen, dass die relative Margenzahl die absolute Finanzkraft des Konzerns systematisch unterbelichtet. Wer von «1,50 Franken pro 100 Franken Umsatz» spricht, redet wie ein Startup-Gründer — nicht wie der Chef eines Unternehmens, das in fünf Jahren eineinhalb Milliarden in Infrastruktur steckt. Eine Interviewerin, die diese Zahl kennt oder nachrechnet, hätte hier nachsetzen müssen: «1,5 Prozent klingt wenig — aber bei Ihrem Umsatz sind das dreistellige Millionen, und Sie selbst sprechen von 1,5 Milliarden Investitionen. Reicht das nicht?» Kein Nachbohren. Die Marge bleibt als Beleg für die angebliche Zwangsläufigkeit des Wachstums stehen.

Das Wachstum in Nicht-Agrarbereichen: strategische Frage, nicht gestellt

Am aufschlussreichsten ist die Passage über Tierarztpraxen und Telekom. Feitknecht begründet die Übernahme von Tierarztpraxen mit dem «Erhalt einer wichtigen Dienstleistung im ländlichen Raum» und die Quickline-Beteiligung mit der «notwendigen Rendite für zukünftige Investitionen». Beides sind plausible Einzelerklärungen — aber sie werfen eine strategische Frage auf, die das Gespräch nie stellt: Ist die Fenaco noch eine Agrargenossenschaft, oder ist sie ein diversifizierter Konglomerat, der den bäuerlichen Ursprung als Markenzeichen trägt, aber geschäftlich längst anderswo agiert?

Dass diese Sorge nicht aus der Luft gegriffen ist, belegt eine dokumentierte Auslandsübernahme, die im Gespräch offenbar mit keinem Wort erwähnt wird: die Akquisition der Rolli-Pet Tiernahrung GmbH in Österreich. Die Fenaco expandiert damit nicht nur über die Kernagrarwirtschaft hinaus in den Tierfuttermarkt, sondern tut dies ausserhalb der Schweiz — ein Schritt, der schwer mit der Selbstbeschreibung «Agrargenossenschaft von Schweizer Bauern» in Einklang zu bringen ist und den das Tagesgespräch nicht einmal streift. Wenn ein Agrarunternehmen österreichische Tiernahrungshersteller kauft, sich an Telekomfirmen beteiligt und Tierarztpraxen übernimmt, dann verschiebt sich das Geschäftsmodell — und die Frage wäre, ob das im Interesse der bäuerlichen Mitglieder liegt oder im Interesse des Konzernmanagements. Die Interviewerin fragt «Warum?», bekommt eine Antwort und geht weiter. Die naheliegende Folgefrage — «Wo hört das auf? Gibt es einen Bereich, in den Sie nicht gehen würden?» — kommt nicht.

Dasselbe gilt für die Tierarztpraxen. «Nachfolgeregelungen» sind ein reales Problem im ländlichen Raum — aber die Konsolidierung von Tierarztpraxen durch einen Grossplayer hat auch eine Schattenseite: sie schafft Abhängigkeiten, reduziert Wettbewerb und gibt Fenaco eine dominante Stellung in der veterinärmedizinischen Versorgung. Kein Wort darüber.

Rudolf Strahm als Strohmann

Der einzige Kritiker, der im Gespräch vorkommt, ist Rudolf Strahm — «ehemaliger Preisüberwacher» —, und er wird nicht interviewt, nicht zitiert, nicht paraphrasiert. Er existiert nur als Etikett: «Kritiker wie der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm werfen Ihnen vor, Fenaco sei zu gross, ein 'Staat im Staat'.» Was genau Strahm argumentiert, auf welcher Datengrundlage, mit welchen Beispielen — all das bleibt offen. Feitknecht bekommt die weichste Version des Vorwurfs präsentiert und kann sie mit dem Effizienzargument abwehren: «Wir brauchen diese Grösse, um im internationalen Umfeld bestehen zu können.» Ob das stimmt, wird nicht geprüft. Fenaco operiert primär im Schweizer Markt mit Schweizer Agrarprodukten — das «internationale Umfeld» besteht vor allem auf der Lieferanten- und Abnehmerseite, nicht im Kerngeschäft. Die Behauptung, man müsse Tierarztpraxen übernehmen, Telekommunikationsdienste anbieten und österreichische Tierfutterhersteller kaufen, um mit globalen Düngemittellieferanten mithalten zu können, ist eine starke These, die eine schwache Begründung hat — und die Interviewerin lässt sie stehen.

Was komplett fehlt

Kein unabhängiger Ökonom, der die Marktmacht der Fenaco im Schweizer Agrarsektor einschätzt. Keine Konsumentenstimme, die fragt, ob die Konzentration der Wertschöpfung in einer Hand zu höheren Preisen führt. Kein Wettbewerbsexperte, der die Übernahme von Tierarztpraxen und ausländischer Tierfutterhersteller kartellrechtlich einordnet. Kein Bauer, der sagt, ob er sich von seiner Genossenschaft tatsächlich vertreten fühlt oder ob die Fenaco für ihn ein entfernter Grosskonzern geworden ist. Keine Frage danach, ob die 170 Millionen Gewinn von 2022 oder die 1,5 Milliarden Investitionssumme eigentlich für Infrastruktur gereicht hätten, ohne Telekom-Beteiligungen und Österreich-Expansion. Und keine Frage nach der politischen Dimension: Fenaco ist nicht nur ein Unternehmen, sondern ein einflussreicher Akteur in der Schweizer Agrarpolitik — mit Interessenvertretung, mit Verbandsmacht, mit direkten Linien zu Bauernverband und Parlament. Dass ein «Tagesgespräch» mit dem Chef eines solchen Akteurs diese Dimension nicht streift, ist eine Auslassung, die ins Auge fällt.

Kurzurteil

Ein freundliches Gespräch mit einem einflussreichen Agrarmanager, das dessen Narrative ungeprüft stehen lässt. Die dramatische 42-Prozent-Versorgungssicherheits-Zahl wird nicht hinterfragt; die 1,5-Prozent-Marge wird nicht relativiert, obwohl der absolute Gewinn dreistellig Millionen beträgt und Feitknecht selbst von 1,5 Milliarden Investitionssumme spricht — die relative Margenzahl verschleiert die absolute Finanzkraft systematisch; das Wachstum in Telekom, Tierarztpraxen und — dokumentiert, aber im Gespräch unerwähnt — österreichische Tierfutterhersteller wird als betriebswirtschaftliche Notwendigkeit akzeptiert, ohne die strategische Frage zu stellen, ob eine Agrargenossenschaft überhaupt in diesen Bereichen operieren sollte; und der einzige Kritiker wird als Strohmann erwähnt, dessen Argumente niemand vorträgt. Die Interviewerin stellt Fragen, aber sie bohrt nicht nach — und genau das wäre die journalistische Leistung gewesen. Gemessen an Art. 93 BV ist das kein Falschbericht, aber ein Format-Problem: Ein «Tagesgespräch» mit dem Chef eines Milliardenkonzerns, der gleichzeitig ein politisch einflussreicher Agrarakteur ist, verlangt mehr als die Entfaltung des Gast-Narratives. Es verlangt Gegenfragen, Gegenrecherche, Gegenstimmen. Wer den Fenaco-Chef fragt «Warum wachsen Sie?» und seine Antwort akzeptiert, ohne zu fragen «Wo hört das auf?», hat ein Interview geführt — aber keine Rechenschaft eingefordert.

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