Das Wegsehen, das als Argument dient
SRF interviewt den UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge Barham Salih und rahmt ihn als moralische Autorität. Die UNHCR-Krise sei eine Krise der Geber, nicht der Institution. Was nicht vorkommt: die Frage, ob das UNHCR selbst versagt. Was nicht vorkommt: Salih ist ein ehemaliger Präsident des Irak, ein Politiker, kein Humanist. Was nicht vorkommt: Kritik an UN-Institutionen, die seit Jahren dokumentiert ist. Was nicht vorkommt: die Schweizer Beiträge. Der Beitrag ist ein Interview ohne journalistischen Instinkt.
Zum SRF-Beitrag «UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge: ‹Wegsehen ist kein Rezept›», Echo der Zeit, 28.07.2026
Das Framing steht im Titel: «Wegsehen ist kein Rezept.» Das ist ein moralisches Diktat, keine analytische Aussage. Wer das Wegsehen ablehnt, muss hinsehen. Wer hinsehen muss, muss zahlen. Die Alternative heisst: Menschenschmuggel, Radikalisierung, organisierte Kriminalität, Sicherheitsrisiken. Das ist die Argumentationskette, die der Hochkommissar liefert und die SRF ungeprüft weitergibt. Die Frage, ob mehr Geld das Problem löst oder vergrössert, wird nicht gestellt.
Der Politiker, der als Humanist auftritt
SRF stellt Barham Salih als UNO-Hochkommissar vor. Was SRF nicht erwähnt: Salih war von 2018 bis 2022 Präsident des Irak. Zuvor war er zweimal Premierminister der autonomen Kurdistan-Region und stellvertretender Premierminister des Irak. Er ist ein Politiker mit einer drei Jahrzehnte langen Karriere im öffentlichen Dienst eines Landes, das selbst Flüchtlinge produziert. Der Irak ist ein Herkunftsland von Flüchtlingen, ein Land, dessen Politik zur Vertreibung von Millionen Menschen beitrug. SRF präsentiert Salih als moralische Autorität, ohne seine politische Biografie zu benennen. Die Frage, ob ein ehemaliger Staatschef eines Landes, das seine eigene Bevölkerung vertrieb, der richtige Mann ist, um Flüchtlingsschutz global zu fordern, wird nicht gestellt.
Die Kürzungen, die niemand einordnet
Salih sagt, die USA und andere Geberländer kürzten ihre Unterstützung. SRF fragt nicht: Warum? Sind die Kürzungen ein politisches Signal? Sind sie eine Reaktion auf Ineffizienz? Sind sie eine Reaktion auf Korruption, die bei UN-Organisationen wiederholt dokumentiert wurde? SRF fragt nicht. Die Kürzungen werden als Fakt präsentiert, der legitimationsbedürftig ist. Die Frage, ob ein Budget, das jahrelang wuchs und nun schrumpft, vielleicht zu gross war, wird nicht gestellt.
Salih sagt, er müsse 35 Prozent der Stellen streichen. SRF fragt nicht: Wie viele Stellen hat das UNHCR? Das UNHCR beschäftigt rund 14'600 Mitarbeiter in 128 Ländern. Wie gross ist der Anteil der Verwaltung im Vergleich zur Feldarbeit? Wie viel Geld fliesst in Genf, wie viel in die Lager? SRF fragt nicht. Die Zahl steht da, als Beleg für eine Krise, ohne dass jemand prüft, was sie bedeutet.
Die Kritik, die nicht vorkommt
UN-Institutionen stehen seit Jahren in der Kritik. UN Watch, eine in Genf ansässige NGO, dokumentiert systematisch Versagen, Ineffizienz und politische Voreingenommenheit von UN-Organisationen. Andere Kritiker weisen auf strukturelle Probleme hin: Bürokratie, Duplikation von Mandaten, fehlende Rechenschaftspflicht, politische Instrumentalisierung. SRF erwähnt keine dieser Stimmen. Der Beitrag ist ein Interview mit dem Chef einer Organisation, die in der Krise ist, ohne dass ein einziger Kritiker zitiert wird. Die Frage, ob das UNHCR selbst Teil des Problems ist, wird nicht gestellt.
Die Unterscheidung, die fallen gelassen wird
Salih sagt: «Das Asylsystem ist für Flüchtlinge gedacht, für politisch Verfolgte, für Kriegsflüchtlinge. Es ist nicht gedacht für Migranten.» Das ist eine bemerkenswerte Aussage, die die aktuelle Migrationsdebatte präzise trifft. SRF lässt sie stehen und fragt nicht weiter. Die Frage, ob das UNHCR diese Unterscheidung selbst durchhält, ob die Lager, die es betreibt, tatsächlich nur Flüchtlinge aufnehmen oder auch Wirtschaftsmigranten, wird nicht gestellt. Die Frage, ob die Konfusion von Flucht und Migration, die Salih kritisiert, gerade durch die Praxis von UN-Organisationen und NGOs gefördert wird, die beide Gruppen zusammen behandeln, wird nicht gestellt.
Die Schweiz, die als verlässlicher Partner gerahmt wird
Salih sagt: «Die Schweiz ist seit Jahren ein verlässlicher und wichtiger Partner für uns.» SRF fragt nicht: Wie viel zahlt die Schweiz? Wie viel davon ist Pflichtbeitrag, wie viel freiwillig? Wie viel fliesst in Verwaltung, wie viel in Feldarbeit? Wie viel Schweizer Geld geht an das UNHCR, und wie viel bekommt die Schweiz dafür an Transparenz und Rechenschaft? SRF fragt nicht. Die Schweiz wird als Partner gelobt, und SRF gibt das Lob weiter, ohne die Rechnung zu prüfen.
Das Geschäftsmodell, das nicht hinterfragt wird
Salih sagt: «Wegsehen ist kein Rezept.» Die Alternative, die er nennt, lautet: mehr Geld, mehr Hilfe, mehr Lager. Die Frage, ob dieses Modell das Problem löst oder perpetuiert, wird nicht gestellt. Flüchtlingslager existieren seit Jahrzehnten. Einige seit Generationen. Palästinenser im Libanon seit 1948. Somalis in Kenia seit 1991. Rohingyas in Bangladesch seit 2017. Das UNHCR verwaltet diese Lager, finanziert sie, hält sie am Leben. Salih selbst spricht von «protracted displacement» — fünf Jahre, ein Jahrzehnt, manchmal zwei Jahrzehnte oder mehr. Fast zwei Drittel der Flüchtlinge stecken in dieser Dauervertreibung. Die Frage, ob die Lager eine Lösung sind oder ein Problem, ob sie Menschen helfen oder sie in Abhängigkeit halten, wird nicht gestellt. Das UNHCR hat ein institutionelles Interesse an Flüchtlingen: Sie sind sein Mandat, seine Existenzberechtigung, sein Budget. Wenn es weniger Flüchtlinge gäbe, gäbe es weniger UNHCR. Die Frage, ob eine Organisation, die von einem Problem lebt, ein Interesse an seiner Lösung hat, wird nicht gestellt.
So funktioniert dieser Beitrag: Er interviewt den Chef einer Organisation in Krise und lässt ihn die Krise erklären, ohne die Organisation zu prüfen. Die Kürzungen werden als Problem der Geber gerahmt, nicht als mögliches Signal der Geber. Die Kritik an UN-Institutionen fehlt. Die Schweizer Beiträge fehlen. Salih als Politiker wird nicht kontextualisiert. Die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Migranten wird erwähnt und fallen gelassen. Das Geschäftsmodell der Lager wird nicht hinterfragt. Wer den Beitrag hört, weiss, dass das UNHCR Geld braucht und dass Wegsehen kein Rezept ist. Wer wissen will, ob das UNHCR effizient ist, ob es korrupt ist, ob die Lager eine Lösung sind, wie viel die Schweiz zahlt und ob ein ehemaliger irakischer Präsident der richtige Mann für das Mandat ist, bekommt keine Antwort, weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist keine Krisenberichterstattung, das ist ein Spendenaufruf mit Interview-Format.
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