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Das SRF Interviewchen mit dem SRG-Präsidenten
Medienkritik
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Das SRF Interviewchen mit dem SRG-Präsidenten

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Dieser SRF-interview mit SRG-Präsident Jean-Michel Cina ist ein Lehrstück in Selbstbefragung: Ein öffentlich-rechtlicher Sender interviewt seinen eigenen Verwaltungsratspräsidenten — und stellt keine einzige Frage, die ihn unbequem wäre. Cina darf erzählen, was er will: dass die SRG ein «Vollprogramm» braucht, dass sie «glaubwürdig» ist, dass die Trägerschaft «wichtig» ist, dass der Druck «enorm» ist. Die Interviewerin Nicole Krättli nickt, fragt nach, lässt ihn reden — und widerspricht nie. Das Ergebnis ist kein Interview. Das Ergebnis ist eine PR-Mitteilung in Dialogform.

Zum SRF-Beitrag «SRG im Umbruch: Jean-Michel Cina über Umbau, Druck und Zukunft», SRF Magazin LINK, 23.06.2026


Was das Interview gut macht

Die Fakten sind dokumentiert: Die SRG muss bis 2029 270 Millionen Franken einsparen. Die organisatorische Restrukturierung ist seit 1. April 2026 im Gange. Die Konzessionsgespräche für die Zeit ab 2029 haben Anfang Juni begonnen. Die Abstimmung über die Halbierungsinitiative ist vorbei. Cina ist seit 2017 Präsident (seit fast zehn Jahren). Play Suisse und Play+ werden als Digitalbeispiele genannt. Das ist die Grundlage — und sie ist korrekt.

Die Sparrunde: erwähnt, aber nicht geprüft

Cina sagt: «Wir müssen bis 2029 die Kosten um 270 Millionen Franken reduzieren.» Die Interviewerin fragt: «Ist das überhaupt möglich?» Cina sagt: «Wir wollen so viel wie möglich in den Strukturen und Prozessen einsparen, um das Programm zu schützen.» Das ist eine Antwort — aber sie ist nicht geprüft.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wo genau werden die 270 Millionen eingespart? Wie viel davon entfällt auf Strukturen, wie viel auf Programme? Welche Formate werden gestrichen? Welche Regionalgesellschaften sind am stärksten betroffen? Wie viele Stellen fallen weg — und wo? Und: Was passiert, wenn die Einsparungen nicht reichen? Gibt es einen Notfallplan? Das sind die Fragen, die die fiskalische Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Das «Vollprogramm»: behauptet, aber nicht begründet

Cina sagt: «Die SRG sichert ihren Rückhalt nur mit einem Vollprogramm, das Information, Unterhaltung, Sport, Kultur und Bildung umfasst.» Das ist eine Behauptung — aber sie wird nicht begründet. Warum braucht die SRG ein Vollprogramm? Warum reicht Information nicht? Warum reicht ein Nachrichtenprogramm nicht — wie bei BBC World oder Euronews?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Warum braucht die SRG ein Vollprogramm? Gibt es empirische Evidenz, dass ein Vollprogramm den Rückhalt stärkt? Oder ist das eine Behauptung, die nie geprüft wurde? Wie viel kostet das Vollprogramm — und wie viel davon wäre privatwirtschaftlich finanzierbar? Das sind die Fragen, die die programmatische Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die «Linkslastigkeit»: erwähnt, aber nicht untersucht

Cina sagt: «Gleichzeitig begegnen uns immer wieder Vorwürfe der Linkslastigkeit oder der Staatsnähe.» Das ist eine Erwähnung — aber es ist keine Untersuchung. Sind die Vorwürfe berechtigt? Hat die SRG das jemals geprüft? Gibt es eine interne Analyse der politischen Ausrichtung ihrer Beiträge? Gibt es eine externe Evaluation?

Cina sagt: «Der Auftrag besteht nicht darin, dass jeder einzelne Beitrag für sich vollständig ausgewogen ist, sondern dass das Gesamtangebot unterschiedliche Perspektiven abbildet.» Das ist eine Ausflucht — denn wer prüft, ob das Gesamtangebot tatsächlich ausgewogen ist? Niemand. Die SRG prüft sich selbst nicht — und die Interviewerin fragt nicht nach.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Sind die Vorwürfe der Linkslastigkeit berechtigt? Hat die SRG das jemals geprüft — intern oder extern? Wie wird gemessen, ob das «Gesamtangebot unterschiedliche Perspektiven abbildet»? Gibt es eine Methodik? Gibt es eine Statistik? Oder ist das eine Behauptung, die nie überprüft wurde? Das sind die Fragen, die die journalistische Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die «Glaubwürdigkeit»: behauptet, aber nicht gemessen

Cina sagt: «Entscheidend dafür ist ihre Glaubwürdigkeit, also eine qualitativ hochwertige, sachgerechte, vielfältige und unabhängige Berichterstattung.» Das ist eine Selbstbeschreibung — aber sie ist nicht gemessen. Wie wird Glaubwürdigkeit gemessen? Gibt es Umfragen? Gibt es Vertrauensindizes? Wie vergleicht sich die SRG mit privaten Medien? Wie vergleicht sie sich mit ausländischen öffentlich-rechtlichen Sendern?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie glaubwürdig ist die SRG tatsächlich? Gibt es empirische Evidenz? Wie hat sich das Vertrauen über die Jahre entwickelt — und wo liegen die Defizite? Das sind die Fragen, die die Vertrauensdimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die Trägerschaft: erwähnt, aber nicht hinterfragt

Cina sagt: «Die Trägerschaft schafft Nähe zur Bevölkerung.» Aber er sagt auch: «Im Alltag agiert die Trägerschaft hingegen meist im Hintergrund.» Und: «Die Struktur ist komplex.» Das ist eine Beschreibung — aber es ist keine Analyse.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Was tut die Trägerschaft konkret? Wie viele Mitglieder hat sie? Wie oft trifft sie sich? Was sind ihre Ergebnisse? Und: Kostet die Trägerschaft mehr, als sie bringt? Wie viel Geld fliesst in die Trägerschaft — und wie viel Nutzen entsteht daraus? Das sind die Fragen, die die institutionelle Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die «Unternehmenskultur»: erwähnt, aber nicht erklärt

Cina sagt: «Der notwendige Umbau verändert nicht nur Strukturen, sondern auch die Unternehmenskultur.» Was bedeutet das? Welche Kultur hatte die SRG bisher? Welche Kultur soll sie künftig haben? Und: Was passiert mit den Mitarbeitenden, die die neue Kultur nicht mittragen?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Was bedeutet «Unternehmenskultur» konkret? Welche Werte sollen künftig gelten? Wie wird der Kulturwandel gemessen? Und: Wie viele Mitarbeitende werden den Umbau nicht überstehen — durch Kündigung, durch Versetzung, durch Frustration? Das sind die Fragen, die die organisationale Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die Konzession: erwähnt, aber nicht analysiert

Cina sagt: «Anfang Juni haben die Gespräche zur neuen Konzession ab 2029 begonnen. Vieles ist somit noch offen.» Das ist eine Information — aber es ist keine Analyse. Was steht in der neuen Konzession? Was ändert sich? Was fordert die Politik? Was fordert die SRG?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Was steht in der neuen Konzession? Welche Änderungen sind geplant? Welche Forderungen stellt die SRG — und welche stellt die Politik? Wo liegen die Konflikte? Das sind die Fragen, die die rechtliche Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die private Konkurrenz: komplett absent

Cina sagt: «Diese Aufgabe erfüllt die SRG gemeinsam mit privaten Medien.» Aber er sagt nicht, wie das Verhältnis ist. Konkurriert die SRG mit privaten Medien — oder ergänzt sie sie? Nimmt sie ihnen Marktanteile — oder lässt sie ihnen Raum? Und: Wie rechtfertigt die SRG ihre Marktmacht gegenüber privaten Anbietern, die ohne Zwangsgebühren auskommen müssen?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie verhält sich die SRG zur privaten Konkurrenz? Nimmt sie ihnen Marktanteile? Wie rechtfertigt sie ihre Marktmacht — und ihre Gebührenfinanzierung? Das sind die Fragen, die die medienpolitische Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die Management-Verantwortung: komplett absent

Cina ist seit 2017 Präsident. Fast zehn Jahre. In dieser Zeit hat die SRG mehrere Krisen durchlebt: No Billag, Halbierungsinitiative, Sparauftrag, Restrukturierung. Aber die Interviewerin fragt nicht nach seiner persönlichen Verantwortung. Was hat er gut gemacht? Was hat er schlecht gemacht? Was würde er anders machen?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Was ist Cinas persönliche Bilanz? Welche Fehler hat er gemacht? Was würde er rückblickend anders machen? Und: Ist er der richtige Mann für den Umbau — oder braucht es jemanden, der die SRG von aussen neu ordnet? Das sind die Fragen, die die persönliche Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die Gehälter: komplett absent

Die SRG wird mit öffentlichen Gebühren finanziert. Wie viel verdienen die obersten Manager? Wie viel verdienen die besten Moderatoren? Wie verteilt sich das Gehalt — und wie gerecht ist diese Verteilung?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Wie viel verdienen die SRG-Spitzen? Wie verteilt sich das Gehalt? Und: Wie rechtfertigt die SRG diese Gehälter gegenüber den Gebührenzahlern? Das sind die Fragen, die die transparenzpolitische Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Die «Deepfakes»: erwähnt, aber nicht geprüft

Cina sagt: «Gerade in Zeiten von Manipulation und Deepfakes gewinnt dies an Bedeutung.» Das ist ein Argument — aber es wird nicht geprüft. Ist die SRG tatsächlich besser gegen Deepfakes gewappnet als private Medien? Hat sie die technologischen Mittel? Hat sie die redaktionellen Prozesse?

Die Frage, die nicht gestellt wird: Ist die SRG tatsächlich besser gegen Deepfakes gewappnet? Hat sie die Mittel und Prozesse? Oder ist das ein Argument, das klingt — aber nichts substanziiert? Das sind die Fragen, die die technologische Dimension beleuchten würden — und sie fehlen.

Der Binnenblick: das Grundproblem

Das grösste Problem dieses Interviews ist nicht, was gefragt wird — sondern wer fragt. SRF interviewt seinen eigenen Verwaltungsratspräsidenten. Das ist ein Binnenblick. Das ist keine Aussenperspektive. Das ist keine kritische Distanz. Das ist ein Gespräch unter Kollegen — finanziert von denselben Gebühren, über deren Verwendung gesprochen wird.

Die Frage, die nicht gestellt wird: Warum interviewt SRF seinen eigenen Präsidenten? Warum nicht ein externer Journalist — von NZZ, Tages-Anzeiger, Blick? Warum nicht ein kritischer Beobachter — von Kleinblog, Republik, Watson? Warum immer wieder die Selbstbefragung — die nie kritisch ist, nie unbequem, nie schmerzhaft? Das ist die zentrale Frage der medienethischen Dimension — und sie fehlt.

Was komplett fehlt

Keine Frage nach den konkreten Sparmassnahmen (Wo, wie viel, was fällt weg?). Keine Frage nach der empirischen Basis des Vollprogramm-Anspruchs. Keine Frage nach der empirischen Prüfung der Linkslastigkeitsvorwürfe. Keine Frage nach der Messung von Glaubwürdigkeit. Keine Frage nach dem Nutzen der Trägerschaft. Keine Frage nach der Unternehmenskultur. Keine Frage nach der neuen Konzession. Keine Frage nach dem Verhältnis zur privaten Konkurrenz. Keine Frage nach Cinas persönlicher Verantwortung. Keine Frage nach den Gehältern. Keine Frage nach der Deepfake-Behauptung. Keine Frage nach dem Binnenblick-Problem (SRF interviewt SRG). Keine Frage nach den konkreten Formaten, die gestrichen werden. Keine Frage nach den Mitarbeitenden, die gehen müssen. Keine Frage nach den Regionen, die leiden. Keine Frage nach den privaten Medien, die unter die SRG-Konkurrenz geraten. Keine Frage nach den Gebührenzahlern, die keine Stimme haben.


Kurzurteil

Ein Interview, das kein Interview ist — sondern wie fast alles bei SRF eine PR-Mitteilung. Die Interviewerin stellt keine einzige unbequeme Frage. Cina darf erzählen, was er will: dass die SRG ein Vollprogramm braucht, dass sie glaubwürdig ist, dass die Trägerschaft wichtig ist, dass der Druck enorm ist. Niemand widerspricht. Niemand fragt nach. Niemand prüft. Die Sparrunde wird erwähnt, aber nicht geprüft. Das Vollprogramm wird behauptet, aber nicht begründet. Die Linkslastigkeit wird erwähnt, aber nicht untersucht. Die Glaubwürdigkeit wird behauptet, aber nicht gemessen. Die Trägerschaft wird erwähnt, aber nicht hinterfragt. Die Unternehmenskultur wird erwähnt, aber nicht erklärt. Die Konzession wird erwähnt, aber nicht analysiert. Die private Konkurrenz fehlt. Die Management-Verantwortung fehlt. Die Gehälter fehlen. Die Deepfake-Behauptung wird nicht geprüft. Und das Grundproblem — dass SRF seinen eigenen Präsidenten interviewt — wird mit keinem Wort erwähnt. Wer das Interview liest, weiss, dass die SRG sparen muss, dass Cina den Druck spürt und dass die Trägerschaft wichtig ist. Wer wissen will, wo gespart wird, ob das Vollprogramm empirisch begründet ist, ob die Linkslastigkeitsvorwürfe stimmen, wie glaubwürdig die SRG tatsächlich ist, was die Trägerschaft konkret tut, wie viel die SRG-Spitzen verdienen und warum SRF seinen eigenen Präsidenten interviewt, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden.

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