Das Schweigen nach dem Bericht
SRF und die Grooming-Gangs-Untersuchung: Eine Chronologie des Wegschauens
1. Der letzte Bericht
Am 17. Juni 2025 publizierte SRF seinen letzten und einzigen Beitrag zum Grooming-Gangs-Skandal in Grossbritannien. Der Titel: «London will ‹Grooming Gangs›-Skandal neu untersuchen — die Gründe.» Die Länge: rund 500 Wörter plus ein Audio-Beitrag von 6:13 Minuten. Der Anlass: Premierminister Keir Starmer hatte nach monatelangem politischen Druck die Einrichtung einer gesetzlichen Untersuchung angekündigt.
Der Beitrag war sachlich korrekt. Er nannte die Täterstruktur («meist Männer pakistanischer Herkunft»), er nannte das Versagen («Behörden schauten weg»), er nannte die Ursache («teils aus Angst, als rassistisch zu gelten»). Der SRF-Korrespondent Patrick Wülser kam sogar zu einer bemerkenswert klaren Einschätzung: «Dies bewusst zu ignorieren und zu verheimlichen, ist ebenso eine Fehlleistung und für diese Bevölkerungsgruppe auch nicht hilfreich.»
Aber der Beitrag enthielt eine Framing-Entscheidung, die bei aller Sachlichkeit auffällt: Als Auslöser der Debatte wurde «Multimilliardär Elon Musk» genannt. Musk habe sich «öffentlich hinter die Forderung nach einer zweiten Untersuchung gestellt» und «auch unbelegte Vorwürfe mit Nähe zu rechtsextremen Verschwörungstheorien gegen Starmer und andere Labour-Politiker erhob».
Das ist faktisch korrekt. Musk hat die Debatte auf X gepusht. Aber es ist auch ein Framing, das den Eindruck erzeugt, die Untersuchung sei das Resultat eines Social-Media-Skandals — und nicht das Resultat jahrzehntelangen Opfer- und Aktivistendrucks. Sarah Champion, die Abgeordnete für Rotherham, hat seit den 2010er Jahren für eine Untersuchung gekämpft. Die Opfer haben seit den 2000er Jahren ausgesagt. Oldham Council hat im Juli 2024 einstimmig eine Untersuchung gefordert. Die erste IICSA-Untersuchung (2015–2022) hat 20 Empfehlungen produziert, die alle nicht umgesetzt wurden.
Dass SRF Musk als Auslöser nennt und nicht die Opfer, die seit zwei Jahrzehnten für eine Untersuchung kämpfen, ist selbst eine redaktionelle Entscheidung. Die Untersuchung kommt nicht, weil Musk twitterte. Sie kommt, weil tausende Mädchen missbraucht wurden und niemand zuständig war. Musk beschleunigte die politische Dynamik. Er ist nicht die Ursache. Wer ihn als Auslöser setzt, setzt die Ursache an die falsche Stelle — und produziert ein Narrativ, in dem die Untersuchung als Reaktion auf einen Social-Media-Skandal erscheint statt als Reaktion auf ein institutionelles Versagen.
Das war am 17. Juni 2025.
Seitdem: nichts.
2. Was seitdem passiert ist — und was SRF nicht berichtet hat
Die Entwicklung seit diesem letzten Beitrag ist substantiell. Hier ist die Chronologie der Ereignisse, die SRF nicht für berichtenswert erachtete:
Juni 2025: Baroness Casey veröffentlicht ihren National Audit on Group-based Child Sexual Exploitation and Abuse. Sie empfiehlt eine nationale Untersuchung und eine nationale Polizeioperation. Die Regierung akzeptiert alle Empfehlungen. Casey stellt fest: Die Ethnizität der Täter wurde von Behörden systematisch «shied away from». — Kein SRF-Beitrag.
September 2025: Die Regierung richtet Operation Beaconport ein, eine nationale Polizeioperation zur Verfolgung von Grooming-Gangs-Tätern. — Kein SRF-Beitrag.
Oktober 2025: Der gesamte Auswahlprozess für den Vorsitz der Untersuchung kollabiert. Alle Kandidaten ziehen sich zurück. Vier Mitglieder des Opfer- und Überlebenden-Beirats treten zurück. Grund: Sorge vor Verwässerung der Untersuchung und mangelndem Vertrauen in Kandidaten mit institutionellen Verbindungen zu Polizei und Sozialdiensten. — Kein SRF-Beitrag.
Dezember 2025: Home Secretary Shabana Mahmood ernennt Baroness Anne Longfield zur Vorsitzenden. Zwei Panellisten werden benannt: Zoë Billingham und Eleanor Kelly. Entwurf der Untersuchungsbedingungen wird veröffentlicht. — Kein SRF-Beitrag.
März 2026: Die endgültigen Untersuchungsbedingungen werden veröffentlicht. Der Zeitrahmen wird auf 1996 bis 2029 erweitert. Die Anforderungen zur Untersuchung von Ethnizität, Religion und Kultur werden gestärkt — sowohl bei den Tätern als auch bei den institutionellen Reaktionen. — Kein SRF-Beitrag.
13. April 2026: Die Untersuchung nimmt ihre Arbeit offiziell auf. — Kein SRF-Beitrag.
16. Juni 2026: Der «Rape Gang Inquiry Report» wird veröffentlicht — ein 200-seitiger Bericht, initiiert von Rupert Lowe (Restore Britain), verfasst mit Beteiligung von Opfern. Er wirft umfassendes Staatsversagen vor und dokumentiert systematische Ausbeutung über Jahrzehnte. — Kein SRF-Beitrag.
18. Juni 2026: Das House of Commons debattiert die Untersuchung. Abgeordnete weisen darauf hin, dass Polizeikräfte der Erhebung von Ethnizitätsdaten widerstehen und Untersuchungen gegen diejenigen blockieren, die wegschauten. — Kein SRF-Beitrag.
24. Juni 2026: Die Untersuchung benennt die ersten Städte, die untersucht werden: London, Oldham, Bradford und Keighley. Über 800 Empfehlungen aus den 1990er Jahren bis heute wurden identifiziert. Die Untersuchung wird Whitehall-Ministerien, Politiker, Kommunalbehörden, den NHS und nationale Polizeieinrichtungen prüfen. — Kein SRF-Beitrag.
Das sind neun Monate institutioneller Entwicklung. Sechs konkrete, datierbare Ereignisse von erheblicher politischer und gesellschaftlicher Tragweite. Ein Bericht von 200 Seiten. Eine parlamentarische Debatte. Die Benennung der ersten Untersuchungsgebiete.
Nichts davon erreichte die SRF-Redaktion.
3. Das Muster
SRF hat am 17. Juni 2025 einen Beitrag publiziert, der das Thema korrekt und relativ vollständig darstellte. Der Beitrag enthielt die zentralen Fakten: pakistanische Täter, britische Opfer, behördliches Wegschauen, Angst vor Rassismusvorwürfen, Musk als Katalysator. Das war kein schlechter Beitrag.
Aber seit diesem Tag hat SRF das Thema fallen lassen. Nicht relativiert, nicht umgedeutet — einfach fallengelassen. Als wäre die Ankündigung der Untersuchung das Ende der Geschichte gewesen. Als hätte sich danach nichts mehr ereignet.
Das ist ein spezifisches journalistisches Muster: Berichten bis zur Ankündigung, schweigen während der Umsetzung. Es ist das Muster, das Themen dann trifft, wenn die institutionelle Aufarbeitung eigentlich beginnt — also genau dann, wenn Journalismus am wichtigsten wäre. Die Ankündigung ist die Schlagzeile. Die Umsetzung ist die Realität. SRF berichtet die Schlagzeile und übersieht die Realität.
4. Die strukturelle Frage — und der Vergleich
Warum berichtet SRF nicht weiter? Die naheliegendste Erklärung ist Ressourcenknappheit: Auslandberichterstattung ist teuer, Korrespondenten haben viele Themen, ein Skandal, der sich über Monate in institutionellen Verfahrensschritten entwickelt, ist schwerer zu verkaufen als eine Schlagzeile. Das ist plausibel, aber unzureichend — SRF unterhält einen London-Korrespondenten, der das Thema offensichtlich verfolgt hat. Die Ressource existiert. Sie wurde nicht eingesetzt.
Eine zweite Erklärung ist Nachrichtenwert: Die Einsetzung einer Untersuchungskommission, der Kollaps des Auswahlverfahrens, die Benennung der ersten Städte — das sind alles Ereignisse mit klarem Nachrichtenwert, die in britischen Medien breit behandelt werden. Der Guardian, die BBC, The Times berichten kontinuierlich. Der Nachrichtenwert ist evident. SRF hat ihn nicht erkannt oder nicht anerkannt.
Die dritte Erklärung ist die unbequemste: thematische Selektion nach Täter-Opfer-Struktur. Der Grooming-Gangs-Skandal ist ein Skandal, bei dem die Täterstruktur — überwiegend Männer pakistanischer und südasiatischer Herkunft — und das institutionelle Versagen — überwiegend aus Angst vor Rassismusvorwürfen — untrennbar miteinander verbunden sind. Genau diese Verbindung hat Baroness Casey in ihrem Bericht als «shied away from» kritisiert. Genau diese Verbindung ist nun explizit in die Untersuchungsbedingungen aufgenommen worden.
Ob SRF bei dieser Art von Themenselektion systematisch vorgeht, lässt sich nur durch Vergleich prüfen. Und der Vergleich liefert eindeutige Befunde:
Der Messerangriff von Winterthur, Mai 2026: Ein Islamist greift Passanten am Bahnhof an. SRF berichtet zunächst von einem «Schweizer Täter» und «unklaren Hintergründen». Die islamistische Motivation wird erst unter öffentlichem Druck und Tagen später eingeräumt. Die Täter-Opfer-Struktur — islamistischer Täter, Schweizer Opfer — wird sprachlich minimiert, solange wie möglich.
Die Berichterstattung über NGO-Berichte: SRF übernimmt Berichte von Amnesty International, WAV und anderen politisch orientierten Organisationen regelmässig ohne Gegenperspektive oder eigene Recherche. Die Täter-Opfer-Struktur — NGO als Ankläger, Staat als Angeklagter — wird nicht hinterfragt, sondern reproduziert.
Der Fall Patrick Fischer: SRF produziert neun Artikel in einer Woche. Ein Einzelner wird über Monate verfolgt, bis er entlassen ist. Sponsoren werden kontaktiert. Die Täter-Opfer-Struktur — Schweizer Trainer als Täter, Schweizer Verband als versagende Institution — wird maximal eskaliert.
Die Grooming-Gangs-Untersuchung: SRF produziert einen Beitrag und schweigt dann neun Monate. Die Täter-Opfer-Struktur — pakistanische Täter, britische Opfer, behördliches Wegschauen aus Angst vor Rassismusvorwürfen — wird einmal korrekt benannt und dann fallengelassen.
Das Muster ist konsistent. Bei Themen, bei denen die Täterstruktur ethnisch oder religiös aufgeladen ist und die institutionelle Reaktion mit Diversitäts- und Rassismusdiskursen verwoben ist, zeigt SRF systematische Zurückhaltung. Bei Themen, bei denen die Täterstruktur nicht ethnisch aufgeladen ist, zeigt SRF kontinuierliche Präsenz. Das ist keine Einzelbeobachtung. Es ist eine strukturelle Regelmässigkeit, die sich über mehrere Themen und Monate hinweg dokumentieren lässt.
Die Lücke im Grooming-Gangs-Fall ist nicht zufällig. Sie ist konsistent mit einer redaktionellen Logik, die bei bestimmten Täter-Opfer-Konstellationen zurückhaltender agiert als bei anderen — und die dabei eine Vorstellung davon produziert, was «berichtenswert» ist, die mit den tatsächlichen gesellschaftlichen Dringlichkeiten wenig zu tun hat.
5. Was SRF seinen Zuschauern schuldet
Die Frage ist nicht, ob SRF jeden Verfahrensschritt einer britischen Untersuchung im Detail nachzeichnen muss. Das muss es nicht. Die Frage ist, ob ein öffentlich-rechtlicher Sender, der eine Geschichte von dieser Tragweite einmal aufgreift, die Verantwortung hat, die Entwicklung weiter zu verfolgen — zumindest an den Knotenpunkten.
Die Benennung der ersten Untersuchungsstädte am 24. Juni 2026 war ein solcher Knotenpunkt. Die Veröffentlichung des Lowe-Berichts am 16. Juni 2026 war ein solcher Knotenpunkt. Die parlamentarische Debatte am 18. Juni 2026 war ein solcher Knotenpunkt. Die Tatsache, dass die Untersuchung nun explizit Ethnizität, Religion und Kultur der Täter prüfen wird — und dass dies eine Reaktion auf das dokumentierte institutionelle Wegschauen ist —, ist ein solcher Knotenpunkt.
An keinem dieser Knotenpunkte war SRF vorhanden.
Das ist nicht einfach nur eine Unterlassung. Es ist eine Form der Berichterstattung durch Schweigen. Das Schweigen sagt etwas aus. Es sagt: Dieses Thema ist für uns nach dem ersten Bericht nicht mehr prioritär. Es sagt: Die institutionelle Aufarbeitung ist für uns nicht der Teil der Geschichte, der unsere Aufmerksamkeit verdient. Es sagt: Wir haben die Schlagzeile gebracht, und die Schlagzeile reicht.
Für die Opfer — die Mädchen und Frauen, deren systematische Ausbeutung über Jahrzehnte nun endlich institutionell aufgearbeitet wird — ist das nicht genug. Für das Schweizer Publikum, das eine Öffentlichkeit konsumiert, in der bestimmte Themen kurz aufblitzen und dann verschwinden, ist es nicht genug. Für den Anspruch eines öffentlich-rechtlichen Senders, der mit Gebühren finanziert wird, um seinen Zuschauern eine eigene Meinungsbildung zu ermöglichen, ist es nicht genug.
6. Die Parallele
Es ist an dieser Stelle unausweichlich, die Parallele zu ziehen, die sich aufdrängt.
SRF hat im Fall Patrick Fischer neun Artikel in einer Woche publiziert. Es hat einen Einzelnen über Monate verfolgt, bis er entlassen war. Es hat Sponsoren kontaktiert. Es hat die Geschichte ins Rollen gebracht und dann jede Phase der Eskalation begleitet.
SRF hat im Fall der britischen Grooming-Gangs — einem der grössten institutionellen Versagensskandale der jüngeren europäischen Geschichte, mit tausenden Opfern, systematischem behördlichem Wegschauen und einer nationalen Untersuchung — einen Beitrag publiziert und dann geschwiegen.
Die Asymmetrie ist nicht zu übersehen. Nach unten — gegen den Einzelnen, der eine Urkundenfälschung begangen hat — ist SRF unerbittlich. Nach oben — gegen das institutionelle Versagen, das tausende Kinder nicht geschützt hat — ist SRF zurückhaltend. Nach dem Nahen — dem Schweizer Trainer, der mit einem gefälschten Zertifikat nach China reiste — ist SRF präsent. Nach dem Fernen — der britischen Untersuchung, die ein Modell für die Aufarbeitung institutionellen Versagens sein könnte — ist SRF abwesend.
7. Die Struktur, die das Schweigen produziert
Die Frage ist nicht, ob die Redaktion weiter berichten will. Die Frage ist, welche strukturellen Anreize sie davon abhalten. Wer die Struktur kritisiert, sollte die Struktur benennen.
Erstens: Die redaktionelle Priorisierungslogik. SRF operiert mit einer Nachrichtenwert-Definition, die Ereignisse mit unmittelbarer Schweizer Relevanz privilegiert. Ein Schweizer Trainer, der ein gefälschtes Zertifikat verwendet, hat höhere Schweizer Relevanz als eine britische Untersuchung über institutionelles Versagen. Das ist formal nachvollziehbar. Aber es ist eine Definition, die «Relevanz» geographisch und personalisiert — nicht thematisch und strukturell. Eine britische Untersuchung, die aufzeigt, wie Behörden aus Angst vor Rassismusvorwürfen Kinder missbrauchen liessen, hat strukturelle Relevanz für jede multikulturelle Gesellschaft, die ähnliche Dilemmata kennt. Die geographische Definition von Relevanz blendet diese strukturelle Dimension aus.
Zweitens: Die Ressourcenallokation. SRF unterhält einen London-Korrespondenten. Dieser Korrespondent hat das Thema am 17. Juni 2025 behandelt. Danach wurde er offenbar für andere Themen eingesetzt. Die Ressourcenallokation folgt der Priorisierungslogik — und die Priorisierungslogik folgt der Relevanzdefinition. Wer Relevanz geographisch definiert, wird Ressourcen geographisch allozieren. Der Kreis schliesst sich.
Drittens: Die institutionelle Selbsterhaltung. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der eine Untersuchung berichtet, die explizit Ethnizität und Religion der Täter prüft, betritt ein Terrain, das in der Schweizer Medienlandschaft politisch aufgeladen ist. Die Frage, ob man über pakistanische Grooming-Gangs berichtet, ohne als rassistisch zu gelten, oder ob man darüber schweigt, ohne als Wegschauer zu gelten, ist ein Dilemma, das keine saubere Lösung hat. Das Schweigen ist die einfachste Lösung. Es ist nicht die richtige. Aber es ist diejenige, die den geringsten institutionellen Reibungswiderstand erzeugt.
Viertens: Die hierarchische Entscheidungsstruktur. Die Entscheidung, ein Thema fallen zu lassen, wird selten von einzelnen Redaktoren getroffen. Sie wird in redaktionellen Konferenzen getroffen, in denen Themen konkurrieren. Ein Thema, das niemand aktiv pusht, fällt heraus. Ein Thema, das politischen Sprengstoff enthält und keinen internen Fürsprecher hat, fällt doppelt heraus. Die hierarchische Struktur der Redaktion produziert eine Selektionslogik, die nicht das Ergebnis bewusster Zensur ist, sondern das Ergebnis struktureller Anreize: Wer keinen Ärger will, lässt Themen fallen, die Ärger produzieren könnten.
Fünftens: Die Klick- und Reichweitenlogik. SRF ist nicht klickfinanziert. Aber SRF misst Reichweite, und Reichweite ist ein Karrierefaktor. Ein Beitrag über eine britische Untersuchung, die sich über Monate in Verfahrensschritten entwickelt, generiert weniger Reichweite als ein Beitrag über einen Schweizer Trainer, der ein gefälschtes Zertifikat verwendet. Die Reichweitenlogik belohnt die Eskalation des Nahen und bestraft die Kontinuität des Fernen. Auch ein öffentlich-rechtlicher Sender ist dieser Logik nicht entzogen.
Diese fünf Strukturen zusammengenommen produzieren das Schweigen. Es bedarf keiner Verschwörung, keiner bewussten Entscheidung, das Thema zu unterdrücken. Die Struktur erledigt das selbst. Wer die Struktur nicht verändert, wird das Schweigen nicht verändern — egal ob die Redaktion es will oder nicht.
8. Was jetzt zu tun wäre
Es ist nicht zu spät. Die Untersuchung hat gerade erst begonnen. Die ersten Städte sind benannt. Die ersten Anhörungen stehen an. Der Lowe-Bericht liegt vor und liefert Material für Wochen. Die parlamentarische Debatte dokumentiert, dass Polizeikräfte noch immer Ethnizitätsdaten verweigern — also genau das Verhalten fortsetzen, das die Untersuchung aufarbeiten soll.
SRF könnte das Thema wieder aufgreifen. Ein Bericht über die Benennung der ersten Untersuchungsstädte. Ein Bericht über den Lowe-Bericht und seine Vorwürfe. Ein Bericht über die parlamentarische Debatte und die Widerstände der Polizei. Ein Bericht über die Opfer, die vor der Untersuchung aussagen. Ein Bericht über die Frage, ob die schweizerische Aufarbeitung der eigenen institutionellen Versagen — Covid, BAG, Milliardenverträge — aus diesem Beispiel etwas lernen könnte.
Aber die Frage ist nicht, ob die Redaktion es will. Die Frage ist, ob die Struktur, in der die Redaktion operiert, es zulässt. Ein Sender, der einen Trainer wegen eines gefälschten Zertifikats neun Artikel lang verfolgt und einen Skandal über systematischen Kindesmissbrauch mit institutioneller Deckung nach einem Beitrag fallen lässt, hat nicht ein Problem der redaktionellen Willensbildung. Er hat ein Problem der strukturellen Anreize, die bestimmte Themen privilegiert und andere fallen lässt — und die dabei eine Vorstellung davon produziert, was «berichtenswert» ist, die mit den tatsächlichen gesellschaftlichen Dringlichkeiten wenig zu tun hat.
Das Schweigen ist nicht die Abwesenheit einer Entscheidung. Es ist eine Entscheidung — produziert von einer Struktur, die benannt werden muss, wenn sie verändert werden soll.
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