9min
Das Pionierprojekt, das keines ist
Medienkritik
8 Minuten

Das Pionierprojekt, das keines ist

Teilen

Dieser Swissinfo-Beitrag über das Bahn-Solar-Projekt in Buttes NE ist ein Fallbeispiel für Innovationsjournalismus, der die Grenze zwischen Berichterstattung und PR-Zusammenarbeit verwischt. Ein Start-up installiert Solarpanels auf 100 Metern Bahngleis, produziert Strom für drei bis vier Haushalte — und bekommt dafür einen landesweiten Medienauftritt, der die Technologie als Weltpremiere, als Pionierleistung und als Exportchance feiert. Die Zahlen sind marginal, die Kosten fehlen, die Skalierbarkeit ist ungeprüft, und die «positive Bilanz» wird nach einem Jahr gezogen, obwohl das Pilotprojekt auf drei Jahre angelegt ist. Der Beitrag liest sich wie eine Pressemitteilung von Sun-Ways — und das ist kein Zufall, denn die Quelle ist Joseph Scuderi, der Gründer des Start-ups. Er liefert die Zahlen, die Bewertungen, die Prognosen. Der Journalist fragt nicht nach. Das Ergebnis ist ein Beitrag, der eine kommerzielle Bewerbung als journalistische Story tarnt.

Zum Swissinfo-Beitrag «Solarenergie zwischen Bahngleisen: Erste positive Bilanz», Luigi Jorio, 29.06.2026


Was der Beitrag gut macht

Die Grundidee ist interessant: Solarpanels zwischen Bahngleisen nutzen eine bestehende Infrastrukturfläche, die sonst ungenutzt bleibt. Das ist ein legitimer Ansatz, und die technische Umsetzung (demontierbare Module, keine Beeinträchtigung des Zugverkehrs) ist eine echte Innovation. Der Beitrag erwähnt eine reale technische Herausforderung (Hochspannungstransform für Distanztransport) und zitiert Julien Pouget von der Fachhochschule Westschweiz, der eine konkrete Limitation benennt (max. 500 Meter Abschnitte). Die internationale Dimension (SNCF, RFI, Südkorea, Indonesien) ist dokumentiert. Und der Beitrag nennt die Förderung durch die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung — was die institutionelle Einbettung markiert.

Die Zahlen, die niemanden beeindrucken sollten

Der Beitrag nennt die Produktionszahl: über 16'000 kWh in einem Jahr. Das entspricht dem Verbrauch von drei bis vier Haushalten. Auf einer Strecke von 100 Metern. Das sind 160 kWh pro Meter pro Jahr — oder rund 44 Wh pro Meter pro Tag. Ein durchschnittliches Schweizer Solarpanel auf einem Dach produziert rund 150 kWh pro Quadratmeter pro Jahr. Die Bahn-Solar-Anlage in Buttes produziert also pro Fläche weniger als ein Drittel einer konventionellen Dachanlage — und das auf einer Fläche, die zwischen Schienen liegt, also schmal, teilweise verschattet und mechanisch belastet ist.

Die Extrapolation auf das gesamte Schweizer Schienennetz (5'320 km, bis zu 1 Milliarde kWh, 300'000 Haushalte, 2 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs) ist eine Hochrechnung, die von 100 Metern auf 5,3 Millionen Prozent hochskaliert. Das ist statistisch unwissenschaftlich — eine 100-Meter-Pilotstrecke sagt nichts über die Eignung von 5'320 Kilometern aus. Tunnelabschnitte werden abgezogen, aber was ist mit Kurven, Schatten, Bahnhöfen, Weichen, Brücken? Was ist mit Strecken, die im Winter verschneit sind? Was ist mit dem Verschmutzungsgrad durch Zugabgase, Bremsstaub und Rollreibung? Die Hochrechnung ist eine Werbezahl, keine Analyse — und der Beitrag gibt sie ungeprüft wieder.

Die Kosten: die zentrale Frage, die nicht gestellt wird

Wie viel hat die Anlage in Buttes gekostet? Wie viel pro Kilowattstunde produziert der Bahn-Solar im Vergleich zu Dach-Solar, zu Freiflächen-Solar, zu alpiner Solar? Der Beitrag nennt keine einzige Kostenzahl. Keine Investitionssumme, keine Betriebskosten, keine Wartungskosten, keine Stromgestehungskosten. Das ist die zentrale Frage für jede EnergieTechnologie — und sie fehlt vollständig.

Die plausible Erklärung: Die Kosten sind hoch. Eine demontierbare Solaranlage, die zwischen Bahngleisen installiert wird, muss Zuglasten standhalten, mechanisch stabil sein, wartungsfreundlich konstruiert sein und den Vibrationen des Bahnverkehrs widerstehen. Das ist teurer als eine Dachanlage, die auf einem statisch berechneten Dach liegt und niemanden tragen muss. Wenn die Kosten pro kWh signifikant höher sind als bei konventionellem Solar — und das ist wahrscheinlich —, dann ist die Technologie ein Nischenprodukt, kein Gamechanger. Aber der Beitrag fragt nicht nach Kosten, weil die Frage das Narrativ stört.

Die «positive Bilanz» nach einem Jahr: verfrüht

Das Pilotprojekt ist auf drei Jahre angelegt. Der Beitrag zieht die Bilanz nach einem Jahr. Das ist verfrüht — besonders für eine Technologie, die mechanischen Belastungen durch Zugverkehr ausgesetzt ist. Was passiert nach zwei Wintern? Wie schnell altern die Module unter der Belastung von 11'000 Zugüberfahrten? Wie verhält sich die Anlage bei Frost, Schnee, Eis? Wie sieht die Verschmutzung durch Bremsstaub und Abrieb aus? Wie hoch sind die Wartungskosten nach drei Jahren?

Die Aussage «vollkommen stabil und sicher» nach einem Jahr und 11'000 Zugüberfahrten ist eine Momentaufnahme, keine Bewertung. Ein Auto ist nach 11'000 Kilometern auch «vollkommen stabil und sicher» — aber das sagt nichts über seine Haltbarkeit nach 200'000 Kilometern. Der Beitrag übernimmt die Bewertung des Start-up-Gründers ungeprüft — und das ist keine Journalismus, das ist PR-Übernahme.

Das Blendungsrisiko: nicht bestätigt, aber auch nicht systematisch geprüft

Der Beitrag sagt: «Das Blendungsrisiko für Lokführerinnen und Lokführer, das oft als möglicher Nachteil dieser Technologie genannt wird, scheint sich nicht zu bestätigen. Gemäss TransN hat es keine entsprechenden Meldungen des Lokpersonals gegeben.» Das ist eine schwache Evidenzbasis. Keine Meldungen heisst nicht: kein Problem. Es heisst: niemand hat sich beschwert. Aber das Lokpersonal auf der Strecke Buttes fährt vielleicht zweimal täglich über die 100 Meter — bei bestimmtem Sonnenstand, zu bestimmten Tageszeiten. Eine systematische Untersuchung des Blendungsrisikos würde alle Sonnenstände, alle Jahreszeiten, alle Wetterbedingungen und alle Fahrtrichtungen erfassen. Der Beitrag erwähnt keine solche Untersuchung. Er verlässt sich auf die Abwesenheit von Beschwerden — und das ist wissenschaftlich irrelevant.

Die internationale Dimension: MOUs sind keine Verträge

Der Beitrag erwähnt Kooperationsverträge mit SNCF, Gespräche mit RFI, Partnerschaften mit Unternehmen aus Südkorea und Indonesien. Das klingt beeindruckend — aber was ist ein «Kooperationsvertrag»? Ist das ein Abkommen mit finanziellen Verpflichtungen? Ist das ein Letter of Intent? Ist das eine Absichtserklärung ohne rechtliche Bindung? In der Start-up-Welt sind «Kooperationsverträge» oft MOUs (Memoranda of Understanding), die nichts verpflichten, aber gut klingen. Der Beitrag fragt nicht nach dem Inhalt der Verträge, nicht nach den finanziellen Dimensionen, nicht nach den konkreten Projekten. Er nennt die Namen (SNCF, RFI) und lässt den Leser glauben, dass es sich um substanzielle Geschäftsbeziehungen handelt. Das muss es nicht sein.

Die Quelle: der Start-up-Gründer als Hauptinformant

Joseph Scuderi, Gründer von Sun-Ways, ist die Hauptquelle des Beitrags. Er liefert die Zahlen (16'000 kWh), die Bewertungen («vollkommen stabil und sicher»), die Prognosen (1 Milliarde kWh Potenzial), die internationalen Partnerschaften und die Hoffnung («Je früher wir die endgültige Genehmigung erhalten, desto früher können auch unsere Partner im Ausland vorankommen»). Das ist die Perspektive eines Unternehmers, der sein Produkt vermarktet — und der Beitrag gibt ihm die Bühne, ohne eine Gegenperspektive zu organisieren.

Wo ist der unabhängige Experte, der die Technologie kritisch bewertet? Wo ist der Energieökonom, der die Kosten pro kWh berechnet? Wo ist der Bahningenieur, der die mechanische Belastung über Jahre einschätzt? Wo ist der Solarforscher, der die Flächeneffizienz mit anderen Technologien vergleicht? Julien Pouget von der Fachhochschule Westschweiz wird mit einer technischen Limitation zitiert (500 Meter max.) — aber das ist die einzige kritische Stimme, und sie wird am Ende des Beitrags platziert, als Fussnote nach der Werbetour.

Die Schweizer Dimension: ausgeblendet

Der Beitrag erscheint auf Swissinfo, dem Portal der SRG für Schweizer im Ausland. Das ist eine internationale Plattform — aber die Schweizer Dimension der Story fehlt. Was bedeutet diese Technologie für die Schweizer Energiepolitik? Wenn das Potenzial 2 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs ist — ist das relevant? Die Schweiz importiert im Winter rund 30 bis 40 Prozent ihres Stroms. 2 Prozent sind ein Tropfen im Ozean. Wenn die Kosten pro kWh höher sind als bei konventionellem Solar — ist das Geld schlecht investiert. Wenn die Technologie nur für 500-Meter-Abschnitte geeignet ist — wie viel des Schweizer Schienennetzes ist überhaupt geeignet? Das sind die Fragen, die für die Schweizer Energiepolitik relevant sind — und sie fehlen.

Was komplett fehlt

Keine Kostenzahlen — weder Investitionskosten noch Stromgestehungskosten. Keine Vergleichszahlen mit konventionellem Solar (Dach, Freifläche, alpin). Keine systematische Untersuchung des Blendungsrisikos. Keine unabhängige Bewertung der mechanischen Haltbarkeit über mehrere Jahre. Keine Frage nach dem Inhalt der internationalen «Kooperationsverträge». Keine Frage nach der Flächeneffizienz (kWh pro Quadratmeter). Keine Frage nach der Verschmutzung und Wartung. Keine Frage nach der Relevanz für die Schweizer Energiepolitik (2 Prozent bei hohen Kosten). Keine Frage nach der Skalierbarkeit über 500 Meter hinaus. Keine Frage nach der Konkurrenz: Gibt es andere Unternehmen, die ähnliche Technologien entwickeln? Keine Frage nach der Finanzierung: Wer hat das Pilotprojekt bezahlt? Die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung wird erwähnt — aber mit wie viel Geld, und unter welchen Bedingungen?

Kurzurteil

Ein Beitrag, der eine kommerzielle Innovation als journalistische Story präsentiert, ohne die kommerzielle Dimension zu hinterfragen. Die Zahlen sind marginal (16'000 kWh für 3-4 Haushalte auf 100 Metern), die Hochrechnung auf das gesamte Schienennetz ist statistisch unwissenschaftlich, die Kosten fehlen vollständig, die «positive Bilanz» nach einem Jahr ist verfrüht, das Blendungsrisiko ist nicht systematisch geprüft, und die internationale Dimension basiert auf Verträgen, deren Inhalt nicht hinterfragt wird. Die Hauptquelle ist der Start-up-Gründer selbst — und der Beitrag gibt ihm die Bühne, ohne eine unabhängige Gegenperspektive zu organisieren. Gemessen an Art. 93 BV ist das kein Falschbericht, aber ein Stück, das die Grenze zwischen Berichterstattung und PR verwischt. Wer den Beitrag liest, weiss, dass Sun-Ways eine interessante Idee hat und dass der Gründer optimistisch ist. Wer wissen will, ob die Idee wirtschaftlich ist, was sie kostet und ob sie skaliert, bekommt keine Antwort — weil die Fragen nicht gestellt wurden. Das ist kein Journalismus, das ist ein Werbetext mit Redaktionsstempel.

Originalbeitrag auf X →

Kein Artikel verpassen.